Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung: Venedig als Weltmacht unter Ruder und Segel. 3
II. Exkurs: Entstehungsgeschichte der Republik Venedig. 5
III. Aufstieg: Institutionen als Voraussetzung für Wirtschaftskraft. 9
A) Verfassung, Gesetzgebung, Regierung und Justiz. 10
B) Verwaltung und Polizei. 11
)C Wirtschafts- und Finanzverfassung, Transport- und Nachrichtenwesen. 12
D) Militär. 16
IV. Weltmacht: Vom „Trading Post Empire“ zur imperialen Seemacht. 17
V. Abstieg: Neue Konkurrenten und Niedergang der Republik. 19
VI. Fazit: Die „Serenissima Republica“ als Prototyp einer modernen Wirtschaftsmacht? 21
VII. Literaturverzeichnis. 23
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I. Einleitung: Venedig als Weltmacht unter Ruder und Segel
„The problems that most believed would be contained to the mortgage markets have
spread to our credit markets, our banking system, and every area of our financial sys-
tem. As incredibly painful as this is for all those connected to or affected by Lehman
Brothers - this financial tsunami is much bigger than any one firm or industry. [...] This
is a crisis for the entire global economy.“
Mit diesem Statement begann Richard S. Fuld, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Bank Lehman Brothers, seine Aussage vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses Anfang Oktober 2008 (Fuld 2008). Fuld sollte dort neben anderen führenden Managern zur Pleite seines Bankhauses aussagen, die den Beginn einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise markierte. Diese Krise, vom Ökonomen Alan Greenspan als „Jahrhundertphänomen“ bezeichnet (Washington Post 2008), erfasste nahezu alle Volkswirtschaften unserer globalisierten Welt - und wird auch in den kommenden Jahren zu erheblichen Auswirkungen nicht nur auf die Finanzwirtschaft, sondern vor allem auf die Realwirtschaft führen - und damit nachhaltige Einflüsse auf unser Wirtschafts- und Gesellschaftsleben haben.
Die Frage ist jedoch, ob die gegenwärtige Krise ein singuläres Ereignis ist, das welthistorisch keinen Vergleich erlaubt. Öffentliche Kommentierungen zur Krise enthielten zumeist den Vergleich zur „Great Depression“ zu Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Doch ist der Vergleichsmaßstab tatsächlich auf das Zeitalter der industrialisierten Weltwirtschaft seit dem 19. Jahrhundert begrenzt - oder können auch viel weiter zurückliegende Wirtschaftskrisen ausgemacht werden, die ebenfalls globale Folgen für die damalige Welt hatten? Denn: Die dem Zusammenbruch von Banken folgenden erheblichen Auswirkungen auf die Realwirtschaft sind keine Folgen, die sich ausschließlich in der Neuzeit verorten lassen.
Zwischen 1300 und 1346 erfasste eine Welle von Bankenpleiten die oberitalienischen Städte, die selbst wirtschaftlich nahezu vollständig vom spekulativen Geldhandel abhängig waren. In der Folge verdoppelten sich allein in Venedig zwischen 1320 und 1344 die Preise, was zu enormen Einbrüchen in der Realwirtschaft führte. So brachte der Überseehandel zuletzt nur noch ein Drittel der Schiffsmieten ein, was zu einer Verdreifachung der venezianischen Staatsschulden führte (Feldbauer / Morrissey 2004: 93). Besonders spektakulär ist der Crash des Bankhauses Peruzzi & Bardi, das 1342 in Konkurs ging. Die Ursache war ein Übermaß ein spekulativer Gier, die schon damals glo-
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bale Ausmaße angenommen hatte: Die florentinische Bank finanzierte mit ihrem aus dem toskanischen Tuchhandel angesparten Kapital den englischen Königen Edward II. und III. deren Hofhaltung und die Militär- und Flottenausgaben. Als das Königreich zahlungsunfähig wurde, brach nicht nur die Wirtschaft Englands ein - auch die oberitalienischen Städte blieben auf ihren ungedeckten Krediten sitzen. Infolgedessen bluteten die Landschaften Oberitaliens wirtschaftlich aus (Schümer 2008).
