Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Susan Sontag und die Folterfotos von Abu Ghraib 5
2.1 Das Leiden anderer betrachten. 5
2.2 Über die Signifikanz der Folterfotografien 7
2.3 Die Bilder verselbstständigen sich 9
3. Zeitzeugenschaft im Web 2.0. 11
3.1 „Innenansichten“ des Irak-Kriegs auf YouTube. 11
3.2 „Uploading dissonance“ - ausgewählte Beispiele 13
3.3 Die Augenzeugen „twittern“ in Echtzeit 16
4. Zusammenfassung und Ausblick 20
Quellen - und Literaturverzeichnis. 22
Anhang A: Abbildungen. 24
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1. Einleitung
Aktuell gibt es immer mehr Bestrebungen, historische Quellen und vor allem Zeitzeugenberichte zu archivieren bzw. konservieren und - nicht minder wichtigdiese beispielsweise über moderne Kommunikationskanäle wie das Internet einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Warum diese Anstrengungen unternommen werden müssen, liegt auf der Hand: Originaldokumente, wie zum Beispiel Filmaufnahmen oder Briefe, sowie die Erinnerungen von Zeitzeugen sind von ganz besonderem Wert bei der Rekonstruktion von Geschichte und erlauben uns selbst heute noch zu „erinnern“, was damals passiert ist - und zwar auch abseits von etwa politisch explizit dokumentierten Ereignissen, sondern vielmehr im persönlichen Lebensumfeld von Menschen. Doch nichts davon hält bzw. lebt ewig.
In dieser Arbeit soll jedoch ein anderer Ausgangspunkt gewählt werden und gewissermaßen ganz am Anfang des Prozesses von Zeitzeugenschaft angesetzt werden: Wie und was behalten wir heute von den Ereignissen in der Welt um uns herum in Erinnerung, um es in (ferner) Zukunft einmal wiedergeben zu können? Denn sind wir nicht schließlich alle Zeitzeugen unserer Zeit? Hierauf soll diese Arbeit aufbauen und dabei insbesondere die Rolle der Medien in den Fokus rücken: Denn sie sind es, die inzwischen zweifelsfrei unseren Alltag durchdringen und vielfach unsere Wahrnehmung von der zum großen Teil medial vermittelten Welt bestimmen: Als Kommunikationsmittel lassen sie uns so etwa weite Distanzen mühelos überbrücken und zum Beispiel per Telefon oder Internet Kontakt zu weit entfernt lebenden Bekannten in Krisenregionen aufnehmen. Als Informationsträger übermitteln sie uns in Bild und Ton Ereignisse wie die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York vom 11. September 2001, die ansonsten außer unserer Reichweite lägen - und speichern diese zudem dauerhaft in Zeitungsarchiven oder dem World Wide Web. Ausgehend von diesem Bezugsrahmen soll im folgenden Abschnitt zunächst ein mitunter schon als „althergebracht“ bezeichneter Medientypus untersucht werden: Das Bild bzw. genauer: das Foto. Anhand von Susan Sontags Überlegungen zu den aus dem US-Militärgefängnis Abu Ghraib aufgetauchten Folterfotografien soll der spezielle Fall beleuchtet werden, in dem die „Bildermacher“ bzw. Dokumentare zugleich auch die Täter, d.h. Verursacher des Dargestellten, sind.
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Im zweiten Abschnitt wenden wir uns dann beispielhaft zwei Diensten des so genannten Web 2.0 zu, dessen grundlegendes Merkmal die Nutzerinteraktivität ist: Der Videoplattform YouTube, auf der eine unüberschaubare Vielzahl von Videos zum Irak-Krieg zu finden ist - und zwar - wie zu zeigen sein wird - mit Inhalten und von Urhebern, wie sie zum Teil gegensätzlicher nicht sein könnten. Sowie anschließend - noch ein Stück „moderner“ - dem Micro-Blogging-Dienst Twitter, welcher zwar auf Prinzipien mündlicher Kommunikation beruht, zugleich aber jeden Tweet auch dauerhaft im Netz speichert und zugänglich macht. Was dies gerade für das Eintreffen besonderer Ereignisse bedeutet, soll trotz des erst „jungen“ Alters des Dienstes abschließend zumindest angedeutet werden, bevor die Ergebnisse schließlich zusammengefasst und ein Ausblick gewagt werden soll.
