Inhaltsverzeichnis
1.EINLEITUNG...................................................................................................................................................... 3
2. SINNLOSIGKEIT UND UNVERSTÄNDNIS IM KAPITEL „ENDE“ 4
3. SINNLOSIGKEIT UND UNVERSTÄNDNIS IM GESAMTEN ROMAN 5
4. DAS LEKTÜREVERFAHREN DER DEKONSTRUKTION 7
5. DIE TRANSFORMATION IN DIE NEUE THEMATIK DES TEXTES. 8
6. DIE NEUE LESART DES „ENDKAPITELS“ 10
7. FAZIT 17
LITERATURLISTE. 18
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1.Einleitung
Gilles Deleuze und Félix Guattari bieten auf der Grundlage von Kafkas Aufsatzfragment „Kleine Literaturen“ und ihrer eigenen Veröffentlichung des „Anti-Ödipus“ eine völlig neue Sichtweise auf Kafkas Werk. Sie verwerfen vehement die gängigen Interpretationstheorien, die die Absenz-Theologie, die Transzendenz des Gesetzes und das Apriori der Schuld zur Grundlage haben. Ihre eigenen Ideen, die mit Begriffen arbeiten, die für die Literaturwissenschaft völlig untypisch sind, wie z.B. Maschine, Deterritorialisierung, Demontage, Kontiguität, Verschleppung, Verlangen und Versuchsreihe, belegen sie vor allem mit Beispielen aus dem Roman „Der Prozeß“. Erste Voraussetzung für die neue Untersuchungsmethode von Gilles Deleuze und Félix Guattari, mit der sie nicht mehr fragen: „Was bedeutet das Werk?“, sondern: „Wie funktioniert das Werk?“, ist die In-Frage-Stellung der Reihenfolge der einzelnen Kapitel im „Prozeß“.
Besonderes Augenmerk legen Gilles Deleuze und Félix Guattari dabei auf das Schlusskapitel, in dem dem Protagonisten K. von zwei Herren ein Messer in das Herz gestochen wird. Gilles Deleuze und Félix Guattari brauchen für die Schlüssigkeit ihrer Theorie einen unvollendeten, besser noch, einen endlosen Roman. Das letzte Kapitel wird von vielen Interpreten als Beweis angesehen, dass hier K. seine Schuld anerkennt und dafür hingerichtet wird. Mit K. s Tod aber endet der Roman zwangsläufig. Begünstigt durch die besondere Editionsgeschichte des Kafka-Werkes, ist die Überlegung einer Umstellung der Reihenfolge durchaus legitim. Speziell von Kafkas Roman „Der Prozeß“ lagen dem Freund und späteren Kafka-Herausgeber Max Brod nach Kafkas Tod nur zu Kapiteln zusammengebundene Päckchen vor, denen keine Hinweise auf eine bestimmte Reihenfolge zu entnehmen waren. Die vorliegende Reihenfolge ist also eine nachträgliche Konstruktion, die auch anders hätte angeordnet werden können. Gilles Deleuze und Félix Guattari belegen mit ihrer Theorie eine unendliche Verschleppung des Romanverlaufs und legen auch Kafkas Aussage, dass der Roman niemals die höchste Instanz erreichen sollte, dahingehend aus, dass Kafka seinen Text „Der Prozeß“ niemals als vollendet gedacht hat. 1 Wenn aber „Der Prozeß“ endlos sein soll, darf es im letzten Kapitel keinen Tod des K. geben. Damit wäre der Roman beendet.
Gilles Deleuze und Félix Guattari gehen davon aus, dass das Kapitel mit dem Titel „Ende“ auch ein Traum sein kann, dieser hätte durchaus auch an anderer Stelle des Romans eingefügt werden können. Eine Textanalyse, die hierfür Beweise liefern könnte, gehört nicht zu den von Gilles Deleuze und Félix Guattari veröffentlichten Überlegungen. Die vorliegende Arbeit soll im Folgenden untersuchen, welche Hinweise im Kapitel „Ende“ für die Möglichkeit einer
