Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Die Schuldigkeit Nicolos: Ein Einblick in die Forschungsgeschichte. 3
3 Familiäre Strukturen im Findling. 6
3.1 Das piachische Stellvertretersystem. 6
3.2 Nicolo, das Findelkind 8
4 Piachi und Nicolo - Eine hochaktive Verbindung 9
4.1 Nicolo, das Substitut für den verlorenen Sohn. 9
4.2 Die gestörte Emotionalität als Handlungsmotor 11
5 Elvire und Nicolo - Mehr als Adoptivmutter und Sohn 15
5.1 Nicolo das Substitut für den verlorenen Geliebten 15
5.2 Die Kommunikationslosigkeit als Handlungsmotor 18
6 Das gewaltige Finale als Sinnbild für die gebrechliche Einrichtung der Welt 21
7 Fazit. 23
8 Bibliographie. 25
8.1 Primärliteratur 25
8.2 Sekundärliteratur 25
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Was ist böse? Absolut böse? Tausendfältig verknüpft und verschlungen sind die Dinge der Welt, jede Handlung ist die Mutter von Millionen andern, und oft die Schlechteste erzeugt die Besten -Sage mir, wer auf dieser Welt hat schon etwas Böses getan? Etwas, das Böse wäre in alle Ewigkeit fort-? (Kleist 1999: 271)
1 Einleitung
Zu Beginn der Novelle trifft der Leser auf eine im Einklang lebende Familie, bald muss er jedoch feststellen, dass diese Einheit -einer Fassade gleich- so schnell zerstört wie aufgebaut werden kann. Der zweifelhafte und unbeständige Charakter der dargestellten Familie, der sich nach der Aufnahme des kleinen Nicolo immer deutlicher manifestiert, führt letztendlich zu einer versuchten Vergewaltigung und einer brutalen Mordszenerie. Der Rezipient gewinnt beim unkritischen Lesen schnell den Eindruck, dass Kleists Findling die Geschichte eines jungen Mannes namens Nicolo erzählt, dessen Charakter sich im Handlungsverlauf als durch und durch boshaft entpuppt. Damit wäre auch die Frage nach der Schuldigkeit an der Gewaltentwicklung eindeutig geklärt: Nicolo, das Findelkind, dankt seinen Adoptiveltern die freundliche Aufnahme in den Kreis der Familie mit Hass und Gewalt. Diese negative und einseitige Einschätzung des Protagonisten ergibt sich vor allem aus den zahlreichen Bewertungen des Erzählers, die der Leser schnell geneigt ist zu übernehmen. Bis in die 1970er Jahre wurde in der Forschung die Ansicht vertreten, dass Nicolo das absolut Böse verkörpere. Erst in den 80er Jahren wurde diese Auffassung hinterfragt und Nicolo wurde vom Status des ewigen Sündenbocks befreit.
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Jürgen Schröder diskutiert in seinem Aufsatz Kleists Novelle
1 „Es steht bei genauerer Prüfung jedenfalls schlecht mit der zunächst so klaren rechtlichen und moralischen Beurteilung des ganzen Falles. Alle Begriffe, Werte und Rollen scheinen unzulänglich und so vertauschbar, wie die sechs Buchstaben von Nicolo und Colino. Nichts steht mehr fest an seinem Platz. Eins kann auch das andere sein.“ (Schröder 1985: 113)
2 Im Primärtext lässt sich der Begriff „Vorfall“ sieben Mal wiederfinden. (231; 232; 237; 239; 246)
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In vorliegender Arbeit soll herausgearbeitet werden, in welchem Verhältnis die Familienmitglieder zueinander stehen und inwiefern diese Konstellation den Nährboden für die grauenvolle Entwicklung darstellt. Dabei wird die Sonderrolle Nicolos von zentralem Interesse sein, der als Letzter in den Kreis der Familie aufgenommen wird und damit die Künstlichkeit derselben komplettiert.