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2. Susan Sontag und die Folterfotos von Abu Ghraib
2.1 Das Leiden anderer betrachten
Dass Fotografien bis heute wesentlichen Einfluss darauf nehmen, welches Gewicht wir beispielsweise Konflikten beimessen und wie wir diese in Erinnerung behalten, darüber herrscht wohl weitgehend Konsens. Susan Sontag geht jedoch noch einen Schritt weiter und vertritt die Überzeugung, dass wir in unserer Gedächtnisgalerie überwiegend visuelle Eindrücke aufbewahren und uns anhand dieser erst „erinnern“ können. Bilder übten daher eine unbezwingbare Macht auf uns aus (vgl. Sontag 2004: o.S.). Ihre Thesen sollen im Folgenden an einem zu trauriger Berühmtheit gelangten Beispiel nachvollzogen werden: Denn als die Bilder des Irak-Kriegs gelten für die als Amerika-Kritikerin bekannt gewordene und 2004 verstorbene amerikanische Schriftstellerin die Folteraufnahmen von irakischen Gefangenen im US-Militärgefängnis Abu Ghraib. Diese schockierenden Fotografien gerieten erstmals Ende April 2003 an die Öffentlichkeit - und brachten damit den Krieg im Irak schlagartig wieder ins Gespräch, der bis dahin schon größtenteils wieder aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden war (vgl. Paul 2005: 181f.). Laut Sontag zeigten die Fotos jedoch im Grunde genommen erst einmal nicht viel „Neues“: Aufnahmen aus der Binnenperspektive einer Besatzung im Krieg und dabei vor allem Motive vom „lächelnden Sieger“ und der „erlegten Beute“ seien seit jeher Teil der Ikonographie des Kriegs gewesen (vgl. Sontag 2004: o.S.). Neu war jedoch die atemberaubend schnelle Geschwindigkeit, mit der sich die Bilder auf digitalen Wegen verbreiteten und so noch während des laufenden Kriegs weltweit an die Öffentlichkeit gelangten, statt erst hinterher nach Ende des Einsatzes (vgl. Paul 2005: 181f.). Außerdem waren die Fotos von den „Tätern“, d.h. den folternden US-Soldaten, selbst angefertigt worden, was auf groteske Art deren Authentizität bekräftigte (vgl. Möller 2006: 49). Und schließlich schockierte das, was die Bilder zeigten, natürlich auch deshalb, weil es als „verkehrte Welt“ erschien: Die, die vorgaben, den Terror bekämpfen zu wollen, übten ihn nun plötzlich selbst aus. Der genaue Zeitpunkt, von dem an der Folterskandal Thema des weltweit öffentlichen Diskurses wurde, war der 28. April 2004. An diesem Mittwochabend zeigte der US-amerikanische Sender CBS unter seiner Programmmarke CBS
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News in der Sendung 60 Minutes II erstmals einige (ausgewählte) Bilder. Die Ausstrahlung war allerdings ursprünglich schon zwei Wochen früher geplant gewesen, auf Wunsch des US-Militärs und des Verteidigungsministeriums, die um die Sicherheit der Streitkräfte besorgt waren und angaben, Vorbereitungen treffen zu wollen, jedoch in Absprache mit dem Sender verschoben worden (vgl. Müller 2004: 44ff.; 53). Darüber hinaus bekamen die amerikanischen Fernsehzuschauer an diesem Abend längst nicht alle bis dahin zur Verfügung stehenden Bilder zu sehen, sondern lediglich eine Auswahl: Bestimmte Aufnahmen hielt man zurück. Dies führte in der Folge aber zur Anheizung von Gerüchten in der Öffentlichkeit, die darüber spekulierte, was wohl auf den unter Verschluss gehaltenen Fotos zu sehen sein würde (vgl. Paul 2005: 182). - Als ab dem 20. Mai 2004 schließlich weitere, neue Folterfotos auftauchten und von Sendern wie CNN und ABC gezeigt wurden, war die „Bilderflut“ damit wohl endgültig nicht mehr aufzuhalten (vgl. ebd.: 186).
