Seit der Konferenz von Beijing sind auf internationaler Ebene wichtige Schritte unternommen worden, um die Gewalt gegen Frauen zu beenden:
Das Fakultativprotokoll zur Konvention über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau, das von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 06. 10. 1999 verabschiedet wurde, gibt Frauen das Recht, Wiedergutmachung für erlittene Menschenrechtsverletzungen zu verlangen.
1997 hat die Generalversammlung
„ Modellhafte Strategien und praktische
Maßnahmen auf dem Gebiet der Verbrechensverhütung und Strafrechtspflege zur
Beseitigung der Gewalt gegen Frauen“ verabschiedet.
Das im Juni 1998 verabschiedete Statut des Internationalen Strafgerichtshofes wie auch die Kriegsverbrechertribunale für das ehemalige Jugoslawien und Ruanda beschäftigen sich speziell mit geschlechtsspezifischen Gewalttaten.
Der Protokollentwurf für einen neuen Vertrag, das vorgeschlagene internationale Übereinkommen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität, beschäftigt sich vor allem mit Menschenhandel, insbesondere von Frauen und Kindern.
3. DIE „WEIBLICHE FRIEDFERTIGKEIT“ 2
Seitdem Männer gelernt hatten dass man mit Waffen nicht nur Tiere, sondern auch Menschen töten kann, verwenden sie Waffen dazu sich die Arbeitskraft anderer Menschen anzueignen, explizit von Frauen, die neben ihrer Arbeitskraft überdies die Fähigkeit zur „Produktion neuer Menschen“ mitbrachten.
Eine dauerhafte, über Jahrhunderte funktionierende Herrschaft einer Hälfte der Menschheit über die andere kann aber nicht nur durch gewaltsame Unterdrückung gesichert werden. Herrschaft wird stabilisiert, wenn die Beherrschten selbst die Überzeugung teilen, die Ordnung, in der sie unterworfen sind, sei rechtmäßig, naturgewollt, gottgegeben oder zumindest nicht zu ändern. Das trifft exemplarisch auf das Geschlechterverhältnis zu. Schwäche und Friedfertigkeit von Frauen sind kulturelle Muster. Auch manche Frauenbewegte meinen heute, Frauen wären von Natur aus friedlicher oder besser. Mit der Behauptung, Frauen seien friedfertiger als Männer, wird ihnen etwas zugeschrieben, was gesellschaftlich als erstrebenswert gilt: nachgiebig zu sein, sich ruhig zu verhalten, auch wenn Schweres erlebt wird, niemals zu hassen. Friedfertigkeit wird so einem Gewaltverzicht unter allen Umständen gleichgesetzt, was sich ausgezeichnet mit der Opferrolle von Frauen verbindet und den Effekt hat, dass nicht nur Aggressionen gegen Männer, sondern auch
2 Nach Gerda Lerner, „Die Entstehung des Patriachats“, München 1997 und Margarete Mitscherlich, „Die
friedfertige Frau“, Frankfurt/Main 1987.
2
Notwehr verhindert werden. In der Logik der besseren, schwächeren Frauen werden sie automatisch zu Opfern, ein für die männlichen Täter äußerst vorteilhafter Effekt.
