Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Traumata 4
1.1 Der Begriff Trauma 4
1.2 Unterteilungen von Traumata 5
1.3. Symptomatik traumatisierter PatientInnen 7
1.4 Diagnostik traumatisierter PatientInnen bzw. Komorbidität:
Einordnung im ICD-10 12
2 Therapie traumatisierter PatientInnen 15
2.1 Therapeutische Grundhaltungen gegenüber traumatisierten PatientInnen 15
2.2 Therapiephasen in der Traumatherapie 18
2.3 Therapieinhalte und -ziele in der Arbeit mit traumatisierten PatientInnen
im Rahmen der Stabilisierungsphase 20
2.4 Interventionen im Rahmen der Stabilisierung traumatisierter PatientInnen 22
Schlusswort 27
Anhang
I Endnoten 29
II Literaturverzeichnis 33
III Risikofaktoren für die Entwicklung einer Posttraumatischen
Belastungsst örung nach einem Trauma 42
IV Verhaltenstheoretisches Modell des Symptomkreislaufs bei
traumatisierten PatientInnen 42
V Typische Denkfehler traumatisierter PatientInnen 43
VI Trauma und Persönlichkeit 43
VII Extreme Belastungsstörungen, nicht weiter spezifiziert (DESNOS) 43
VIII Victimisierungssyndrom 44
IX Die „Vierzehn Heilfaktoren“ 44
X Ressourcenliste 45
XI Tipps zum Umgang mit dissoziativen Zuständen 45
3
Ziel dieser Arbeit soll es sein, sich einen
Überblick über die mit einem nicht verarbeiteten Trauma einhergehende spezifische Symptomatik bei PatientInnen zu verschaffen,
mit der Perspektive, innerhalb einer Praxis für Psychotherapie (als Heilpraktikerin für Psychotherapie) diagnostische Sicherheit zu gewinnen, betroffene PatientInnen darüber informieren zu können, wie in der Traumatherapie vorgegangen wird
und in einer Übergangszeit bzw. Begleitung zu anderen Maßnahmen insbesondere in der Stabilisierungsphase adäquat intervenieren zu können. Innerhalb der aktuellen - vorrangig in deutscher Sprache erhältlichen - Standardwerke für Traumapsychotherapie sollen Literaturhinweise gegeben werden, damit im Bedarfsfall darauf zurückgegriffen werden kann. Wegen der gebotenen Kürze der Arbeit werden viele Bereiche nicht eigens behandelt, aber in der Endnote 1 benannt.
Der Begriff Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet vom Ursprung her Wunde oder Verletzung. Er kann in der Medizin bezogen sein auf körperliche oder psychische Schädigungen. 2 Viele AutorInnen stützen sich bei der Definition des Begriffs auf Fischer/Riedesser (2008):
auslösenden Ereignisses betont. Herman weist darauf hin, dass Traumata - leiderfür viele Frauen übliche Alltagserfahrungen darstellen. 4
4
Es gibt verschiedene Erklärungen, was während eines Traumas passiert. Hier sollen drei Modelle 5 vorgestellt werden:
Es gibt verschiedene formale Unterteilungen von Traumata, z. B. nach Art des Traumas, nach individuellen Parametern (z. B. Alter, soziales Umfeld beim Auftreten des Traumas), und der sozialen Situation (individuelles bzw. kollektives Trauma). Auch kann unterschieden werden, ob das traumatische Erlebnis selbstals direktes „Opfer“ - durchlebt oder jemand Zeuge/-in einer Traumaerfahrung war (als Beobachter/-in oder Helfer/-in). 6 Weiterhin sind z. B. in Betracht zu ziehen die Rolle als Täter/-in (bzw. Verantwortliche/r) 7 , das Zusammenleben als Kind mit traumatisierten Eltern 8 oder der Fall von Angehörigen eines/r Suizidanten/-in. 9 Bezüglich möglicher Chronifizierungen oder der Reviktimisierungsfrage kann eine Rolle spielen, ob es sich um eine kurz dauernde auslösende Situation handelt (Mono-, Makrotraumata bzw. Typ-I-Traumata wie z. B. einmalige Vergewaltigung, Verkehrsunfall, Geburtstrauma, Naturkatastrophe) oder um komplexe, lang anhaltende bzw. sich wiederholende Traumatisierungen (Multitraumata, Vielzahl an Mikrotraumata bzw. Typ-II-Traumata wie z. B. Misshandlungen in der Kindheit, Gewalterfahrungen in der Partnerschaft, Gefangenschaft, Kriegserfahrungen). 10 Eine eher inhaltliche Unterteilung von Traumata nach Existenz-, Verlust-, Bindungs- und Bindungssystemtraumata nimmt Ruppert vor: Im Fokus sind das zentrale Gefühl und der emotionale Konflikt, der daraus resultiert. 11
5
