Essayfragen:
1. Können Ihrer Meinung nach Entwicklungs- und Schwellenländer von finanzieller Globalisierung profitieren?
2. Wie hilfreich sind Kapitalverkehrskontrollen in diesem Zusammenhang?
Trotz Finanzkrise war die Welt nie zuvor reicher, als heute - oder anders formuliert: nie zuvor waren die „Reichen“ reicher. Als Anteil der Weltbevölkerung bilden die „Reichen“, womit hier grundsätzlich die Bewohner der Industrieländer (insbesondere Nordamerika, Japan und Europa) gemeint sind, jedoch nur eine kleine Minderheit. Unsere Weltbevölkerung beträgt in etwa 6,9 Milliarden. Davon müssen laut Angaben der Weltbank rund 2,8 Milliarden Menschen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen und davon wiederum 1,2 Milliarden mit weniger als einem Dollar (World Bank 2003: 1 f). Nicht nur aufgrund der Millenniumsziele der UNO hätte man noch vor einigen Jahren durchaus davon ausgehen können, dass mit der zunehmenden Globalisierung auch das Einkommensgefälle zwischen Arm und Reich abnehmen wird, dass eine weltweite Vernetzung und ein grenzenloser Verkehr von Arbeit, Kapital, Wissen, Gütern und Dienstleistungen für mehr Gerechtigkeit sorgen und jedem Menschen den ihm zustehenden Lohn für seine Arbeit gewähren wird. Tatsache ist jedoch, dass der Abstand zwischen reichen und armen Staaten in den vergangenen Jahren immer größer geworden ist. Dies bestätigt unter anderem eine 1997 im Journal of Economic Perspectives veröffentlichte Studie, derzufolge das Pro-Kopf-Einkommen der beiden führenden Industrienationen (Amerika und Großbritannien) im Jahr 1870 das Neunfache dessen der Schlusslichter betrug; 1990 lag das Pro-Kopf-Einkommen im Fall Amerikas schon um das 45-fache über dem Äthiopiens. Die Studie zeigt des Weiteren, dass die siebzehn reichsten Staaten der Welt im Jahr 1870 ein im Durchschnitt 2,4-mal so hohes Pro-Kopf-Einkommen erzielten, als der Rest der Welt. 1990 war das Pro-Kopf-Einkommen 4,5-mal so hoch (Pritchett 1997). Es ist demnach offensichtlich, dass die Kluft zwischen armen und reichen Staaten immer größer wird. Fraglich ist jedoch, ob dafür die finanzielle Globalisierung alleine oder andere Faktoren verantwortlich sind.
Um diese Frage beantworten zu können, differenzierten Dollar/Kraay (2001: o.S.) im Rahmen einer Studie im Auftrag des IWF zunächst diejenigen Entwicklungs-
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und Schwellenländer, deren Kapitalmarkt seit 1960 liberalisiert wurde, von denen, deren Kapitalmarkt relativ geschlossen war. Dabei stellten sie mit hoher empirischer Evidenz fest, dass das Wachstum des pro Kopf Einkommens der stärker globalisierten Nicht-OECD-Länder (seit 1960) weitaus stärker war als das der nicht globalisierten (siehe Abbildung 1).
Abbildung 1: Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens (Dollar/Kraay 2001: o.S.)
Dies untermauert das Hauptargument der Globalisierungsbefürworter 1 , eine Kapitalmarktöffnung steigere insgesamt den wirtschaftlichen Wohlstand eines Landes, empirisch und es lässt sich behaupten, dass Entwicklungs- und Schwellenländer von einer finanziellen Globalisierung durchaus profitieren können. Der Erfolgsfall China bietet hierfür das wohl bekannteste Beispiel. Das heißt jedoch nicht, dass die finanzielle Globalisierung und totale Öffnung des heimischen Kapitalmarktes ein Entwicklungs- und Schwellenland automatisch zum Erfolg führen wird. Hierfür bedarf es zuerst einmal einer detaillierten und langfristig ausgerichteten Zielsetzung und Entwicklungsstrategie sowie einer Regierung, welche diese Ziele und Pläne auch verfolgt und sie kontinuierlich anpasst. Zur Unterstützung der Zielerreichung sind dann selektive staatliche Interventionsmaßnahmen erforderlich. Dazu gehören auch die in der Vergangenheit viel diskutierten Kapitalverkehrskontrollen.
1 Vertiefende Ausführungen hierzu finden sich bei Metzger (2006, S. 3f).
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“It has become increasingly clear that financial and capital market liberalization - done hurriedly, without first putting into place an effective regulatory framework - was at the core of the problem“ Stiglitz (2000: 1).
Kapitalverkehrskontrollen sind notwendig, um ein Land vor spekulativem, „heißem“ Geld („hot money“) zu schützen, welches in einer Welle von Optimismus kurzfristig in ein Land fließt und bei den kleinsten Schwierigkeiten wieder abfließt (Stiglitz 2006: 29 f). Dieses spekulative Geld treibt den Währungskurs unnötig in die Höhe (Rodrik 2010: o.S.) und verursacht bei seinem Abfluss wirtschaftliche Depressionen und Rezensionen (Stiglitz 2006: 29). Kapitalimportkontrollen wirken dem präventiv entgegen, indem sie den Zufluss ausländischen Kapitals regulieren. Kapitalexportkontrollen dienen dem Krisenmanagement, indem der „panikartige Abzug“ des Kapitals verhindert wird (Straub o.J.: 1). Dass derartige Kapitalverkehrskontrollen im Zuge der finanziellen Globalisierung für Entwicklungs-und Schwellenländer sehr hilfreich sein können, zeigt sich für die Kontrolle der Kapitalimporte im Erfolg Chiles, für die Kontrolle der Kapitalexporte im Erfolg Malaysias. Betrachtet man den Austritt Großbritanniens aus der europäischen Währungsunion im Jahr 1992 und die darauf folgende Abwertung des Pfund Sterling, wird zudem deutlich, dass selbst Industrieländer große Probleme mit dem so genannten „hot money“ bekommen können. Dies unterstreicht die Relevanz der Kapitalverkehrskontrollen.
Selbst der von den Interessen der Industrieländern geleitete IWF, einer der wichtigsten Gegner von Kapitalverkehrskontrollen, musste im Februar dieses Jahres endgültig zugeben: „Looking at the current crisis, our own empirical results suggest that controls aimed at achieving a less risky external liability structure paid dividends as far as reducing financial fragility” (Ostry et al. 2010: 5) und läutete damit eine neue Ära der Finanzwirtschaft ein, so Rodrik (2010: o.S.). Die Notwendigkeit von Kapitalverkehrskontrollen sollte nicht mehr länger bezweifelt werden, vielmehr sollte sich gerade der IWF darauf konzentrieren, die Frage zu klären, wann und in welcher Form Kapitalverkehrskontrollen hilfreich sind. Es gilt, systematische Forschung zu betreiben sowie allgemeine Handlungsempfehlungen und Richtlinien zum adäquaten Einsatz von Kapitalverkehrskontrollen zu entwerfen (Rodrik 2010: o.S.). Dabei ist zu berücksichtigen, dass nicht jede Maßnahme in
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Arbeit zitieren:
Anja Zemlin, 2010, Finanzielle Globalisierung und Entwicklungsländer, München, GRIN Verlag GmbH
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