Thema
1. Stieffamilien, Einleitung 1
2. Nomenklatur 2
3. Statistische Übersicht 3
4. Forschungsstand: Scheidungs- und Stieffamilien 4
4.1 Ansätze der Scheidungsforschung 5
4.2 Ansätze der Stieffamilienforschung 6
5. Idealleitbild: Kernfamilie 7
6. Familie: Arbeitsbereich der besonderen Art 8
7. Die Stieffamilie in der Gesellschaft 9
8. Besonderheiten der Stieffamilie 9
9. Elternrollen in der Stieffamilie 10
10. Phasenmodelle zur Entwicklung von Stieffamilien 11
11. Merkmale der Stiefvater-Stiefkind-Dyade 12
12. Merkmale der Vater-Kind-Dyade in Stieffamilien 13
13. Erfolgreiche Gestaltung multipler Vaterschaft 14
14. Mythen und Stigmata der Stiefelternteile 16
15. Stiefkinder 17
16. Fazit 19
17. Literaturangaben / Quellennachweis 21
1.Stieffamilien - Einleitung
Stieffamilien sind Familieninstitutionen besonderer Art. Dabei erleben Kinder eine fragmentierte Elternschaft, wobei im primären und/oder sekundären Haushalt biologische und soziale Elternschaft auseinanderfallen. Tritt zu einem leiblichen Elternteil ein neuer Partner hinzu, oder wird ein verstorbener biologischer Elternteil durch einen Stiefelternteil ersetzt, können sich aus den daraus resultierenden familiären Umbrüchen diverse Konfliktherde, Verlustängste sowie Rivalitäts- und Loyalitätskonflikte auf Seiten der Kinder ergeben.
Im Verlauf der Ausarbeitung soll die zentrale Frage beantwortet werden: Weißt der Sozialisationsprozess von Kindern aus Stieffamilien ein qualitativ gleichwertiges Gelingen auf, wie selbiger in traditionellen Kernfamilien? Obwohl Stiefbeziehungen historisch betrachtet kein neues Phänomen darstellen, liegen diesbezüglich kaum repräsentative wissenschaftliche Untersuchungen vor. Es ist davon auszugehen, dass um das 17. Jahrhundert herum mehr als ¼ aller Ehen keine Erstehen waren. Während damals die Ursachen der Wiederheirat durch geringe Lebenserwartungen, hohe Müttersterblichkeit und ökonomische Notwendigkeit begründet wurden, resultiert die Gründung einer neuen, zweiten Familie heute primär aus den hohen Scheidungsraten. Die Relevanz dieser Thematik lässt sich durch die Tatsache unterstreichen, dass in der BRD schätzungsweise eine Million Stiefkinder leben (vgl. Friedl/ Maier-Aichen, S. 28). Stieffamilien, oder neu zusammengesetzte Familien, die sich als Stieffamilien verstehen, machen 10 % aller Familien mit Kindern in Deutschland aus ± Tendenz steigend.
Innerhalb dieser schriftlichen Arbeit wird vordergründig auf Stiefvater-Familien eingegangen werden, da diese den größten Teil der Stieffamilienvarianten ausmachen. Dies lässt sich dadurch begründen, dass die gemeinsamen Kinder in der Regel im Haushalt der Mutter aufwachsen und sie dort die Rolle des Stiefvaters wahrnehmen, sobald die Mutter eine neue Partnerschaft eingeht.
