Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 03
2. Quellenlage. 05
2.1. Schriftquellen. 05
2.2. Archäologische Quellen. 08
2.3. Quellen der Sprach- und Naturwissenschaften. 10
3. Die slawische Besiedlung Mitteleuropas nach JOACHIM HERRMANN. 12
3.1. Methoden und Konzepte. 12
3.2. Das Modell der Besiedlung. 14
3.3. Argumentation und Kritik. 19
4. Die slawische Besiedlung Mitteleuropas nach SEBASTIAN BRATHER. 26
4.1. Methoden und Konzepte. 26
4.2. Das Modell der Besiedlung. 30
4.3.Argumentation und Kritik. 31
5. Fazit und Ausblick. Aufgaben zukünftiger Forschung. 34
6. Verzeichnisse. 37
6.1. Quellen- und Literaturverzeichnis. 37
6.2. Abbildungsverzeichnis. 43
7. Abbildungen 44
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1. Einleitung
Die slawische Besiedlung Mitteleuropas umfassend quellenkritisch darzustellen, ist eine Aufgabe, die ohne weiteres eine Monographien-Reihe füllen könnte. Eine vollständige Aufarbeitung der über 100jährigen Forschungstradition zwischen Panslawismus und deutsch-nationalem Chauvinismus, zwischen faschistischer Ideologie und intentioneller Revision derselben in der DDR-Altertumsforschung wäre dafür genauso dringend durchzuführen 1 wie eine Aufarbeitung der zahlreichen archäologischen Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte. 2
Philologische und toponomastische Ansätze, insbesondere der Hydronomie, müssten genauso überprüft werden wie die oft zur absoluten Datierung frühgeschichtlicher Stätten herangezogenen Fundstücke. 3 In einem engen Rahmen kann das nicht geschehen. Daraus ergeben sich von vornherein einige Schwierigkeiten, denen nur durch klare Fragestellungen und Einschränkungen begegnet werden kann.
Es ist im Rahmen dieser Abhandlung nicht möglich, die polnische, tschechische, ungarische oder slowakische Frühgeschichtsforschung zur slawischen Besiedlung Mitteleuropas weiter auszuführen, da eine schlüssige Darstellung der Besiedlung dieser Gebiete nicht gegeben werden kann, ohne wiederum auf die daran angrenzenden Gebiete Weissrusslands, der Ukraine, des Balkans und der Karpaten einzugehen. Man stieße unausweichlich auf die Frage der Ethnogenese der historischen Slawen aus archäologischen Kulturen beziehungsweise Traditionskreisen und auf das Problem der ethnischen Interpretation materieller Hinterlassenschaften in einem weit ausuferndem
1 Nach Etablierung einer 'slawischen Archäologie' als wissenschaftlicher Disziplin und den sich daran im Zuge der Nationalbewegungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts anschließenden Jahrzehnten des Panslawismus, entbrannte ein Diskurs um die slawische Besiedlung Mitteleuropas. Ideologisch motivierte Studien, die den Slawen jegliche Kulturleistung aberkannten entstanden zu dieser Zeit. Nach dem Ende des NS-Regimes und der durch dieses indoktrinierten Frühgeschichtsforschung, wurde eine Neubewertung nötig. Die Studien JOACHIM HERRMANNS sind in diesen Kontext zu setzen. Mittlerweile hat sich die Frühgeschichtsforschung auch von diesen Dogmen gelöst und setze sich im Wesentlichen eine durch die Naturwissenschaften gestützte Arbeitsweise durch; vgl. S. BRATHER, Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa. RGA, Ergbd. 30 (Berlin-New York 2001) 9-29.
2 Die Forschungslage, insb. die Grabungsaufarbeitung ist in vielen Bereichen defizitär. Massenstatistische Verfahren zur Auswertung sind noch in Entwicklung.; vgl. BRATHER 2001 (Anm. 1) 35 ff.
3 Vieles davon geschah in jüngster Zeit in Detailstudien und Übersichtswerken, bspw. bei F. BIERMANN und S. BRATHER; vgl. Literaturverzeichnis. - Interessant ist die verstärkte Beschäftigung mit der Bedeutung der Wasserwege bei der Siedlungsgenese, exemplarisch sei verwiesen auf: M. GRABOWSKI, Zur slawischen Besiedlung in Wagrien und Polabien. In: F. BIERMANN/TH. KERSTING (Hrsg.), Siedlung, Kommunikation und Wirtschaft im westslawischen Raum. Beitr. Sek. slaw. Frühgesch. 5. Dt. Arch.kongr. Frankfurt an der Oder, 4. bis 7. April 2005. Beitr. Ur- und Frühgesch. Mitteleuropa 46 (Langenweissbach 2007) 191-198.
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Raum. 4
Im folgenden sollen deshalb zwei Modelle vorgestellt und kritisch diskutiert werden, die stellvertretend für die derzeitige deutsche Slawenforschung zum einen und jene der ehemaligen DDR zum anderen stehen.
