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2. Einleitung
2.1.Motivation und Ziel der Arbeit
Sie lieben sich, sie hassen sich, sie zoffen sich, sie prägen sich. Geschwister und Geschwisterbeziehungen werden allzu selbstverständlich hingenommen und nur spärlich auf ihre Bedeutsamkeit hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung untersucht. Obwohl dynamische Beziehungen zwischen Geschwistern seit Urzeiten existieren, beschäftigen sich Wissenschaftler und Psychologen erst seit circa 25 Jahren intensiv mit der Geschwisterforschung. Inzwischen ist klar: Brüder und Schwestern prägen sich. Geschwister haben und Geschwister sein ist eine der grundlegendsten Erfahrungen und in der Regel die zeitlich längste Beziehung in unserem Leben. Die Geschwisterkonstellation spielt dabei eine wichtige Rolle. Variablen, wie Geburtsrangplatz, Anzahl, Alter und Geschlecht der Geschwister beeinflussen die Entwicklung und Sozialisation von Kindern und Jugendlichen.
Das Ziel dieser Arbeit ist die Bedeutsamkeit der Geschwisterkonstellation hinsichtlich der Persönlichkeitsbildung und Sozialisation zu diskutieren und aufzuzeigen inwiefern die Variablen der Geschwisterkonstellation, die Ausbildung von unterschiedlichen Wesenszügen bei Geschwistern beeinflussen.
2.2. Aufbau der Arbeit
Zunächst möchte ich einen kurzen Einblick in die Historie der Geschwisterforschung geben und aufzeigen, dass der Einfluss von Geschwistern aufeinander schon lang in den Köpfen der Menschen verankert war, die Erforschung dieser jedoch erst sehr spät begann. Anschließend wird näher auf die Variablen der Geschwisterkonstellation eingegangen. Dabei wird zuerst die Bedeutung des Geburtsrangplatzes erläutert und gezeigt wie die Position in der Geschwisterreihe individuelle Eigenschaften prägt. Daraufhin werden der Altersabstand der Geschwister, das Geschlecht und die Anzahl der Geschwister, als wichtige Variablen für die Charakterformung, erläutert. Zum Schluss ist anzumerken, dass die Geschwisterthematik, trotz der geringen Forschungsarbeit, eine sehr komplexe Materie darstellt und es im Rahmen dieser Arbeit lediglich möglich war einen kleinen Einblick zu vermitteln. Deshalb wurde sich hier auf die bisher meist erforschten und empirisch beleg- ten Variablen der Geschwisterkonstellation und ihren Einfluss auf die Persönlichkeit beschränkt.
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3. Einblick in die Historie der Geschwisterforschung
„Geschwister stellen in unserer Kultur ein Thema dar, das in privaten und öffentlichen Kreisen auf Betroffenheit und Interesse stößt, Gespräche und Kontakte schafft, Erinnerungen weckt und Gefühle mobilisiert. Über die Geschwister oder über das Fehlen von Geschwistern lässt sich austauschen, phantasieren.“ 1
Am Häufigsten werden in der Literatur, in den Medien und in der Öffentlichkeit Geschwister als Paar bzw. als Zweierbeziehung behandelt. So findet sich das Geschwisterthema und die Art und Weise, wie sie füreinander fühlen, sei es nun Liebe, Hass oder Rivalität in der Märchenwelt, in der Mythologie, in Biographien, in Romanen und Dramen wieder. Die Geschichte von Kain, der seinen Bruder Abel erschlug, ist wohl eine der ältesten Erzählungen von Geschwisterfeindschaft undeifersucht. In der Märchenwelt, sei es bei „Hänsel und Gretel“, „Schneeweißchen und Rosenrot“ oder bei der „Goldmarie und Pechmarie von Frau Holle“ spielen Beziehungen von Geschwistern eine große Rolle und dienen meist der Verdeutlichung allgemeiner Fragen des Lebens- und Zusammenlebens. 2 Die Überzeugung, dass das Aufwachsen mit Geschwistern die Charakterbildung und das Leben eines Menschen beeinflusst, ist in den Gedanken der Menschen schon lang verankert.