Die vorliegende Hausarbeit thematisiert die Gegensätze zur idealtypischen Kernfamilie sowie Schwierigkeiten und Chancen von Stieffamilien. Des Weiteren wird die Beziehung der ehemaligen Ehepartner beleuchtet und Modelle zum Versuch erfolgreicher multipler Vaterschaft vorgestellt. Gegen Ende werden die Ängste, Bedürfnisse und Bewältigungsphasen der Stiefkinder debattiert. (vgl. Peuckert 2005, S. 234f, Friedl/ Maier-Aichen 1991, S. 18, 28f)
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2. Nomenklatur der Stieffamilienformen
Stieffamilien können sich über mehrere Haushalte erstrecken, falls beide Elternteile einer Wiederheirat nachgegangen sind. Jener Haushalt in dem das Kind bzw. die Kinder, unabhängig vom Sorgerecht der Eltern, überwiegend zusammen mit einem biologischen Elternteil und dessen Partner lebt bzw. leben, bezeichnet man als primäre Stieffamilie, auch Alltagsstieffamilie genannt. Die neu gegründete Familie des zweiten leiblichen Elternteils, die das Kind vorwiegend in der Freizeit, am Wochenende und in den Ferien besucht, gilt als sekundäre, oder auch Wochenendstieffamilie. Des Weiteren lassen sich die einfache, die zusammengesetzte, die komplexe sowie die mehrfach fragmentierte Stieffamilie differenzieren. Bei der einfachen Stieffamilie zählen die Kinder eines Partners zur Familienkonstellation dazu, während der andere Partner keine leiblichen Kinder besitzt. Diese Form der Stieffamilie lässt sich wiederum in Stiefvaterfamilien (die Frau bringt ihre leiblichen Kinder in die Familie ein) und Stiefmutterfamilien (der Mann bringt seine leiblichen Kinder in die Familie ein) unterteilen. Eine weitere Form der einfachen Stieffamilie liegt vor, wenn die Mutter eines nichtehelich geborenen Kindes nicht dessen Vater, sondern einen anderen Mann heiratet. In diesem Fall spricht man von einer legitimierenden Stieffamilie. Einfache Stieffamilien lassen sich zudem in eheliche und nichteheliche Stieffamilien aufteilen.
Die zusammengesetzte Stieffamilie zeichnet sich durch das Einbringen der Kinder beider Partner aus. Gemeinsame Kinder der Ehepartner existieren bei dieser Form der Stieffamilie nicht. Während des Zusammenlebens übernehmen beide Partner sowohl die Rolle des Stiefelternteils, als auch die des biologischen Elternteils. Komplexe Stieffamlien basieren in ihrer Grundlage auf einfachen oder zusammengesetzten Stieffamilien. Anders jedoch als bei diesen Familienkonstruktionen, treten hierbei gemeinsame Kinder der neuen Ehepartner in die Familie hinzu. Die mehrfach fragmentierte Stieffamilie ist kennzeichnet durch eine wiederholte Scheidung, oder auch den Todesfall eines zweiten Ehepartners, worauf eine erneute Eheschließung folgt.
Bei Berücksichtigung einer erweiterten Stieffamiliendefinition zählt man zusätzlich zu GHQEHUHLWVJHQDQQWHQ)RUPHQGLHÄOiving-apart-WRJHWKHU³-Beziehung hinzu. Dies beschreibt eine Partnerschaft in getrennten Haushalten, wobei mindestens einer der Partner mit mindestens einem Kind zusammenlebt.
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Die ehelichen komplexen Stieffamilien sowie ehelichen und nichtehelichen einfachen Stieffamilien machen den größten Anteil aller Stieffamilienkonstellationen aus. (vgl. Peuckert 2005, S. 235f)
3. Statistische Übersicht
Laut der Statistik werden in Deutschland mehr als ein Drittel aller Ehen geschieden. Im Jahr 2000 endeten so 194.410 Ehen. Dies entspricht einem prozentualen Höchst-stand, wobei rückblickend erwähnt werden kann, dass die Scheidungsrate seit Mitte des 19. Jahrhunderts steigt. Dies lässt sich auf die schwindende Notwendigkeit der Ehe als Existenzsicherung zurückführen. ( vgl. Friedl/ Maier-Aichen 1991, S. 15) Das permanente Ansteigen der Scheidungsrate brach in Westdeutschland im Jahre 1977 im Zuge der Scheidungsreform kurzfristig ein. Ein Rückgang der Scheidungszahlen ließ sich in Ostdeutschland im Jahre 1991 nach der Wiedervereinigung ermessen. Mit dem drastischen Einbruch der Scheidungsrate ging ebenso ein Rückgang der Heiraten und der Geburten einher. In den darauffolgenden Jahren war jedoch ein erneuter Anstieg in beiden Teilen Deutschlands zu beobachten. Seit der Wiedervereinigung liegt die Scheidungsrate der neuen Bundesländer unterhalb der Zahlen der alten BundeVOlQGHU9RUGHQ¶HU-DKUHQGHV20. Jahrhunderts lag diese Rate durchweg deutlich über dem westdeutschen Niveau. Bei ca. 50% der Ehescheidungen sind minderjährige Kinder betroffen. Dies entsprach im Jahr 2000 148.190 Kindern. Laut Statistischem Bundesamt weißt diese Quote gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg von 3,1% auf.