Die Darstellung beschränkt sich auf die früheste Phase der slawischen Besiedlung des heutigen Mittel- und Nordostdeutschlands. Dadurch wird Mitteleuropa hier in einem sehr engen Rahmen gefasst, wodurch das Thema übersichtlich bleibt und sich intensivere Vergleiche dieser direkt aufeinander Bezug nehmenden Theoreme durchführen lassen. Aus chronologischen und didaktischen Erwägungen wird der DDR-Forschung, repräsentiert durch ihren Hauptmeinungsführer JOACHIM HERRMANN, der Vorrang in der Darstellung zu geben sein.
Ausgehend von einer grundsätzlichen Einführung in die Quellenlage zur Besiedlung Mitteleuropas durch Slawen soll zunächst HERRMANNS Modell der slawischen Besiedlung vorgestellt werden. Es wird in diesem Zusammenhang zu fragen sein, welche Methoden und historischen wie archäologischen Argumente diesen Annahmen zu Grunde liegen. Diese werden, so weit es möglich ist, in einem nächsten Schritt kritisch überprüft. 5 Daran schließt sich eine analoge Untersuchung am Modell SEBASTIAN BRATHERS an. Durch diese Fallstudien soll auf die wesentlichen Probleme des Themas eingegangen werden - konkret sind das neben der relativen und absoluten Datierung der Einwanderung vor allem abstrahierende Modellvorstellungen zum Wesen der slawischen Ausbreitung sowie die äußerst strittigen Versuche, einzelne Elemente der materiellen Kultur ethnischen Gruppen zuzuweisen, beziehungsweise Ethnien durch solche zu benennen. 6 Was dadurch entstehen kann, ist eine exemplarische Abhandlung zu einem ausgewählten Problem der slawischen Besiedlung Mitteleuropas - gewissermaßen ein Stein im Mosaik.
4 Dazu aktuell BRATHER 2001 (Anm. 1) 44 ff. - Vgl. M. PARCZEWSKI, Die Anfänge der frühslawischen Kultur in Polen (Wrocław 1993), 119 ff.; PARCZEWSKI sieht den Ursprung der Slawen in der Kiewer Kultur. - Die Spektrenbreite zum Ursprung der Slawen reicht von den Kultunachfolgern der Kiewer Kultur aus archäologischer bis hin zu den Slawen als vorderasiatischem Halbnomaden-Volk aus vor allem philologischer Sicht; so bspw. H. KUNSTMANN, Die Slaven. Ihr Name, ihre Wanderung nach Europa und die Anfänge der russischen Geschichte in historisch-onomastischer Sicht (Stuttgart 1996) 67 ff. - zur Ethnogenese siehe Forschungsüberblick bei M. PARCZEWSKI, Stan dyskusij polskich archeologów nad etnogenezą Słowian. In: Archeologia o początkiach słowian (Kraków 2005) 503-512.
5 Die hier angestrebte klare Gliederung wird sich vor allem bei der Untersuchung des HERRMANN'schen Modells nicht ohne weiters umsetzen lassen, da archäologische, historische und naturwissenschaftliche Befunde stark verwoben die Argumentation HERRMANNS ausmachen.
6 Vgl. J. HERRMANN, Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Burgenbau der slawischen Stämme westlich der Oder. Zeitschr. Arch. 1, 1967, 206-258; J. HERRMANN, Siedlung, Wirtschaft und gesellschaftliche Verhältnisse der slawischen Stämme zwischen Oder/Neiße und Elbe. Dt. Akad. Wiss. Berlin, Schr. Sektion Vor- u. Frühgesch. 23 (Berlin 1968). - Erinnert sei im Vorfeld an HERRMANNS Identifikation der Wilzen mit den Erbauern der sogennanten mecklenburgischen Höhenburgen, auf denen Feldberger Keramik vorkommt, vgl. HERRMANN 1968 (Anm. 6) 167 ff.
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2. Quellenlage.
Die slawische Besiedlung Mitteleuropas, insbesondere die Frage, wann und wie sie erfolgte, beschäftigt Archäologen, Historiker und Philologen seit etlichen Jahrzehnten. Generell scheint es dabei schwierig, die Erkenntnisse dieser einzelnen Disziplinen in Übereinstimmung zu bringen und damit ein Modell vorzulegen, dass die Einwanderung slawischer Gruppen nach Mitteleuropa schlüssig erklärt. 7
