Abstract
Anhand der Gruppierung von Staaten in Wohlfahrtsstaatstypen wird der Frage nachgegangen, ob Konfigurationen des Wohlfahrtsstaates die Ausstattung an sozialem Kapital in einem Land erklären können. Zwei Dimensionen sozialen Kapitals, „soziales Vertrauen“ und „Normen der Reziprozität“, werden dabei jeweils als abhängige Variable betrachtet. Zentrale Kategorie zur Erklärung der beiden Dimensionen bildet die wahrgenommene Nähe, Gleichheit der Menschen zu- bzw. untereinander. Es wird unterstellt, dass der Typ wohlfahrtsstaatlicher Institutionen die wahrgenommene Gleichheit der Menschen in einem Land beeinflusst. Darüber hinaus werden zwei weitere, konkurrierende Erklärungsfaktoren betrachtet, von denen angenommen wird, dass sie ebenfalls einen Einfluss auf die wahrgenommene Nähe der Menschen und somit auf die beiden betrachteten Dimensionen sozialen Kapitals haben: Die Einkommensungleichheit sowie die ethnische Heterogenität als ökonomische bzw. soziokulturelle Merkmale eines Landes. In der zugrunde gelegten Modellierung hat der Faktor Wohlfahrtsstaatstyp als einziger einen Effekt auf soziales Vertrauen. Hinsichtlich Normen der Reziprozität lässt sich für keinen der drei betrachteten Faktoren, Einkommensungleichheit, ethnische Heterogenität und Wohlfahrtsstaatstyp, ein Effekt feststellen.
II
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Wohlfahrtsstaatsregime. 2
3. Der Wohlfahrtsstaat als institutionelles Arrangement 4
4. Dimensionen von Sozialkapital: Soziales Vertrauen und Normen der Reziprozität im
Kontext des Wohlfahrtsstaates 6
5. Soziales Vertrauen und Normen der Reziprozität im Zusammenhang mit Gleichheit 8
5.1 Normen der Reziprozität in den unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatsregimen 10
5.2 Soziales Vertrauen in den unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatsregimen 12
6. Empirische Befunde 13
7. Schluss. 14
Literatur. 16
Anhang I: Die abhängigen und unabhängigen Variablen für die Länder im Vergleich. 19
Anhang II: Mittelwerte für soziales Vertrauen in den Wohlfahrtsstaatsregimen. 20
Anhang III: Mittelwertvergleich (t-Test) für soziales Vertrauen zwischen dem
sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaatsregime und dem liberalen/korporatistischen
Wohlfahrtsstaatsregime (eine Ausprägung) 20
Anhang IV: Korrelationen zwischen Einkommensungleichheit und ethnischer Heterogenität
mit jeweils Sozialem Vertrauen und Normen der Reziprozität. 20
Anhang V: H-Test nach Kruskal und Wallis: Zusammenhang zwischen
Wohlfahrtsstaatsregimen (Gruppenvariable) und Einkommensungleichheit (α 0,05) 21
Anhang VI: Ergebnisse der multivariaten Regression: Effekte der Variablen ethnische
Heterogenit ät, Wohlfahrtsstaatsregime (dichotomisiert) und Einkommensungleichheit auf
Soziales Vertrauen. 21
Anhang VII: Ergebnisse der Multivariaten Regression: Effekte der Variablen ethnische
Heterogenit ät, Wohlfahrtsstaatsregime (dichotomisiert) und Einkommensgleichheit auf
Normen der Reziprozität 21
III
1. Einleitung
Sozialem Kapital wird nachgesagt, es mache uns „smarter, healthier, safer, richer, and better able to govern a just and stable democracy“ (Putnam 2000, 290). Es stelle eine wichtige Voraussetzung für leistungsfähige und stabile Demokratien dar. Ein angehäufter Bestand an sozialem Kapital gewährleiste nicht nur effektive Regierungstätigkeit, sondern auch erfolgreiche ökonomische Entwicklung. Wenn soziales Kapital nur halb so viel hält wie es verspricht, werden Fragen nach der Möglichkeit seiner Erzeugung unmittelbar bedeutsam. Wenn Soziales Kapital oder sein Mangel, wie Putnam (1993) unterstellt, in sich selbst verstärkenden Kreisläufen reproduziert wird, scheinen exogene Einflüsse zu seiner Steigerung kaum möglich. Ein wichtiger Aspekt des Konzeptes Sozialkapital ist der Fokus auf soziale Prozesse. Damit einhergehen kann jedoch in den Worten von Lowndes und Wilson eine „specific - and fundamental - weakness in Putnam's argument: his neglect of state agency“ (Lowndes/Wilson 2001, 631). Trifft die Behauptung zu „government plays an important role in 'framing' civil society“ (Lowndes/Wilson 2001, 631), welche Formen von institutional design mögen welchen Effekt auf das Soziale Kapital in einem Land haben? In dieser Arbeit wird Sozialkapital im Zusammenhang mit dem Wohlfahrtsstaat betrachtet. Wohlfahrtsstaatliche Konfigurationen greifen in die Produktion, Distribution und Allokation von Ressourcen in einer Gesellschaft ein, berühren prinzipiell (fast) die gesamte Gesellschaft und können recht unterschiedliche Formen von Umverteilung vorsehen. Es wurden bisher einige Versuche unternommen, Wohlfahrtsstaaten zu kategorisieren. Dabei wurden systematische Differenzen in ihren Merkmalen identifiziert. Hier soll nun der Frage nachgegangen werden, ob sich durch systematische Unterschiede in den wohlfahrtsstaatlichen Arrangements Unterschiede in der Ausstattung an sozialem Kapital erklären lassen. Eine Antwort auf die Fragestellung, ob das soziale Kapital durch die Form des Wohlfahrtsstaats erklärt werden kann, trägt dazu bei, Determinanten sozialen Kapitals zu finden und gesellschaftliche und kulturelle Implikationen von wohlfahrtsstaatlichen Konfigurationen zu verstehen.
