1. Ausblick
Im Rahmen des Hauptseminars „Hochschulische Kommunikation“ haben wir verschiedene Kommunikationsformen innerhalb der Institution Universität beleuchtet. Dabei wurden diese Institution und deren Aktanten, beispielsweise auf hierarchische Strukturen, auf Asymmetrie und auf Status untersucht und Normenmodelle wurden angelegt. Des Weiteren haben wir Charakteristika und Handlungsmuster der E-Mail-Kommunikation untersucht. Auch typische universitäre Abläufe wie beispielsweise das Sprechstundengespräch und die Seminararbeit waren Gegenstand der pragmatischen Betrachtungsweisen dieses Kurses. Ein weiteres Betätigungsfeld der Pragmatik ist die Sprechakttheorie. Genauer gesagt gab die aus der Sprachphilosophie stammende Theorie den Anstoß zur Entwicklung dieses
Großbereichs der modernen Sprachwissenschaft. 1 Im Grunde beschäftigt sich diese Theorie mit der Frage: Was tut man, indem man etwas sagt? Daran schließen sich ähnliche Fragen an: Warum äußert man einen bestimmten Sprechakt? Zu wem? In welcher Situation...? Diese Arbeit soll einen Überblick über die Sprechakttheorie und deren Entwicklung geben. John L. Austin entwickelte die Theorie in einer Vorlesung von 1955. Nach dessen Tod wurde eine Nachschrift der Theorie unter dem Namen „How to do things with words“ angefertigt. Die Basis der Theorie basiert auf dieser Veröffentlichung und liegt auch dieser Arbeit zu Grunde. Die Werke des Sprachphilosophen John R. Searle, allen voran „Speech acts“ von 1969, begründen gewisser maßen die 2. Etappe der Sprechakttheorie. In dieser Phase klassifizierte Searle die Sprechakte abermals. Diese Klassifikation setzte sich letztendlich durch. Wie nah liegt sie aber an der Praxis? Wie ist die Leistung dieser Wissenschaftler zu bewerten und welchen Kritikpunkten hält die Sprechakttheorie nicht stand? Mit diesen Fragen beschäftigte sich auch das Buch „Einführung in die Sprechakttheorie“ von Sven Staffeldt, dass ebenfalls Grundlage dieser Arbeit ist. Ergänzend sei Paul Grice und dessen Vorlesung „Logic and Conversation“ von 1967 erwähnt. Grice entwickelte ein Rahmenkonzept, das die Einzelregeln der Sprechakttheorie auf den Kontext von Sprachhandlungen bezieht. Auch dessen Theorie soll als Ergänzung der Sprechakttheorie in dieser Arbeit Erwähnung finden.
1 Portmann, 182
2
Darüber hinaus sollen die Theorien am praktischen Beispiel der Illokutionen in E-Mails auf ihre Praxistauglichkeit überprüft werden. Es handelt sich dabei um alltägliche E-Mails die im Kontext der Institution Schule entstanden. Welche Handlungsmuster lassen sich bei diesen Sprechhandlungen erkennen?
3
2. Die Basis der Sprechakttheorie von John L. Austin
Die Sprechakttheorie wird allgemein John Langshaw Austin und dessen Schüler John R. Searle zugeschrieben. Natürlich gingen der Theorie dieser Sprachphilosophen schon wissenschaftliche Überlegungen voraus. Neben George E. Moore (1873-1956) und Ludwig Wittgenstein (1889-1951) griffen bereits Frege (Prädikatenlogik), Reinach (soziale Akte) und auch Karl Bühler das Konzept der Sprechakte auf.
So vertrat Wittgenstein bereits die Auffassung, dass die Bedeutung von sprachlichen
Ausdrücken in ihrem Gebrauch bestehe 2 . Karl Bühler betrachtete zwar schon die Sprechakte, unterteilte diese aber noch in Sprechhandlung und Sprechakt.