2.1. Schriftquellen.
Anhand der antiken schriftlichen Zeugnisse treten uns Slawen als solche erstmals in den Abhandlungen PROKOPS und JORDANES über die Gotenkriege beziehungsweise die Gotengeschichte entgegen. 8
Wir erfahren so von den anfänglichen Raubzügen slawischer Verbände über den Balkan, den Peloponnes und durch die Ägäis und von deren Sesshaftwerden in diesen Gebieten. PROKOPS Schilderung des Herulerzuges nach Thule 510 und THEOPHYLAKTOS SIMOKATTES toposhafte Meldung aus dem Jahr 595 über kriegs- und eisenunkundige Slawen am westlichen Ende des äußeren Ozeans sind es, die Frühgeschichtsforschern Raum zur Spekulation über die Sitze und Ausbreitungen der Slawen lassen. 9 Aus Sicht des Historikers sind Slawen im heutigen Deutschland erstmals 631 fassbar, als FREDEGAR berichtete, dass Dervan, der dux der Sorben, sich Samo anschloss und somit das seit alters bestehenede Abhängigkeitsverhältnis zu den Franken aufkündigte. 10 Erst gegen Ende des 8. Jahrhunderts werden im Zusammenhang der Sachsenkriege Karls des Großen erstmals wieder slawische Verbände im heutigen Holstein und Mecklenburg genannt - die Obodriten und Wilzen - wobei die einen mit den Franken, die anderen mit
7 Die Ausführungen sind oft zu einseitig wie bei KUNSTMANN 1996 (Anm. 4) oder zu verwoben wie bei HERRMANN 1968 (Anm. 6). Auch klafft eine Datierungslücke zwischen archäologischem und historischem Befund von mindestens 70 Jahren, die in den Quellen selbst begründet ist. Siehe Ausführ. zu BRATHER.
8 W. MARTENS (Übers.), JORDANIS, Gotengeschichte. Nebst Auszügen aus seiner römischen Geschichte. Geschichtsschreiber dt. Vorzeit 5 (Leipzig 1913).; O. VEH (Hrsg.) PROKOP, Gotenkriege (München 1966).; - TACITUS, germ. 46 nennt zwar die Venethi als östliche Nachbarn der Germanen, jedoch ist strittig, ob es sich dabei um die 'Wenden' handelt oder ob der Name die Bewohner der Region - zu TACITUS Zeiten also einer nicht-slawischen Bevölkerung - bezeichnet.; vgl. M. FUHRMANN (Hrsg.), TACITUS, Germania (Stuttgart 2000) 64 ff.
9 Vgl. J. HERRMANN (Hrsg.), Die Slawen in Deutschland. Geschichte und Kultur der slawischen Stämme westlich von Oder und Neiße vom 6. bis 12. Jahrhundert (Berlin 1985) 30.; HERRMANN sieht in der Mitteilung des THEOPHYLAKTOS ein Indiz für slawisches Siedeln an der südwestlichen Ostsse vor dem Jahr 600, vgl. THEOPHYLAKTOS SIMOKATTES, Oikumeniké istoria VI, 2, 10.
10 FREDEGAR IV, 68
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den Sachsen verbündet waren und beide in alter Feindschaft zueinander stehen sollten. 11 Mutmaßlich um die Mitte des 9. Jahrhunderts, vielleicht aber auch erst um 900 berichtet der sogenannte BAYRISCHE GEOGRAPH über die Völker nördlich der Donau und die Zahl ihrer civitates. Die Frühdatierung dieses Schriftstückes und die Diskussion über die Interpretation der civitates als 'Burgbezirke' führten zu der Annahme, man könne bereits um das Jahr 800 von voll ausgebildeten feudalen Strukturen ausgehen, deren Bezirkszentrum eine Burg war. 12
Spätere Quellen des 11. und 12. Jahrhunderts, insbesondere ADAMS VON BREMEN, THIETMARS VON MERSEBURG und HELMOLDS VON BOSAU komplettieren unsere Vorstellungen von den Siedlungsgebieten slawischer Stämme auf heute deutschem Gebiet. Neben diesen Annalen und Chroniken sind es Urkunden, oftmals auch Fälschnungen des hohen und späten Mittelalters, auf die sich unsere Kenntnisse stützen. Darüber hinaus existieren Quellen, die sehr unterschiedliche Bewertung erfahren haben und dadurch zu völlig unterschiedlichen Vorstellungen der slawischen Besiedlung Mitteleuropas geführt haben. 13
Die historische Quellenlage ist also gelinde gesagt unbefriedigend und gibt keinerlei Informationen zur Einwanderung der Slawen in die Gebiete westlich der Oder. Sie sind schon da und den mittelalterlichen Schreibern scheint das selbstverständlich. Ethnografisches Interesse wird man ihnen nicht unterstellen können, berichten sie doch stets im Zusammenhang mit politischen Ereignissen, sei es nun die Aufständigkeit der Sorben östlich des fränkisches Machtbereiches oder die Parteinahme der Obodriten in Ostholstein und Westmecklenburg für die fränkische und jene der Wilzen für die sächsische Seite.
