Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Zur Bildungssituation in Deutschland 3
2. Theoretische Erklärungsansätze 4
2.1 Soziologische Bildungsungleichheitsforschung 4
2.2 Rational Choice-Theorie nach Boudon 5
3. Methodische Vorgehensweise 7
3.1 Wahl der Stichprobe 7
3.2 Erhebungsmethode 8
3.3 Auswertungsmethode 9
4. Ergebnisse der eigenen Analyse 10
4.1 Beschreibung des Einzelfalls 10
4.2 Elementare Aspekte der Bildungsentscheidung 11
4.3 Einfluss der Kosten-Nutzen-Kalkulation 12
4.4 Bedeutung des Statuserhalt-Konzepts 13
5. Resümee 15
6. Literaturverzeichnis 17
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1. Einleitung: Zur Bildungssituation in Deutschland
In der heutigen Informations- und Wissensgesellschaft nimmt Bildung einen zentralen Stellenwert ein. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit eines Landes und bestimmt die Entwicklungs- und Handlungschancen des Einzelnen im Privat- und vor allem im Berufsleben (vgl. Bell 1975; Allmendinger/Ebner/Nikolai 2009: 47ff). Sowohl für Männer als auch für Frauen sind hohe Bildungsqualifikationen heute Voraussetzung für prestigereiche Berufe, ohne Bildung dagegen bleibt einem auf dem Arbeitsmarkt der Zugang zu Stellungen von hohem Status weitestgehend verwehrt. Wie wichtig eine gute Schulbildung ist, zeigt sich schon daran, dass Hochqualifizierte inzwischen immer öfter Niedrigqualifizierte aus ihren Berufen und Berufsfeldern verdrängen, da die Hochqualifizierten keine Anstellungen auf ihrem Qualifikationsniveau mehr finden und dann bereit sind, auch geringer qualifizierte Jobs anzunehmen (vgl. Müller/Shavit 1998). Das heißt, je geringerer die Bildung, desto geringer fallen die individuellen Berufschancen aus. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass jeder Bürger über die gleichen Bildungschancen verfügt und niemand benachteiligt oder gar vom Bildungssystem ausgeschlossen wird. Doch spätestens nach dem schlechten Abschneiden Deutschlands bei den PISA-Studien 2000 und 2003 stellte sich dies als Illusion heraus. Faktisch ist der Kompetenzerwerb noch immer stark von der sozialen und kulturellen Herkunft abhängig (vgl. Artelt et. al. 2001; Prenzel et. al. 2005). Doch wie kommt es zu diesen Disparitäten im Bildungssystem? Um dies zu erklären, muss man sich auf die Entscheidungsprozesse der beteiligten Akteure konzentrieren und diese genauer untersuchen. Von besonderer Signifikanz für den weiteren Bildungsverlauf erweist sich hier der Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe I, da der erste Bildungsabschluss meist der Wahl der weiterführenden Schule nach der Elementarstufe entspricht (vgl. Harazd 2007: 1). Welche Kriterien stehen für die Eltern bei der Schulwegentscheidung ihres Kindes im Vordergrund? Wie treffen sie ihre Entscheidung und nach welcher Strategie gehen sie dabei vor?
Diese Arbeit soll dem Leser anhand qualitativer Interviews exemplarisch veranschaulichen, nach welchem Grundmuster Eltern in dieser Situation agieren. Als theoretischer Erklärungsansatz wird hierbei die Rational Choice-Theorie des französischen Soziologen Raymond Boudon herangezogen, die nach einem kurzen Überblick über Bildungsungleichheit erläutert wird. Nach einer Übersicht über die methodische Vorgehensweise werden die Ergebnisse der Interviewanalyse präsentiert. Hier sollen nach der Vorstellung eines
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Einzelfalls die Brückenhypothesen von Boudons Theorie überprüft und gezeigt werden, inwiefern sie auf die Befragten zutreffen. Die Analyse bezieht sich dabei vor allem auf elementare Aspekte der Bildungsentscheidung, die Kosten-Nutzen-Kalkulation und das Statuserhaltkonzept. Diese Erkenntnisse sollen nicht in generalisierender Weise dargestellt werden, sondern lediglich fallbezogen illustriert werden. Ziel der Arbeit kann und soll also nicht sein, die Allgemeingültigkeit der Theorie unter Beweis zu stellen, sondern anhand beispielhaft ausgewählter Familien zu veranschaulichen, inwieweit sie bei diesen beim Entscheidungsprozess zum Tragen kommt.
