Inhaltsverzeichnis
1. Das Reizthema „Kultur“ in der aktuellen Debatte um den EU - Beitritt der Türkei 3
2. „Kultur“ als Mittel zum Zweck: Unterschiedliche Kulturargumente und unterschiedliche Europa -
Konzepte 4
2.1 „Kultur“ als Hindernis für eine europäische Integration - nationalstaatliche Sichtweisen 4
2.2 Das Kulturargument im Kontinentalstaat 6
2.2.1 Vergleich der universalistischen mit der nationalstaatlichen Sicht 7
2.3 Der kosmopolitische Kulturbegriff im europäischen Empire 8
2.3.1 Vergleich der kosmopolitischen mit der nationalstaatlichen und der universalistischen Sicht 11
3. Zur kritischen Bewertung der vorgestellten Konzepte 13
4. Quellenverzeichnis 14
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1. Das Reizthema „Kultur“ in der aktuellen Debatte um den EU -Beitritt der Türkei
Als der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan im Februar 2008 bei einem Deutschlandbesuch seinen Landsleuten zur Integration riet, Assimilation aber zu „einem Verbrechen an der Menschheit“ (Hermann 2008, faz.net) deklarierte, rief dies europaweite Kritik hervor. Es unterstrich zudem die Ansicht einiger Europäer, die Türkei sei für einen Betritt in die EU (noch) nicht bereit. Die Debatten, die Erdogans Rede ausgelöst hat, lassen schon ahnen von der gewaltigen Macht, die Kultur in der heutigen Europa-Diskussion besitzt. Denn Kultur kann sowohl als Hindernis für eine europäische Integration, als auch als Lösung europäischer Probleme gesehen werden. So ergeben sich anhand unterschiedlicher Auffassungen von Kultur unterschiedliche Konzepte, die entweder für oder gegen eine zunehmende Integration Europas sprechen und aus denen man schließen kann, wie ein zukünftiges Europa aussehen könnte.
Mittels einer Interpretation und Analyse ausgewählter Texte werde ich in dieser Arbeit versuchen, die verschiedenen Kulturargumente herauszuarbeiten. In einem weiteren Schritt werde ich aufzeigen, welche Entwicklung sich je nach dem verwendeten Kulturargument für Europa ergeben kann. Anschließend werden die unterschiedlichen Konzepte miteinander verglichen und diskutiert.
Zunächst möchte ich aber darstellen, mit welchem Kulturbegriff gearbeitet wird, also was Kultur denn eigentlich bedeutet. Ich verwende den Kulturbegriff der Volkskunde/Europäische Ethnologie, den so genannten erweiterten Kulturbegriff. Dieser ist nicht zu verwechseln mit dem, was traditionell unter Hochkultur oder schöner Kultur, also den bildenden Künsten, verstanden wird. Es geht demnach nicht um Werke der Literatur, des Theaters oder der Musik, die den menschlichen Alltag aufwerten, sondern um die „Gesamtheit menschlichen Symbolschaffens“ (Gerndt 1997, S. 35). Betrachtet wird die „gesamte Wirklichkeit im Spiegel des menschlichen Bewusstseins“ (ebd., S. 35), also alles das, was übrig bleibt, wenn man „Natur“ abzieht. Der erweiterte Kulturbegriff bezieht sich also auf materielle Gegenstände ebenso wie auf Verhaltensformen, Wert- und Normenvorstellungen bis über Glaubensansichten und Sprachmuster und erfasst ebenso traditionelle Kontinuitäten wie auch den Wandel der kulturellen Ausdrucksformen.
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2. „Kultur“ als Mittel zum Zweck: Unterschiedliche Kulturargumente und unterschiedliche Europa - Konzepte
2.1 „Kultur“ als Hindernis für eine europäische Integrationnationalstaatliche Sichtweisen
Gerade Europa-Skeptiker berufen sich gerne auf den abgegrenzten Kulturraum der Nationalstaaten. Innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen hat sich demnach eine homogene Kultur herausgebildet, deren Ausdrucksmittel eine gemeinsame Sprache, Religion, aber auch die jeweilige Staats- und Regierungsform ist. Diese Homogenität nach innen führt zur Herausbildung von klaren Strukturen und Normen, die wiederum reglementierte Lösungsansätze bei Konflikten bereithalten. So werden die Nationalstaaten vielfach als Erfolgsmodell gefeiert, da sie einerseits Schutz im Inneren bieten und durch eindeutige Grenzziehung und die zunehmende Demokratisierung im 20. Jahrhundert Konflikte mit anderen Staaten andererseits immer unwahrscheinlicher werden.
