1
1. Abgrenzung der Textsorte
1.1. Kontextuelle Kriterien
Die Abgrenzung der Textsorte nach kontextuellen Kriterien betrachtet die im Text vorliegende Form der Kommunikation, deren Handlungsbereich und die Funktion, die der Text ausübt.
Nach der Subklassifizierung von Sandig ist das Inserat und damit auch die Stellenanzeige eine Unterklasse der Gebrauchstexte. Die Stellenanzeige wird charakterisiert als eine nichtgesprochene, unspontane, monologische Textform. Es besteht kein räumlicher Kontakt zwischen Sender und Empfänger, sowie keine zeitliche Kontinuität in der Kommunikation. 1 Letztere würde beispielsweise bei Werbeanzeigen angestrebt um beim Verbraucher Vertrauen zu einer bestimmten Marke zu generieren. Bei einer Stellenanzeige hingegen handelt es sich um eine in unregelmäßigen Abständen erfolgende Kommunikationsform. 2 Brinker klassifiziert die Stellenanzeige als Appelltext, was hinsichtlich der Handlungsintention plausibel erscheint. 3 Popoviü geht sogar so weit die Stellenanzeige dem Textsortenbereich der Wirtschaftswerbung zuzuordnen, 4 was im Einklang steht mit Brinkers Aussage, in der Hierarchie der Kriterien zur Textsortenbestimmung sei die Textfunktion das ausschlaggebende Merkmal. 5
Die Einordnung der Stellenanzeige als eine Form der Wirtschaftswerbung lässt sich zumindest für Anzeigen die nach hochqualifiziertem Fachpersonal suchen insoweit bestätigen, dass mittlerweile in Stellenanzeigen häufig Gestaltungsbausteine enthalten sind, die klassisch den Werbeanzeigen zuzuordnen sind. Dazu gehören im vorliegenden Beispiel zum einen das Universitätslogo als grafischer Bestandteil mit Wiedererkennungswert und zum anderen das rechts unten eingefügte Wasserzeichen. Dieses übernimmt eine Analogiefunktion zur Optimierung des Text-Bild-Verhältnisses, denn ein Wasserzeichen, speziell eines mit einem recht historisch anmutenden Motiv vermittelt unterschwellig postive Botschaften über den Sender der Anzeige. Es steht für langjähriges Bestehen und Renommee und soll damit die Selbstdarstellung des Unternehmens unterbewusst stützen. Den Text in
1 siehe hierzu auch die Charakterisierung der Kommunikationsform „Schrift“ bei Brinker, Klaus (2006),
S. 147
2 Vgl. Wiedmann, S. 5 - 6 Internetquelle
3 Vgl. Brinker, Klaus (2005), S. 145
4 Vgl. Popoviü, Novak (1976), S. 10
5 Vgl. Brinker, Klaus (2005), S. 153
2
Zeile 6 und 7 kann man außerdem als Headline und Subheadline, klassische Gestaltungselemente von Werbeanzeigen, bezeichnen. Sie dienen der ersten Orientierung. 6 Bei der Stellenanzeige handelt es sich um eine Kommunikationsform, die im öffentlichoffiziellen Handlungsbereich stattfindet, denn Stellenanzeigen sind zumeist in der Mittwochsbzw. Wochenendausgabe von Tageszeitungen und mittlerweile auch verstärkt im Internet zu finden. Man kann sie u.a. als offizielle Form der Bekanntmachung einer Stelle betrachten. Diese Funktion der Stellenanzeige wird direkt signalisiert, im vorliegenden Beispiel durch die offenkundige Formulierung „ [...] sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine/n entsprechend qualifizierte/n Teamassistentin/Teamassistenten [...]“ 7
Die Hauptintention einer Stellenanzeige ist jedoch die Absicht des ausschreibenden Unternehmens, durch die erfolgte Selbstdarstellung und die Darstellung der offenen Stelle, geeignete Bewerber anzuziehen, die für das Unternehmen interessant und nützlich sind. Für die Stelle ungeeignete Personen sollen sich im Idealfall gar nicht erst angesprochen fühlen, so dass möglichst wenig unnötiger Verwaltungsaufwand durch die Bearbeitung von Bewerbungen entsteht. Dieser Bestandteil der Textfunktion ist weniger offensichtlich, und somit indirekt signalisiert. 8