Zunächst wird ein Einblick in die kontroverse Diskussion der Forschung gegeben, die sich mit der Schuld Nicolos an der finalen Katastrophe auseinandersetzt. In diesem Zusammenhang soll gezeigt werden, warum ein eindeutiger Schuldträger nicht auszumachen ist. Anschließend wird die familiäre Grundstruktur, das piachische Stellvertretersystem, näher beleuchtet, da sie den Nährboden für den brutalen Ausgang der Erzählung bildet, wobei die Rolle des Findlings in das Zentrum dieser Betrachtungen rückt. Es wird elaboriert, inwiefern Nicolo besonders geeignet für die Rolle als Stellvertreter ist. Zunächst weisen Elvire und Piachi dem Neuankömmling den Platz des verstorbenen Sohnes zu. Die Adaption desselben in das bestehende familiäre System will aber nicht wie gewünscht gelingen. Welche Auswirkungen diese Substitution auf die persönliche Entwicklung des Findlings und auf das Verhältnis zwischen Piachi und Nicolo hat, wird hernach erläutert. Aber auch der Umgang zwischen Nicolo und seiner Adoptivmutter Elvire ist durch die diffizile Ausgangssituation geprägt. Hierzu gesellen sich eine Reihe Missverständnisse, die eine weitere Rollenannahme Nicolos bewirken. Das von Grund auf fragile Familiensystem erleidet im Laufe der Erzählung eine Vielzahl feiner Brüche und Risse, die schließlich nicht nur der Familie in toto, sondern jedem einzelnen zum Verhängnis werden sollen.
2 Die Schuldigkeit Nicolos: Ein Einblick in die Forschungsgeschichte
Lange Zeit wurde in der Forschung der Frage nachgegangen, wer am brutalen Ausgang der Erzählung die Schuld trägt und meist wurde Nicolo a priori durch eine ihm innewohnende Boshaftigkeit für den innerfamiliären Zwist und den daraus resultierenden brutalen Ausgang verantwortlich gemacht. 3 Die Ursache für das Bedürfnis nach einer klaren Schuldzuweisung ist textimmanent. Der Erzähler verleitet den Leser zu einem vorschnellen Urteil, indem er die
3 „‘Der Findling‘ ist die Geschichte des grundlos Bösen. Die Bosheit ihres Helden ist nicht motiviert […], sie ist einfach da, als pure, sich selber lebende malizia.“ (Blöcker 1960: 134)
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Bewertung der Charaktere durch vorangestellte Adjektive vorgibt. So trifft der Rezipient auf Piachi „den guten Alten“ (229) 4 und Nicolo, „den höllischen Bösewicht“ (246). Göttler fasst das bis in die 1980er Jahre in der Forschung vorherrschende Bild zu Nicolos Charakter wie folgt zusammen:
Von ihrer ersten Begegnung an verstellt sich Nicolo Piachi gegenüber und intendiert als Intrigant die Vernichtung der Familie. Keine seiner Handlungen ist aufrichtig gemeint. Damit findet die Unbegreiflichkeit und Bizarrität seines Verhaltens eine souveräne Lösung: alle Handlungen waren Täuschung und Verstellung. (Göttler 1983: 28)