4. MILITÄRISCH ANERZOGENE GEWALT GEGEN FRAUEN 3
Kriege benötigen Feindbilder. Diese werden durch Definition und Propaganda erschaffen. Mit der Erhebung von Menschen (einer Gruppe/Nation) über andere Menschen wird Gewalt und das Morden gerechtfertigt. Die natürlichen Hemmschwellen, das „normale“ Bewerten und Empfinden von Gewalt und Mord werden ausgeschaltet, unterdrückt und verdrängt. Das Militär kann auf die anerzogenen männlichen Verhaltenweisen zurückgreifen und sie weiter verfestigen, da ja Einfühlungsvermögen, Sensibilität und sanfte Umgangsformen beim Militär eher unerwünscht sind. Die militärische Ausbildung schränkt die persönliche Freiheit drastisch ein. Auch die Gefühle werden uniformiert und damit entmenschlicht. Sexualität wird an Dominanz, Aggression und Gewalt geknüpft. Das wird dadurch begünstigt, dass im Kasernenalltag Männer unter sich nicht wehren werden, wenn durch frauenfeindliche Witze, diskriminierende Äußerungen zu Menschen zweiter Klasse entwürdigt werden. Der Soldat wird desensibilisiert hinsichtlich der Konsequenzen des eigenen Handelns und das der anderen. Es gibt keine andere patriachale Institution, die so ausschließlich für die männliche Identität zuständig ist uns so viele Männer erfasst, wie das Militär. Gewalt im Geschlechterverhältnis gibt es natürlich auch außerhalb des Militärs im zivilen Leben. Der qualitative Unterschied zur militärischen Zurichtung des Mannes ist jedoch, dass die Annahme frauenmißachtender Verhaltensweisen und Einstellungen existentiell für sein Überleben werden. Die Ursache für Vergewaltigungen von Frauen im Krieg liegt nicht in der „männlichen Natur“. Vergewaltigung hat auch nichts mit Sexualität zu tun, sie ist ein extremer Gewaltakt, der sich sexueller Mittel bedient. Die psychischen Vorraussetzungen dafür erwerben Soldaten in ihrer militärischen Ausbildung. 5. GEWALT AN FRAUEN ALS MITTEL DER KRIEGSFÜHRUNG
In Zeiten bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen Staaten, Völkern oder Bevölkerungsgruppen erfahren Frauen eine gesonderte „Behandlung“ durch Männer. Bei diesen praktizierten Mitteln zur Kriegsführung zeigen sich international und historisch gesehen Parallelen.
3 Nach Cora Stephan "Das Handwerk des Krieges", Rowohlt-Verlag; Hilde Schmölzer, "Der Krieg ist männlich.
Ist der Friede weiblich?" Verlag für Gesellschaftskritik und Sybil Oldfield „Frauen gegen den Krieg. Alternative
zum Militarismus 1900-1990",Fischer Taschenbuchverlag.
3
5.1. MILITÄR UND SEXUALISIERTE GEWALT GEGEN FRAUEN 4
Der Mann soll zum Krieger erzogen werden und das Weib zur Erholung der Kriegers; alles andere ist Torheit.“ 5 Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Stuttgart 1964.
Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist nachweislich eine der „Spielregeln“ des Krieges und zieht sich als Mittel zur Kriegsführung durch Jahrtausende patriachaler Geschichte, unabhängig von Nationalität, Region, Kultur oder Ideologie. "Dem Sieger gehört die Beute", hieß es schon in der Antike. Griechen, Perser, Römer eroberten Frauen als Arbeitssklavinnen und Nebenfrauen. Die Verfügungsgewalt über Frauenkörper als Kriegslohn war ein Lockmittel bei der Anwerbung von Söldnern - dem gemeinen Landsknecht stand das Privileg des Schändens und Plünderns zu. Vergewaltigungen waren ebenso Begleiterscheinungen des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England wie der französischen Religionskriege. Die deutschen Truppen begingen 1914 Vergewaltigungsorgien in Belgien und Frankreich. Vergewaltigt wurde von US-amerikanischen Soldaten in Vietnam und vergewaltigt wurde in den Befreiungskriegen in Afrika.
Die Täter senden die Botschaft: "Du existierst als Person und als Mensch nicht." Eine Regel des Kriegers in der männlichen Kommunikation lautet: Die Frau des Feindes vergewaltigen. Er schüchtert mit seiner Tat den Gegner ein und demoralisiert sein Opfer - die Schändung der Frau durch den Sieger zerstört bei den unterlegenen Männern alle noch verbliebenen Illusionen von Macht und Besitz. Der Sieger vergewissert sich seiner eigenen Macht und befriedigt das Gefühls, zu den "wahren Männern" zu gehören. Sind gerade keine Frauen des Feindes verfügbar, dienen als Opfer des Kriegers Frauen jeglicher Nationalität. Massenvergewaltigungen von Frauen sind keineswegs Aktionen sinnloser Brutalität, sondern Kultur zerstörerische Akte mit strategischer Bedeutung. Das heißt nicht automatisch, dass jeder Soldat vergewaltigt. Schlimmer: Es handelt sich um eine Verhaltensweise, die in der Konstruktion des Soldatseins und in den heterosexistischen Männlichkeitsvorstellungen, die Armeen zur Verfügung stellen, strukturell angelegt ist. "Der Krieg liefert den Männern den perfekten psychologischen Freibrief, um ihrer Verachtung für Frauen Luft zu machen. Die Männlichkeit des Militärs - die brutale Waffengewalt, ausschließlich in ihren Händen liegend, das geistige Band
4 Nach: Susan Brownmiller, „Gegen unseren Willen“. Vergewaltigung und Männerherrschaft; Frankfurt/Main
1980; R. Seifert, „Feministische Theorie und Militärsoziologie“, in: Das Argument, 1991; R. Seifert, „Krieg und
Vergewaltigung. Krieg gegen die Frauen“, Freiburg 1993; V. Fiegl “Die militärische Zurichtung des Mannes“ in:
Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 1994 und R. Seifert „Frauen, Männer und Militär (2): Vier
Thesen zur Männlichkeit (in) der Armee, SoWi- Arbeitspapier, Nr. 61, München 1992.
