Kathi Bergmaier
Teil A: Kritische Theorie
1.) Einleitung
Max Horkheimer prägte den Begriff zusammen mit Herbert Marcuse in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. “Der Begriff “Kritische Theorie“ ist zunächst mit dem Forschungskreis des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main verbunden, namentlich mit Theodor Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Erich Fromm, Walter Benjamin oder Leo
Löwenthal.“ (siehe Behrens, Roger (1992): Kritische Theorie, EVA; Berkeley, S. 74) Die kritische Theoire wird seit den 60er Jahren auch als Frankfurter Schule bezeichnet. Die kritische Theorie entwickelte die klassisch marxistisch-dialektische Theorie der Gesellschaft kritisch und selbstkritisch weiter. Am Ende steht eine Theorie des modernen Menschen, die “Ökonomie, Geschichtswissenschaft, Gesellschaftstheorie und Psychoanalyse miteinander“ verbindet. (siehe Behrens, Roger (1992): Kritische Theorie, EVA; Berkeley, S. 20) Zentrale Themen sind Untersuchungen zur autoritären Persönlichkeit, zur Schwierigkeit von Widerstand, zur Interaktionskraft von Staat, Wirtschaft und Kultur und zur Absorption von Kritik. So ist es ein großes Potential der kritischen Theorie, latente Herrschaftsverhältnisse aufzudecken. Die Kritische Theorie betrachtete auch Mensch-Tier- Beziehungen unter herrschaftstheoretischen Aspekten und weitete zumindest teilweise den
“Emanzipationsgedanken auf tierliche Individuen“ aus. (siehe Mütherich, Birgit (2004): Die Problematik der Mensch-Tier-Beziehung in der Soziologie: Weber, Marx und die Frankfurter Schule, Lit, Münster, S. 154)
Die kritische Theorie ist keine geschlossene Denkschule, in zahlreichen Disziplinen und theoretischen Strömungen findet man zentrale Elemente der kritischen Theorie; “gleichwohl bleiben analytische Begriffe …“-die selbst permanenter kritischer Reflexion unterworfen sind- “Werkzeuge der kritischen Theorie“. (siehe Behrens, Roger (1992): Kritische Theorie, EVA; Berkeley , S. 45)
2.) Das Institut für Sozialforschung
Aus einer 1923 stattfindenden “Marxistischen Arbeitswoche“ ging 1924 das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main hervor. Financier war der sozialistische Millionär Felix Weil. Carl Grünberg wird der erste Direktor des Instituts, 1928 übernimmt Friedrich Pollock die Leitung, 1931 Max Horkheimer. Nach der Machtergreifung der Nazis verlegt das
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Institut seine Arbeit zunächst Nach Genf, dann nach New York. Horkheimer und Adorno kommen nach dem Krieg nach Franfurt zurück.
Das Institut forcierte eine an Marx anknüpfende undogmatische sozialkritische Forschung.Die kritische Theorie entwickelte ihre Thesen aufgrund von historischen Bedingungen: Die sozialistische ArbeiterInnenbewegung hatte versagt und ihre Chance; eine Revolution zu machen, vergeudet; Klassenkompromiss war an die Stelle von Klassenkampf getreten, die Greuel des Faschismus hatte die linke Bewegung in ihren Grundfesten erschüttert.