1 Deleuze, Gilles u. Guattari, Felix: Kafka. Für eine kleine Literatur. Frankfurt 1976.S.61.
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anderen Platzierung im Roman sprechen. Sieht man nach Lesart von Hans-Thies Lehmanns Ausführungen in „Der buchstäbliche Körper“ 2 in den beiden Herren, die K. abholen, nicht etwa zwei Henker, wie sie in vielen Interpretationen genannt werden, sondern zwei Buchstaben, so beginnt der Text über sich selbst zu sprechen. Zwar suggeriert er dem Leser, Beobachter einer Hinrichtung zu sein, die folgerichtig zum Ende eines juristischen Prozesses gehören kann. Wagt man aber den Vergleich der beiden Herren mit den „Niemands“ in dem Prosastück „Der Ausflug ins Gebirge“ - die „Niemands“, gekleidet in einen schwarzen Frack, drängen sich aneinander, haben quergestreckte und eingehängte Arme 3 ; entsprechend sind die beiden Herren bleich und fett, in Gehröcken mit Zylindern, die ihre Arme eng an K.s Schulter halten und diese in ihrer ganzen Länge umschlingen - 4 und liest den Text selbstreferentiell, so verlieren die dargestellten Begebenheiten ihre vordergründige Bedeutung. Dem Entzug der Referenz folgend gäbe es keinen juristischen Prozess, sondern einen Schreibprozess und der Protagonist wäre am Ende „nicht wirklich“ tot. Somit müsste das Kapitel „Ende“ auch nicht zwangsläufig den Abschluss des Romans bilden.
2. Sinnlosigkeit und Unverständnis im Kapitel „Ende“
Das Kapitel „Ende“, von dem bekannt ist, dass Kafka es als zweites Kapitel nach seinem Romanbeginn geschrieben hat, ergibt beim ersten Lesen keinen einleuchtenden Sinn. Außer dem gewaltsamen Tod des K. durch zwei Herren, gibt es nur wenig weitere Hinweise darauf, dass es sich um das Endkapitel eines Romans handeln könnte, der einen juristischen Prozess zum Thema hat. In dem zu untersuchenden Kapitel kommen zwei Herren zu K. in die Wohnung. Sie werden vom Protagonisten schon erwartet und zwar „in der Haltung, wie man Gäste erwartet“. Ohne dass K. gesagt bekommt, was er zu tun hat, holt er seinen Hut und begleitet die Herren aus der Wohnung. Die Herren nehmen K. in ihre Mitte. Offensichtlich ohne ihr Ziel zu kennen, gehen die drei Männer durch die Stadt. Einmal bestimmen die beiden Herren die Richtung, ein anderes Mal gibt K. den Weg vor. Der gemeinsame Weg führt sie aus der Stadt hinaus. Am Steinbruch machen die Herren Halt und suchen auch hier noch eher ziellos einen richtigen Ort. Als sie diesen gefunden haben, besteht zwischen ihnen
2 Lehmann, Hans-Thies: Der buchstäbliche Körper. Zur Selbstinszenierung der Literatur bei Franz Kafka. In: Liebrand, Claudia (Hg.): Franz Kafka. Neue Wege der Forschung, Darmstadt 2006.
3 Vgl.: Hg.: Brod, Max: Franz Kafka, Gesammelte Werke in 7 Bänden. Frankfurt .Main 1967.
(4,27).Die Zahlen geben Band und Seite an.
4 Vgl.: Kafka, Franz: Der Prozess. Husum: Hamburger Lesehefte, 2007.201.Heft Der Text und die
Entstehungsvarianten folgen der Ausgabe von Malcolm Pasley ( Der Proceß. Roman. In der Fassung
der Handschrift. 2 Bde.: 1. Bd.: Textband. 2. Bd. : Apparatband. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1990
>Kritische Ausgabe. Hrsg. von Jürgen Born u. a. @ ), S. 162, Z.21-22, 13- 16.
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Uneinigkeit, wer die folgende Tat durchführen soll. Dann sticht einer der Herren K. das Messer in die Brust.
Vordergründig findet hier eine Tötung statt, durch zwei Herren, die ohne Urteilsspruch handeln und von denen nicht gesagt wird, wer sie sind. Kein einziges Detail weist auf einen ordnungsgemäßen Ablauf einer Hinrichtung als Abschluss eines juristischen Prozesses hin. Es fällt also sehr schwer, einen „geraden, zusammenhängenden, verfolgbaren Sinn“ zu entdecken, der eine hermeneutische Auslegung des Textes zulassen würde. Bedenkt man, dass die Wurzeln der Hermeneutik nicht nur in der Theologie, sondern auch in der Jurisprudenz liegen, so scheint sich hier eine besonders ironische Variante des Textes über die Auslegungsanstrengungen zukünftiger Leser lustig zu machen. Die Verweigerung von Sinn, die sich aus dem Kapitel aufdrängt, ist wie eine Aufforderung zum Nachdenken über die Dekonstruktion, die im Text betrieben wird.