5 Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Stuttgart 1964, S. 70
4
zwischen Mann und Waffen, die männliche Disziplin des Befehlens und Durchführens von Befehlen, die simple Logik der hierarchisch geordneten Befehlsgewalt -, das alles bestätigt den Männern, was sie bereits lange ahnten, nämlich dass Frauen nur eine unerhebliche Nebensache sind in einer Welt, in der es auf andere Dinge ankommt... Männer, die im Krieg vergewaltigen, sind ganz normale Alltagstypen, die ihre Normalität verlieren, wenn sie in den exklusivsten Männerclub der Welt eintreten." 6 Susan Brownmiller
5.1.1. SEXUELLE VERSKLAVUNG VON FRAUEN DURCH DAS MILITÄR
Vergewaltigungen und sexuelle Sklaverei zu Kriegszeiten haben eine militärische Bedeutung. Es ist müßig, zu unterscheiden, ob Frauen mit Gewalt oder Geld gezwungen werden und durch welche Institutionen oder Mittel ihnen Gewalt angetan wird. Alles ist Teil eines militaristischen Konzepts, das Männern das Verfügungsrecht über Frauenkörper zuspricht. Die Grenzen zwischen so genannter freiwilliger Prostitution, Sexsklaverei und Vergewaltigung sind fließend. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen wird völlig unabhängig von der Existenz oder Nichtexistenz militärischer Zwangsbordelle in Kriegen ritualisiert. 5.1.2. MASSENVERGEWALTIGUNGEN 7 Vergewaltigung:
„Vergewaltigung ist sexuelle Gewalt gegen Frauen und damit die absolute Missachtung ihrer körperlichen und persönlichen Integrität. In der Vergewaltigung von Eroberern kommt die allgemeine Frauenverachtung zum Vorschein.
Vergewaltigung als sexuelle Folter und auch als Kriegsmittel wird von der Justiz, den Medien und seitens humanitärer Organisationen nicht genügend berücksichtigt. Wer die Frauen schützen will, muss die Täter benennen und anklagen.“ 8 Ingrid Schmidt- Harzbach
Die Vergewaltigungen haben für Frauen:
physische Folgen: und psychische Folgen: - akute Verletzungen -Traumatisierung - bleibende gesundheitliche Schäden -Depressionen
6 Susan Brownmiller: Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft, Frankfurt/Main 1980, S. 38
7 Vgl. S. Brownmiller „Gegen unseren Willen“ S. 62 ff; Vg. „Trial of the Major War Criminals before the
International Military Tribunal”, Nürnberg 1947, Bd. 6, S. 404 ff; Bd.7, S.456 ff. ; Vgl. taz vom 13.11.1991;
Vgl. R. Seifert “Krieg und Vergewaltigung“ und L. Mladenovic „Leben unter Vergewaltigern“, in: gwr 177,
April 1993 S.8. und Maria von Welser: Am Ende wünscht man sich nur noch den Tod. Die
Massenvergewaltigungen im Krieg auf dem Balkan, Knaur TB
8 Ingrid- Schmidt- Harzbach in „ BeFereier und Befreite“
5
- Amenorrhoe ( Ausbleiben der Menstruation) - Abscheu gegenüber dem - Geschlechtskrankheiten Sexualverkehr - unfreiwillige Schwangerschaften -Unverständnis, Drohungen, - Abtreibungen Ächtung der Gesellschaft - Sterilität - Trennung vom geborenen Kind
