Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 3
2 DIE WUNDERVÖLKER IM MITTELALTER 3
2.1 URSPRUNG UND DARSTELLUNG DER WUNDERVÖLKER 3
2.2 DIE WUNDERVÖLKER UND DIE KIRCHE 6
3 DIE FREMDEN IM HERZOG ERNST 7
3.1 GRIPPIA 7
3.1.1 DIE GRIPPIANER 8
3.2 ARIMASPÎ 12
3.2.1 DIE PLATHÜEVE 15
3.2.2 DIE ÔREN 16
3.2.3 DIE PYGMÄEN IN PRECHAMÎ 17
3.2.4 DIE RIESEN IN CÂNÂAN 18
3.3 DIE FUNKTION UND BEURTEILUNG DER FREMDE 20
4 RÉSUMÉE 23
5 QUELLENNACHWEIS 24
2
1 Einleitung
Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit der Begegnung und dem Umgang mit Fremden im „Herzog Ernst“. Ich möchte mich hierbei auf Ernsts Begegnungen mit den sog. Wundervölkern beschränken; das sind zum einen die Kranichmenschen in Grippia, zum anderen die einäugigen Arimaspen. Während Ernsts Aufenthalt im Land Arimaspî kämpft er gegen weitere Wundervölker, gegen „Plathüeve“, die „Ôren“, die Riesen, und er unterstützt die Pygmäen in einem Kampf gegen die Riesen. Nicht berücksichtigt werden die Abenteuer Ernst nachdem er Arimaspî verlassen hat, also die Schlachten gegen die Heiden in Jerusalem.
Um die Besonderheiten des Umgangs mit Fremden im „Herzog Ernst“ darstellen zu können, erachte ich es für sehr wichtig, zunächst grundlegende Dinge, wie etwa die mittelalterliche Vorstellung sowie die Darstellungsformen von Wundervölkern näher zu erläutern. In diesem Zusammenhang werde ich ebenfalls auf den Umgang mit Fremden in der mittelalterlichen Literatur näher eingehen.
2 Die Wundervölker im Mittelalter
2.1 Ursprung und Darstellung der Wundervölker
Herzog Ernst begegnet auf seinen Reisen den unterschiedlichsten wundersamen Völkern. Als Wundervölker werden Rassen bezeichnet, die sich in vielerlei Hinsicht von gewöhnlichen Menschen unterscheiden. So weisen sie etwa besondere körperliche Merkmale auf, wie etwa Gliedmaßen, die um ein Vielfaches größer sind als die normaler Menschen oder denen von Tieren gleichen 1 , sie unterscheiden sich in ihren Bräuchen, ihren sexuellen Gewohnheiten 2 oder in ihren Eßgewohnheiten 3 bzw. in der Art, wie sie Speisen zu sich nehmen 4 , sowie in ihren Wohnorten 5 von gewöhnlichen Menschen.
1 Beispielsweise Skiapoden mit einem einzigen, riesigen Fuß, Cynocephali, die den Kopf eines Hundes haben;
siehe dazu Wittkower, R.; Die Wunder des Ostens, S. 89
2 So die Hermaphroditen, die zweigeschlechtlich sein sollen; vgl. dazu Simek, Rudolf, Erde und Kosmos im
Mittelalter, S. 121
3 Beispielsweise Menschenfresser (Anthropophagi, Patrophagi, Gog und Magog), Allesfresser (Panphagi),
Astomi, die sich vom Geruch der sich unter dem Paradies befindlichen Äpfel ernähren; Vgl. Simek, S. 118 ff.
4 so zum Beispiel die „Strohhalmtrinker“, die nur einen winzigen Mund haben, Simek, S. 119
5 etwa Maritimi, die im oder am Meer wohnen, oder Troglodyten, die in Höhlen leben; Simek, S. 121
3
Die Geschichte der Wundervölker sowie der Glaube an ihre tatsächliche Existenz reicht bis weit in die Antike zurück. Bereits 400 v. Chr. berichtete der Grieche Ktesias von Knidos, der als königlicher Leibarzt in Persien lebte, in seiner Abhandlung über Indien unter anderem von Pygmäen, die gegen Kraniche kämpfen, Cynocephali mit Menschenkörpern und Hundeköpfen und einfüßigen Skiapoden sowie von zahlreichen Fabeltieren. 6 Megasthenes (um 303 v. Chr.), der erstmalig einen umfassenden Bericht über die Geographie, Bewohner, Geschichte, Mythologie, und in diesem Zusammenhang auch über die Wundervölker, Indiens verfaßte, verlängert Ktesias‘ Auflistung der Wunderrassen und Fabeltiere beträchtlich. Megasthenes‘ Abhandlung blieb fast 1500 Jahre lang unangezweifelt, denn „der fehlende direkte Kontakt verhinderte auch eine Erweiterung der geographischen und ethnographischen Kenntnisse [...] Und so beruhten die Kenntnisse, die [...] das frühe Mittelalter von Indien hatte, hauptsächlich auf den beiden Werken von Ktesias und Megasthenes.“ 7 Zwei der wichtigsten Vermittler der Wunderrassen im Mittelalter waren jedoch Plinius und Solinus. Plinius der Ältere (verstorben 79 n.Chr.) wertete in seiner Historia naturalis nach eigenen Angaben 2000 ältere Werke aus; in seinem Werk war alles zusammengetragen, was an Wundervölkern bekannt war. Allerdings vermischt er in der Indien und Äthiopien, was sicherlich nicht zuletzt dazu führte, daß in diesen Landstrichen fortan die meisten Wunderrassen angesiedelt wurden 8 ; vermutlich liegt auch hierin die mittelalterliche Vorstellung der drei Indien begründet. 9 Solinus beruft sich 200 Jahre später bei der Erstellung seiner Collectanea rerum memorabilium in weiten Teilen auf Plinius, beschränkt sein Werk, das im Mittelalter eine viel weitere Verbreitung fand als das des Plinius, jedoch auf die Darstellung der Wundervölker. Die bei Plinius aufgelisteten Wunderrassen kamen durch die Collectanea oft direkt oder indirekt in die mittelalterlichen Handbücher 10 . Weitere
6 Vgl. Wittkower, R.; Die Wunder des Ostens: Ein Beitrag zur Geschichte der Ungeheuer, S. 89
7 ebd., S. 90 f.