2. Theoretische Erklärungsansätze
2.1 Soziologische Bildungsungleichheitsforschung
,,Unterschiede der „Bildung“ sind heute [...] zweifellos der wichtigste eigentlich ständebildende Unterschied. [...] Unterschiede der „Bildung“ sind - man mag das noch so sehr bedauern - eine der allerstärksten rein innerlich wirkenden sozialen Schranken.“ (Weber 1921: 247f)
Moderne Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass der Bildungszugang ausschließlich meritokratischen Prinzipien folgt. Demzufolge sollte allein die individuelle Leistung die berufliche Position und den damit einhergehenden Status bestimmen, nicht etwa prädeterminierte Faktoren wie das Geschlecht oder die Klassenzugehörigkeit der Familie (vgl. Allmendinger/Ebner/Nikolai 2009: 49). Aufgabe der Demokratie ist es daher, all ihren Bürgern die gleichen Bildungschancen zu gewährleisten und sozioökonomische, kulturelle und ethnische Disparitäten im Bildungszugang und -erwerb auszugleichen (vgl. Harazd 2007: 31). Doch schon Max Weber erkannte vor fast neun Jahrzehnten, dass die Realität dies nicht widerspiegelt, sondern dass Bildung ungleich verteilt ist und die Gesellschaft dadurch in unterschiedliche Personengruppen klassifiziert.
Die Soziologie konzentriert sich in der Ungleichheitsforschung auf „gesellschaftsstrukturierende und Personengruppen benachteiligende Lebensbedingungen“ (Löw 2006: 57). Diese werden, bezogen auf die Bildungsungleichheit, vor allem durch die Klassenzugehörigkeit, das Geschlecht, die ethnische Herkunft und durch Stadt-Land-Unterschiede hervorgerufen. Hinsichtlich dieser Merkmale wird in Bezug auf die
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Bildungsbeteiligung Gleichheit erwartet, doch sobald die Zugangsmöglichkeiten aufgrund eines dieser Merkmale dauerhaft eingeschränkt sind und dadurch die Bildungschancen der Betroffenen beeinträchtigt oder begünstigt werden, liegt soziale Ungleichheit vor (vgl. ebd.; Harazd 2007: 31). Dass dies in Deutschland der Fall ist, bringt unter anderem der Bildungsbericht 2008 ans Licht. Dieser besagt zwar, dass sich die geschlechtsspezifischen Differenzen weitestgehend ausgeglichen und Mädchen inzwischen sogar bessere Bildungschancen haben als Jungen. Aus ihm geht aber auch hervor, dass Migrationshintergrund - vor allem aufgrund der Sprachbarriere - in allen Stufen des Bildungssystems zu starker Benachteiligung führt und dass der sozioökonomische Status und Bildungsstand der Herkunftsfamilie einen entscheidenden Einfluss auf das Kind haben. So liegt bei einer Familie von hohem sozialen Status die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kind das Gymnasium besucht, bis zu fünfmal höher als bei einer Familie von niedrigem Status (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008: 10f). Die von Max Weber getroffene Aussage trifft angesichts der ungleichen Bildungschancen und der daraus folgenden Klassifizierung der Gesellschaft also auch heute noch zu.
Doch wie ist es zu erklären, dass auch bei gleichen Abiturnoten Kinder aus akademischen Elternhäusern eher ein Studium aufnehmen als solche mit nichtakademischem Hintergrund (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008: 11)? Um diese Divergenz zu verstehen, müssen die Aspekte, die zu einer Bildungsentscheidung beitragen, und der Entscheidungsprozess im Ganzen näher betrachtet werden.
2.2 Rational Choice-Theorie nach Boudon
Nach Raymond Boudon basieren Bildungsentscheidungen auf der individuellen Abwägung von Kosten, Nutzen und Erfolgswahrscheinlichkeit der zur Wahl stehenden Bildungsalternativen. Bei seinen Vorüberlegungen zu diesem Modell bezieht er sich auf die von Keller und Zavalloni entworfene „Social Position Theory“ (1964), der zufolge jedes Individuum die Vor- und Nachteile eines bestimmten Bildungsweges unterschiedlich interpretiert: „reaching a given educational level or a given status means being exposed to costs and benefits that are going to differ according to social background” (Boudon 1974: 23). Steuern demnach zwei Akteure ein identisches Bildungsziel an, muss jener aus niedrigerem sozialen Herkunftsmilieu eine höhere Aspiration aufweisen, um sein Ziel zu erreichen, da er eine größere soziale Distanz zu überwinden hat. Ihr Handeln wird also durch ihre subjektiven
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Arbeit zitieren:
Michael Josten, 2010, Bildungsentscheidungen im Rahmen der Rational Choice-Theorie - Eine Analyse anhand qualitativer Interviews, München, GRIN Verlag GmbH
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