Die Frage, inwieweit der Wohlfahrtsstaat eine entscheidende Rolle für gesellschaftliche Bedingungen spielen mag, hat Esping-Andersen folgendermaßen gestellt: „Does it [der Wohlfahrtsstaat, P.K.] enhance or diminish existing status or class differences; does it create dualisms, individualism, or braod social solidarity“ (Esping-Andersen 1990, 4)? Die vorliegende Arbeit orientiert sich an der Typologie von Wohlfahrtsstaatsregimen dieses Autors. Unterschieden werden drei Typen von Wohlfahrtsstaaten, die v.a. durch ihren je spezifischen Bezug zur sozialen Schichtung und den Grad der Unabhängigkeit des Lebensstandards der Bürger von Marktbedingungen gekennzeichnet sind. Daran knüpft die zu untersuchende These an, dass diese unterschiedlichen Ausprägungen - und damit die
1
Wohlfahrtsstaatstypen - Unterschiede in der Ausstattungen an sozialem Kapital bedingen. Genauere Vermutungen über den Einfluss des Wohlfahrtsstaatstyps sind auf der Basis der Merkmale dieser Typen abzuleiten. Im zweiten Abschnitt werden daher zunächst die Wohlfahrtsstaatsregime nach Esping-Andersen vorgestellt. Daran anschließend werden im dritten Abschnitt die sozialen Folgen des Wohlfahrtsstaates als institutionelles Gefüge betrachtet. Der vierte Abschnitt stellt den Begriff des sozialen Kapitals vor wie er hier verwendet wird. Hypothesen über die Ausprägungen des Sozialkapitals werden dann im fünften Teil aufgestellt. Es folgt mit dem sechsten Abschnitt die empirische Überprüfung der angenommenen Zusammenhänge. Die Fallauswahl richtet sich dabei nach der genannten Wohlfahrtsstaatstypologie. Da wegen des idealtypischen Charakters der
Wohlfahrtsstaatsregime davon ausgegangen werden kann, dass die einzelnen Länder nicht exakt in dieses Schema passen, richtet sich der Blick in erster Linie auf die Wohlfahrtsstaatstypen und nicht auf die Länder im Einzelnen. Letztere werden im Kontext der Typen Erwähnung finden.
