1 Einleitung
Die folgende Hausarbeit befasst sich mit dem Konzept der Konduktiven Förderung nach András Petö. Dieses Konzept ist eine Methode, um Kinder und Erwachsene mit einer cerebralen Bewegungsstörung gezielt zu fördern und zur Selbstständigkeit anzuleiten. Die Konduktive Förderung wird von (Sonder-) Pädagogen und Medizinern teilweise befürwortet, teilweise ist diese sehr umstritten. Dennoch liefert eine Beschäftigung mit eben diesem Thema wichtige Einblicke in die Vielfalt der (pädagogischen) Konzepte für Menschen mit Behinderung, deren Grenzen und zeigt die Notwendigkeit eines Dialoges in der Pädagogik bezüglich dieses Therapiekonzeptes auf.
Als Grundlage dieser Arbeit dient verschiedene Sekundärliteratur. Der Grund dafür liegt darin, dass Petö selbst sein Konzept in Ansätzen nur unter dem Pseudonym Otto Karl Bärnklau 1 veröffentlicht hat. Die einschlägige Literatur ist nur unter erheblichem Aufwand öffentlich zugänglich. Dennoch wird mittels Sekundärliteratur kurz auf seine Schriften eingegangen.
Aus der Bearbeitung der Literatur ergibt sich die Fragestellung, ob die Konduktive Förderung als eine pädagogisch vertretbare Form der Therapie anerkannt werden kann.
Die Bearbeitung der Fragestellung, erfordert zunächst ein Hintergrundwissen über das Krankheitsbild der Infantilen Cerebralparese, die ihrerseits zu einer Behinderung in der Persönlichkeitsentwicklung und letztendlich auch einer gesellschaftlichen Ausgrenzung führt. Im anschließenden Kapitel wird die Person András Petö und seine Grundgedanken beschrieben, die zur Entwicklung des Konzeptes der Konduktiven Förderung führten. Im weiteren Verlauf wird das Konzept ausführlich dargestellt, um es abschließend aus Sicht der (Sonder-) Pädagogik bewerten zu können.
Die Ausarbeitung des Referates erfolgt rein hermeneutisch, wobei ihr die neue deutsche Rechtschreibung zugrunde liegt. Es sei darauf hingewiesen, dass Zitate aus älterer Literatur dahingehend nicht verändert werden. Zudem wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet.
1 BÄRNKLAU, DR. MED. KARL OTTO (1965): Unfug der Krankheit - Triumph der Heilkunst. Tatsachen und Dokumente. Hanau/ Main: Karl Schustek Verlag.; BÄRNKLAU, DR. MED. KARL
OTTO: Gibt es unheilbare Krankheiten? Nein! (Jahr, Verlag und Erscheinungsort sind der
2 Infantile Cerebralparese Definition
Unter Infantiler Cerebralparese (ICP) wird eine „bleibende, nicht progrediente, jedoch im Erscheinungsbild über Jahre sich ändernde“ Haltungs- und Bewegungsstörung verstanden, die infolge einer prä-, peri- oder postnatalen „Schädigung des sich noch entwickelnden Gehirnes“ entsteht (Wagner 2001: 3; Website Universitätsklinikum Aachen). Dabei ist vor allem die bewusste Steuerung von Bewegungen durch das Gehirn beeinträchtigt, wenn die ICP durch Schädigungen in dem motorischen Steuerzentrum im Gehirn verursacht wird und somit zu einer Störung des Nerven- und Muskelsystems führt (vgl. Weber, 1998: 35).
