„Ein großer Teil des Anliegens von Haynes dreht sich um die Begriffe des Natürlichen und des Künstlichen. Die Hinweise auf Oscar Wilde sind nicht zufällig. Er sagte dem Interviewer Rob Nelson in der Zeitschrift City Pages, daß das - von ihm abgelehnte Streben - nach "Realitätsbezogenheit" in der Kunst mit der Art und Weise verbunden sei, "wie wir uns als Gesellschaft verstehen, nämlich in Form von sehr starren Begriffen, unter Bezug auf Modelle, die auf der Natur beruhen.“ 1
1 David Walsh, http://www.wsws.org/de/1998/dez1998/velv-d12.shtml (Stand 19.02.10), 1998.
Inhalt
Seitenzahl
1. Einleitung 01- 2
2. Hauptteil - Kontextklärung
2.1 Theatralik, Imitation und Authentzität 02- 3
2.2 Die 70er und die früher 80er 03- 4
2.3 Camp, Kitsch und Movida madrileña 04- 6
2.4 Zusammenhang: Laberinto de pasiones und Velvet Goldmine 06- 9
3. Die Bühne und ihre Funktion als Metaebene und Umkehrungsprozess? -
Rollen?
3.1 Bühnen als „Cameo“ 09- 11
3.2 Velvet Goldmine und Bühnen 11- 12
3.3 Camp,Trauma und Ästhetizismus? 12- 14
3.4 Die Bühne und ihre Funktion(en) 14- 16
3.5 Verhalten, Rollen und die „Wahrheit als Maskierung“ 16- 18
3.6 Die Bühne als Plattform derWahrheit? - These 18- 19
4. Schlussteil
4.1 Zusammenfassung 19- 29
4 2 Literaturverzeichnis/Anmerkungen 20- 21
1. Einleitung
„Ja ich mach dir nachher mit dem (Sig)Mund Freud.“ 2
Einen Almodóvar-Film ohne Bühnen, mächtig Selbstironie und »muchas extravagancia«? Das kann man sich wohl kaum vorstellen! Oder? Aber nicht nur die Bühne scheint ein zentrales Motiv zu sein, vor allem das „Ein-»Mann«-Theater“, wie z.B. in La mala educatión 3 und dem Gesetzt der Begierde 4 , aber auch als authentisch erscheinendes „Spontan-Stück“ in Todo sobre mit Madre 5 . So gesehen spielt die Bühne, in allen Variationsmöglichkeiten - also mal als Konzert, mal als Theater oder als „Offenbarungsakt“- eine wichtige Rolle in Almodóvars Filmen. Genau wie seine Schauspieler und Figuren, die nicht nur die gängigen Rollen spielen; sondern durch die Bühneninstanz, Rollen innerhalb Rollen spielen: Aber ist es nicht gerade dadurch möglich mit Umkehrungsprozessen zu arbeiten? Ist es dann nicht möglich durch die
Rolle innerhalb der Rolle, die Wahrheit zu offenbaren - das authentische Ich - und sie als Rolle; bloße Maskierung, „erscheinen“ zu lassen. Und wie sieht es bei Haynes mit selbst inszenierten Ermordungen vor Publikum aus? Wie viel Authentizität ist auf Bühnen überhaupt möglich, wenn sie nicht bloß sogar „augenzeugenfreundlich“ für Illusionen ist? Wie hängt da Theatralik mit Authentizität zusammen und was hat dies alles mit dem Ästhetizismus zu tun? Geht es ausschließlich um sinnlichen Hedonismus? Oder wird Authentizität bloß imitiert?
Mit dieser Hauptthese möchte ich kultur- und literaturwissenschaftlich an zwei ganz verschiedene Filme - und irgendwie doch wieder ganz miteinander verwandteherangehen.
Wird diese Möglichkeit in den Filmen bewusst wahrgenommen und damit gespielt? Oder ist es doch die Steigerung der Verfälschung, durch weiteres „in Rollen schlüpfen“? Schließlich gelten beide Individualitäts-Bewegungen, die in den Filmen thematisiert werden, als Aufatmen aus dem vorherigen Korsett der Verstellung des
2 Pedro, Almodóvar, Labyrinth der Leidenschaften (1982), (00.03.43-47 min.), Universum Film GmbH, 2008. 3 Pedro, Almodóvar, Schlechte Erziehung (2004), Universum Film GmbH, 2005. 4 Pedro, Almodóvar, Das Gesetz der Begierde (1986), Universum Film GmbH, 2008. 5 Pedro, Almodóvar, Alles über meine Mutter (1999), Universum Film GmbH, 2008.