Austin entwickelte die „Theorie der Sprechakte“ in seinen zwölf Vorlesungen aus dem Jahre 1955, welche er an der Universität von Harvard hielt. Dabei geht Austin von einer simplen Frage aus: Was tut man indem man etwas sagt? („How to do things with Words?“). Dabei wurde der Blick vorerst zurück gerichtet. Austin stellte fest, dass die Philosophen bis dahin einzig das Kriterium der Wahrheit an die Aussagen über die Welt anlegten. Wenn man demnach nur Aussagen über die Welt untersuchte, welche auf wahr oder falsch geprüft wurden, dann kann nur ein Bruchteil von Sprache getestet worden sein. „Das Gras ist grün.“ und „Die Milch stammt von der Kuh“ sind solche Aussagen, leicht anhand von wahr oder falsch zu prüfen. Wie verhält es sich aber mit Fragen? Mit Ausrufen oder Aufzählungen? Mit Aufforderungen zu Handlungen? Es wäre sinnlos diese verbalen Äußerungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Es ist also notwendig, die normale Alltagssprache zu untersuchen
(„ordinary language philosophy“) 3 .
Austin geht in seiner ersten Vorlesung von der Grundüberlegung aus, dass nicht alle Aussagen der normalen Sprache deskriptiv beziehungsweise wahr oder falsch sind. Er stellt außerdem Sätze zur Debatte, mit denen man Handlungen vollziehen kann. Die Aussagen der
ersten Gruppe nennt er konstativ (von: „constative“) 4 , die der zweiten performativ (von: „to perform“, vollziehen) 5 . Ein konstativer Satz ist ein Satz wie
2 Austin 2002, S. 7
3 Linke/ Nussbaumer/ Portmann 1996, S. 182
4 Austin 2002, S. 27 ff.
5 Austin 2002, S. 29 f.
4
1) „Ich habe kein Licht am Fahrrad.“ 6
Es handelt sich um eine Aussage über die Welt, die auf wahr ober falsch geprüft werden kann. Folgende Sätze nennt Austin als Beispiele für performative Aussagen: 2) „Ja (sc. Ich nehme die hier anwesende XY zur Frau)“ als Äußerung im Laufe der
standesamtlichen Trauung. 7
3) „Ich taufe dieses Schiff auf den Namen Queen Elisabeth“ als Äußerung beim Wurf
der Flasche gegen den Schiffsrumpf. 8
4)“Ich vermache meine Uhr meinem Bruder“ als Teil des Testaments.
5)“Ich wette einen Fünfziger, daß es morgen regnet“ 9
Die von Austin genannten Beispiele sind also weder Beschreibungen, Behauptungen oder Berichte, noch sind sie wahr oder falsch. Allerdings sind es verbal geäußerte also sprachliche Aussagen mit denen jeweils eine Handlung vollzogen wird.
Dabei eröffnet sich allerdings ein Problem das Austin durch die zusätzlichen Informationen der näheren Umstände bereits angedeutet hat. Allein durch die Verbalisierung performativer
Äußerungen wird in der Regel keine Handlung vollzogen. Es bedarf bestimmter Umstände 10 . Bei 2) muss die Äußerung „Ja“ (ich will) im Beisein einer legitimierten Person (in diesem bestimmten Fall, der Pfarrer) erfolgen, bei 3) ist gehört der Flaschenwurf gegen den Rumpf zu einer gewissen Konvention. Beim „Vermachen“ muss etwas existent sein, das vermacht werden kann. Ebenso muss bei einer Wette jemand in die selbige einwilligen, ein Handschlag oder jemand der den Handschlag „durchschlägt“ gehört traditionell zu einer Wette. Damit sollen die Begleitumstände nur angedeutet werden, Austin geht bei der Eingrenzung deutlich ausführlicher vor. Des Weiteren bezeichnet er die genannten Bedingungen zusammenfassend
als „notwendige Bedingungen(die)Ihnen(als) selbstverständlich vorkommen 11 “ zusammen. Einzig formale Kriterien stehen noch aus. Der performative Sprechakt muss in der 1. Person Präsens Indikativ Aktiv verwendet werden, um den Akt zu vollziehen (in Ausnahmefällen
