Katharina Bergmaier Jännerstreik 1918
Die Verschlechterung der materiellen und sozialen Lage der ArbeiterInnen, die zunehmende Opposition gegen den Krieg und damit verbunden die Entfremdung zwischen der Parteiführung der SDAP(Sozialdemokratische Arbeiterpartei) - welche seit 1914 der nationalistischen Kriegshetze verfallen war, somit ihr politisches Programm verraten hatte und damit die Verschlechterungen der sozialen und materiellen Lage der ArbeiterInnen mittrug- und den Arbeitermassen, sowie das Exempel der russischen Revolution führten zum Jännerstreik 1918. Noch während des Krieges, als die Gefahr bestand, dass die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk scheiterten und die Mehlrationen per Beschluss am 14.01 um 50% gekürzt wurden, begannen am Morgen des 14. Jänners 1918 die kriegsmüden Arbeiter des dem Kriegsdienstleistungsgesetzt unterworfenen Daimler-Werkes in Wiener Neustadt spontan zu streiken. Die Streikbewegung breitete sich wie ein Lauffeuer aus und am 15. Jänner streikten schon alle großen und für die Rüstung wichtigen Industriebetriebe Wiener Neustadts, am 16. Jänner schließlich griff der Streik auf Wien über. (vgl. Hautmann 1987, S. 156) In den beiden folgenden Tagen erreichte die Streikbewegung Böhmen, Ungarn, die Steiermark und Oberösterreich, am 17. Jänner streikten im österreichischen Teil der K.- und k.- Monarchie bereits 210000 Arbeiter. Die Streikbewegung nahm weiter an Ausmaß zu, allerorts wurden ArbeiterInnenräte gewählt und am Gipfel der Bewegung, am 19: Jänner, streikten reichsweit 750000 Menschen. (vgl. Hautmann 1987, S. 164) Die Nachricht von der österreichischen Streikbewegung rief in Deutschland ähnliche Ereignisse hervor. Die Führung der SDAP hatte nichts zum Entstehen des Streiks beigetragen und war vom Ausmaß der Bewegung erschrocken. Sie versuchte, die Streikbewegung zu brechen. Auf Initiative der SDAP wurde ein Arbeiterrat für Wien zusammengestellt, der durch und durch mit SDAP-Organen besetzt war. Dieser Rat verhandelte mit der Regierung bei zunehmender Streikbewegung über die Forderungen der Streikenden nach sofortiger Beendigung des Krieges, Freilassung aller politischer Gefangenen, 8- h- Tag, direkte Wahl der Vertreter Österreichs bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk, Lösung der Ernährungsfrage, Redemokratisierung und Aufhebung von Kriegsdienstleistungsgesetz und Militarisierung der Betriebe. Obwohl die Regierung keinem dieser Punkte vollständig zustimmte, beschloss die Sozialdemokratie und somit der Wiener Arbeiterrat am 20. Jänner trotz massiver Proteste der ArbeiterInnen den Abbruch des Streiks; 4 Tage später war dieser auch tatsächlich verebbt. (vgl. Hautmann 1987, S. 171) Die SDAP brachte in der Folge am niederösterreichischen Landesparteitag der SDAP im Februar 1918 die ArbeiterInnenschaft unter Kontrolle, indem sie die Arbeiterräte institutionalisierte, sie in die traditionellen Parteiinstanzen integrierte und
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Katharina Bergmaier
die Arbeiterräte zu Organen der SDAP degradierte; somit ihnen jedes revolutionäre Element entzog.
Die Ernährungslage der Bevölkerung blieb weiterhin katastrophal und so kam es fast monatlich immer wieder zu Streikwellen, welche durchgehend von Wiener Arbeiterrat oder SDAP beendet wurden. Auch die Soldaten und Matrosen begannen im Februar 1918 zu meutern und forderten Frieden.
Österreichische Revolution und Zusammenfall der Monarchie im Herbst 1918 Als im Oktober 1918 die Truppen von den Fronten zurückströmten und am 30. Oktober der erste Soldatenrat in Wien gegründet wurde, begann die österreichische Revolution, in deren ersten Tagen sich die Ereignisse förmlich überschlugen. In der Folge entstanden binnen weniger Tage in allen Landesteilen Soldatenräte, welche, gemeinsam mit den Arbeiterräten und den übrigen Räten, die Aufgaben der zusammenbrechenden staatlichen Verwaltung, vor allem der Lebensmittelversorgung übernahmen. (vgl. Hautmann 1987, S. 245) Am 31.Oktober 1918 wurde die Rote Garde in Wien gegründet und noch am selben Tag wurden die politischen Gefangenen aus dem Jännerstreik aus dem Wiener Landesgericht entlassen. Am 1.11.1918 wurde Friedrich Adler durch kaiserlichen Gnadenakt aus seiner Haft entlassen, ebenfalls Anfang November versuchte die rote Garde, welche am 4.11 in die am 3.11 gegründete Volkswehr eintrat, Kaiser Karl im Schloss Schönbrunn gefangen zu nehmen. Ebenfalls am 3.11 trat der Waffenstillstand von Padua in Kraft und die KPÖ wurde gegründet. (vgl. Hautmann 1987, S. 759) Wesentliche Agitatoren waren Elfriede und Paul Friedländer; Karl Roman; Koritschoner und der Sozialreporter Erwin Kisch. Als am 12.11 1918 der spätere Bürgermeister von Wien, Karl Seitz, die demokratische Republik Deutschösterreich ausrief, stand ihm auf der Ringstraße eine Massendemonstration bestehend aus jenen, welche eine sozialistische Republik forderten, gegenüber; es kam zu einer Schießerei auf das Parlament und die vor dem Parlament gehisste rot-weiß-rote Fahne wurde vom Fahnenmast gerissen, die weißen Streifen wurden abgetrennt und die roten Streifen gehisst. Kurzzeitig wurde die Redaktion der “Neuen Freien Presse“ mit der Intention besetzt, eine revolutionäre Sondernummer herauszubringen. (vgl. Hautmann 1987, S. 760) Bereits im November wird die Arbeitslosenversicherung eingeführt und sozialer Wohnbau bzw. soziale Wohnungsvergabe wird initiiert.
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Arbeit zitieren:
Katharina Bergmaier, 2008, Soziale Lage und ArbeiterInnenbewegung, München, GRIN Verlag GmbH
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