Der klassische Marxismus lehrt die zwangsläufige geschichtliche Entwicklung zum Sozialismus und die Bestimmung des gesellschaftlichen Seins, des Überbaus (Ideologie) durch die ökonomische Basis (die Art und Weise, wie produziert wird). Für die kritische Theorie zeigte sich jedoch “zu Beginn des 20en Jahrhunderts eine Verselbstständigung des Überbaus:“ Machtverhältnisse hatten sich bis ins Unbewusste der Menschen verfestigt und wurden von diesen reproduziert. (siehe Behrens, Roger (1992): Kritische Theorie, EVA; Berkeley, S. 18) Nicht nur die ökonomische Ausbeutung musste wahrgenommen werden, sondern auch die auf sozialer, sozialpsychologischer Ebene. “Das Akkumulations- und Zusammenbruchgesetz des kapitalistischen Systems“ wurde das erste Großprojekt des interdisziplinär arbeitenden Instituts, das zweite Großprojekt “Studien über Autorität und Familie“ beinhaltet folgendes Fazit: Auch für die Zukunft ist eine positive Umgestaltung der Gesellschaft nicht zu erwarten, denn die Studien der kritischen Theorie zeigten, dass die sozialistische Einstellung vieler Arbeiter nur oberflächlich war. In hohem Maße wiesen auch diese Menschen konformistische und autoritäre, rassistische und sexistische Einstellungen auf, die eine libertäre Gesellschaftsordnung unmöglich machen. (vgl. Dubiel, Helmut (2001): Kritische Theorie der Gesellschaft, Juventa, Weilheim/München, S. 56)Auch die von Fromm geleitete Studie “Arbeiter und Angestellte am Vorabend des dritten Reiches“ aus den 20er Jahren und die von Adorno geleitete Studie “Studien zur autoritären Persönlichkeit“ aus den 50ern zeigte ähnliche Ergebnisse: Die Mehrheit der Menschen weist stark autoritäre (Tendenz zu extraprunitiven Verhalten, Hass auf Schwache und Minoritäten, Bedürfnis nach Sauberkeit, Recht; Ordnung und einer starken Hand etc, Ablehnung gegenüber Fremden, Unbekannten; Starke In-group-orientation; Machtgier etc…) und konformistische Persönlichkeitsmerkmale auf. (vgl. Dubiel, Helmut (2001): Kritische Theorie der Gesellschaft, Juventa, Weilheim/München, S. 46)
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3.) Unterschiede kritische Theorie- traditionelle Theorie
Ein wesentlicher Unterschied der kritischen Theoire zu den “traditionellen“ Theorien und Wissenschaftsauffassungen besteht darin, dass sie die gesellschaftlichen Verhältnisse und gesellschaftliche Bereiche nicht isoliert betrachtet, sondern diese in ihrer Gesamtheit darstellt und auf ihre Veränderungs- und Verbesserungsmöglichkeiten durchleuchtet. Die kritische Theorie erkennt Wissenschaft und Forschung nicht als abgehobene, unbeeinflusste Sphäre, sondern als Teil der Gesellschaft. Somit gibt es keine wertfreie, unideologische Wissenschaft und jene Wissenschaftler, die die gesellschaftliche Bedingtheit von Wissenschaftsinhalten leugnen, zementieren durch das systemaffirmative Wesen ihrer Wissenschaft Ungerechtigkeiten und geben den Nährboden für “reaktive Forschung, die mitunter bereit ist, um der Wissenschaft willen den Tod von Menschen in Kauf zu nehmen.“ (siehe Behrens, Roger (1992): Kritische Theorie, EVA;Berkeley, S. 20)
Im Gegensatz zum Wertfreiheitspostulat der klassischen Wissenschaft beinhaltet die kritische Theoire das Postulat zu kritischem Verhalten, zur aktiven Veränderung der Gesellschaft. Wissenschaft soll ein Instrument zur Befreiung und Mündigmachung sein. Die kritische Theorie impliziert Parteiergreifung für Humanität und gegen Unterdrückung und begreift Theorie und Praxis als Einheit und forcierte eine interdisziplinäre Sozialforschung.
