Inhalt
1. Einleitung 3
2. Davidsons Argumentation 5
2.1 Differenz zwischen Mensch und Tier 5
2.2 Überzeugungen und deren Netz 6
2.3 Sprache, Begriff und Wahrheitsfähigkeit 7
3. Kritik und Gegenüberlegungen 10
3.1 Anthropozentrismus 10
3.2 Zuschreibung von Überzeugung 11
3.3 Gegen das Komplexitätsargument 13
3.3.1 Notwendigkeit der Begrenzung 13
3.3.2 Möglichkeit kleinerer Netze 15
3.4 Wahrnehmung und Überzeugung 15
3.5 Überraschung und Hoffnung 18
3.6 Gegen das Begriffsargument 19
3.7 Über das Triangulationsargument 20
3.7.1 Einfache Triangulation 20
3.7.2 Intersubjektive Triangulation 21
4. Zusammenfassung 24
5. Literaturangaben 25
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1. Einleitung
Intuitiv würden viele Menschen der These zustimmen, dass Tiere in gewissem Maße denken können. Freilich erwarten wir nicht, dass ein Tier schwierige Berechnungen ausführt oder ein literarisches Werk verfasst. Aber irgendwie erscheint auch die These einleuchtend, dass Tiere in höherem Maße befähigt sind als Pflanzen - sie scheinen in Hinsicht auf ihre geistigen Fähigkeiten eher uns zu ähneln.
Der Behaviorismus schien lange Zeit als eine Möglichkeit, die Fähigkeiten von Tieren zu erklären, ohne so etwas wie Geist, Rationalität oder Vernunft voraussetzen zu müssen. Mit seinem Model des Stimulus-Respons, welches das Verhalten allein durch auslösende Reizmuster erklärt, und der Konditionierung, welche die Tatsache beschreibt, dass durch wiederholendes Training eine Verschiebung von solchen Reizmustern stattfinden kann, was sich direkt im Verhalten widerspiegelt 1 , lassen sich die vielfältigen Verhaltensformen von Tieren erklären.
Doch seitdem er seinen umfassenden Erklärungsanspruch - mehr oder weniger - erfolgreich auf den Menschen ausgedehnt hat 2 , taugt der Behaviorismus immer weniger dazu, irgendwelche gravierende Differenzen bezüglich der Denkfähigkeit von Tier und Mensch aufzuzeigen. Heute geht es viel mehr darum, wie dieser Behaviorismus ausgestaltet werden muss, damit er für Tier oder Mensch passend ist. Ein rein mechanisches Bild vom Tier - wie es bei Descartes häufig verstanden wurde 3 - ist heute dabei kaum noch ernsthaft zu vertreten, schon gar nicht wenn man über höhere Wirbeltieren spricht. Eine Erweiterung um bestimmte mentale Zustände oder mentale Entitäten ist für den Behaviorismus notwendig. 4
Donald Davidson bietet in seinem Essay „Rational Animals“ 5 eine Möglichkeit, die Frage nach der Rationalität von Tieren auf diese moderne Art und Weise zu behandeln. Trotzdem ähneln sich die Positionen von Davidson und Descartes, was ihre Meinung zum Geist der Tiere angeht, wie ich noch zeigen werde. Nach einer kurzen Darstellung seiner Argumentation möchte ich mich daher kritisch mit Davidson auseinandersetzen. Besonders werde ich dabei prüfen, in wie weit seine Voraussetzungen gerechtfertigt sind und gegebenenfalls welche anderen Annahmen sinnvolle Alternati-
1Man denke an den Pawlowschen Hund.
2 So werden behavioristische Ansätze der Konditionierung beispielsweise in der Lerntheorie und im Marketing angewendet. Skinner hat mit „Verbal Behaviour“ versucht, auch die menschliche Sprache als Reiz-Reaktion zu beschreiben, Davidson folgt diesem Weg. Die Erwiderung durch Chomsky hat die Behavioristen nicht zu einer Aufgabe ihrer Theorie gezwungen, sondern nur entsprechende Modifikationen verursacht.
3 Vgl. die Hinweise bei: Perler, Dominik/ Wild, Markus, Der Geist der Tiere - eine Einführung, in: dieselben (Hrsg.), Der Geist der Tiere, S. 10-74, hier S. 38.
4 Es sei dahingestellt, ob er dann noch Behaviorismus bleibt.
5 Ich verwende hier die deutsche Übersetzung (Davidson, Donald, Rationale Lebewesen, in: Perler, Dominik/ Wild, Markus (Hrsg.), Der Geist der Tiere, S. 117-131) und ziehe die englische Fassung (Davidson, Donald, Rational Animals, in: ders., Subjective, Intersubjective, Objective, Oxford 2001, S. 95-105) nur zum begrifflichen Vergleich heran.
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ven bieten. Dabei versuche ich, meinen Blick auch mehr auf die „nicht-menschlichen Tiere“ selbst zu werfen, die Davidson nicht als direkten Inhalt seines Essays versteht, da er versucht, über Rationalität als solche zu sprechen.
