1. Einleitung
„Die Schönheit von Robert Bressons Filmen ist eine der reinen Informationen. Es scheint, dass kein anderer Filmemacher jemals - so leidenschaftlich - eine so direkte Kommunikation mit dem Betrachter (gemeint ist hier ein Verhältnis der Gleichheit, nicht das einer Unterordnung, wie etwa bei Hitchcock) gesucht hat“. Jacques Rivette 1
Robert Bresson (*25. September 1901 in Bromont-Lamothe; † 18. Dezember 1999 in Paris) war einer der größten Filmregisseure des 20. Jahrhunderts. In den dreißiger Jahren beschäftigte er sich zum ersten Mal mit dem Film. Er schrieb an mehreren Drehbüchern mit und inszenierte 1934 den Kurzfilm, „Les affaires publiques“. Eine Komödie, die lange Zeit als verschollen galt, von der in den neunziger Jahren aber eine Kopie gefunden wurde. 1943 drehte er seinen ersten Langfilm als Regisseur, „Les Anges du Péché“. Insgesamt führte Bresson bei vierzehn Filmen Regie. Weltbekannt wurde zum Beispiel „Pickpocket“, der 1959 herausgebracht wurde. Auf verschiedenen Festivals erhielt Bresson Preise. Unter anderem 1951, den Großen Preis der Biennale Venedig für „Journal d’un curé de campagne“, 1962 den Spezialpreis der Jury in Cannes für „Procès de Jeanne d’Arc“ und 1977 den Spezialpreis bei den Berliner Festspielen für „Le diable probablement“ 2 . Besonders interessant finde ich, dass Bresson ab dem Film „Les dames du bois de Boulogne“ seine Figuren nur noch mit Laien besetzte. In der folgenden Hausarbeit werde ich mich zunächst damit befassen, aus welchem Grund Bresson sich gegen professionelle Schauspieler entschied.
Kann sich der Betrachter deshalb besser mit den Figuren identifizieren? Daraus ergibt sich für mich die Frage, wer die Figuren, welche die Modelle darstellen, sind. Sind Laien für die Besetzung der Rollen am Besten geeignet? Ich betrachte deshalb im Anschluss einige seiner Protagonisten näher und versuche Parallelen zwischen den verschiedenen Hauptfiguren der Filme festzustellen. Dabei gehe ich besonders auf die Filme „Journal d’un curé de campagne“, „Un condamné à mort s’est échappé“, „Pickpocket“, „Procès de Jeanne d’Arc“ und „Mouchette“ ein.
1 Vgl Cahiers du cinéma, 14.8.1959
2 http://archive.sensesofcinema.com/contents/directors/02/bresson.html
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2. Laien als Hauptfiguren
Seit seinem zweiten Film „Les Dames du Bois de Boulogne“ (1945) setzte Robert Bresson in seinen Filmen keine professionellen Schauspieler mehr ein. Er bezeichnete die meist sehr jungen Laien nicht als Schauspieler, sondern nannte sie fortan „Modelle“. Laut Bresson wird durch dieses unprofessionelle Spielen ihre Unschuldigkeit betont. Er sieht in Laien die Authentizität eines Charakters garantiert. 3 In seinen Noten zum Kinematographen schreibt er: „Keine Schauspieler. (Keine Schauspielführung). Keine Rollen. (Kein Rollenstudium). Keine Inszenierung.
Sondern die Verwendung von Modellen, aus dem Leben genommen. SEIN (Modelle) anstatt SCHEINEN (Schauspieler).“ 4
Wichtiger als das was die Modelle ihm zeigen, ist ihm, was sie nicht zeigen, das was sie selbst nicht in sich vermuten. 5 Seiner Meinung nach ist ein Modell „eingeschlossen in seine geheimnisvolle Erscheinung. Es hat alles zu sich zurückgeholt, was von ihm außen war.“ 6 In einem Brief an Karsten Witte schreibt er, dass seine Ablehnung professioneller Schauspieler aus der generellen Ablehnung des Theaters und dessen Konventionen käme. Man solle „Schluss machen mit den Berufsschauspielern, mit ihrer Mimik und ihrer Diktion und lieber natürliche Menschen einsetzen.“
Schauspieler mit ihrem unbedingten Willen zu „spielen“ und Szenen zu „formen“, störten oft die konzentrierte, klare Oberfläche eines Films, durch die auf dessen Grund hinabgeblickt werden soll. Bresson sucht die Darsteller nach ihrer, wie er es nennt‚ moralischen Ähnlichkeit’ mit den darzustellenden Personen aus, Berufsschauspieler hätten es verlernt ihr eigenes Ich natürlich darzustellen. „Wozu Berufsschauspieler, wo ich doch nur Gesichter und Körper benötige, Wesen, die nicht in Erscheinung treten, sondern durchscheinend, transparent wirken sollen für das Licht einer Idee.“ 7
Warum sollte beispielsweise die Darstellerin der Jeanne d’Arc in großen schauspielerischen Ausbrüchen die Verzweiflung über ihr Schicksal deutlich machen, wenn eine Aufnahme ihrer Fesseln und des Verlieses uns genauso oder besser zeigt, was Gefangenschaft bedeutet?