Es klafft so eine Lücke in den schriftlichen Überlieferungen zur Anwesenheit slawischer Gruppen in Mitteleuropa von der ersten zur zweiten Nennung von reichlich 150 Jahren. Auf historischem Wege wird man die Frage nach den Anfängen und Verläufen slawischer Besiedlung im heutigen Deutschland also nicht beantworten können. Auch ADAM VON BREMEN, obwohl er als gewissenhafter Kopist bekannt ist, interessierte sich
11 ANNALES REGNI FRANCORUM a. 808.
12 Mittlerweile werden diese civitates als Siedlungskammern aufgefasst; vgl. S. BRATHER, Zwischen „Fluchtburg“ und „Herrensitz“. Sozialgeschichtliche Interpretationen früh- und hochmittelalterlicher Burgwälle in Ostmitteleuropa. Arch. Baltica 6, 2006, 52; BRATHER 2001 (Anm. 1) 94 f.; S. BRATHER., Feldberger Keramik und frühe Slawen. Studien zur nordwestslawischen Keramik der Karolingerzeit. Univ. forsch. Prähist. Arch. 34 (Bonn 1996) 21.
13 Die Mitteilungen des THEOPHYLAKTOS SIMOKATTES wie auch der Reichsannalen für das Jahr 808 über die alte Feindschaft zwischen Wilzen und Obodriten haben sehr unterschiedliche Bewertungen erfahren; siehe Ausfürhrungen zu den Modellen HERRMANNS und BRATHERS.
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nicht primär für die Slawen und ihre Herkunft oder den Zeitraum ihrer Ankunft, sondern beschränkte sich auf die Schilderung ihrer Siedlungsgefilde innerhalb seiner Hamburger Bistumsgeschichte. 14 HELMOLD VON BOSAUS Slawenchronik weist leider sehr viele Topoi auf. Generell werden auch hier wie schon beim BAYRISCHEN GEOGRAPHEN die Angaben je weiter östlich, um so vager.
Spätere Quellen wie die Tschechen-Geschichte des COSMAS VON PRAG, die Polen-Geschichte des GALLUS ANONYMUS, ferner die russische NESTORCHRONIK, aber auch die Berichte jüdischer und arabischer Reisender wie IBN JAKUB über die slawischen Länder helfen wenig bei der Beantwortung der Frage nach den Anfängen der Besiedlung. Sie sagen diesbezüglich gar nichts. Slawische Selbstzeugnisse zur eigenen Frühzeit existieren nicht. 15 Eine Chronik slawischer Raubzüge und Niederlassungen wie sie für den Balkan von PROKOP aufgezeichnet wurde, fehlt für Mitteleuropa.
Deshalb bedient sich die Geschichtswissenschaft einiger historischer Wahrscheinlichkeiten, die die Ausbreitung landbauender Gruppen nach Nordwesten begünstigt haben können.
Konkret sind das neben dem Niedergang des Thüringer Reiches 531 16 , der Awarenzug an die Elbe 561/567 17 , der Abzug der Langobarden aus Pannonien 568 und das damit verbundene Freiwerden der Mährischen Pforte sowie die Zerschlagung des bisher nicht sicher lokalisierten Warnenreiches duch die Franken 595. 18
14 RGA I, 56-57 s. v. Adam von Bremen (R. BUCHNER).
15 Bei Cosmas von Prag wird 'Bohemus' zum Urvater der Tschechen stilisiert, obwohl der Name nichtslawischen Ursprungs ist. - früheste slawische Schriftlichkeit wenn auch nicht ethnohistorischen Inhalts liegt in der Glagolica, der slawischen Kirchensprache des ausgehenden 9. Jahrhunderts, vor.
16 HERRMANN 1985 (Anm. 9) 35 ff. - Unklar ist, was das konkret bedeutete in puncto Bevölkerungsdichte, Bevölkerungsmigration, Grenzsicherung etc.
17 Ob damit eine Ansiedlung oder Landnahme einsetzte oder es sich lediglich um Heeresgefolgschaften handelte, die nach ihren Zügen wieder verschwanden, bleibt offen. Sicherlich wird man den Awaren eine Rolle bei der Expansion slawischer Kulturerscheinungen zugestehen müssen, jedoch begann diese bereits vorher und wurde, bspw. auf dem Balkan und dem Peloponnes, durch sehr viel Eigeninitiative charakterisiert. - anders: W. H. FRITZE, Untersuchungen zur frühslawischen und frühfränkischen Geschichte bis ins 7. Jahrhundert (Frankfurt am Main 1994). FRITZE sieht in der awarischen Dominanz die vorrangig treibende Kraft bei der slawischen Expansion.
18 Vgl. J. HERRMANN, Germanen und Slawen in Mitteleuropa. Zur Neugestaltung der ethnischen Verhältnisse zu Beginn des Mittelalters. Sitzungsber. Akad. Wissenschaften DDR 3/G, 1984, 17 ff.; vgl. HERRMANN 1985 (Anm. 9) 34 f. - Unklar ist, inwiefern sich durch Reichsniedergänge die Siedlungsstrukturen änderten. Zwar sind gezielte An-, Ab- und Umsiedlungen durch die Franken bekannt, jedoch sind völlige Siedlungsbrachen m. E. in naturräumlichen Gunstlagen unwahrscheinlich.
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2.2. Archäologische Quellen.