*HPHVVHQDQHLQHP=HLWUDXP ]ZLVFKHQ XQG ÄKDW VLFK GLH =DKOGHU.Ln- der,die bei ihrer geschiedenen oder verheiratet getrennt lebenden Mutter aufwach- VHQ³ (Walper/ Schwarz 2002, S. 8) verdoppelt. Die Anzahl der Kinder, welche mit ihrem geschiedenen Vater zusammenleben verdreifachte sich. Das Bundesamt für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlichte 1998, dass 14% der minderjährigen Kinder, deren Eltern 1975 geheiratet hatten, von einer Scheidung betroffen sind. Es ist anzunehmen, dass der aktuelle Prozentsatz über diesem Wert liegt, da auch die Scheidungsraten der nach 1975 verheirateten Paare angestiegen sind. Nach Schätzungen von Karl Schwarz lassen sich zu den Scheidungskindern noch 6% der Kinder addieren, deren Eltern sich aus einer nichtehelichen Partnerschaft lösen. Nach der Scheidung wächst der Großteil der Kinder bei der Mutter auf. Dies
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lässt sich dadurch unterstreichen, dass 1995 den Müttern zu 73,8% das alleinige Sorgerecht zugesprochen wurde; und lediglich zu 8,3% den Vätern. Zurzeit liegen keine repräsentativen Untersuchungen und Statistiken bezüglich des Alters der Kinder zum Zeitpunkt der Scheidung vor. Dies kann nur anhand von Schätzungen gemutmaßt werden. Somit lassen sich keine genauen Rückschlüsse darauf ziehen, ob und welche Altersgruppen überdurchschnittlich häufig von einer Scheidung bzw. einer Trennung betroffen sind. Dies könnte jedoch bei der Entwicklung von präventiven Maßnahmen und Beratungsangeboten hilfreich sein. Männer und Frauen lassen sich in etwa zu gleichen Teilen auf eine Wiederheirat ein. Insgesamt entspricht das ca. 70% der Geschiedenen. Von den verbliebenen geschiedenen Müttern und Vätern, die eine feste Partnerschaft einer Wiederheirat vorziehen, praktizieren diese Form des Zusammenlebens in den neuen Bundesländern 40%, in den alten Bundesländern ca. 25%. Die Mehrheit der Scheidungskinder wird somit unweigerlich zu Stiefkindern, oder leben mit ihrem leiblichen Elternteil und dessen Partner zusammen, wobei sie sich allerdings als Stieffamilie verstehen. (vgl. Walper / Schwarz 2002, S. 7ff)
Wissenschaftlichen Studien zufolge liegt die Scheidungsrate von Folgeehen über dem Niveau von Erstehen; 1984 lag sie in den USA bei nahezu 60%. Die Anwesenheit von Stiefkindern scheint laut Erkenntnissen von White und Booth die Schei- GXQJVQHLJXQJ]X HUK|KHQ VRGDVV Ä3UREOHPH PLW .LQGHUQ GHQ $XVVFKODJ ]X HLQHU Scheidung geben können, selbst wenn die eheliche Be]LHKXQJDOVJXWEHXUWHLOWZLUG³ (Friedl/ Maier-Aichen 1991, S. 29)
4. Forschungsstand
Ungeachtet der Relevanz dieser Thematik hat sich die empirische Sozialforschung nur langsam und vorsichtig dem Thema Stieffamilie genähert. Der Hauptteil der Studien und Forschungsergebnisse entstammt den USA, wo die Situation von Scheidungs- und Stiefkindern schon seit mehreren Jahrzehnten intensiv untersucht wird. Zwar dienen diese Erkenntnisse auch hierzulande als analytische Basis bei der Arbeit mit Stieffamilien, jedoch stellt sich die Frage, inwiefern diese auf die hier herrschenden Verhältnisse, aufgrund von differenten Rahmenbedingungen, transformiert werden können. Hier sind beispielsweise die finanziellen Konsequenzen einer Scheidung gemeint. (vgl. Friedl/ Maier-Aichen, S. 10)
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Arbeit zitieren:
Sarah Berens, 2009, Stieffamilien, München, GRIN Verlag GmbH
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