3 Vgl Laurans 1967, S. 39
4 Bresson 1980, S. 7
5 Vgl Bresson 1980, S. 7-8
6 Bresson 1980, S. 13
7 Vgl Krusche 1969, S. 10
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Bresson ist es viel wichtiger, dass seine Darstellerin dem Publikum zeigt, wer Jeanne war. Sie soll uns durch ihr eigenes Ich eine Vorstellung von Jeannes Seele vermitteln. Er überlässt die Darsteller allerdings nicht vollkommen ihrer Individualität. Einige Szenen wurden bis zu 50 Male geprobt. Bresson baut die Darsteller in eine Szene ein und lässt sie diese so lange spielen, bis sie sich wohl fühlen. Laut Dieter Krusche wirken die Filme aus dieser starken Zusammenarbeit des Regisseurs mit seinen Darstellern für den Zuschauer sehr nah und greifbar. 8
Wichtig ist ihm auch, dass die Stimme des Spielers ganz natürlich klingt. Eine unausgebildete Stimme zeige uns das tiefe Innere und die Philosophie einer Figur. 9
3. Bressons Figuren
a) Allgemeines über die Helden
Bei Bressons Hauptfiguren handelt es sich um Außenseiter der Gesellschaft. Meist sind es einsame, bedrohte, zu kurz gekommene Personen. Zunächst findet keine von Bressons Figuren im Leben Erfüllung. Sie verkörpern eine Mischung aus Unnachgiebigkeit und Jugendlichkeit. Die Figuren gehen keine Kompromisse ein und überlassen nie anderen die Initiative.
Außerdem sind sie bereit Risiken einzugehen. 10
Der Pfarrer von Ambricourt (Journal d’un curé de campagne) hält der Abneigung der Dorfbewohner, des Grafen und Chantals Stand. Er enthüllt Torcy beispielsweise nicht den Inhalt des Briefes von der Gräfin, den sie vor ihrem Tod verfasste. Er versichert nur, dass er ihr helfen wollte. Fontaine (Un condamné à mort s’est échappé) geht das Risiko ein erschossen zu werden, indem er seinen Stift nicht den Deutschen gibt. Michel (Pickpocket) geht zur Einladung des Inspektors zwar in dessen Büro, gibt seine Diebstähle aber trotzdem nicht zu und Jeanne (Procès de Jeanne d’Arc) stirbt um zu beweisen, dass die Stimmen, die sie gehört hat, echt waren. „Selbst wenn sie mich vierteilen werde ich nichts anderes sagen“ meint sie im Gerichtssaal. Sie beharrt auf ihrer Aussage und lässt sich sogar in Androhung der Todesstrafe nicht bestechen oder überreden. 11
Bressons Figuren zeigen nur selten Emotionen. Sie sind blass, huschen unauffällig an Mauern entlang, öffnen konzentriert mit meist gesenktem Kopf Türen, schließen sie hinter sich
8 Vgl Krusche 1969, S.10
9 Vgl www.lettresbresson-witte/sorbonne.fr
10 Vgl Téléciné, 25.04.1960
11 Vgl Estève 1983, S. 103-104
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Arbeit zitieren:
Dipl. Jonathan Lecot, 2006, Robert Bresson: Gemeinsamkeiten der Hauptfiguren, München, GRIN Verlag GmbH
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Melancholie in der deutschen Malerei der Romantik
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Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
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