8 In der mittelalterlichen enzyklopädischen Literatur wurden die Wunderrassen in den drei entlegensten Gebieten
der Erde angesiedelt, in Skythien im Norden Europas, im fernsten Indien sowie im südlichsten Afrika, in
Äthiopien. Hauptsächlich jedoch stellte man sich ihren Lebensraum in Indien und Äthiopien sowie am Rande der
bewohnten Welt vor. Vgl. dazu Simek, S. 111
9 ebd., S. 80: „Auf manchen kleinen Weltkarten stand Indien überhaupt für Asien, so wie Libyen als pars pro
toto-Bezeichnung für Afrika insgesamt verwendet werden konnte. Aus der Diskrepanz der Informationen
darüber, wo Indien lag, nämlich einerseits im fernen Osten, andererseits in Südasien, und drittens zwischen
Afrika und Asien, entwickelte sich die Vorstellung, daß es entweder zwei oder gar drei Indien gäbe, [...] nämlich
ein Oberindien (India superior) [...] und ein Unterindien (India inferior). ...] Die von Pseudo-Abdias im 6.
Jahrhundert aufgestellte Dreiteilung in ein äthiopisches, ein medisches und ein fernöstliches Indien gibt es
dagegen besonders auf den Mappae mundi häufig, ebenso im Brief des indischen Priesterkönigs Johannes [...]
und außerdem in jenen hagiographischen Quellen, die sich mit dem Apostel Bartholomäus befassen.“
10 Eines der wichtigsten mittelalterlichen Handbücher war wohl der Elucidarius des Honorius von Autun
(ca.1100 entstanden). Dieser fand viele Nachahmer, wie etwa den um 1190 entstandenen Lucidarius. Es handelte
4
Auflistungen von Wundervölkern finden sich in Augustinus‘ Civitas Dei, in Isidor von Sevillas Etymologiae, sowie bei Martianus Capella, Hrabanus Maurus und vielen anderen. Auf einige dieser Werke wird im Verlauf dieses Kapitels noch näher eingegangen. Den Wundervölkern wurde eine so große Bedeutung beigemessen, daß sie in allen großen Enzyklopädien des 12. Und 13. Jahrhunderts auftauchen. 11 Auch die Weltkarten der damaligen Zeit befaßten sich mit den wundersamen Rassen. Auf den uns heute noch erhaltenen großen Weltkarten wie der Ebstorfer Weltkarte, der Herefordkarte sowie auf dem Fragment einer dritten großen Weltkarte aus Cornwall finden sich die unterschiedlichsten bildlichen Darstellungen von homini monstrosi; solche Darstellungen finden sich auch schon auf sehr alten mappae mundi, wie etwa auf den Karten in den Handschriften des Apokalypsenkommentars des Beatus von Liebana aus dem 8. Jahrhundert. 12
Die Fülle und Unterschiedlichkeit der Darstellungen von wundersamen Rassen sowie ihr Auftauchen in wissenschaftlichen Werken deutet schon an, daß die Wundervölker, lat. Homini monstrosi, im Mittelalter nicht, wie der Name irrtümlich andeutet, als Wunder, sondern vielmehr als real existierend, als Teil der Geographie angesehen wurden. Wundervölkerverzeichnisse finden sich noch bis ins 14. Jahrhundert in lateinischen und volkssprachlichen Sammelhandschriften, die sich hauptsächlich mit Geographie oder Kosmographie auseinandersetzen. Erst Gelehrte des 14. Jahrhunderts, wie Konrad von Megenberg, waren den Wunderrassen gegenüber skeptisch genug, um ihre Existenz zumindest in Frage zu stellen, sie aus Sammlungen zu verbannen oder wenigstens als Appendix aus dem eigentlichen Werk auszuschließen. 13 Wie sehr die Wundervölker zum mittelalterlichen Weltbild und vor allem zum Wissensbestand gehörten, zeigen besonders deutliche die wissenschaftlichen und theologischen Auseinandersetzungen mit diesen. Der Kirchenvater Augustinus etwa übernimmt in seinem Werk Civitas Dei nicht einfach heidnisches Wissen aus der Antike, sondern setzt sich unter theologischen Gesichtspunkten mit diesem Phänomen auseinander und versucht, dieses mit den Dogmen der christlichen Lehre in Einklang zu bringen. 14
sich hierbei um einfache didaktische Werke, die zur Praxis des klösterlichen Lebens gehörten und außerhalb der
Klostermauern häufig die einzige Quelle naturwissenschaftlichen Wissens bildeten. Die Intention dieser Werke
war die Vermittlung eines nicht so sehr astronomischen als vielmehr symbolischen Weltbildes. Vgl. Simek,
Rudolf; Erde und Kosmos..., S. 34 u. S.110
11 Wittkower, R.; S. 98
12 Simek, Rudolf, S. 111
13 ebd., S.110 f.