Dieses Beispiel soll illustrieren, wie individuelle Gier schon weit vor unserer Zeit zu gesamtwirtschaftlichen Krisen mit globalen Folgen geführt hat. Der Blick auf die Finanz- und Wirtschaftskrise im 14. Jahrhundert in Oberitalien weist „überraschende Übereinstimmungen“ mit der heutigen Krise auf (Schümer 2008). Wer sie aber sinnvollerweise vergleichen will, muss zuerst die konservative Einteilung der Weltgeschichte in Phasen beiseite stellen und eine neue Verwendung des Begriffs „Kapitalismus“ herbeiführen - dazu kann zuvorderst Wallersteins Weltsystemtheorie herangezogen werden, inklusive der Redefinition des Kapitalismusbegriffs (Wallerstein 1995: 256). Dies bedeutet auch, den Begriff der „Globalisierung“ neu zu verwenden - eben nicht begrenzt auf die Entwicklung seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Vertreter dieses systemischen Ansatzes der Weltgeschichte finden die Anfangslinien der Globalisierung im späten fünfzehnten und frühen sechszehnten Jahrhundert. Tatsächlich fand globaler Handel schon weitaus früher statt - beginnend mit der Geschichte der Seerepublik Venedig. Die Serenissima kann als Prototyp einer modernen Welthandelsmacht verortet werden: Die Republik fungierte als Drehscheibe im Ost-West-Handel mit einem globalen Informations- und Kapitalnetz, basierend auf einem staatlichen Fundament, das Handel enorm begünstigte (Exenberger 2004: 2-8). Diese Grundlagen ermöglichten nicht zuletzt den Höhepunkt der venezianischen Geschichte - den Weltmachtstatus zwischen 1150 und 1500 (Feldbauer / Morrissey 2004: 10).
Die vorliegende Arbeit hat eben diese Entwicklung zum Gegenstand: Wie konnte Venedig zur wirtschaftlichen Weltmacht aufsteigen, wie bewährte es sich und warum folgte im 16. Jahrhundert der unvermeidliche Abstieg? Die Untersuchung dieser Entwicklung soll am Ende die These bestätigen, dass Venedig gerade aufgrund seines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Institutionensystems zu Weltrang gelangen konnte. Deswegen folgt nach einem Exkurs in die Entstehungsgeschichte Venedigs (II) eine Analyse des Institutionensystems der Seerepublik (III), um die Grundlagen für die wirtschaftliche Expansion Venedigs zu belegen. Danach wird die Position Venedigs als Weltmacht
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unter Berücksichtigung wirtschaftlicher und politischer Strategien betrachtet (IV), worauf schließlich eine Übersicht über die Gründe für Venedigs Abstieg folgt (V). Die Arbeit schließt mit einem Fazit über den prototypischen Charakter Venedigs als Beispiel für eine moderne Wirtschaftsmacht (VI).
Schon an dieser Stelle kann festgestellt werden: Wirtschafts- und Finanzkrisen mit globalen Ausmaßen sind keine Ereignisse unserer Zeit - sie wirken seit vielen Jahrhunderten auf die Lebensrealität der Menschen. Grundlage dafür ist immer die „Gier [Einzelner], die über Leichen geht“ (Schümer 2008) - die Gier nach mehr Profit, auch unter größtem Risiko. Am Beispiel Venedigs lässt sich zeigen, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen eben dieses unbegrenzte Streben nach Profit begünstigen - und dass die Regulierung privaten Gewinnstrebens unabdingbar für die relative Stabilität unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ist. Insofern hofft der Autor, mit dieser Arbeit auch einen kleinen Beitrag zur Beurteilung heutiger Fragestellungen zu leisten.
II. Exkurs: Entstehungsgeschichte der Republik Venedig
Zur Entstehungsgeschichte Venedigs existieren allerhand Mythen - in ihnen spiegelt sich das Bedürfnis, über die Geschichtsschreibung zur Lagunenstadt eine besondere weltgeschichtliche Bedeutung zu konstruieren. So sei die Republik als legitime Nachfolgerin des römischen Weltreichs einzuordnen, welches wiederum nach dem Fall Trojas aus dessen Trümmern entstanden sei. Demnach besiedelten die „Gefärten des Aeneas […] den östlichen Zipfel der Poebene“, auf welche die Veneter wiederum ihre Abstammung beziehen. Schließlich seien die ursprünglich an der Küsten siedelnden Bewohner vor dem Hunnenkönig Attila auf die Inseln der Lagunen geflüchtet (Rösch 2000: 22).