Im hier interessierenden Gebiet gibt es als Indikatoren der frühesten Phase slawischer Besiedlung Grubenhäuser mit nahezu quadratischem Grundriss 19 , handgemachte, vasenförmiger Keramik vom Prager Typ und Urnenbestattungen, in denen ebenfalls diese Ware verwendet worden ist.
Diese Prager Gruppe ist die erste mit den historischen Slawen zu verbindende archäologische Kultur und erstreckt sich von der Ukraine bis zum Mittelelbe-Saale-Gebiet. 20 Nördlich davon gibt es spärliche Befunde ebenerdiger Häuser mit nur noch eingetieften Hausteilen und tendenziell bauchigerer, ebenfalls handgemachter Keramik vom Typ Sukow-Szeligi und einem archäologisch nicht oder nur schwer nachweisbarem Bestattungsritus. 21 Gräberfelder dieser Zeit sind selten und beigabenarm oder -los. Siedlungen sind meist durch Gruben fassbar, bei denen Überschneidungen kaum vorkommen. Relativchronologische Aussagen über das Alter der Grubenverfüllungen sind so nur selten möglich. 22
Datierende Fundstücke wie Fibeln oder Münzen sind zumindest für die Frühzeit spärlich und oft aus unsicheren Fundzusammenhängen, wenn sich nicht sogar völlig exzeptionell im mitteleuropäischen Raum stehen. 23
Das Gros der materiellen Hinterlassenschaften bildet die Keramik. Neben den bereits erwähnten unverzierten handgefertigten Töpfen gibt es eine Reihe von nachgedrehten und gedrehten, deutlich besser gebrannten und verzierten Waren in den einzelnen Regionen Mittel- und Nordostdeutschlands, namentlich Feldberger, Tornower und Leipziger Keramik. Sie sind den Kammstrich- und Rippenschulterwaren mittelslawischer Zeit zuzuordnen und werden um das Jahr 1000 von den vollständig auf der schnell rotierenden Drehscheibe hergestellten spätslawischen Gurtfurchenwaren abgelöst. 24
19 Siehe Abbildung 1.
20 Siehe Abbildung 2.
21 Die Unterteilung der handgemachten Keramiken ist ein Phänomen der deutschen (und polnischen) Slawenforschung, die zur Kleinräumigkeit tendiert. Generell ist die Unterscheidung zwischen Prager und Sukower Typ nicht zweifelsfrei möglich und wohl wenig sinnvoll, da es sich dabei neueren Untersuchungen folgend nicht um verschiedene Kulturerscheinungen, sondern vielmehr um eine typologische Entwickung in fließenden Übergängen handelt; vgl. F. BIERMANN, Slawische Besiedlung zwischen Elbe, Neiße und Lubsza. Archäologische Studien zum Siedlungswesen und zur Sachkultur des frühen und hohen Mittelalters. Univ.forsch. Prähist. Arch. 38 (Bonn 2000) 35 f.
22 BRATHER 2001 (Anm. 1) 39 f.
23 Siehe Argumentationen HERRMANNS und BRATHERS zur Stützung ihrer Modelle. - Zu den Münzen siehe BRATHER 2001 (Anm. 1) 40 ff.
24 Abriss zur Keramikforschung in BRATHER 1996 (Anm. 12) 5 ff.; Zur Keramikentwicklung siehe auch H. A. KNORR, Die slawische Keramik zwischen Elbe und Oder. Einteilung und Zeitansetzung aufgrund der Münzgefäße, mit einem kurzen Abriss der frühmittelalterlichen Keramik (Leipzig 1937).; E. SCHULDT, Die
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Neben den Keramiken gibt es eine Fülle von Burgwällen, deren Untersuchung wiederrum Keramik hervorbrachte. In diesem Zusammenhang ist die Datierung dieser Wälle über Jahrringdaten und die Keramik problematisch, da oftmals von Vorgängerbesiedlungen ausgegangen werden muss und eine sichere Zuordnung der Hölzer und Scherben zu den mitunter nur schwer trennbaren Schichten des Walles nicht immer zweifellos vorgenommen werden kann. 25
Organisches Material ist nur in den seltensten Fällen erhalten, sodass Radiocarbondaten nur selten gewonnen werden können. Hinzugefügt werden muss, dass die bestehenden Daten, die in den 1960er bis 1980er Jahren gewonnen wurden, allesamt korrigiert worden sind. Sie datierten, ähnlich wie archäologische Datierungsansätze jener Jahrzehnte, zu alt, sodass heute vor allem der Dendrochronologie bei der absoluten Datierung der Vorrang gegeben wird. 26
Zusammenfassend kann man sagen, dass sich über die archäologische Datierung genauso wie über die Dendrodatierung Slawen in Mittel- und Norddeutschland nicht vor dem Jahr 700 fassen lassen. 27 Dies steht im Widerspruch zu den glaubwürdigen historischen Quellen, die belegen, dass 631 Sorben östlich der Franken lebten und die nahelegen, dass ab dem letzten Viertel des 6. Jahrhunderts Ansiedlungen ackerbautreibender Gruppen in größerem Maße möglich geworden waren. Ob in dieser letzgenannten Vorstellung vom Wesen der slawischen Besiedlung bereits ein Trugschluss liegt, wird zu erörtern sein. 28
slawische Keramik in Mecklenburg (Berlin 1956).; Ders., Slawische Töpferei in Mecklenburg (Schwerin 1964).