Die auf den Fotos festgehaltenen Darstellungen lassen sich dabei grob in zwei Kategorien einordnen: Zum einen geht es um Misshandlungen, Verletzungen, die Bedrohung von Gefangenen durch Hunde sowie das Fotografieren von Toten bzw. Leichen, also um Darstellungen expliziter physischer Gewalt. Zum anderen zeigte sich - laut Sontag insbesondere je mehr Bilder ans Licht kamen - zunehmend auch homoerotische Anspielungen und pornographische Inszenierungen. So wurden etwa nackte Gefangene zu Menschenhaufen übereinander gelegt (siehe Abb.1 im Anhang) oder gegenseitig zum Oralverkehr gezwungen und abgelichtet. Da es sich bei solchen Handlungen vor dem Hintergrund der islamischen Sexualmoral um Todsünden handelt, manifestiert sich in dieser Art von Darstellungen die Intention der Folter bzw. erzwungenen Handlungen im bzw. mit dem Bild selbst: Nämlich den psychosozialen Tod der Gefangenen herbeizuführen, d.h. ihre psychische Identität zu zerstören und die sexuell Gedemütigten auf diese Weise aus ihrem sozialen Leben auszuschließen. Denn zu alledem existiert schließlich ein „Beweisfoto“ (vgl. Paul 2005: 186f.; vgl. Sontag 2004: o.S.).
Damit wird bereits deutlich, dass den Folterfotografien aus dem Abu Ghraib-Gefängnis verschiedene „Funktionen“ inhärent sind bzw. ihnen auf mehr als nur einer Ebene Bedeutung zugeschrieben werden kann. Welche das nach Sontag genau sind, darauf soll der folgende Abschnitt nun Antwort geben.
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2.2 Über die Signifikanz der Folterfotografien
Das Bild als Tat: Wie bereits zuvor angedeutet, handelt es sich bei den
Aufnahmen von Abu Ghraib offensichtlich nicht um zufällig entstandene „Schnappschüsse“, sondern vielmehr um ganz gezielte Inszenierungen. Sie sind folglich nicht einfach nur Dokumentationen der Folter, sondern Folterwerkzeuge an sich. Bei entsprechendem Wissen über das islamische Recht, das vorherrschende Geschlechterverhältnis oder beispielsweise darüber, dass Hunde im Islam als Symbol des Unreinen verstanden werden, erschließt sich schnell und deutlich der systematische Einsatz der Kamera. Interessanterweise gibt Sontag dabei zudem zu Bedenken, dass die Bilder ihr volles Potenzial der Folter erst erreichen, wenn es auch Betrachter gibt, die durch das Foto Zeuge - und damit zugleich auch Komplize - des Folterakts werden. Denn für die Gefolterten wiege die Vorstellung, dass ein Dokument der aufgezwungenen „Todsünde“ existiert, was fortan jeder gewünschten Zuschauerschaft zugänglich gemacht werden kann und auch wird, schwerer als die eigentliche Folter in diesem Moment an sich (vgl. Paul 2005: 192f.; vgl. Sontag 2004: o.S.).
Das Bild als Botschaft: Anders als in früheren Kriegen stellen die Folterfotos
nicht mehr nur „Trophäen“ für die Soldaten, d.h. Sammelobjekte für sich selbst, dar, sondern wurden gezielt in Umlauf gebracht und dazu zum Beispiel direkt vom Einsatzort aus vielfach per E-Mail verschickt (und wurden wahrscheinlich primär extra zu diesem Zweck angefertigt). Dies fügt den Opfern wie oben schon ausgeführt eine zusätzliche Dimension des Leids hinzu (vgl. Sontag 2004: o.S.). Bilder im Hier und Jetzt: Eine weitere Besonderheit der Bilder ist, dass sie unmittelbar den Augenblick des Geschehens festhalten oder - wie Sontag formuliert - die „Arbeit der Folterknechte“ (ebd.). Da sich diese vor der Kamera außerdem gut gelaunt, meist mit einem Lächeln sowie Gesten wie dem nach oben gestreckten Daumen präsentieren, zeige den offensichtlichen Spaß der beteiligten Akteure und offenbare damit einen Zustand der moralischen Verwahrlosung. Sontag betont, dass zwei Dimensionen nun einmal nicht zu trennen seien: Der Horror, den die Bilder zeigen. Und der Horror, dass die Bilder überhaupt gemacht wurden (vgl. Paul 2005: 190; vgl. Sontag 2004: o.S.). Neben diesen speziell auf den Folterskandal von Abu Ghraib Bezug nehmenden Ausführungen, stellt Sontag aber auch einige verallgemeinerte Thesen zur
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Arbeit zitieren:
Christian Undorf, 2010, Zeitzeugenschaft – im Hier und Jetzt? - Die Folterfotos von Abu Ghraib und der Krieg im Irak in der Wahrnehmung der Mediennutzer, München, GRIN Verlag GmbH
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