Eine der brutalsten neuzeitlichen Massenvergewaltigungen verübte die japanische Armee 1937 bei der Einnahme von Nanking, was in die zeitgenössische Presse als "Vergewaltigung von Nanking" einging. Wehrmacht und SS vergewaltigten in den eroberten Gebieten systematisch Frauen. Soldaten der Roten Armee vergewaltigten etwa zwei Millionen Frauen in Polen und Ostdeutschland. Während der irakischen Besetzung Kuwaits 1990 folterten und vergewaltigten irakische Soldaten Frauen aller Altersstufen. Die Beispiele lassen sich in der Gegenwart für Afrika, Asien (Burma, Indonesien) oder auch Kurdistan beliebig fortsetzen. Mehrere hunderttausend Frauen sind in Kroatien und Bosnien während des Krieges von allen Parteien und eben nicht nur den bosnischen Serben vergewaltigt worden, viele von ihnen mehrmals, viele wurden ermordet. Die Krieger tragen diesen Krieg gegen Frauen an die "Heimatfront". In den Städten Ex-Jugoslawiens verdoppelten sich die Vergewaltigungen, Todesdrohungen und die Anwendung von Waffen in familiären Auseinandersetzungen. 5.1.3. MILITÄRBORDELLE 9
Bereits im Ersten Weltkrieg existierten im Hinterland des deutschen Kaiserheeres Bordelle, die von der Armee verwaltet wurden. Allein der Verdacht, dass eine Frau "gewerbliche Unzucht" betrieb, genügte, um sie in eines dieser vielen Bordelle einzuweisen. Streng voneinander getrennt waren Mannschafts- und Offiziersbordelle. Im Zweiten Weltkrieg perfektionierte die Wehrmacht die staatlich organisierte Sexsklaverei. Mit dem Erlass zur "Wiedereinrichtung von Bordellen und zur kasernenartigen Zusammenfassung von Prostituierten" vom 9. September 1939 schuf der Reichsinnenminister im Operationsgebiet der Wehrmacht kontrollierte Bedingungen der "geschlechtlichen Betätigung" der Wehrmacht. Das OKW richtete ab Mitte 1940 etwa 500 Wehrmachtsbordelle ein, in die zumeist osteuropäische Frauen, zumal Jüdinnen gezwungen wurden, und verband dies vorrangig mit dem Gedanken, durch kontrollierten Geschlechtsverkehr und kontrollierte "Sanierung" die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten und Homosexualität einzudämmen. Jüdische Frauen wurden tätowiert bzw. erhielten den Stempel "Feld Hure" - "Hure für Hitlers Truppen". Die in die Bordelle gezwungenen Frauen wurden nach einer gewissen Zeit ermordet. Der NS-Staat
9 Vgl. M. Hirschfeld/A. Gaspar (Hg.) „Sittengeschichte des ersten Weltkriegs“, Hanau 1998; Smidt- Harzbach
„Eine Woche im April. Berlin 1945“, „Vergewaltigung als Massenschicksal“, in : Sander/Johr (HG.): BeFreier
und Befreite; Vgl. Y. Sooka „Vergessener Teil der Wahrheit“, in: der Überblick 4/98
6
errichtete auch in Konzentrationslagern Bordelle, deren Besuch privilegierten Häftlingen als Leistungsanreiz zur Steigerung der Arbeitseffektivität gestattet wurde. Besondere Bordelle wurden für die SS-Wachmannschaften eingerichtet. Als Insassinnen dieser Bordelle wurden weibliche KZ-Häftlinge verwendet.