Trotz dieser Erkenntnisse fanden Geschwister und ihre Beziehung zueinander in der Sozialisations-forschung der Neuzeit sehr lang nur sehr wenig Beachtung. Zunächst war es der Individualpsychologe Alfred Adler, der in den zwanziger Jahren Geschwistern eine beträchtliche Bedeutung zumaß und dadurch zum Pionier auf diesem Wissensgebiet wurde. Dabei wies er auf einen mögliche Verbindung zwischen den Variablen der Geschwisterkonstellation und den Eigenschaften eines Menschen hin. Er ging davon aus, dass die Persönlichkeit eines Individuums vom Geburtsrangplatz, sprich der Position, welche es in der Geschwisterreihe seiner Herkunftsfamilie einnimmt, dem Alter, dem Geschlecht und der Anzahl der Geschwister geprägt wird. Diese Erkenntnisse bildeten den Grundstein für weitere, zahlreiche Untersuchungen, welche sich mit der Bedeutsamkeit der Geschwisterbeziehung, insbesondere der Geschwisterposition in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation eines Menschen befassen. Mittlerweile liegt die Bedeutung der Geschwister für die individuelle Entwicklung auf der Hand und wird nicht bestritten.
1 Ley 1995, S. 7
2 Vgl. URL:http://www.elterncoach.ch/pdf/Geschwistereifersuchtweb.pdf [Stand: 08.03.2010]
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4. Variablen der Geschwisterkonstellation
4.1. Geburtsrangplatz
4.1.1. Allgemeines
Die Basis der Geburtsrangplatzforschung bildet die Grundannahme, dass mit einer bestimmten Position in der Geschwisterreihe typische Erziehungs- und Sozialisationseinflüsse verbunden sind, welche die Individualität des Kindes entscheidend formen. Dementsprechend durchleben Kinder des gleichen Geburtsrangplatzes vergleichbare Erfahrungen und weisen somit ähnliche Charaktereigenschaften auf. Die Stellung in der Geschwisterreihe ist für jedes Kind eine einmalige Erfahrung, die dazu beiträgt soziale Kompetenzen auszubilden und zu verfeinern. Darüber hinaus beeinflusst die Geschwisterposition ebenfalls Status- und Machtunterschiede in der Geschwisterbeziehung. Allerdings, so betont Alfred Adler, spielt nicht die Rangposition allein eine entscheidende Rolle, sondern vielmehr die damit verbundene Situation in der Familie, in welche ein Kind hinein-geboren wird und vor allem die Wahrnehmung dieser Situation durch das Kind. Adler legt für das einzige, älteste, zweite bzw. mittlere und jüngste Kind eine Charaktertypologie fest, in der er jedoch nichts Verbindliches sieht. Das heißt es gibt keine starren Strukturen, die besagen das z.B. alle Erstgeborenen die gleichen Merkmale aufweisen müssen, sondern er ist lediglich davon überzeugt, dass jeder Rang ganz spezifische, mehr oder weniger gleichbleibende Situationsbedingungen aufweist, welche zur Förderung gewisser Eigenschaften beitragen. 3
4.1.2. Die Situation des ersten Kindes
Das Erstgeborene steht von klein an im Mittelpunkt der Familie und wächst bis zur Geburt eines weiteren Kindes in der Situation eines Einzelkindes auf. Es erhält die ungeteilte Liebe, Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern. Diese dokumentieren alle Lebensstationen des Kindes durch Fotos und machen Ereignisse und Leistungen, wie gute Schulnoten, zu einer großen, bedeutsamen Angelegenheit, die durch Lob und Anerkennung gefeiert wird. Sie ermuntern und spornen das Erstgeborene zu weiteren Leistungen an. Diese wollen natürlich die Erwartungen ihrer Familienmitglieder erfüllen und möglichst perfekt für sie sein. Daher überrascht es nicht, dass es wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse gibt, welche belegen, dass Erstgeborene eher laufen und sprechen
3 Vgl. Kasten 2003, S.46
Arbeit zitieren:
Kathleen Pickert, 2010, Die Geschwisterkonstellation und ihr Einfluss auf die Entwicklung und Sozialisation von Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag GmbH
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