Tatsächlich sind die Laguneninseln bereits seit der Antike besiedelt, vornehmlich von Fischern und Salzproduzenten. Befestigte Bauten existierten nicht auf den Inseln, einzig eine Festungsanlage sei auf einer Insel der Stadt nachweisbar. Den Beginn Venedigs als Stadt markieren dann erst wohlhabende Bürger, die auf den Inseln seit dem 6. Jahrhundert ihre Landsitze errichten, um den Sommer auf den Sandbänken am Meer zu verbringen. Im Rahmen der Auseinandersetzung zwischen Byzanz und den Ostgoten unterstützten diese ersten Bewohner mit ihren Schiffen die Byzantiner, eine anschließende Flüchtlingswelle vom Festland aus ließ die Bevölkerungszahl auf den Inseln der
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Lagune rapide ansteigen (Feldbauer / Morrissey 2004: 16).
Nach der Auflösung des Römischen Reichs fiel das Gebiet Venedigs nicht wie andere oberitalienische Städte unter die Herrschaft germanischer Stämme, sondern wurde von römischen Beamten verwaltet, die weiterhin von Byzanz aus ernannt wurden. Das gesamte Gebiet am oberen westlichen Ende der Adria wurde als unerobertes Gebiet betrachtet, zuerst ohne die Anerkennung Venedigs als wirkliches Zentrum. Stattdessen wurde die religiöse Obermacht vom Patriarchen von Grado ausgeübt, währenddessen die byzantinische Militärverwaltung von Ravenna aus operierte und in Venedig nur sogenannte Tribunen bestellt hatte (Lane 1980: 18-22).
Erst 697 wurde mit Paoluccio (Paulutius) ein eigener Doge für Venedig eingesetzt. Byzanz versuchte nach dessen Tod im Jahre 717 die Herzogtümer Venedig und Istrien wieder zu vereinigen, was am Widerstand der venezianischen Aristokratie scheiterte. Schließlich wurde ab 726 mit Orso der erste Doge von den Venezianern selbst gewählt; Byzanz musste die Wahl der Veneter nun im Nachgang bestätigen. Damit erlangte Venedig besondere Eigenständigkeit, war aber nach wie vor an Byzanz gebunden. Erst mit dem Fall des Exarchats von Ravenna gewann Venedig als eigenes flächiges Gebiet an Bedeutung, da die vorigen Nachbarn, die die Herrschaft über Venedig mit ausgeführt hatten, nun selbst von den Franken beherrscht wurden - Venedig aber widerstand der Eingliederung in das Frankenreich und blieb weiterhin Teil des byzantinischen Einflussgebiets (Heller 1999).
Als Gründungsdatum der Stadt wird von venezianischen Geschichtsschreibern jedoch ein viel früheres Datum angegeben - der 25. März 421. Dieser Tag wurde mit Bedacht gewählt - man setzte bewusst auf die Parallele zu Rom, das ebenfalls an diesem Tag gegründet worden sein soll. In diesen Zusammenhang gehört auch die Sage vom heiligen Markus, der fortan als Schutzheiliger der Stadt gelten sollte. Mit einer geschickten Legendenbildung wurde die Verbringung der Gebeine des Markus nach Venedig als weltgeschichtlicher Akt dargestellt, der der Stadt nachhaltig den Rang sichern sollte: Im Jahr 828 erwarben venezianische Kaufleute unter dubiosen Umständen die Überreste des Heiligen und brachten sie in den Dogenpalast nach Venedig. Der Markus-Kult führte zur Schaffung einer Reihe von Insignien und Symbolen, so u.a. ab dem Jahre 1000 von Markusbannern. Viel wichtiger ist aber der politische Wert der Reliquie: Dadurch konnte Venedig gegenüber Byzanz eine weitgehende Eigenständigkeit sicherstellen und gab sich selbst den Titel „Serenissima Repubblica di San Marco“ (Rösch 2000: 22-26).
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Arbeit zitieren:
Maximilian Schmidt, 2008, Venedig – Weltmacht unter Ruder und Segel, München, GRIN Verlag GmbH
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