Das ist keine Vergangenheit. Aus den Untersuchungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika wurde bekannt, dass bei Gewaltausbrüchen zwischen Anhängern des ANC und der Inkatha Freiheitspartei Frauen zur jeweils gegnerischen Partei verschleppt und dort zwangskaserniert wurden. In den Ausbildungslagern des ANC im Exil benutzten die männlichen "Kampfesgenossen", besonders Vorgesetzte, Frauen als Sexsklavinnen. 5.1.4. KINDERSOLDATINNEN 10
Medienberichte sprechen zumeist von männlichen Kindersoldaten. Das Rekrutieren von Kindern kennt aber keine Geschlechtergrenzen, vermutlich sind ein Drittel der weltweit etwa 300.000 Kindersoldaten Mädchen. Mädchen dienen als Soldatinnen, müssen Lasten tragen, kochen und die "sexuellen Bedürfnisse" der Männer befriedigen. In einer Gesellschaft, in der Frauen erst durch eine heterosexuelle Ehe vollwertige Menschen werden, sind diese Mädchen, die oft von ihren Vergewaltigern Kinder austragen, stigmatisiert. 5.2. B BEISPIELE Ü ÜB BER B BEISPIELE 5
In der Provinz Kosovo wurden zum ersten Mal Vergewaltigungen in „Jugoslawien“ öffentlich thematisiert. Sie wurden aber nicht als Gewaltverbrechen von Männern an Frauen verurteilt, sondern hießen schlicht „Delikte“. Dieses Thema wurde ausgerechnet in dem Teil Jugoslawiens aufgegriffen, der statistisch die niedrigste Zahl gemeldeter Vergewaltigungen aufwies. Bei der Thematisierung ging es um ein „höheres“ Ziel: Vorausgegangen eine Hetzkampagne gegen die kosovoalbanische Bevölkerung in der achtziger Jahren. Die Medien berichteten von einer Flut von „separatistischen Vergewaltigungsversuchen“ von „ehrbaren“ serbischen Frauen durch albanische Männer. Zeitgleich wurde in Serbien Vergewaltigung in die Liste der Verbrechen gegen die Nation aufgenommen, für die im Vergleich zu den „üblichen Vergewaltigungen ohne ein nationalistisches Motiv“ eine höhere Strafe angesetzt wurde. Gewalt gegen Frauen wurde also für nationalistische Zwecke benutzt. Es ging also um das Verbrechen an der Nation, nicht etwa an der Frau… Der Konflikt war auf die ethnische Ebene verschoben worden.
10 Vgl. Y. Sooka „Vergessener Teil der Wahrheit“, in: der Überblick 4/98
11 Stasa Zajovic „Widerstand von Frauen gegen den Krieg“, Friedensforum 4/1998
7
Über das, was Frauen im Kosovo an sexualisierter Gewalt angetan wird, dringt kaum etwas nach außen. Monika Hauser, Medica mondiale, kommentiert: „Auch ohne Berichte in den Medien gehen wir davon aus, dass im Kosovo Frauen sexualisierter Gewalt und Terror ausgesetzt sind. Diese Erfahrung gehört zu jeder Kriegssituation. Um etwas dagegen tun zu können, muss auch das öffentliche Schweigen gebrochen werden. Das Wissen darum, dass sexualisierte Gewalt in der kosovanischen Gesellschaft tabusiert ist, reicht als Erklärung für das Schweigen und die spärlich fließenden Informationen nicht aus. Die Gründe sind möglicherweise weitreichender: Gibt es kaum Überlebende und damit auch keine Zeuginnen? Ist die Kriegsführung im Vergleich zum Krieg in Bosnien- Herzegowina noch weiter perfektioniert worden? Was auch immer die Verhandlungen in Frankreich ergeben, Slobodan Milosevic und seine serbische Machtelite muss endlich die Menschenrechts- Verletzungen im Kosovo beenden. Das wird nur mit konsequentem Druck einer einigen internationalen Politik geschehen. Auch wird es nur über den Weg eines zeitlich begrenzten internationalen Protektorats gehen, dessen zivile und militärische Strukturen koordiniert arbeiten. Dieses Protektorat muss durch die Implementierung von Nato- Truppen mit einem klaren, starken Mandat abgesichert sein. Das Internationale Kriegsverbrechertribunal (ICTY) und Menschenrechtsorganisationen müssen uneingeschränkt im Kosovo die
Menschrechtsverletzungen untersuchen, dokumentieren und damit öffentlich machen können. Die Überlebenden haben ein Recht auf Bestrafung der Täter.“ 5.2.2. INTERNATIONALE BEISPIELE ZUM THEMA „VERGEWALTIGUNG ALS KRIEGSMITTEL“