14 Wittkower, R.; Die Wunder des Ostens...; S. 96
5
2.2 Die Wundervölker und die Kirche
Im Mittelalter entbrannte eine Diskussion darüber, inwieweit die verschiedenen zum Teil kaum noch menschlich beschriebenen Wundervölker denn menschlich seien. Der Hintergrund dieser Frage war ein rein theologischer. Waren diese Wundervölker nämlich menschlich, so mußten sie von Adam und Noah abstammen, und so mußte auch ihnen das Wort Gottes verkündet werden 15 . Aus diesem Grund war die Herkunft der Wundervölker für die Kirche von großer Wichtigkeit. Die Antworten auf die Frage, ob und inwiefern die Wunderrassen menschlich seien, sind vielfältig und entbehren auch nach unseren modernen Maßstäben nicht einer gewissen Logik. Augustinus beispielsweise vergleicht die Wundervölker mit Mißgeburten, wie sie auch unter gewöhnlichen Menschen durchaus vorkämen, nur in einem kollektiven Rahmen. Diese nahmen seiner Ansicht nach, wenn auch dem Menschen verborgen, durchaus einen von Gott gewollten Platz im Schöpfungsplan ein. 16 Isidor von Sevilla sah einen ähnlichen Ursprung wie Augustinus, seiner Meinung nach waren Monster und Wundervölker etwas, das gegen die Natur zu sein scheine, nichts aber in der Schöpfung sei gegen die Natur, da Gott es so wolle. 17 Auch die Wiener Genesis, eine frühmittelhochdeutsche Bibeldichtung aus der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts, setzt sich mit dem Ursprung der Wunderrassen auseinander. Hier wird als Grund für die Deformationen im Ungehorsam des Menschen gegenüber Gottes Wille gesehen 18 . Desweiteren setzten sich Nicolaus von Oresme sowie Albertus Magnus mit dieser Fragestellung auseinander, auf deren Entstehungstheorien ich hier jedoch nicht näher eingehen möchte, da diese zeitlich nach der Entstehung des Herzog Ernst liegen, ihre Werke dem Verfasser folglich nicht bekannt waren 19 . Obwohl die Gelehrten des Mittelalters also durchaus wissenschaftlich reflektierten, akzeptierten sie nichtsdestotrotz die Existenz der Wundervölker als Tatsache. Ab etwa dem 12. Jahrhundert fanden sich Darstellungen von Wundervölkern auch in der religiösen Kunst. Nach der Auffassung der Kirchenväter und Gelehrten waren die homini monstrosi Gottes Werk, daher gehörte es zu dem Auftrag der Apostel, auch ihnen das Evangelium zu bringen. 20 In diesem Zusammenhang ist besonders das Tympanon von Vézelay zu erwähnen, das den
15 Simek, Rudolf; S. 113 f.
16 Vgl. Simek, Rudolf; S. 114 f. (Der Originaltext lag mir bei Erstellung dieser Arbeit nicht vor)
17 Vgl. Simek, Rudolf; S. 115
18 In der Wiener Genesis wird berichtet, Gott habe Adam über die Gefährlichkeit gewisser Kräuter für
schwangere Frauen aufgeklärt. Adams Nachkommen hätten diesen Rat aber ignoriert und deformierte Kinder zur
Welt gebracht. In: Simek, Rudolf, Erde und Kosmos..., S.117
19 Siehe dazu Simek, R.; S.115 f.
20 Vgl. Wittkower, S. 109
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Arbeit zitieren:
Yvonne Caroline Schauch, 1999, Begegnung und Umgang mit Fremden im "Herzog Ernst", München, GRIN Verlag GmbH
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