Die folgende Auflistung soll bewusst machen, welche Kriterien bei der Beschreibung unterschiedlicher traumatischer Erfahrungen außerdem angewandt werden: kollektive Traumata, also Gruppenkatastrophen wie z. B. Naturkatastrophen, Krieg, Vertreibung, Staatsgewalt 12 (Möglichkeit von Solidargemeinschaft, Betroffenengruppen),
individuelle Traumata, z. B. durch medizinischen Eingriff, Verlust einer nahestehenden Bezugsperson, Autounfall, personale Traumata, z. B. bei Geiselnahme, apersonale Traumata, z. B. durch Naturkatastrophe 13
Traumata im Kindesalter (da hier eine Unterbrechung der Identitätsfindung stattfindet) 14 ,
Gewalterfahrungen wie z. B. Folter 15 , Mobbing 16 , sexualisierte Formen der Gewalt wie z. B. Vergewaltigung 17 , innerfamiliäre Gewalt durch enge Bezugs- und Vertrauenspersonen wie z. B. sexualisierte Gewalt in der Kindheit oder in der Ehe/Partnerschaft. 18 Genderspezifisch fällt auf, dass Männer häufiger Opfer von Gewalt werden, Frauen häufiger Opfer von sexualisierter Gewalt - und zwar weil sie Frauen sind, also wegen ihres Geschlechts, während Männer eher wegen anderer Attribute (z. B. Hautfarbe oder sexuelle Ausrichtung) zu Opfern werden. 19
In Studien konnte festgestellt werden, dass äußere Merkmale häufig Auswirkungen auf die Verarbeitung haben. 20 So kann ein einmaliges Ereignis im Erwachsenenalter in der Regel besser verarbeitet werden als über Jahre andauernde Traumata in der Kindheit, ein durch äußere Faktoren ausgelöstes Trauma besser als eines, das durch Menschen entstanden ist, insbesondere durch nahestehende Bezugspersonen. Ebenfalls können protektive Faktoren (soziales Netz, unterstützendes Umfeld, persönliche Fähigkeiten) dazu beitragen, die Integration von Traumata zu bewältigen. 21 Eine Auflistung der Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung nach einem Trauma erhöhen, findet sich als Beispiel im Anhang (III).
Traumabewältigung erfolgt laut Fischer/Riedesser langfristig in zwei Formen: traumakompensatorisches Schema: Versuch, das Trauma zu negieren, zu verdrängen, um sich der Illusion hinzugeben, Kontrolle über sein Leben zu haben, Desillusionierungsschema: Resignation, Gefühl, dass es keine Hoffnung gibt, dem Trauma jemals zu entkommen 23 .
Verbleibt der-/diejenige laut Ruppert im Traumaschema (egal in welchem), wird es oft mit der Zeit schlimmer, da mehr Funktionen beeinträchtigt werden, Auf- und Abspaltungsprozesse zum Fernhalten des Traumas aus dem Bewusstsein immer mehr psychische Kraft verbrauchen und die Energiereserven erschöpfen, so dass der innere Zusammenhalt der psychischen Strukturen nicht möglich wird und die Verarbeitung des Traumas nicht zum Abschluss kommt, im Gegenteil. 24
Im Folgenden sollen mögliche Symptome, die aus einem Trauma resultieren, benannt werden, zu Beginn die am häufigsten auftretenden. Auf besonders typische psychische Auffälligkeiten soll etwas ausführlicher eingegangen werden. Das Traumagedächtnis
Es wird unterschieden zwischen einem expliziten (früher deklarativen bzw. episodischen) und einem impliziten (früher nicht-deklarativen bzw. prozeduralen) Gedächtnis. Das explizite Gedächtnis ist gekennzeichnet durch Beteiligung des Bewusstseins, darauf fokussierte Aufmerksamkeit und willentliche Kontrolle. Das implizite Gedächtnis hat eine direkte Verbindung zu den Sinnesmodalitäten, unterliegt keiner bzw. kaum der Kontrolle und ist daher auch schwerer veränderbar (nur bei vielen Wiederholungen der neuen Lernerfahrungen). Wenn Anteile überhaupt bewusst werden, dann nur sehr unscharf und kaum in Worte zu fassen (daher hieß es ursprünglich nicht-deklaratives Gedächtnis). Ein Trauma wird in das implizite Gedächtnis besonders gut eingespeichert, was sich im intrusiven Erleben widerspiegelt, bei dem Betroffene ungewollt an das Trauma wiedererinnert werden, wobei die Wiedererinnerungen sehr lebendig und von starken Emotionen und körperlichen Reaktionen begleitet sind. In das explizite Gedächtnis wird das Trauma auf defizitäre Weise aufgenommen, was den willentlichen Abruf vollständiger Erinnerungen an das Trauma erschwert und sich in amnestischen
7
Symptomen zeigt. 25 Dieses Erklärungsmuster passt strukturell zu den Erklärungen aus der Neurophysiologie.