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2. Davidsons Argumentation
2.1 Differenz zwischen Mensch und Tier
Dass auch Mensch und Tier sich in der Fähigkeit unterscheiden, rational sein zu können, ist einleuchtend - sagt aber im Prinzip nicht viel aus. Schließlich sprechen wir auch davon, dass sich verschiedene Menschen, zum Beispiel das Neugeborene und der Erwachsene, in ihrer Rationalität unterscheiden. Zudem müssen wir natürlich feststellen, dass auch Tier nicht gleich Tier ist. Schnecken und Insekten scheinen weniger als Kandidaten für höhere geistige Fähigkeiten geeignet, als beispielsweise Wirbeltiere. Warum aber der Mensch als Gattung im alleinigen Besitz solcher geistigen Fähigkeiten sein soll, und etwa die evolutionär nah verwandten anderen Primaten nicht, leuchtet nicht unmittelbar ein.
Davidson bringt den Unterschied zwischen Lebewesen, die er rational nennen will, und solchen, bei denen diese Beschreibung nicht passt, auf eine einfache Formel: „Die Differenz besteht darin, propositionale Einstellungen zu haben“ 6 . Wir Menschen sind demnach die einzigen bekannten Lebewesen, die solche propositionalen Einstellungen haben - daher sind wir auch die einzigen, die zum Denken fähig sind. Propositionale Einstellungen sind dabei beispielsweise solche Dinge wie Wünsche, Hoffnungen, Absichten, scheinbar auch Gründe und im allgemeinen: Überzeugungen. Davidson nennt zudem auch noch Hass und Scham. 7
Ich möchte diese einfache Differenz-Formel im Folgenden etwas detaillierter darstellen. Was es nämlich für Davidson heißt, propositionale Einstellungen zu haben, stellt sich als wesentlich komplexer dar, als es das Zitat erscheinen lässt. Folgt man Davidson, so muss man nicht nur das Vorhandensein von einer Überzeugung annehmen, sondern darüber hinaus das Vorhandensein eines ganzen Netzes solcher Überzeugungen. Ferner muss man sogar in einem fast philosophisch-wissenschaftlichen Sinne verstehen, was eine Überzeugung (oder andere propositionale Einstellung) überhaupt ist, um eine haben zu können. Und letztlich muss man auch noch Sprache als solche beherrschen, weil man Begriffe, wie den der Überzeugung, und deren Wahrheit nur sozial über Sprache bestimmen kann. Soweit Davidson im Kurzüberblick.
6 Vgl. Davidson, Donald, Rationale Lebewesen, hier S. 117.
7 Vgl. ebenda.
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2.2 Überzeugungen und deren Netz
Aber der Reihe nach noch einmal genauer: Davidsons Annahme, dass wir von Rationalität nur sprechen können, wenn so etwas wie Überzeugungen oder propositionale Einstellungen vorliegen, halte ich für sinnvoll. Wenn wir Rationalität nämlich so verstehen, dass sie - im Gegensatz zum bloßen Verhalten - durch das Handeln aus Gründen, mit Absichten und so weiter gekennzeichnet ist, dann braucht der Handelnde dafür natürlich diese Gründe und Absichten. Mit anderen Worten: Er braucht bestimmte propositionale Einstellungen oder Überzeugungen. 8
Es spielt dabei keinesfalls eine Rolle, welche Qualitäten diese Gründe haben. Wir können solche Gründe durchaus als irrational empfinden. Aber dass der Handelnde aus ihnen sein Handeln wenigstens gelegentlich durch Überlegen und Nachdenken ableitet, genügt, um ihn als rational beschreiben zu können. 9 Man kann das Gesagte natürlich fast tautologisch nennen, wenn man will. Inhaltlich ist jedenfalls mit der Feststellung, dass einer, der aus Gründen handelt, Gründe haben muss, um zu handeln, nicht viel erreicht. Aber wem können wir denn unterstellen, solche Gründe zu haben? Tieren nicht, scheint jedenfalls Davidson zu meinen, auch wenn er sich in seinen Formulierungen immer wieder zurückhält. 10 Natürlich können wir uns mit den Tieren nicht darüber unterhalten, welche Gründe, Absichten und Überzeugungen sie haben. Beim Menschen geht das. Und doch schreiben wir auch Menschen Rationalität zu, mit denen wir nie ein Wort gewechselt haben - ja von denen wir genau genommen nicht mal wissen können, ob sie Menschen sind oder vernunftlose Zombies oder geschickt gestaltete Maschinen. 11 Wir schreiben Menschen, die uns begegnen, quasi ununterbrochen Rationalität zu, weil wir uns ihr Verhalten eben durch Intentionen und Überzeugungen erklären. 12 Aber warum können wir nicht sagen, dass ein Tier zum Beispiel in Bezug auf ein anderes Tier eine Überzeugung hat? Was genau ist daran anders?