25 Vgl. BRATHER 1996 (Anm. 12) 138.
26 Siehe Abbildung 3 - BRATHER 2001 (Anm. 1) 33 ff..; vgl. J. HERRMANN/K.-U. HEUSSNER, Dendrochronologie, Archäologie und Frühgeschichte vom 6. bis 12. Jh. in den Gebieten zwischen Saale, Elbe und Oder. Ausgr. u. Funde 36, 1991, 255-290.
27 Frühere Datierungen beruhen auf mittlerweile revidierten Zeitansätzen von Hakensporen, siehe PARCZEWSKI 1993 (Anm. 4) 84 ff.; desweiteren falschen Annahmen zum Prozess der Ansiedlung und unklaren Fundzusammenhängen; siehe dazu die Ausführungen zum und die Kritik am Modell HERRMANNS.
28 Sicherlich wird es zum Zuzug neuer Gruppen gekommen sein, doch wird es sich dabei um einen langsamen integrativen Prozess gehandelt haben und nicht um eine Landnahme Zigtausender. Migration ist also nur eine der Triebkräfte dieser Entwicklung, im gleichen Maße - in der älteren Forschung kaum berücksichtigt - sind aber auch Expansion der slawischen Kultur und Assimilationen zu nennen. Befunde vom Balkan machen die Annahme der slawischen Lebensweise durch die Einheimischen wahrscheinlich und lassen in Mitteleuropa Analogien zumindest vermuten.
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2.3. Quellen der Sprach- und Naturwissenschaften.
Landschafts- und vor allem Gewässernamen werden oftmals als Belege germanischslawischer Kontakte herangezogen, um so über die endende germanische Besiedlung ein Indiz für den Beginn der slawischen zu erhalten.
Für das gewässereiche Mecklenburg beispielsweise sind es im wesentlichen 16 Flussnamen, die alle slawisierte germanische Benennungen darstellen sollen. 29 Es ist aus quellenkritischer Sicht fraglich, ob die philologischen Methoden bei der Schließung der Lücken archäologisch-historischer Probleme weiterhelfen können. Denn zum einen sind Gewässernamen das älteste europäische Namensgut überhaupt, zum anderen ergeben sich für die Rekonstruktion alter Sprachvariationen immer mehrere Optionen, so dass der Ursprung des Namens der Havel beispielsweise einmal als germanisch, ein anderesmal als slawisch interpretiert wird. 30 Generell angemerkt werden soll, dass Philologen historische Vorstellungen besitzen und diese bewusst oder unbewusst in ihre philologischen Studien einfließen lassen, was das Ergebnis und die Objektivität verzerren kann. 31
Außerdem ist die Glagolica des ausgehenden 9. Jahrhunderts die erste slawische Schriftsprache, alles was darüber hinaus, mitunter bis in die Bronzezeit, rekonstruiert wird, bleibt hypothetisch.
Es kann also bis hierhin festgehalten werden, dass es eine Diskrepanz zwischen den Aussagegehalten der einzelnen Quellengattungen gibt.
Während die historischen Quellen vor allem zeitgenössisch aktuelle, politische Ereignisse dokumentieren ohne auf Hintergründe bestehender Situationen einzugehen 32 , geben die
29 Siehe Abbildung 4 - Auch für Kontakte angeführt werden Pollendiagramme mit an sich nicht datierbaren Straten, die verschiedenen Störfaktoren unterliegen.; vgl. J. SCHNEEWEISS, Die Rolle des Gewässersystems bei der slawischen Einwanderung am Beispiel des Werders bei Neubrandenburg. Ein Beitrag zur Kontinuitätsdiskussion. In: F. BIERMANN/TH. KERSTING (Hrsg.), Siedlung, Kommunikation und Wirtschaft im westslawischen Raum. Beitr. Sek. slaw. Frühgesch. 5. Dt. Arch.kongr. Frankfurt an der Oder, 4. bis 7. April 2005. Beitr. Ur- und Frühgesch. Mitteleuropa 46 (Langenweissbach 2007) 19-28.
30 Ebd.; vgl. J. UDOLPH, Die Stellung der Gewässernamen Polens innerhlab der alteuropäischen Hydronome (Heidelberg 1990) 276.; vgl. auch E. EICHLER/G. SCHLIMPERT, Die slawistische Namenforschung in der DDR, in: Zeitschr. Slawistik 34, 1989, 589.
31 Es genügt nicht, wenn bspw. KUNSTMANN (Anm. 4) die slaw.-pers. Sprachbeziehungen untersucht und die Herkunftsgebiete der Slawen daraufhin in Vorderasien lokalisiert und dies mit hist. Topoi in Verbindung bringt, ohne die in viel stärkerem Maße slaw.-balt. und slaw.-germ. Beziehungen zu untersuchen.