Diese klaren Strukturen werden von der heutigen Transnationalisierung immer mehr bedroht. Grenzüberschreitendes Handeln in der globalisierten Welt durch die
Telekommunikationstechnologien oder auch die wirtschaftliche Vernetzung lässt die Trennlinien der Nationalstaaten immer brüchiger werden. Doch das Bewusstsein der Bevölkerung ist nach wie vor anfällig für zwischenstaatliche Rivalitäten und Interdependenzen, hat die Unterscheidung von Innen und Außen stark verinnerlicht. (Vgl. Offe 2001, S. 429)
„Die Europäer fühlen sich (…) ganz überwiegend Ländern oder Regionen und nicht der EU zugehörig.“ (Ebd., S. 428)
Kulturelle Einflüsse von außerhalb führen also zwangläufig zu Spannungen im Inneren und schüren die Angst der Bevölkerung, den festen nationalstaatlichen Rahmen aufgeben zu müssen und mit schlecht strukturierten Konfliktlagen konfrontiert zu werden. Eine zunehmende Transnationalisierung führt also demnach zu einer Entfesselung des Naturzustandes, des Kampfes aller gegen alle, in dem jeder Einzelne seine Kultur gegen andere verteidigen muss. (Vgl. Ebd., S.431)
„Es fehlt der verbindlich festgelegte institutionelle Rahmen, der es gestatten würde, die vieldimensionale, unübersichtliche und unkalkulierbare Gefahrenlage eines „Naturzustandes“ in fest umrissene soziale Konflikte zu transformieren, auf der sich verlässliche Regeln der Repräsentation und Verfahren der Kompromissbildung anwenden lassen.“ (Ebd., S. 431)
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Vor diesem „Naturzustand“ verspricht nur der Rückzug zum Nationalstaat mit seinen festen Grenzen und Regeln wirklich Schutz.
Was ergibt sich daraus nun für Europa und eine europäische Integration? Die Gesellschaften der europäischen Länder zeichnen sich nicht nur durch geringe kulturelle Unterschiede aus, sondern man muss von komplett verschiedenen, historisch gebildeten kollektiven Identitäten sprechen. Man kann also innerhalb der Nationalstaaten homogene Kulturen ausmachen, innerhalb Europas dagegen ein buntes, heterogenes Sammelsurium verschiedenster kultureller Hintergründe. Für die europäische Integration bedeutet dies, dass man von keiner einheitlichen europäischen Gesellschaft sprechen kann.
„Da es kein europäisches Idiom gibt, gibt es keine europäische Öffentlichkeit, die durch europaweite Medien und ihr Publikum zu konstituieren wäre.“ (Ebd., S. 428)
Wie kann unter solchen Umständen ein europäisches Regierungshandeln möglich sein?
Nach Dieter Grimms Verfassungsverständnis muss die politische Legitimation einer Verfassung immer auf den „Akt eines Staatsvolkes zurückgehen“ (Kleger et al. 2002, S. 279). Europa kann nun aufgrund seiner kulturellen Unterschiede niemals ein Staat sein. Wenn es in Europa also kein europäisches Volk gibt, kann es auch keine Verfassung geben. Ohne Verfassung wiederum fehlt es der europäischen Gemeinschaft an einem klaren Regelwerk und die EU ist handlungsunfähig und uneffektiv. Ein uneffektives System, und hier schließt sich der Kreis, bietet der Bevölkerung keine ausreichende Legitimitätsgrundlage, auf Grund derer die Menschen entscheiden könnten, ihr Vertrauen in die EU zu setzen. Eine Abwendung von den Nationalstaaten hin zu Europa scheint für die Bürger nur dann sinnvoll, wenn Europa die Rolle der Staaten übernimmt, also den Naturzustand bändigt und den gleichen Schutz und Wohlstand bietet. Ein handlungsunfähiges Europa kann diesen Wünschen in keiner Weise entsprechen. Hier wird das Paradox deutlich, in dem die europäische Union gefangen ist:
„Benötigt wird jetzt schon ein effektives Regierungshandeln, aber dieses setzt Legitimitätsgrundlagen voraus, die (allenfalls) erst später zu gewinnen sind.“ (Offe 2001, S. 435)
Zusammenfassend kann man hier nachvollziehen, inwiefern Kultur als eines der größten Hindernisse für eine europäische Integration betrachtet wird. Die kulturellen Unterschiede in den Ländern führen zu einer Aufwertung der Nationalstaaten und einer damit einhergehenden
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Arbeit zitieren:
Katharina Heinz, 2008, Das Kulturargument in der Europadiskussion, München, GRIN Verlag GmbH
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