Eine Zusammenstellung typischer Denkfehler bei traumatisierten PatientInnen findet sich im Anhang (V). Dissoziation
In der Traumaliteratur der letzten drei Jahre wird die Dissoziation von vielen Autoren als entscheidendes, herausragendes Symptom beschrieben, während es im ICD-10 noch als eines unter vielen Symptomen genannt wird. Van der Hart/Nijenhuis/Steele stellen sogar die These auf, dass die Dissoziation die dem gesamten Syndromkomplex von Traumatisierten zu Grunde liegende Organisationsform ist, was Huber in ihren Veröffentlichungen übernimmt mit dem Hinweis, dass die Dissoziation als „trait“ (Persönlichkeitsmerkmal) gilt. 28 Bourgault stellt die These auf, dass von der Dissoziierung während eines Traumas als Bewältigungsstrategie abhängt, ob ein Trauma eine Posttraumatische Belastungsstörung nach sich zieht. 29
Amnesien
Amnesien lassen sich hirnphysiologisch so erklären: Während eines Traumas schaltet sich der Hippocampus (die Hirnregion, in der Gedächtnisinhalte sprachlich und chronologisch gespeichert werden) aus, und die Amygdala (in der emotional extrem bedrohliche oder extrem bedeutsame Ereignisse besonders auf der sensorischen und Empfindungsebene in fragmentierter Form gespeichert werden) übernimmt die Kodierung im Gedächtnis. Die Gedächtnisfragmente werden nicht in den Hippocampus überführt, so dass es nicht zu einer sprachlichen und zeitlichen Repräsentation des Ereignisses im Gedächtnis kommt. Nicht immer sind PatientInnen ihre (Teil-)Amnesien bewusst. 31 Intrusionen
Intrusionen, auch Flashbacks, Erinnerungsblitze oder positive dissoziative Symptome genannt, sind laut ICD-10 das entscheidende Kriterium der Posttraumatischen Belastungsstörung. Bei Intrusionen handelt es sich um unvollständige Erinnerungen an die Traumatisierung im Sinne einer Reinszenierung, einer Repräsentation (keine Reproduktion), die fast immer die emotionalen oder sensorischen Reaktionen des betreffenden traumatischen Ereignisses enthalten. 32 Die Erinnerungsspur an das Trauma bleibt im gesamten Körper oder in bestimmten Körperteilen erhalten; in manchen Situationen, die an die frühere Traumasituation erinnern, wird die „Abwehrschicht“, die das Trauma vom Eindringen in die bewusstseinsfähigen Gehirnstrukturen fernhält, durchbrochen. Das Erleben des Hier und Jetzt vermischt sich mit dem früheren traumatisch Erlebten. Bilder aus der Traumasituation drängen sich auf und überfluten das Bewusstsein, wobei es kein Bewusstsein darüber gibt, dass es sich um eine Erinnerung handelt. In Intrusionen werden die „Hot-Spots“, die „Momente im Traumagedächtnis, die von starken Emotionen begleitet sind und für die Betroffenen die schlimmsten Momente der Traumatisierung darstellen“ 33 , wiedererlebt.
Arbeit zitieren:
Chantal Cordier, 2010, Stabilisierung traumatisierter Patientinnen, München, GRIN Verlag GmbH
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