Zuvor soll aber noch untersucht werden, ob sich die Poetik der Sinnverweigerung und des Unverständnisses auch im übrigen Text des Romans finden lassen.
3. Sinnlosigkeit und Unverständnis im gesamten Roman
In der gesamten Romanwelt des für verhaftet erklärten K. trifft der Leser auf seltsame Begebenheiten. So erkundigt sich K., als er den Verhandlungsort sucht, nach einem erfundenen „Tischler Lanz“ und bekommt den richtigen Weg gezeigt. Oder er geht zu einem beliebigen Zeitpunkt, ohne vorschriftsmäßige Ladung zu seiner Gerichtsverhandlung und unerklärlicherweise wartet der Richter schon auf ihn.
Betrachtet man Kafkas Erzählung „Das Urteil“, die chronologisch vor dem „Prozess“ entstand, so fällt auf, dass es im früheren Text wohl das in der Überschrift angekündigte Urteil gibt, dieses aber keine Folge eines juristischen Prozesses ist und auch nicht durch eine dafür zuständige Person erlassen wird. Es ist der Vater, der das Urteil über Georg Bendemann fällt, eine mündliche Verurteilung des Sohnes durch den Vater.
Erwartet der Leser von einer Geschichte mit dem Titel „Das Urteil“ eine Handlung, die im Gerichtsmilieu spielt, so liegt hier schon eine Sinnverschiebung vor, denn die Erzählung handelt von einem Sohn, der mit seinem Vater über einen soeben geschriebenen Brief sprechen will. Die Subversion von Sinn wird aber in dem Roman „Der Prozeß“ noch verstärkt, denn hier gibt es nicht einmal mehr ein Urteil. Der Roman spielt zwar im Gerichtsmilieu, aber fast alles, was in dieses Ordnungssystem der Justiz gehört, erscheint nicht wie erwartet. Einer Verhaftung ohne Anklage folgt keine Inhaftierung, eine Verhandlung findet nicht im Gerichtssaal statt und die Anwaltsberatung erfolgt nicht in den
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Räumen einer Kanzlei, sondern im Schlafzimmer des Advokaten. Die Tötung des Angeklagten ohne Urteilsspruch und völlig außerhalb jeglicher juristischen Ordnung bildet den absurden Höhepunkt dieses „Un-Sinns“.
Über seinen Text „Das Urteil“ schreibt Kafka in seinem Brief an seine Verlobte:
„Findest du im „Urteil“ irgendeinen Sinn, ich meine irgendeinen geraden, zusammenhängenden,
verfolgbaren Sinn? Ich finde ihn nicht und kann auch nichts darin erklären.“ 5
Dasselbe Statement könnte der Leser zum „Prozeß“ abgeben. Auch hier lässt sich kein „gerader, zusammenhängender, verfolgbarer Sinn“ erkennen, solange der Rezipient versucht, sich gedanklich im Bereich der Judikative zu bewegen. Unverständlichkeit und Sinnlosigkeit sind prägende Merkmale des gesamten Romans. Schon im ersten Kapitel findet sich ein deutliches Zeichen für die Verständnisprobleme, wenn die Zimmerwirtin Grubach K. gegenüber äußert:
„Es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, das ich zwar nicht verstehe, das man aber
auch nicht verstehen muss.“ 6
Auch die inflationäre Verwendung des Begriffes „Sinn“ im Gespräch des K. mit dem Aufseher, in dem zusätzlich die Frage nach dem Sinn unbeantwortet bleibt, verstärkt den Eindruck einer gezielt eingesetzten Undurchschaubarkeit:
„<
Die Überprüfung des gesamten Romans zeigt also, dass es unzählige Hinweise darauf gibt, die es erlauben, die Frage nach der Funktionsweise des Endkapitels mit Hilfe der Dekonstruktionsmethode zu stellen. Deshalb soll im Anschluss die Theorie der Dekonstruktion kurz erläutert werden.
5 Hg. Heller, Erich und Born, Jürgen: Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit. Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1976.
6 KKAP, S.33.
7 KKAP, S.23.
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Arbeit zitieren:
Susanne Mohr, 2009, Vom Gerichtsprozess zum Schreibprozess - Versuch einer Transformation der Referenz in Franz Kafkas Roman "Der Prozeß" mit Hilfe der Dekonstruktion, München, GRIN Verlag GmbH
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