Ursache
Zu der Entstehung von ICP können verschieden Ursachen beitragen. Laut Kubik ist die Ursache der ICP eine Schädigung der motorischen Neuronen vor der Ausreifung des kindlichen Gehirns, wobei in 85% der Fälle die Pyramidenbahn betroffen ist, seltener auch die Basalganglien oder die Kleinhirnbahnen verletzt sind (vgl. Kubik, 2006). Diese Schädigungen des Gehirns können durch folgende Faktoren hervorgerufen werden (vgl. ebd.; Website Universitätsklinikum Aachen): - Infektionskrankheiten der Mutter während der Schwangerschaft, wie z.B. Röteln, Cytomegalie oder Herpes
- Parasitäre und bakterielle Infektionskrankheiten wie Toxoplasmose oder Listeriose - Vergiftungen durch Medikamenten-, Drogen-, Alkohol- und Nikotinkonsum - Blutgruppenunverträglichkeiten zwischen Mutter und Kind
- Intrauterine Mangelernährung, z.B. aufgrund von Zwillingsschwangerschaften oder Nabelschnurkomplikationen - Sauerstoffmangel oder Stoffwechselstörungen - Hirnblutungen, Hirnmissbildungen oder Enzephalopathien - arterielle oder venöse Gefäßverschlüsse - Schädel-Hirn-Traumata
- Leukenzephalomalazie (eine pathologische Veränderung der Marksubstanz im Zentralen Nervensystem)
Erscheinungsformen
Die durch eine ICP hervorgerufene Haltungs- und Bewegungsstörung äußert sich, abhängig von Ort und Ausmaß der Schädigung des Gehirns in folgenden Erscheinungsbildern, wobei es auch zu Mischformen, z.B. aus Spastik und Athetose kommen kann (vgl. Weber, 1998: 35f.). Merkmal einer Spastik ist die Neigung zur Versteifung der Muskulatur sowohl beim aktiven als auch passiven Bewegen der Gliedmaßen, wobei ein erhöhter Muskeltonus der oberen Extremitäten und gesteigerte pathologische Muskeleigenreflexe oder Muskelzuckungen zu erkennen sind (vgl.
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website Universitätsklinikum Aachen). Die spastische Form kann als Mono-, Di-, Tri- oder Tetraplegie, ebenso als Hemi- oder Paraplegie bestehen (vgl. Weber, 1998: 36f.). Die Athetose oder auch Dystonie hingegen ist durch eine schwankende Muskelspannung, und die Schwierigkeit die mittleren Stellungen eines Gelenkes einhalten zu können, gekennzeichnet (vgl. ebd.: 37). Dadurch werden unkontrollierbare, unwillkürliche, oft verkrampfte Bewegungsmuster deutlich (vgl. Website Universitätsklinikum Aachen).
Die Ataxie, eine Begleiterscheinung der ICP, äußert sich in Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen, durch welche das Ausführen gezielter Bewegungen zu Schwierigkeiten, wie z.B. Schwankungen des Rumpfes, führt (vgl. Weber, 1998: 38). Zugleich besteht nicht selten eine Muskelhypotonie der Bauch- und Rückenmuskulatur und ein erhöhter Dehnungswiderstand der gesamten Muskulatur, die ebenfalls zu erheblicher Erschwerung aller Bewegungen führt (vgl. Website Universitätsklinikum Aachen; Weber, 1998: 38).
Neben diesen, mit dem Krankheitsbild direkt assoziierten Symptomen, entstehen durch den Verlust von Nervenzellen Funktionsstörungen im Gehirn, die gleichzeitig eine Epilepsie, Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten, sowie Beeinträchtigungen der Sinnesorgane und der Leistungen der Perzeption hervorrufen können (vgl. Weber, 1998: 39, Kubik, 2006). Dennoch gibt es Kinder, die sich trotz spastischer Lähmung geistig völlig normal entwickeln und gute bis sehr gute Gedächtnisleistungen erbringen (vgl. Weber, 1998: 38). Denn laut Wagner ist festzustellen, dass die „neurologische-, motorische und visumotorische Entwicklung eine deutliche Abhängigkeit vom Geburtsgewicht zeigt“, die bei Frühgeburten und besonders bei extrem früh Geborenen sehr gering ist, die „intellektuelle und sprachliche Entwicklung, sowie das Zahlenfolgegedächtnis [jedoch] vom Sozialstatus der Eltern abhängig“ ist (Wagner, 2001: 78).