Aus diesem Blickwinkel ist der Bösewicht schnell gefunden und die Schuldfrage betreffende Unklarheiten treten erst gar nicht auf. Die Tat Piachis ließe sich in diesem Kontext als Reaktion auf all die Enttäuschungen, die er durch den Adoptivsohn erfahren musste, abtun; schließlich dankte ihm Nicolo die väterliche Güte und Fürsorglichkeit mit Verrat. Diese Interpretation stützt sich hauptsächlich auf die Bewertungen durch den Erzähler. 5 Der auktoriale Erzähler ist eine autarke Instanz, die dem Geschehen übergeordnet ist. Er überblickt im Findling alle Handlungen, weiß um die Vergangenheit Elvires, scheint die Gefühlswelt Piachis zu kennen und verfügt über die Kenntnis der heimlichen Wünsche und Sehnsüchte Nicolos. Bei eingehender Betrachtung wirft sich die Frage auf, ob die geschilderten Gefühle auch tatsächlich allzu ernst genommen werden dürfen. Piachi ist „sehr von Schmerzen bewegt“ (230), als sein leiblicher Sohn stirbt, was ihn aber nicht davon abzuhalten scheint, unmittelbar für Ersatz zu sorgen. Ebenso ist die Reaktion Elvires auf den kleinen Nicolo äußerst fragwürdig, denn sie schenkt ihm unverzüglich Hab und Gut ihres soeben verstorbenen Stiefsohnes, den sie laut Erzähler „sehr geliebt hatte“ (231). Der Erzähler valorisiert das Geschehen auf eine sehr subtile Art und Weise, indem er unmerklich die Entwicklungen aus dem Blickwinkel der Adoptiveltern beschreibt. Die Worte zeugen von Liebe und Mitgefühl, die Taten aber von Kaltherzigkeit und Berechnung. Dass Nicolo durch die autoritäre Erwartungshaltung beider Eltern zu negativen Verhaltensweisen verleitet worden sein könnte, ist bei dieser Betrachtungsweise außer Acht gelassen. So ist es vornehmlich die Angst vor Bestrafung als ein Akt intrinsischer Bösartigkeit, die Nicolo dazu bewegt, seinen ersten Impuls, Elvire zu Hilfe zu eilen, nicht
4 Im Verlauf der vorliegenden Arbeit werde ich mich darauf beschränken, den behandelten Primärtext ausschließlich mit Seitenzahlen zu zitieren.
5 „Die jüngere Forschung wirft der älteren die Identifikation mit dem Erzähler vor - dass dieser, besonders in den Beschreibungen des alltäglichen Lebens, den Standpunkt Piachis übernehme, sei vielen Interpreten entgangen.“ (Becher Cadwell 1991: 62)
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umzusetzen, als diese vor Schreck in Ohnmacht fällt, weil sie ihren als genuesischen Ritter verkleideten Adoptivsohn für ihren verstorbenen Retter Colino hält.
Nicolo, von Schrecken bleich, wandte sich um und wollte der Unglücklichen beispringen; doch da das Geräusch, das sie gemacht hatte, notwendig den Alten herbeiziehen mußte, so unterdrückte die Besorgnis, einen Verweis von ihm zu erhalten, alle andere Rücksichten. (235)
Diese Situation spiegelt das emotional stark gestörte Verhältnis des Adoptivsohnes zu seinen Eltern, insbesondere zu Piachi, wider. Nicolos spontanes Bedürfnis Elvire zu helfen, wird, durch die kindliche Angst von seinem Adoptivvater bei seinen heimlichen nächtlichen Aktivitäten ertappt zu werden, im Keim erstickt. Denn er hatte „trotz des Verbots des Vaters, die Verbindung [zu Xaviera] nie aufgegeben“ und war heimlich und ohne Vorwissen seiner Gemahlin, unter Vorspiegelung, dass er bei einem Freund eingeladen sei, auf dem Karneval gewesen.“ (234) Das hierarchische Gefälle zwischen den beiden Männern, auf das zu einem späteren Zeitpunkt detailliert eingegangen werden soll, wird hier besonders deutlich; Nicolos unterworfene Stellung innerhalb der Familie und sein geringes Selbstbewusstsein hindern ihn also an einer durchaus guten Absicht.
