Einleitung
Der lange Weg der Institutionalisierung der Revolution
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Edmund Burke
Tocqueville
Marx
Ausblick
Einleitung
Zu Beginn dieses Morgens haben wir die Französische Revolution als das Stiftungsereignis der Moderne bezeichnet. Ihre Ergebnisse und ihre Wirkung fügen sich in vielerlei Hinsicht zur Grundlage unseres heutigen demokratischen Rechtsstaates, wie wir ihn in Europa und in Nordamerika, zunehmend auch in Teilen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas kennen, mit den Menschenrechten als wichtigem, wenn nicht dem wichtigsten Element dieser politisch-gesellschaftlichen Ordnung. Auch unsere wirtschaftliche Verfassung des Kapitalismus, oder der freien Marktwirtschaft, baut in vielem darauf auf, was aus der Französischen Revolution hervorging. Gerade die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts zeigen aber auch deutlich, dass Demokratie und Rechtsstaat nicht zwangsläufig sind, und sich vielmehr immer wieder aufs Neue zu bewähren haben bzw. zu verteidigen sind. Da gab es einerseits die tödliche Bedrohung durch den Nationalsozialismus, der explizit den Gleichheitsgedanken der Revolution - alle Menschen sind gleich -, und den damit verbundenen Individualismus, verwarf. Da gab es aber andererseits auch den Kommunismus, den Stalinismus, der sich zwar vordergründig durchaus auf die Revolution berief - wir kommen mit Karl Marx noch darauf -, der aber an ihr besonders das Revolutionäre als solches betonte und von der von ihr ausgehenden Gewalt fasziniert war. Mit der Revolution verbundene Ideale - eben etwa die Menschenrechte - schob der Kommunismus zur Seite bzw. unterdrückte sie brutal.
Der lange Weg der Institutionalisierung der Revolution
Selbst in Frankreich dauerte es eine ganze Weile, bis die Revolution bzw. eine sich auf sie ohne Vorbehalte und mit grossem Stolz berufende gesellschaftlich-politische Ordnung sich letztlich durchsetzte, sprich: bis die Demokratie verankert war. Ich habe zwar heute Morgen darauf hingewiesen, bereits 1799 wäre eine Restauration der bourbonischen Feudalmonarchie unwahrscheinlich gewesen, nach 1815 erschien sie geradezu illusorisch. Das stimmt. Doch die Unmöglichkeit der Restauration ist nicht gleichzusetzen mit dem vorbehaltlosen Durchsetzen einer Ordnung, die sich auf die republikanischen, liberalen und demokratischen Prinzipien der Revolution beruft. Das geschah erst im Laufe der Zeit. Bereits die Herrschaft Napoleons brach mit einer
zentralen Errungenschaft der Revolution, nämlich der republikanischen Verfassung: Napoleon Bonaparte bestieg den Thron als Kaiser, mit dem Ziel, eine eigene Dynastie aufzubauen, d.h., sein Sohn war daraus ausersehen, seine Nachfolge anzutreten: und zwar nicht bloss als konstitutioneller, zeremonieller Monarch, sondern als regierender Fürst - wie es Ludwig XVI. gewesen war. Auch in anderer Hinsicht entfernte sich Napoleon von der Revolution: das Konkordat von 1802 mit dem Papst stellte wenigstens bis zu einem gewissen Grad die Sonderstellung des Kirche wieder her. Kommt hinzu, dass Napoleon autoritär regierte, d.h., er schränkte die Freiheitsrechte auf vielerlei Weise ein. Die nach 1814/15 folgende bourbonische Restauration etablierte sogar aufs Neue die Dynastie, welche 1792 gestürzt worden war. Ludwig XVIII., der jetzt den Thron bestieg, war der Bruder des geköpften Ludwig XVI. Immerhin garantierte Ludwig XVIII. einige Grundrechte und Errungenschaften der Revolution, so die Rechtsgleichheit, die Abschaffung der Feudalordnung und einige Freiheitsrechte. Insofern versuchte Ludwig XVIII., unter dem Druck der Umstände, ein Kompromiss zwischen Revolution und Restauration. Doch als er starb, folgte ihm sein Bruder Karl X. als neuer König. Karl war immer schon ein vehementer Gegner der Revolution gewesen. Nach seiner Thronbesteigung war er bestrebt, das Rad der Geschichte endgültig hinter die Revolution zurückzudrehen. Das provozierte dann letztlich die Julirevolution von 1830 und den endgültigen Sturz der Bourbonen. An ihre Stelle trat Louis-Philippe, ein Prinz aus einer Seitenlinie der Bourbonen. Louis-Philippe, der in den Revolutionskriegen von 1792/93 an der Seite