32 Die 'alte Feindschaft' zwischen Wilzen und Obodriten wird mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit als Resultat der Bündnerschaft dieser 'Stämme' mit den Franken bzw. Sachsen zu bewerten und nicht Erbe einer konfliktträchtigen Einwanderung und des Streites um Siedlungsräume sein.; vgl. BRATHER 1996 (Anm. 12) 18.
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archäologischen Quellen Aufschluss über prozesshafte Entwicklungen: Siedlungsgeschichte, Ackerbau, Burgenbau, Handel etc.
Die bestehende Siedlung und der Burgwall sind dabei lediglich Ergebnisse von Prozessen, die zu ihrer Anlage führten. So geben selbst früheste Jahrringdaten nicht zwingend Auskunft über den Beginn slawischer Besiedlung, da bisher nicht geklärt werden konnte, wie diese verlief. 33
Naturwissenschaftliche Daten können bei der Datierung helfen, werden jedoch oft zu unkritisch übernommen und sind nicht fehlerfrei. So weisen Radiaocarbondaten für das frühe Mittelalter enorme Zeitspannen auf, sind Holzproben oft nicht erhalten, verwertbar oder den Schichten zuordenbar und sind Pollenproben ihrerseits ohne verwertbare Radiocarbondaten nicht datierbar. 34
Wie die Auswertung und Interpretation dieser Quellengattungen vorgenommen wurde, wird im folgenden am Einwanderungsmodell JOACHIM HERRMANNS untersucht.
33 Generell herrschte im frühen Mittelalter eine hohe Mobilität, d.h. Siedlungen entstanden häufig für nur wenige Jahre, 'wanderten' oder fielen wüst. Wälder mussten erst gerodet, Felder und Äcker kultivierbar gemacht werden. Gänzlich verworfen werden muss der Gedanke, dass die überwiegend Ackerbau treibenden slawischen Gruppen zuerst Burgen errichteten! Dieses Verhalten ist für Eroberer (bspw. die Magyaren in Ungarn) beobachtbar, nicht aber für Siedler. Zudem muss Besitz erst akkumuliert werden, muss eine Macht erst entstehen und sich etablieren, bevor beides zu schützen obligatorisch werden kann.; vgl. H. BOOCKMANN, Einführung in die Geschichte des Mittelalters (München 2001) 31 ff.
34 Vgl. BRATHER 2001 (Anm. 12) 42 ff.; vgl. SCHNEEWEISS 2007 (Anm. 29) 26 ff.
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3. Die slawische Besiedlung Mitteleuropas nach JOACHIM HERRMANN.
In über drei Jahrzehnten wissenschaftlicher Tätigkeit versuchte HERRMANN in unzähligen kürzeren und längeren Studien ein Modell der slawischen Besiedlung Mitteleuropas zu entwickeln.
Verschiedenen Teilaspekten, etwa der Frage nach der Zuordenbarkeit bestimmter Gruppen der materiellen Kultur zu historisch bezeugten Verbänden, 'Ethnien', wurde dabei besondere Aufmerksamkeit zuteil und kennzeichnen seine methodische Herangehensweise. 35
Da der Grundtenor in all diesen Abhandlungen derselbe ist und HERRMANN sein im folgenden vorgestelltes Modell zwar aktualisierte, jedoch nie revidierte, werden im Rahmen dieser Untersuchung lediglich seine prägnantesten Arbeiten Berücksichtigung finden. 36
3.1. Methoden und Konzepte
Das hier vorgestellte Modell repräsentiert pointiert den Höhepunkt HERRMANN'schen Forschens. Die methodischen Ansätze dazu entwickelte er bereits in den 1960er Jahren. Grundsätzlich fanden alle zur Verfügung stehenden Quellen Eingang in die Bearbeitung. Die Schriftquellen wurden dabei unkritisch übernommen und nur in Frage gestellt, wo sie HERRMANNS Annahmen entgegen liefen. 37
Den Anachronismus, wesentlich jüngere Quellen auf Verhältnisse des 6. und 7. Jahrhunderts zu übertragen - so datiert HERRMANN im folgenden - ignoriert er 38 .
35 So z. B. programmatisch nachvollziehbar für den Burgenbau in: HERRMANN 1967 (Anm. 6) 206 ff.
36 HERRMANNs Modell fand Eingang in zahlreiche Geamtdarstellungen und bildete auch in seinen kürzeren Publikationen das axiomatische Fundament jeglicher Argumentation.; vgl. HERRMANN 1984 (Anm. 18); vgl. HERRMANN 1985 (Anm. 9). - Hier wird zur Darstellung des Modelles lediglich HERRMANN 1985 (Anm. 9) angeführt, die Methodik und Argumente basieren auf HERRMANN 1968 (Anm. 6) und entsprechenden Passagen ausgewählter Beiträge. HERRMANNs komplettes publizistisches Oeuvre heranzuziehen ist nicht dienlich, denn entscheidende Revisionen außer in einigen Ansätzen der dendrochronologischen Datierung fanden nicht statt; vgl. J. HERRMANN/ K.-U. HEUSSNER, Dendrochronologie, Archäologie und Frühgeschichte vom 6. bis 12. Jh. in den Gebieten zwischen Saale, Elbe und Oder. Ausgr. u. Funde 36, 1991, 255-290.