Mal davon abgesehen, dass wir Menschen die Überzeugungen wohl rechtmäßig zuschreiben, weil es sich dabei eben um Menschen handelt und wir daher eine Analogie zu uns selbst bilden, wir aber keine „philosophische“ Sicherheit diesbezüglich haben können, scheint Davidson noch weitere Ent- 8Davidson spricht in „Rational Animals“ anfangs sowohl von „propositional attitudes“ (propositionale Einstellungen) als auch von „beliefs“ (Überzeugungen), im Verlauf der Argumentation stehen dann nur noch die Überzeugungen im Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Auch ich werde im folgenden von Überzeugungen sprechen, in den meisten Fällen diesen Begriff aber stellvertretend für alle propositionalen Einstellungen verwenden. Es handelt sich bei Überzeugungen, so wie ich sie bei Davidson verstehe, um die am häufigsten auftretende propositionale Einstellung, die auch Grundlage für andere solche Einstellungen darstellt.
9 Vgl. ebenda, hier S. 122f.
10 Zum Beispiel möchte er nicht die Frage diskutieren, ob eine bestimmte Spezies rational ist (Vgl. ebenda, S. 119).
11 Vgl. Dennett, Daniel C., Intentionale Systeme, in: Perter Bieri (Hrsg.), Analytische Philosophy des Geistes, Bodenheim 1993, S. 162 -183, hier S. 166. Dennett zeigt hier, dass man auch Computer zurecht als intentionale Systeme beschreiben kann. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch Davidsons Raketenbeispiel zu verstehen: Wir haben sie nach rationalen Gesichtspunkten konstruiert, ihr unsere Rationalität zum Teil implementiert.
12 Vgl. ebenda, hier S. 168
6
gegnungen anzubringen. Wenn wir einem Tier nämlich eine Überzeugung zuschreiben wollen, müssen wir ihm in Wirklichkeit ein ganzes komplexes Netz von Überzeugungen zuschreiben, weil eine einzelne Überzeugung nicht vorkommen kann. Überzeugungen, so Davidson, „treten nur in einem aufeinander abgestimmten Ensemble auf“. 13 Ein solches Netz („pattern of beliefs“ 14 ) aber scheint ob seiner Komplexität nicht so leicht einem Tier zuschreibbar zu sein. Dieses Komplexitätsargument ist zwar in gewisser Weise das schwächste bei Davidson, doch hat es weitreichende Konsequenzen und ist damit Basis für die darauf folgenden Argumente.
Dass ein solches Netz notwendig ist, lässt sich ohne weiteres nachvollziehen: Wenn wir jemandem irgendeine gehaltvolle Überzeugung zuschreiben wollen, so müssen diese Gehalte durch etwas gefüllt werden. Und dies scheint bei Davidson nur durch ein Netz von Überzeugungen gewährleistet werden zu können. Schließlich werden die Elemente in einer Überzeugung dadurch bestimmt, dass es zu ihnen jeweils wieder Überzeugungen gibt. Die Überzeugung „Ein Stein fällt immer nach unten“ bedarf so zum Beispiel der Überzeugung „Ein Stein ist hart und schwer“, also Überzeugungen dazu, was ein Stein eigentlich ist, um einen Teil seines Inhaltes mit Sinn zu füllen. Hier schließt sich bereits das zweite Argument Davidsons an. Denn in der komplexen Netzstruktur von Überzeugungen müssen, so Davidson, zwangsläufig bestimmte einzelne Elemente auftauchen, die wir wohl Tieren nicht zuschreiben können. Zumindest: „[...W]e have no idea at all how to tell whether a dog has them [...]“ 15 Wir wissen also nicht, wie wir sagen können, ob ein Tier sie hat. Das beweist natürlich nicht, dass ein Tier sie nicht hat. Auch wenn er zunächst offen lässt, welcher Art diese Elemente sein sollen, scheint Davidson davon überzeugt, dass wir solche sogar recht früh in unseren Untersuchungen solcher Netze finden werden.
2.3 Sprache, Begriff und Wahrheitsfähigkeit
Eine Überzeugung zu haben ist also nach Davidson schon ziemlich anspruchsvoll. Doch ich möchte erst noch die anderen Komponenten in seiner Argumentation gegen die Rationalität der Tiere darstellen, eh ich mich der Kritik zuwende. Davidson behauptet als nächstes, dass ein rationales Lebewesen, um Überzeugungen überhaupt haben zu können, der Sprache bedarf. Denn: „Um eine Überzeugung zu haben, ist es notwendig, den Begriff von Überzeugung zu haben.“ 16 Hier scheinen wir nun auf Überzeugungen der Art zu stoßen, von denen Davidson sagen würde, dass wir nicht wissen, ob wir sie Tieren zuschreiben können. Ob Davidson dies so meint, ist jedoch nicht völlig eindeutig.
13 Vgl. Davidson, Donald, Rationale Lebewesen, hier S. 118.
14 Davidson, Donald, Rational Animals, hier S. 96.
15 Ebenda, hier S. 99.
16 Vgl. Davidson, Donald, Rationale Lebewesen, hier S. 126.
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Arbeit zitieren:
Stefan Enke, 2010, Rationalität verschiedener Lebewesen, München, GRIN Verlag GmbH
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