Während der siebenmonatigen Besatzung Kuwaits durch den Irak wurden ca. 5.000 Mädchen und Frauen mehrfach vergewaltigt. Die dabei geschwängerten Frauen werden von ihren männlichen Familienmitgliedern verstoßen und traktiert. Die Auslegung des Islam verhindert jedoch eine Abtreibung, wenn das Leben der Mutter nicht in Gefahr ist. Privilegiertere Frauen nehmen deswegen Abtreibungen im Ausland vor. Frauen, die den Terror gegen sie nicht länger ertragen, nehmen sich das Leben... (aus einem taz-Artikel vom 13.11.1991)
In der indonesischen Unruheprovinz Aceh an der Nordspitze der Insel Sumatra bekämpft das indonesische Militär eine moslemische Unabhängigkeitsbewegung. Seit 1988 wurden dort mindestens 781 Menschen ermordet. 368 Fälle von Folterungen wurden bekannt. 102 Mädchen und Frauen wurden vergewaltigt. Indonesiens
12 „Krieg, Geschlecht und Traumatisierung. Erfahrungen und Reflexionen in der Arbeit mit traumatisierten
Frauen in Kriegs- und Krisengebieten“ Dokumentation von Medica mondiale e.V., IKO- Verlag, 1999;
8
Armeechef General Wiranto entschuldigte sich Anfang August 1998 für die Grausamkeiten, die die Regierungstruppen angerichtet hatten. (AFP vom 25.08.1998)
Seit August 1998 kam es in der Demokratischen Republik Kongo zu bewaffneten Kämpfen zwischen den Streitkräften von Präsident Laurent- Desire Kabila und der Rebellenallianz RCD und deren Verbündete. Beide Seiten haben sich viele Verstöße gegen unbewaffnete Zivilistinnen und Zivilisten schuldig gemacht. Tausende sind Massakern zum Opfer gefallen, viele andere wurden entführt, gefoltert oder illegal inhaftiert. Viele Opfer gehören zum Stamm der Tutsi. Frauen und Mädchen wurden als gezieltes Mittel der Kriegsführung vergewaltigt worden. (dpa vom 23.11.1998)
Bei den Massenmorden an Tutsi in Ruanda sind 1994 auch systematische Vergewaltigungen begangen worden. Die Täter waren Angehörige der Volksgruppe der Hutu. Sie setzten die sexuelle Gewalt an Tutsi-Frauen als Form der Folter ein: "Wir werden dich vergewaltigen, bis du stirbst oder ein Hutu-Baby gebierst". (AFP vom 31.10.1998)
Von Frühjahr bis Herbst 1992 gehörten (Massen)Vergewaltigungen an vorrangig muslimischen Frauen zur Strategie bosnisch-serbischer Kriegsführung. Mädchen und Frauen im Alter von 12 bis 60 Jahren wurden vergewaltigt, mit Gewehrläufen und Flaschen penetriert sowie mit brennenden Zigaretten gefoltert. Bosnisch- serbische Soldaten, Polizisten und Paramilitärs wurden angeklagt, Frauen in bewachten Gebäuden, getrennt von ihren Kindern, festgehalten und allabendlich vergewaltigt zu haben. Frauen wurden bei Verhören vergewaltigt, Frauen wurden in Appartements eingesperrt, die als Bordelle dienten. Frauen wurden wie Sklavinnen verkauft. Im März 1998 musste sich erstmals ein Kriegsverbrecher vor einem internationalen Gericht wegen Massenvergewaltigungen verantworten. Der bosnische Serbe Dragoljub Kunarac hielt laut Anklageschrift 1992 als serbischer Militärkommandant mindestens 14 moslemische Mädchen und Frauen monatelang wie "Sklavinnen" gefangen. Fast täglich wurden sie vergewaltigt, zum Teil von 15 Männern hintereinander und "auf jede denkbare Art". Die jüngsten Opfer sollen 12 Jahre alt gewesen sein. Ein Teil der Mädchen und Frauen habe Selbstmord begehen wollen. Sie sind heute traumatisiert. Nach den Erkenntnissen der Anklage wurden die Massenvergewaltigungen auf Befehl der Führung der bosnischen Serben unter Radovan Karadzic als Mittel der Kriegsführung eingesetzt.
(dpa und Anklageschrift vor dem internationalen UNO-Tribunal in Den Haag, März 1998)
9
Die geschätzte Zahl der algerischen Mädchen und Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, beträgt ungefähr 2.000 bis 2.800. Über dreihundert Mädchen und Frauen werden noch vermisst. Hunderte Vergewaltigungen werden geheim gehalten. Frauen werden bei solchen Überfällen oft entführt. Als "Kriegsbeute" und "Sex-Sklavinnen" betrachtet, erleiden sie massive sexuelle Gewalt durch die Entführer und Extremisten. Allerspätestens wenn sich Anzeichen einer Schwangerschaft zeigen, werden sie umgebracht.