37 So übernimmt HERRMANN unkritisch die Aussagen bei THEOPHYLAKTOS SIMOKATTES und der fränkischen Chronistik in Bezug auf die 'alte Feindschaft' der nordwestslaw. Stämme, zweifelt jedoch an den geografischen Kenntnissen ADAMS VON BREMEN, HELMOLDS VON BOSAU und des sogenannten BAYRISCHEN GEOGRAFEN, wenn sich deren Lokalisierungen nicht mit denen HERRMANNS in Übereinstimmung bringen lassen.; siehe Herrmann 1968 (Anm. 6) 18 ff.
38 Zwar verzichtet HERRMANN 1985 (Anm. 9) auf die Proklamation einer ethnischen Konstanz der Gruppen, geht aber nachwievor von homogenen Einwandereverbänden aus und beharrt auf Grund seiner Frühdatierung auf einem sehr kurzen Zeitraum, in dem sich die Genese der überlieferten Stämme
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Archäologische Befunde werden kaum diskutiert, deren Datierung diktiert. Dendrochronologische, pollenanalytische oder philologische Erkenntnisse werden ohne Trennung zur Untermauerung seiner Thesen eingesetzt. Eine getrennte Analyse der verschiedenen Quellengattungen mit einer sich daran anschließenden Synthese ihrer Ergebnisse findet nicht statt.
Die dadurch komplexe und verwobene, Zirkelschlüsse riskierende, Argumentation ist im Detail nur schwer nachzuvollziehen. 39
Methodisch liegt HERRMANNS Modell die siedlungsarschäologische Methode O. SCHLÜTERS zu Grunde. 40
Die Kartierung aller seinerzeit bekannten Fundkomplexe in ihrer zeitlichen Differenzierung bei Unterscheidung der verschiedenen Fundkategorien stellt den ersten Schritt HERRMANNS dar. 41 Die Funde sind so auf bodenkundlich-geologischen Karten verortet. Es zeichnen sich dadurch Siedlungskonzentrationen und -brachen ab. Im folgenden bemüht sich HERRMANN um die Abgrenzung der zahlreichen Siedlungskammern beziehungsweise -gebiete, wobei dichte Grenzwälder angenommen werden. Stark naturräumlich gegliederte Gebiete seien demnach bevorzugte Siedlungsgbiete gewesen. 42
Die herausgearbeiteten Siedlungskammern verbindet HERRMANN anschließend mit den größtenteils ab dem ausgehenden 8. Jahrhundert schriftlich erwähnten Stämmen. 43 Die so lokalisierten Wilzen beispielsweise seien durch die in ihrem Siedlungsgebiet liegenden archäologischen Quellen charakterisierbar, diese seien ihnen eigen und unterschieden sie von anderen Stämmen. 44
Nachdem so das archäologische Material räumlich und historisch verortet wurde, beginnt dessen eigentliche Untersuchung. 45 HERRMANN bedient sich also im Wesentlichen eines historisch vorgefertigten Bildes. Dessen ist er sich bewusst, wenn er schreibt: „Die erschlossenen Siedlungskammern und Siedlungsgebiete sind mit dem Namen der
vollzogen habe.
39 Erinnert sei an die problematische Frühdatierung der Feldberger und Tornower Keramik anhand unsicherere Analogien (den Hiatus ignorierend!), die ihn die Burgen früh datieren und somit einen Burgenbau kurz nach Einwanderung proklamieren lassen.; vgl. HERRMANN 1968 (Anm. 6) 41 ff.
40 HERRMANN 1968 (Anm. 6) 9.; vgl. O. SCHLÜTER, Die Siedlungsräume Mitteleuropas in frühgeschichtlicher Zeit (Hamburg 1952 ff).
41 HERRMANN 1968 (Anm. 6) 11.
42 HERRMANN 1968 (Anm. 6) 12.
43 Vgl. HERRMANN 1968 (Anm. 6) 17 ff.
44 HERRMANN 1968 (Anm. 6) 164 ff.; tabellarisch für die anderen Gruppen: ebd. 63 -Verbreitungskartierungen der herangezogenen Einzelelemente sprechen gegen ein stammesgebundenes Vorkommen dieser Einzelelemente; siehe Ausführungen zum Modell BRATHERS.
45 Siehe Abbildungen 5a-d.
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Arbeit zitieren:
Benjamin Nowak, 2009, Kritik an historischen und archäologischen Quellen am Beispiel der slawischen Besiedlung Mitteleuropas, München, GRIN Verlag GmbH
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