der Revolutionsarmee gekämpft hatte, nannte sich stolz der „Bürgerkönig“, und seine Herrschaft war in vielem das, was in der ursprünglichen revolutionären Verfassung von 1791 eigentlich vorgesehen war, nämlich eine Herrschaft des mittleren und grossen Besitzbürgertums. Aber die Herrschaft von König Louis-Philippes, die 18 Jahre dauerte, war zwar der Versuch eines „modernen“ Kompromisses zwischen Revolution und Tradition, doch unter völliger Verneinung der sozialen Komponente, welche die Revolution eben auch beinhaltet hatte. In einem Frankreich, das sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts rapide industrialisierte und in dem das soziale Gefälle zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum mindestens gleich rapide wuchs, war die soziale Frage von zentraler Bedeutung - doch Louis-Philippes Regime schenkte ihr schlichtweg keine Beachtung. 1848 führte dies schliesslich zur Explosion, zu einer neuen Revolution und zu einer neuen Republik - der ersten seit 1804. Sie war auch eine Demokratie, indem sie das bisher an Vermögen und Einkommen gebundene Wahlrecht auf alle ausdehnte (allerdings einmal mehr auch wiederum bloss auf die Männer). Doch die junge Republik wurde schon wenige Monaten nach ihrem Entstehen von einem Arbeiteraufstand
bedrängt. Wie die Bürger beriefen sich die Arbeiter auf die Revolution von 1789, doch waren sie der Ansicht, dass mit dem Sturz der Monarchie und der Errichtung von Demokratie nur der erste Schritt in Richtung einer wahren, vollständigen Revolution getan war - sie wollten die Vergesellschaftung, die Sozialisierung der Produktionsmittel. Hier kündigte sich Marx an.
Die Republik von 1848 währte nur kurz, viel kürzer als jene von 1792 - nämlich bloss knapp 3 Jahre. Wie schon 50 Jahre früher riefen die auf die 1848er Revolution folgenden bürgerkriegsähnlichen inneren Wirren nach einem starken Mann, das von der Arbeiterschaft bedrängte und von der Bauernschaft unterstützte Bürgertum fand ihn schliesslich in einem anderen Bonaparte - einem Neffen von Napoleon dem Korsen. Aufgewachsenen im Schlösschen Arenenberg im Kanton Thurgau, seines Zeichens schweizerischer Artillerie-Offizier, bestieg Louis-Napoleon Bonaparte als Napoleon III. nach einigem Hin und Her 1852 den französischen Kaiserthron. Die Geschichte schien sich zu wiederholen, und der neue Kaiser modellierte seine Herrschaft denn auch ganz bewusst nach dem Vorbild seines Onkels, inklusive dessen Verständnis der Revolution. Napoleon III. sah in der Revolution vor allem den Ausgangspunkt für Frankreichs glorreichste Zeit, mit seinen zahllosen militärischen Siegen. Wie Napoleon I. führte sein Neffe manchen Krieg. Er half bei der Einigung Italiens mit; die Erlebnisse während der entscheidenden Schlacht von Solferino schockierten den zufällig anwesenden Genfer Kaufmann Henry Dunant so sehr, dass sie ihm fortan Antrieb waren, das Rote Kreuz zu gründen. Napoleon III. intervenierte sogar im fernen Mexiko, wo er den Bruder des österreichischen Kaisers auf den Thron setzte. Wie sein Onkel transformierte Napoleon III. Frankreich durch Bauten und Reformen auf. Und wie dieser herrschte er autoritär. Die Revolution als Quelle für Demokratie und Menschenrechte sagte Napoleon III. nichts. Doch wie der Korse stolperte Napoleon III. schliesslich über seine militärischen Ambitionen. 1870 musste er im Deutsch-Französischen Krieg in der von den Preussen eingekreisten Stadt Sedan kapitulieren. Ohne Kaiser brach aber das Regime über Nacht zusammen. Wieder einmal wurden in Frankreich, genauer gesagt in Paris, Revolution und Republik ausgerufen. Doch wie 1848 dauerte die Euphorie nur kurz. Der Konflikt von Bürgertum und Arbeiterschaft war geblieben. Solange der Krieg gegen Deutschland anhielt, konnte der Gegensatz noch unter dem Deckmantel der nationalen Einheit übertüncht werden. Doch im Februar 1871 musste Frankreich die Waffen strecken, und während die preussischen Truppen noch vor Paris kampierten, brach der Bürgerkrieg in
Arbeit zitieren:
Dr. phil. hist. Rolf Tanner, 2008, Die Französische Revolution und ihre Errungenschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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