Die im Laufe der kindlichen Entwicklung sichtbar werdenden Beeinträchtigungen können und sollten durch verschiedene Therapiemaßnahmen und auch Hilfsmittel verhindert oder zumindest gelindert werden. Im Verlauf der Zeit sind verschiedene Konzepte und Arten der Physiotherapie zur Förderung von Personen mit ICP entworfen worden, wie z.B. das physiotherapeutische Konzept von Bobath oder Vojta, die Hippotherapie, die Sensorische Integration nach Jean Ayres, die Therapie von Marianne Frostig und das Konzept der Konduktiven Förderung nach Petö (vgl. Kubik, 2006; Website Universitätsklinikum Aachen). Letzteres wird im Folgenden ausführlich dargestellt.
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3 Die Konduktive Förderung nach András Petö
3.1 Petös Grundgedanken
Prof. Dr. András Petö (1893 - 1967), ein ungarischer Neurologe und Pädagoge, begründete in den 40er Jahren die "Konduktive Pädagogik", die seit 1952 an dem von ihm gegründeten Petö-Institut an der Hochschule für Heilpädagogik in Budapest praktiziert wird (vgl. Fink, 1998: 31f; Kallenbach, 1997). Zu Petös Lebzeiten gab es bereits Schulen für Kinder mit Behinderung, allerdings war die damalige Aufnahmebedingung, dass die Kinder selbstständig laufen konnten. Daher entwickelte Petö ein Konzept, um Kindern mit unterschiedlichen, vor allem aber motorischen Behinderungen, den Schulbesuch zu ermöglichen (vgl. Karch et.al, 1997: 2).
Bereits in seiner Kindheit, wurde Petö mit Bewegungsbehinderungen konfrontiert, da sein Vater an Parkinson erkrankte (vgl. Fink, 1998: 31). Während seines Medizinstudiums beschäftigte sich Petö mit Orthopädie, Neurologie, Rehabilitation und Psychiatrie, was letztendlich sein Interesse an Körper und Geist gleichermaßen widerspiegelt (vgl. ebd.: 31f; Tatlow zit. in Fink, 1998: 32). Doch erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde Petö selbst tätig. Er arbeitete innerhalb einer selbst erbauten Versuchsabteilung mit neunzehn für unausbildbar gehaltenen Kindern, für welche er ein strukturiertes Programm entwickelte, mit Hilfe dessen viele dieser Kinder nach zwei Jahren eine Regelschule besuchen konnten (vgl. Fink, 1998: 33).
Petö betrachtete die cerebrale Bewegungsstörung nicht als eine Krankheit, die behandelt werden muss, sondern als eine komplexe Lernstörung, die nicht nur die motorische Entwicklung negativ beeinflusst, sondern sich auf die gesamte Persönlichkeitsentwicklung negativ auswirkt und daher nur mit besonderen Fördermaßnahmen aktiv handelnd überwunden werden kann (vgl. ebd.: 35; Website Bundesverband Fortschritt). Petö sah die Kinder daher nicht als zu behandelnde an, sondern als Lernende, bei denen jener Lernprozess mit besonderen Fördermöglichkeiten in Gang gesetzt werden muss, der bei gesunden Kindern auf ganz natürliche Art und Weise auftritt (vgl. Fink, 198: 35f.). Kinder mit einer cerebralen Bewegungsstörung sollten seiner Meinung nach weder ihrem Alter noch ihrer Defizite entsprechend eingestuft werden, sondern als Kinder behandelt werden, die bei ihrer bestmöglichen Entwicklung einiger Hilfe und Unterstützung bedürfen (vgl. Schuman; Clemens, 1999: 29). Da nach Petö die bestmögliche Förderung durch nur eine Bezugsperson ermöglicht werden kann, schuf er das Berufsbild des Konduktors, das 1963 in Ungarn staatlich anerkannt wurde (siehe dazu Kapitel 3.5).
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Arbeit zitieren:
Diplom-Pädagogin Nadine Janousek, 2007, Das Konzept der Konduktiven Förderung nach András Petö, München, GRIN Verlag GmbH
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