6 Austin 2002, S. 28
7 Austin 2002, S. 28
8 Austin 2002, S. 28 f.
9 Austin 2002, S. 29
10 Austin 2002, S. 31 ff.
11 Austin 2002, S. 37
5
kann dies auch in der 1. Person Plural Indikativ Aktiv gelingen). Verben wie taufen, wetten, danken, kündigen etc. zeigen das eben erwähnte Verhalten und werden deshalb als performative Verben bezeichnet. Ein weiteres, aus sprechakttheoretischer Sicht, wichtiges Wort ist das Pronominal- bzw. Präpositionaladverb hiermit. Dieses Wort ist token-bezogen
(nicht type- bezogen) und wird auch als token-reflexive sprachliche Einheit bezeichnet 12 . Vereinfacht ausgedrückt besitzt hiermit die Funktion für das Kommunikationsmittel zu stehen. Mit der Äußerung eines Sprechaktes in Verbindung mit diesem Wort ist die Handlung vollzogen. Ohne Weiteres könnte es bei den Beispielsätzen 2) bis 5) eingebaut werden. Bei konstativen Äußerungen wäre das (in sinnvollen Sätzen) unmöglich. Austin nannte Beispiele wie 2) bis 5) explizit performativ, alltäglichere Formen wie zum Beispiel „Ich komme morgen ganz bestimmt“ werden primär performativ genannt 13 .
2.1 Unglücksfälle der Sprechakttheorie
Nachdem Austin in seiner zweiten Vorlesung, die schon erwähnten Bedingungen für performative Sprechakte aufstellte, betrachtete er die sogenannten Unglücksfälle. Diese entstehen wenn man gegen eine der sechs Regeln verstößt, die Äußerung ist verunglückt (unhappy 14 ). Dabei führt Austin verschiedene Arten des Verunglückens ein. Dabei werden die Unglücksfälle (Infelicities) vorerst in Versager (Misfires) und Missbräuche (Abuses) unterteilt 15 . Diese Einteilung richtet sich danach, ob die Handlung gelungen ist oder eben nicht.
12 Staffeldt 2008, S. 25
13 Austin 2002, S. 87 ff.
14 Austin 2002, S. 37
15 Austin 2002, S. 40
6
Abbildung 1: Vereinfachte Darstellung der Austinschen Unglücksfälle. (Bei Feldern die mit einem "?" beschriftet
sind, wurde von Austin kein Name angegeben) 16
Bei den Versagern kommt es nicht zu einer Handlung weil das entsprechende Verfahren nicht in Betracht kommt, verletzt wird oder die Personen und Umstände nicht stimmen. Die beabsichtigte Handlung ist unwirksam und kommt damit nicht zustande. Austin bezeichnet sie
als „vorgespiegelt“ bzw. „ einen Versuch“ 17 . Die verschiedenen Einzelfälle (siehe Abbildung 1) von nicht zustande gekommenen Handlungen sind praktisch selbsterklärend. Im Gegensatz zu den Versagern geben sich Missbräuche nicht so leicht zu erkennen. Das ist dadurch zu erklären, dass eine Handlung entsteht, man sich der Aufrichtigkeit des Gegenübers aber nicht immer sicher sein kann. Wenn Paul zu Susi sagt Ich verspreche Dir, Dich am Samstag ins Kino in Greifwald einzuladen, tätigt er einen explizit performativen Sprechakt und es kommt zu einer Handlung. Wenn Paul aber weiß, dass er am Samstag nicht in Greifswald sein wird oder er gar keine Lust hat mit Susi ins Kino zu gehen (usw.) ist sein Verhalten unredlich und sein Sprechakt fällt unter Austins Kategorie der Missbräuche.
16 Nach: Staffeldt 2008, S. 30 und Austin 2002, S. 40
17 Austin 2002, S. 38
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Arbeit zitieren:
Philipp Holzhauer, 2009, Die Sprechakttheorie und deren Entwicklung, München, GRIN Verlag GmbH
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