4.) Geschichtsauffassung
Die klassische bürgerliche Geschichts- und Sozialtheorie betrachtet Geschichte als linearen Prozess mit fortschrittlichen Verlauf und kontinuierlicher Höherentwicklung. Ob Hegel oder Comte, zahlreiche Konzepte beschreiben einen Stadienverlauf der Geschichte, und während dieses naturgegebenen Ganges bedeutet eine Weiterentwicklung immer etwas Gutes. Die kritische Theorie deutet demgegenüber Geschichte als einen in “sich widersprüchlichen, sprunghaften und diskontinuierlichen Prozess.“ (siehe Behrens, Roger (1992): Kritische Theorie, EVA; Berkeley, S. 13)
Obwohl die Ressourcen vorhanden wären, um Leid auf der ganzen Gesellschaft zu verhindern, hungern im Kapitalismus mehr Menschen als jemals zuvor und leben und arbeiten die meisten Lebewesen in der Welt unter elenden Bedingungen. Das Leiden von Mensch und Tier ist dem System Kapitalismus immanent, die kritische Theorie sieht ganz klar die Notwendigkeit einer Systemtransformation gegeben. Die kritische Theorie untersucht auch warum die meisten Menschen die Notlagen, ihr Leid und ihr Elend als unabänderlich
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gegebenes Schicksal akzeptieren und nicht revoltieren. (vgl. Behrens, Roger (1992): Kritische Theorie, EVA; Berkeley, S. 14)
5.) Horkheimer/ Adorno (1947): Dialektik der Aufklärung
In diesem Buch entwickeln sie die Geschichtsdeutung, dass Vernunft immer mehr zu einem Herrschaftsinstrument wird. Die Aufklärung, die Postulation der Vernunft, ging einher mit der Unterdrückung der Natur. Da der Mensch aber auch Natur ist, unterwirft er mit der Natur auch sich selbst. Die Aufklärung trat zwar an, die Vernunft zu entfesseln, die Menschen mündig zu machen, doch in der bürgerlichen Gesellschaft ist die Vernunft nicht länger an übergeordnete Ideen von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität gebunden, sondern weitgehend auf “ihren subjektiven Gebrauch reduziert… Im Dritten Reich war beispielsweise der Zugtransport… in die Vernichtungslager rational organisiert. Eine in dieser Weise“ inhaltsleere, “instrumentell gewordene Vernunft wird selbst zum Mythos.“ (siehe Behrens, Roger (1992): Kritische Theorie, EVA; Berkeley, S. 35)
In diesem Zusammenhang sprechen Horkheimer und Adorno von einem universellen Verblendungszusammenhang. Verblendung, weil die Menschen diese soziale Ordnung für vernünftig halten und universell, weil er “alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens“ durchdringt. (siehe Behrens, Roger (1992): Kritische Theorie, EVA; Berkeley, S. 54)
Die geschichtlichen tragischen Erfahrungen (Hitlerfaschismus, Stalinismus, die Liebäugelung der ArbeiterInnenklasse mit dem Kapitalismus) führten Adorno und Horkheimer zu der These, dass ein totalitärer Staat und der Kapitalismus nicht nur ökonomisch das System stabil hält, sondern sich als eine psychische Struktur sich im Bewusstsein der Menschen selbst verfestigt hat; wodurch durch Menschen diese Herrschaftsverhältnisse wiederum beständig reproduziert werden. Die faschistische Propaganda konnte auf die sozialpsychologischen Muster des autoritären Charakters zurückgreifen und im diesen Sinne kann der Faschismus niemals als eine vorübergehende geschichtliche Phase angesehen werden, deren Gefahr hinter uns liegt. Ganz im Gegenteil, der Terror ist tiefst in der modernen Gesellschaft verwurzelt. (vgl. Behrens, Roger (1992): Kritische Theorie, EVA; Berkeley, S. 38) Das Conclusio der Dialektik der Aufklärung ist pessimistisch: Unsere Gesellschaft ist totalitär, es gibt keinen Ausweg.
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Arbeit zitieren:
Katharina Bergmaier, 2008, Die Entwicklung einer soziologischen Theorie des Wohnens unter Bezugnahme der Kritischen Theorie, München, GRIN Verlag GmbH
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