2. Wohlfahrtsstaatsregime
Wohlfahrtsstaaten zeichnen sich durch die Verantwortlichkeit des Staates für die Garantie eines Minimums an Versorgung für seine Bürger aus. Dies impliziert nicht nur die Versorgung seiner Bürger mit einem Satz an Gütern und Diensten, sondern auch die Bekämpfung von Armut (Weale 2007, 475). Die jeweilige konkrete Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates nach Art der Umverteilung und Bereitstellung von Ressourcen kann dabei beachtlich variieren. Als wegweisend für die Erfassung der Zusammenhänge hat sich die Einteilung verschiedener Wohlfahrtsstaatsregime von Esping-Andersen erwiesen (Esping-Andersen 1990). Die Typologie ist in der Wissenschaft nicht unstrittig, insbesondere hinsichtlich der empirischen Validität der einzelnen Wohlfahrtsstaats-regime. Es kann dennoch mit Cousins von einer Affinität von den Typen zu den tatsächlichen Ausprägungen ausgegangen werden (Cousins 2005, 120). So kommen auch Arts und Gelissen zu dem Schluss, dass die Typologie immerhin von deskriptivem und heuristischem Wert sei (Arts/Gelissen 2002, 153). Esping-Andersen unterscheidet „three highly diverse regime-types, each organized around its own discrete logic of organization, stratification aund societal integration“ (Esping-Andersen 1990, 3): einen liberalen, konservativen und sozialdemokratischen Typ. Der liberale Typ zeichnet sich durch eine Tendenz zur Prüfung der Empfänger von Leistungen und zu breit gestreuten aber bescheidenen Transferleistungen aus. Im Vordergrund steht das Funktionieren des Marktes, der für das Regeln der materiellen Bedingungen verantwortlich ist (Esping-Andersen 1990, 26). Über die selbst steuernden Mechanismen des freien Marktes seien die Menschen in der Lage, privat ihr eigenes Wohlergehen sicherzustellen. Entsprechend sollten
2
Vorsorge, Fürsorge und Versicherung privater Art sein und auf Freiwilligkeit beruhen. Der Staat sollte sich aus dem gesellschaftlichen und ökonomischen Bereich so weit wie möglich heraus halten und das Feld den frei handelnden Individuen überlassen. So kann der Wettbewerb zwischen einzelnen Akteuren, auf dem das Funktionieren des Marktes basiert, garantiert werden. Das Ausmaß der Dekommodifizierung, d.h. Abkopplung der Versorgung der Bürger von den Mechanismen des Marktes, ist im liberalen Typ am Schwächsten ausgeprägt. Esping-Andersen sieht als Konsequenz des liberalen Typs das Entstehen eines Dualismus zwischen Arm und Reich (Esping-Andersen 1990, 62-63). Zum liberalen Typ gehören im europäischen Raum nach Esping-Andersen u.a. Großbritannien und Irland (Esping-Andersen 1990). Diese genannten Länder werden an späterer Stelle als zu untersuchende Fälle herangezogen.
In den Staaten des konservativen Typs spielen Korporatismus und ein starker Staat eine zentrale Rolle. Dieser Typ zielt auf den Erhalt der sozialen Schichtung, (Anspruchs-)Rechte sind mit dem sozialen Status eng verbunden (Esping-Andersen 1990, 27). In der Tradition dieses Typs ist das Aufrechterhalten von bestehender Autorität und nicht sozialer Integration von primärer Bedeutung (Esping-Andersen 1990, 40). Das Ergebnis einer solchen Schichtungspolitik ist der Erhalt bestehender Statusunterschiede: „[T]he force of status disctinction, hierarchy, and privilege has been unusually strong“ (Esping-Andersen 1990, 61). Zum korporatistischen Typ gehören u.a. die hier für die Untersuchung ausgewählten Staaten Deutschland, Frankreich, Belgien und Österreich.
Der sozialdemokratische Typ folgt dem Prinzip des Universalismus. Leistung werden tendenziell ohne Prüfung der Empfänger gewährt und beschränken sich nicht nur auf die am wenigsten Begünstigten, sondern beziehen sich auch auf die Mittelschichten. Die wohlfahrtsstaatlichen Leistungen befinden sich insgesamt auf einem hohem Niveau. Dieser Typ weist den höchsten Grad an Dekommodifizierung auf (Esping-Andersen 1990, 27-28). In den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten strebte die Arbeiterbewegung übergreifende und nicht allein Status-gebundene Solidarität an. Gerade in den skandinavischen Staaten waren die Bedingungen dafür günstig: Die weniger starke Geschlossenheit der sozialistischen Gruppen ermöglichte das Ausbilden von Bindungen über die Klassen hinaus. Die Idee des Universalismus konnte sich durchsetzen, andere Klassen konnten in das wohlfahrtsstaatliche Modell als dessen Leistungsempfänger eingebunden werden (Esping-Andersen, 65-67). Als Fälle für den sozialdemokratischen Typ werden hier die Niederlande, Dänemark, Schweden und Finnland herangezogen.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich die Wohlfahrtsstaatsregime vom liberalen über den konservativen hin zum sozialdemokratischen Typ in ihrer Funktion als „agent of stratification“ (Esping-Andersen, 55) unterscheiden. Hinsichtlich der Schichtung hat der
3
Arbeit zitieren:
Pascal König, 2008, Wohlfahrtsstaatsregime und Sozialkapital, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Pascal König hat einen neuen Text hochgeladen
Normen und Normverletzungen. Aktuelle Diskurse der Fachdidaktik Franzö...
Dagmar Abendroth-Timmer, Christiane Fäcke, Lutz Küster, Christian Minuth
0 Kommentare