1
„Schamverhaltens“ 6 . Und wie läuft dies auf der intersubjektiven Ebene ab? Aus zwei verschiedenen Perspektiven und in zwei verschiedenen und wahrscheinlich von einander unabhängigen Handlungsorten: England und Spanien, werden parallel „Befreiungsakte“ der Jugendkultur durchleuchtet: „Camp“ trifft hier also auf „Glamrock“. Beides wohl vereint durch „Kitsch“. Mich interessiert die Rolle, als auch die Rolle der Bühne und dessen Funktion, innerhalb der beiden Kontexte, genau wie dessen Zusammenhänge und markanten Unterschiede. Desweiteren wird sich dadurch, zwar nebensächlich; aber dennoch Unumgänglich, ein Zusammenhang zwischen dem Trauma, auf der psychologischen Ebene und dem „Kitsch“ auf visueller Ebene zeigen. Doch im Mittelpunkt sollen die Bühnen und nicht nur ihre Vermittlung von Musik, in einer Zeit des Aufbruchs, stehen. Was fest steht ist, dass die Bühne ein Ort des kulturellen Austausches ist; doch sie können noch mehr: Also Vorhang auf!
2. Hauptteil - Kontextklärung
2.1 Theatralik, Imitation und Authentizität
Unter Theatralik versteht sich laut Duden, dass übersteigerte Selbstdarstellen, in der Form des Übertreibens: Man verhält sich bewusst, als auch unbewusst - so wie „immer“, als Reaktion auf etwas bestimmtes; nur eben in verdoppelt bzw. in gesteigerter Hinsicht und Auslegung. So kann es auch als bewusste Überbetonung, im Kontrast zum Subtilen, zur besseren Verdeutlichung bzw. Vermittlung, angesehen werden. Hingegen fällt die Authentizität eher konträr, als Verhalten in Übereinstimmung mit konventionellen Auffassungen von bestimmten Reaktionen, aus. Was auch mit Originalität einher geht. Dagegen ist das imitieren oder die Imitation, ebenfalls bewusst oder unbewusst; nachahmen - die Mimesis - einer Verhaltens- oder Ausdrucksart, als (eigenes) Verhalten. Es ist eine Übernahme semantischer Ereignisse als Reaktionen und Expression. 7
Alles drei sind Verhaltens und Kommunikationsmodelle, welche mehr oder weniger in
6 Vgl. Helmut, Lethen, Verhaltenslehren der Kälte - Lebensversuche zwischen den Kriegen, Shurkamp, 1994.
7 Duden, http://www.duden-suche.de/suche/abstract.php?shortname=fx&verweis=1&artikel_id=164145 (Stand 20.02.10).
2
Zusammenhang stehen, und m. E. in einem reziproken Verhältnis als System, in den beiden Filmen, stehen. Auch intersubjektiv sind sie fassbar bzw. begreifbar. Interessant erscheint mir das Forschungsobjekt, welchem alle drei Begriffe unterliegen: Das Verhalten. Die Begriffe stehen also immer in Relation zu einem Subjekt; dessen eigentliche Identität im verborgenen bleiben kann: der Kern - das wahre Ich. Vor allem durch die Autonomie verstärkt, wie sie von H. G. Frankfurt betont wird und sie sogar die Möglichkeit sein soll, zu Entscheiden wer man wann und wie oft sein will. 8 Dennoch sollen im folgenden Figuren analysiert werden, welche bewusst in „Szene“ gesetzt worden sind und nicht zufällig so sind, wie sie sind. Imitationen ist nicht immer gleich Imitation. Aber auch Authentizität kann bewusst imitiert sein. Ein verwirrendes „Spiel“, dessen nun Verklärung folgen soll.
2.2 Die 70er und die frühen 80er
Beide Filme, auf welcher Ebene auch immer, versuchen auch den Zeitgeist der Siebziger und frühen Achtziger wieder zu geben. Dies geschieht mit unterschiedlichen Fokussierungen. In Velvet Goldmine sind es vor allem die Siebziger, die aus den späteren 80ern reflektiert werden und zwar durch die Tätigkeit des Journalisten „Arthur Stuart“ (Verkörpert durch Christian Bale). Dabei stammt der Film von 1998. Der Film behandelt also die 70er, spielt aber in den 80ern. Hingegen thematisiert Laberinto des pasiones direkt das Zeitgeschehen der Siebziger. Der Film liegt allerdings durch die Entstehungszeit der frühen 80er näher am visualisierten Zeitgeschehen. Dennoch ähneln sich auch die Perspektiven und das präsentierte: Die Jugend(lichen). Während in Velvet Goldmine die Glam-Rock-Ära 9 rekapituliert wird, gibt Almodóvar einen direkten Einblick in die Movida madrileña (Bewegung Madrids oder die Madrider Bewegung):
„The next section examines Almodóvar´s artistic origins within the youth culture movement, the so called Movida, which emerged in Madrid, after the death of dictator Fracisco Franco.“ 10
8 H. G. Frankfurt, Sich selber Ernstnehmen, Suhrkamp, 2007.
9 David Walsh (Interview und Filmkritik).
10 Kathleen M. Vernon a. Barbara Morris, Post-Franco, Postmodern - The Films of Pedro Almodóvar, Greenwood Press, London, 1995, S.1.
3
Arbeit zitieren:
Paul Parszyk, 2009, Ein Jahrzehnt - 2 Perspektiven: Kultur- und Literaturwissenschaftlicher Vergleich zwischen Almodóvar und Haynes, München, GRIN Verlag GmbH
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