Wie beeinflussen sich wirtschaftliche Entwicklung und Einkommensungleichheit?
Was ist wirtschaftliche Entwicklung und wie wird sie bestimmt? Die Bezeichnung „wirtschaftliche Entwicklung“ ist äußerst komplex. Meist werden mit ihr zunächst Begriffe wie Wachstum und Fortschritt assoziiert, tatsächlich umfasst wirtschaftliche Entwicklung jedoch vielmehr. Denn auch Faktoren wie das Humankapital, Gesundheit und Lebenserwartung der Bevölkerung, flächendeckende Infrastrukturen sowie die Qualität staatlicher Institutionen etc. bilden die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes ab. Zur Messung dieser Arten der wirtschaftlichen Entwicklung wurden allerdings andere Maßstäbe und Indizes, wie beispielsweise der Human Development Index (HDI) entwickelt (Willis 2005: 13). Die Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes wird dahingegen meist anhand des Bruttonationaleinkommens vorgenommen. Ist also von wirtschaftlicher Entwicklung die Rede, so ist damit größtenteils das Wachstum des Bruttonationaleinkommens gemeint (Crow et al. 2009: 1053). Was ist Einkommensungleichheit und wie wird sie bestimmt? Ein Land kann reich und doch von Armut innerhalb der Bevölkerung geprägt sein, wenn das Gesamteinkommen dieses Landes ungleich auf seine Bewohner aufgeteilt ist. Viele Länder in Lateinamerika erzielen ein wesentlich höheres Durchschnittseinkommen als beispielsweise Länder in Afrika (Cardoso/Helwege 1997: 236). Solche Länder würden in der Summe ausreichend Einkommen erwirtschaften, um ihrer gesamten Bevölkerung ein Leben außerhalb der Armutsgrenze zu ermöglichen. In der Realität jedoch strömt der Hauptteil des Gesamteinkommens häufig zu den reichen Bevölkerungsschichten. In diesem Fall läßt sich von einer Einkommensungleichheit sprechen. Um zu beurteilen, wie hoch die Einkommensungleichheit eines Landes ist, wird häufig der von Corrado Gini entwickelte Gini-Koeffizient bzw. der Gini-Index heran gezogen (Willis 2005: 8). Der Gini-Koeffizient (bzw. Gini-Index) kann Werte zwischen Null und Eins (bzw. Hundert beim Gini-Index) annehmen. Ein Wert von Null steht dabei für eine absolut gleiche Einkommensverteilung (jedem Einwohner eines Landes kommt der gleiche Anteil am Gesamtvermögen zu), während ein
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Wert von Eins (bzw. Hundert) die absolute Ungleichheit beschreiben würde (das gesamte Vermögen eines Landes ist im Besitz einer einzigen Person) (Willis 2005: 9).
Ein anderes weit verbreitetes Maß der Einkommensungleichheit bietet das Verhältnis des Einkommens des reichsten Quintils der Bevölkerung zu dem des ärmsten Quintils (Cardoso/Helwege 1997: 236 ff). Die relative
Einkommensgleichheit wird dementsprechend anhand des Einkommensanteils der mittleren drei Quintilie am Gesamteinkommen der Bevölkerung gemessen (Easterly 2002, S. 2).
Eine wichtige und strittige Frage bei der Messung und Beurteilung von Einkommensungleichheiten ist, welche Einkommensart betrachtet werden soll. Ob also zum Beispiel das gesamte Markteinkommen eines Landes oder das verfügbare Nettoeinkommen zum Vergleich herangezogen wird, spielt eine wichtige Rolle. Genauso sollte bedacht werden, nach welchen empirischen Methoden die entsprechenden Einkommensarten erhoben werden. Je nach Autor oder publizierender Institution kann es dabei zu erheblichen Abweichungen bei den jeweiligen Messerergebnissen kommen (Cardoso/Helwege 1997: 239). Klassische Sichtweise
Vor allem in der Zeit der Postindustrialisierung waren einige Wissenschaftler der Ansicht, Einkommensungleichheit wirke sich positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes aus und führe zu Wachstum. Sie begründeten ihre Meinung darin, dass durch eine ungleiche Einkommensverteilung Kapitalströme und Ressourcen zu denjenigen Bevölkerungsschichten geleitet werden, deren marginale Sparneigung höher ist (Cardoso/Helwege 1997: 237; Easterly 2002: 2; Galor 2009: o. S.). Dadurch erhöhten sich nicht nur die Anreize überhaupt zu arbeiten sondern auch die Sparquote, Investitionstätigkeiten und
Kapitalakkumulation, was wiederum zu mehr Wachstum führe (Galor 2009: o. S.). „Withouts the savings of the rich, inevstment would decilne“ (Cardoso/Helwege 1997: 237).
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Neoklassische Sichtweise
Aufbauend auf diesen Annahmen entwickelte Simon Kuznet (1955) die so genannte Kuznet Kurve, welche besagt, dass die Einkommensungleichheit einer Volkswirtschaft mit dem Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens zunächst zunimmt und im weiteren (U-förmigen) Verlauf wieder abnimmt. Die Schlüsse, die aus dieser Arbeit gezogen wurden, waren vielfältig. Zum einen heißt es, dass Ungleichheit wichtig ist, um das Wachstum in Gang zu bringen und zu dem Wendepunkt der Kuznet Kurve zu gelangen ab dem die Ungleichheit wieder abnimmt (Kanbur/Lustig 1999: 7). Zum anderen wurde behauptet, es bestünde kein signifikanter Zusammenhang zwischen Wachstum und Einkommensungleichheit (Galor 2009: o. S.). Die meisten empirischen Studien konnten die Annahmen der Kuznet Kurve jedoch nicht bestätigen, da sich wenn überhaupt nur ein sehr schwacher Zusammenhang zwigte (Kanbur/Lustig 1999. 7). Moderne Ansichten
Seit Mitte der 90er Jahre wird nicht mehr nur der reine Zusammenhang zwischen Wachstum und Einkommensungleichheit erforscht. Stattdessen werden Mechanismen untersucht, die bei vorherrschender Einkommensungleichheit das Wachstum und damit die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes hemmen. Am Ausgangspunkt dieser Betrachtungsweisen stehen eingangs beschriebene Faktoren wie das Humankapital, die Qualität staatlicher Institutionen und die Ausrichtung der Wirtschaftspolitik eines Landes. Bezüglich des Mechanismus des Humankapitals lassen sich unter der Annahme unvollkommener Kapitalmärkte und konstanter Preise für Investitionen in das Humankapital folgende empirisch belegte Thesen festhalten: 1. Eine ungleiche Einkommensverteilung führt zu unterschiedlichen Möglichkeiten bei der Berufswahl und wirkt sich dadurch auf die effiziente Selektion zwischen qualifizierten und unqualifizierten Arbeitskräften und damit auf die Effizienz der gesamten Volkswirtschaft aus (Galor 2009: o. S.).
2. Die reichen Bevölkerungsschichten werden keinen Anreiz haben, in das Humankapital der Allgemeinheit zu investieren, weil eine gebildete
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Arbeit zitieren:
Anja Zemlin, 2010, Armut und soziale Ungleichheit in Lateinamerika, München, GRIN Verlag GmbH
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