13
In Pristina arbeiten lokale Frauengruppen und Organisationen aktiv daran, die Situation von Frauen mit verschiedenen Programmen und Angeboten zu verbessern. All diese Frauenorganisationen haben sich auf die akute Notsituation eingestellt und leisten humanitäre Hilfe. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten hat für sie jetzt absolute Priorität. Aber die überlebensnotwendige humanitäre Hilfe wird erschwert: Konvois mit humanitärer Hilfe werden blockiert und durchsucht, es gibt kaum ein Durchkommen zur Not leidenden Bevölkerung. Tausende von Frauen und Kindern irren auf ihrer Flucht in den schwer zugänglichen, tief verschneiten Bergregionen und Wäldern umher. Gleichzeitig wächst in Pristina die Angst vor einem "Krieg in den Städten".
Algerische Frauen-Organisationen forderten den Obersten Islamischen Rat auf, eine Fatwa zugunsten der Vergewaltigungsopfer und der Abtreibung zu erlassen. Seit April 1998 bleibt die Abtreibung gemäß der islamischen Gesetzgebung zwar weiterhin verboten, sie ist aber nun erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Um als "Opfer des Terrorismus" anerkannt zu werden, müssen sich die vergewaltigten Mädchen und Frauen einer Kommission stellen, um von dieser Kommission eine "Bestätigung" zu erhalten. Erst mit dieser ist ihnen eine Abtreibung erlaubt. Die Kommission soll, laut Schreiben des Hohen Islamischen Rates, bei der "Entscheidung über die Genehmigung von Schwangerschaftsabbrüchen Aussagen von Sicherheitskräften und andere Beweismittel heranziehen." Es muss sich um "ehrenhafte" und "züchtige" Frauen handeln.
Per "Dekret" werden diese Mädchen und Frauen anschließend in den Zustand der "Unschuldigkeit" versetzt.
Der Islamische Rat beschloss, dass die unfreiwillig geborenen Kinder bis zur
13 Bettina Ruehl "Wir haben nur die Wahl zwischen Wahnsinn und Widerstand. Frauen in Algerien",
Horlemann-Verlag
14 Stasa Zajovic „Widerstand von Frauen gegen den Krieg“, Friedensforum 4/1998 und Bettina Ruehl "Wir
haben nur die Wahl zwischen Wahnsinn und Widerstand. Frauen in Algerien", Horlemann-Verlag
10
Volljährigkeit (der Jungen) beziehungsweise bis zur Hochzeit (der Mädchen) versorgt werden würden.
6. Reaktionen
DIE A ARBEIT Z ZWEIER B BEISPIELHAFTER N NGOS S 15 6.1. D 6.1.1. Medica mondiale:
Medica mondiale ist eine Organisation von Frauen für Frauen. Sie hat ein feministisches Selbstverständnis. Media mondiale hat sich aus der Kooperation von Medica Köln und Media Zenica entwickelt, einem Projekt gegen Gewalt an Frauen in Bosnien- Herzegowina im Kontext des Krieges. Die Organisation unterstützt und fördert- ungeachtet ihrer politischen, ethnischen und religiösen Zugehörigkeit- Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten, deren physische, psychische, soziale und politische Integrität verletzt wurde. Medica mondiale leistet akute und langfristige Hilfe für traumatisierte Frauen und Mädchen in Bosnien- Herzegowina durch Projekte zur: - medizinischen und psycho- sozialen Versorgung - Förderung der öffentlichen Gesundheitsfürsorge - Ausbildung, Weiterbildung und Schaffung von Erwerbstätigkeiten - Verbesserung der Ernährungs-, Wohn- und Rechtssituation
- Aufklärung der Öffentlichkeit über die Situation von Frauen und Mädchen sowie über Ursachen und Hintergründe von Gewalt gegen Frauen - Schaffung autonomer Frauenräume.
Die Organisation strebt die langfristige Absicherung dieser Projekte innerhalb autonomer Frauenstrukturen und sozial- gesellschaftlicher Strukturen an. Medica mondiale setzt sich ein für die Aufklärung und Dokumentation der vielfältigen Formen von Gewalt an Frauen und ihren globalen Charakter. Medica mondiale arbeitet dabei schwerpunktmäßig mit nationalen und internationalen Frauen- und Menschenrechtsorganisationen zusammen sowie mit weiteren NGOs (Nichtregierungsorganisationen) und Regierungsorganisationen. 6.1.2. Der Verein SEKA:
Der Verein SEKA wurde 1996, in Reaktion auf die „Gräueltaten“ im ehemaligen Jugoslawien, in Hamburg gegründet. Er sieht seine Arbeit als Beitrag von Hamburger Frauen (beziehungsweise der Hamburger Bevölkerung) zur Hilfe für die am meisten betroffenen Opfer des Krieges (Frauen und Kinder), als Beitrag zur Völkerverständigung und zur Erhaltung und Förderung des Friedens in Europa. Die Ziele SEKAs sind:
15 Quellen: http://www.medicamondiale.org/ und http://www.seka-hh.de/info_hh.htm
11
- die körperliche und seelische Gesundheit von Frauen und Kindern, die Krieg und Gewalt überlebt haben durch das Angebot von Erholung und therapeutische Hilfe vor Ort zu verbessern.