Die psychischen Deformationen aller Akteure sind es, welche jene verhängnisvollen Prozesse auslösen, die zum Untergang führen. Da alle Akteure ‚unbewusst‘ an der Weiterführung dieser Prozesse arbeiten, erhält die Erzählung einen fatalistischen Charakter. (Göttler 1983: 33)
Genauso wie es keinen Sinn hat, Nicolo als die personifizierte Boshaftigkeit zu verstehen, kann ihm jedoch ein Beitrag am dramatischen Handlungsverlauf nicht abgesprochen werden; nur würde eine klare Schuldzuweisung der Komplexität dieser Novelle nicht gerecht werden. Im Zuge dieser Erkenntnis ist die Forschung also von einer moralischen Deutung abgerückt, da nun davon ausgegangen wird, dass eine eindeutige Lesart dem kleistschen Oeuvre nicht gerecht werde. Mit seinem Aufsatz „Der Findling. Ein Plädoyer für Nicolo“ setzt Schröder im Jahre 1985 einen Meilenstein für die Findling-Forschung, denn er begreift den um Identität ringenden Nicolo selbst als Opfer misslicher Umstände und sieht die Ursache der grauenvollen Entwicklung in dem familiären System.
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3 Familiäre Strukturen im Findling
3.1 Das piachische Stellvertretersystem
Bei eingehender Betrachtung der intrafamiliären Beziehungen der Piachis, erkennt der Leser, dass die natürliche Ordnung einer künstlichen weicht, da das auf Blutsverwandtschaft basierende Fundament der dargestellten Familie durch den Tod gänzlich abhandenkommt. Zunächst wird der ursprünglichen und damit natürlichen Familie, bestehend aus Antonio Piachi, seiner ersten Ehefrau und dem gemeinsamen Sohn Paolo, der weibliche Part entrissen, welcher in der jungen Elvire Ersatz findet. Mit dem Tod Paolos löst sich dann die letzte bestehende real-familiäre Bindung auf und wird unmittelbar durch das adoptive Verhältnis zu Nicolo substituiert. Antonio Piachi ist nicht nur Oberhaupt und Profiteur der Substitutionsmaschinerie, auch er ist Stellvertreter. Er ersetzt Nicolo den Vater und Elvire den Mann an ihrer Seite, zumindest auf gesellschaftlicher Ebene. Sie selbst hat ihre Liebe allerdings ihrem verstorbenen Retter Colino verschrieben und so kann sie im Umkehrschluss Piachi auch nur auf dem Papier die Ehefrau substituieren; mit dem Eheschluss fungiert sie zunächst als Stiefmutter für den kleinen Paolo und als dieser stirbt, als Adoptivmutter für Nicolo. Nicolo selbst muss den Verlust Paolos ausgleichen und soll nun die Rolle des Kindes und des geschäftlichen Nachfolgers für Piachi in der Familie übernehmen. Durch die scheinbar verblüffende physiognomische Ähnlichkeit zu Colino und den geringen Altersunterschied zu Elvire, kommt zu dem Verhältnis zwischen dem heranwachsenden Nicolo und seiner Stiefmutter eine erotische Komponente hinzu, die einen normalen Umgang innerhalb der Familie noch komplizierter macht.
Durch seine Waisenschaft ist Nicolo zum Substitut geradezu prädestiniert; er muß jedem das ihm Fehlende ersetzen, sei es familialer, ökonomischer oder erotischer Natur. […) Die einzelnen Mitglieder der Familie - mit Ausnahme des Vaters - sind austauschbar; die Grundstruktur der Familie wird auch bei wechselnden Personen durchgehalten. (Anker-Mader 1992: 61)
Vordergründig macht die neu entstandene Familie einen tadellosen Eindruck, intern ist sie aber von Anfang an von Zerrissenheit geprägt; ihr fehlt die naturgemäße bedingungslose Liebe und das damit verbundene Urvertrauen. Sobald ein Mitglied die ihm zugedachte Rolle und die daran geknüpften Erwartungen nicht erfüllt, hat dieser Mangel auf emotionaler Ebene massive Folgen für das familiäre Miteinander: die Enttäuschung kann nur schwer mit Nachsicht verziehen werden, die Liebe ist also an Bedingungen geknüpft. Damit diese
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Arbeit zitieren:
Amelie Prittwitz, 2010, Familienstrukturen im Findling, München, GRIN Verlag GmbH
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