1.2. Strukturelle Kriterien
Unter den strukturellen Kriterien versteht man die Textthematik und deren thematische Entfaltung, sowie die Kohärenz des Textes. Diese Aspekte werden im folgenden Abschnitt behandelt. a) Textthematik
Der Textaufbau von Stellenanzeigen ist konventionell geprägt und die Thematik stark festgelegt. 9 So kann man die Stellenanzeige nach Brinker einordnen als Textsorte, bei der keine generelle Normierung vorliegt, sondern die vielmehr
6 Vgl. Hu, Tong (2002), S. 14, 30/31, sowie Schierl, Thomas (2001), S. 90/91
7 Vgl. Stellenmarkt der Süddeutschen Zeitung (am 31.10/01./02.11.08), bzw. Abb. 1 im
Abbildungsverzeichnis
8 Vgl. Kayatz, Elena (2006), S. 30, sowie Popoviü, Novak (1976), S.9
9 Vgl. Vater, Heinz (1992), S. 164 - 166
Stellenanzeigen sind trotz aller Freiheit der Gestaltung immer nach dem Schema „Wer sucht wen und zu welchen Bedingungen“ („Sein-Suche-Biete“) aufgebaut. Die Variationen ergeben sich daraus, dass bei Stellen die höher qualifiziertes Personal anziehen sollen die Bestandteile „Sein“ und „Biete“ ausführlicher ausgestaltet sind, was wiederum mit der Handlungsintention verknüpft ist. Inserate die den Bedarf nach Hilfskräften ausschreiben, fokussieren sich meist auf den Bestandteil „Suche“ und gehen - wenn überhaupt - nur phrasenhaft auf „Sein“ bzw. „Biete“ ein. Das vorliegende Beispiel bezieht sich jedoch auf eine Stelle mit verhältnismäßig verantwortungsvollen Aufgaben, so dass alle Bestandteile geradezu exemplarisch vorhanden sind. Die Thematik wird nach Ermert hinsichtlich lokaler und temporaler Orientierung differenziert. In Stellenanzeigen ist die Thematik nachzeitlich orientiert. Das bedeutet, dass sich der eigentliche Inhalt auf einen Zeitpunkt in der Zukunft bezieht. Hinsichtlich der lokalen Orientierung, die die Stellung der Thematik zu Emittent bzw. Rezipient beschreibt, ist in der Stellenanzeige der Rezipient das Thema, da er möglicherweise zum gesuchten Personenkreis gehört. 11
b) Thematische Entfaltung
Dieser Abschnitt gibt einen kurzen Überblick über die in Stellenanzeigen zu findenden Teilthemen, sowie über Grund- und Realisationsform der Thematik. Die Teilthemen der Stellenanzeige sind, wie schon im vorigen Abschnitt genannt, „Sein“, „Suche“ und „Biete“. Diese sind meist explizit genannt, vertreten durch syntaktische Fügungen wie: „Wir sind...“, „Wir suchen...“, „Wir bieten...“. In der vorliegenden Anzeige stellt der Anzeigenkopf mit dem Logo der Universität den Beginn des „Sein“- Bestandteils dar, in dem der Sender sich vorstellt. Fließend ist der Übergang zum „Suche“-Teil. Dieser gliedert sich häufig, wie auch im vorliegenden Inserat, in die Überschrift [hier: „Teamassistentin (...)“ (Z.6)], sowie zwei voneinander getrennte Teilbereiche. Zum einen die Aufgaben, die die Stelle an den zukünftigen Inhaber stellt und zum anderen das Persönlichkeitsprofil, dass der Sender für notwendig hält um die Aufgaben bewältigen zu können. Die Teilbereiche sind in der Beispielanzeige unter „Ihre Aufgabe“ (Z.10) und „Ihr
10 Vgl. Brinker, Klaus (2005), S. 145
11 Vgl. Ermert, Karl (1979), S. 81f, sowie Brinker, Klaus (2005), S. 151
Arbeit zitieren:
Anne Wilmshöfer, 2009, Die Stellenanzeige - Textanalyse und lesedidaktische Konsequenzen für den fremdsprachlichen Deutschunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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