- MitarbeiterInnen und HelferInnen von (Frauen-) Organisationen vor Ort, die den Opfern der Gewalt Hilfe leisten.
- den Friedensprozess in der Region durch Förderung der Kommunikation und des gegenseitigen Verständnisses zwischen Frauen der unterschiedlichen Bevölkerungs- und Religionsgruppen zu unterstützen.
- einen Ort der internationalen Begegnung für Frauen zu schaffen. 6.2. FEMINISTISCHE FRIEDENSARBEIT UND -FORSCHUNG 16 Friedensforschung ist ein weitgehend von Männern dominierter Raum.
Geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen und Herrschaftsstrukturen werden selten bedacht, obwohl sie gerade in diesem Untersuchungsfeld nur allzu deutlich auf der Hand liegen. Frauenspezifische Erfahrungen und Lebenszusammenhänge werden in den Forschungen fast immer ausgeblendet. Feministische Friedensforschung will deshalb Frauen mit ihren Erfahrungen, ihrer Geschichte und ihrem Handeln in Bezug auf die Themen der Friedensforschung sichtbar machen. Das historische Engagement von Frauen in Friedensfragen oder ihre aktuellen Rollen in der Konfliktbewältigung rücken so auch ins Bild wie Männergewalt gegen Frauen im Krieg und im Alltag. Feministische Friedensforschung betrachtet das soziale Geschlecht, „Gender“, als zentrale Analysekategorie, ohne dass dabei andere Differenzen in der sozialen Erfahrung- Herkunft, Hautfarbe, körperliche Fähigkeiten, sexuelle Orientierung- ausgeblendet werden dürfen.
16 Kampagne für den Frieden, Schweiz, Stella Jegher, Zürich 1999
12
Literaturverzeichnis:
¾
Brownmiller Susan, Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt/Main, 1980;
¾
Fiegl: Die militärische Zurichtung des Mannes, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 37(1994);
¾
M. Hirschfeld/A. Gaspar (Hg.): Sittengeschichte des Ersten Weltkriegs, Hanau 1998 (Reprint);
¾
Lerner Gerda: Die Entstehung des Patriachats, München 1997
¾
Mitscherlich Margarete: Die friedfertige frau, Frankfurt/Main 1987
¾
L. Mladenovic: Leben unter Vergewaltigern, in gwr 177, April 1993
¾
Das Kriegsverbrecher- Tribunal in Den Haag. Sexualisierte Gewalt im Krieg vor Gericht, Medica mondiale e.V.
¾
Oldfield Sybil: Frauen gegen den Krieg. Alternative zum Militarismus 1900-1990, Fischer- Taschenbuchverlag
¾
Ruehl Bettina: Wir haben nur die Wahl zwischen Wahnsinn und Widerstand. Frauen in Algerien, Horlemann- Verlag
¾
¾
¾
R. Seifert: Frauen, Männer und Militär (2): Vier Thesen zur Männlichkeit (in) der Armee, SoWi- Arbeitspapier, Nr. 61, München 1992.
¾
Sander/Johr (Hg.):Vergewaltigung als Massenschicksal, in: BeFreier und Befreite;
¾
¾ ¾ ¾
Gesellschaftskritik
¾
Sondertagung der Generalversammlung der Vereinten Nationen, „Frauen 2000:
¾ Maria von Welser: Am Ende wünscht man sich nur noch den Tod. Die
Arbeit zitieren:
Mag.a Lena Rheindorf, 2003, Gewalt an Frauen im Krieg, München, GRIN Verlag GmbH
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Vergewaltigung im Krieg: Historisch-soziologische Betrachtungen und so...
Psychologie - Sozialpsychologie
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