Vorwort
An dieser Stelle möchte ich denjenigen Personen meinen besonderen Dank aussprechen, die mich bei der Erstellung dieser Arbeit maßgeblich unterstützt haben.
Herrn Prof. Dr. Hermann Schwameder möchte ich ganz herzlich für die wissenschaftliche Betreuung dieser Arbeit danken.
Mein weiterer Dank gilt meinen Eltern sowie Susanne Sotzek, die mir bei der Fertigstellung der Arbeit moralisch und beratend zur Seite standen.
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Übersicht
Laufanalysen werden zu vielfältigen Zwecken und von unterschiedlichen Anbietern offeriert. Unklar ist, ob ein Beobachtungsschema, vergleichbar wie in der beobachtenden Ganganalyse nach Perry, das einen Abgleich mit einer hypothetischen Norm zulässt, Anwendung finden kann. Gegenstand dieser Literaturrecherche ist, gültige Beobachtungskriterien in der Laufanalyse zu sichten und zu diskutieren. Hierzu wird der Fragestellung nachgegangen, ob detaillierte Beschreibungen des Laufs existieren, die eine Bestimmung des normalen Laufs zulassen. Es wird untersucht, ob dem Laufen, ebenfalls wie dem Gang, verschiedene standardisierte Phasen zugeordnet werden können, Normwerte für Gelenkwinkel definiert sowie Bewegungsabläufe, Muskelaktivierungen und Drehmomentanforderungen beschrieben sind. Es zeigt sich, dass auch der Lauf, ebenso wie der Gang, als gut untersucht gelten kann, wenn auch Autoren unterschiedliche Terminologien in der Beschreibung des Laufschritts verwenden. Es fiel auf, dass der Lauf eine höhere Variabilität aufweist als der Gang, was die Bestimmung einer allgemeingültigen Norm für Gelenkwinkel in den jeweiligen Laufphasen schwierig erscheinen lässt. Speziell in der Sagitalebene variieren die Gelenkwinkel der unteren Extremität, je nach Geschwindigkeit, Laufstil und Trainingszustand des Läufers deutlich. Da durchschnittliche Normwerte für Gelenkwinkel nur geschwindigkeitsabhängig und unter Berücksichtigung der Varianten des initialen Bodenkontakts erhoben werden könnten, erscheint es in einer Laufanalyse sinnvoller, die funktionellen Ereignisse des Laufschritts zu beobachten. Übermäßige Bewegungen in der Frontal- und der Transversalebene im Sinne von Varisierung, Valgisierung und Rotation, gelten für Gang und Lauf gleichermaßen als Abweichungen. Es bedarf der weiteren Abklärung, ob deutliche Abweichungen im Lauf immer durch krankhafte Geschehen verursacht sind. So erscheint es zur Bestimmung von Pathologien vorerst empfehlenswert, begleitend zur Laufanalyse gleichfalls eine Ganganalyse durchzuführen.
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Abstract
Analysis of running gait are carried out for several purposes and are offered by different suppliers. It´s not clear, if a scheme of observation in running exists, wich is compareable with the scheme of gaitobservation based on Perry, that allows a comparison with a hypothetical norm. Object of this review was to observe and discuss valid criteria of observation in running gait. In addition to this it was to consider the question if detailed discriptions of running cycle exist, that permit a definition of normal running gait. It will be inquired if in running, as well as in walking, different standardized phases can be attached, if standards of joint angles are defined and if motions, muscleactivities and torques are described. It could be shown that running and gait cycle are both well investigated, also when authors use different terminologys in describing the running gait. It was striking that running shows higher variability as walking, what seems to make a definition of a general norm of joint angles in the phases of running gait cycle more difficult. Especially in sagital plane the joint angles of lower extremity vary clearly in dependence of velocity, individual style of running and level of fitness. As average values of joint angles could only be determined in dependence of velocity and by consideration of variants of initial contact, it seems to be more efficient to investigate the functionell events in running cycle. Excessive movements in frontal- and transversal plane in sense of varization, valgization and rotation applys to running like to gait cycle as deviation. Future research should emphasize, if distinct deviations in running gait cycle are always caused through pathological events. For the time being it seems to be advisable to carry through a gait analysis in addition to an analysis of running to determine pathologys.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 9
1.1 Darstellung der aktuellen Situation 9
1.2 Zielsetzung und Bedeutsamkeit 10
2. Ganganalyse 12
2.1 Geschichte der Ganganalyse 12
2.2 Konzepte und Standards in der Ganganalyse 15
2.3 Beobachtende Ganganalyse 16
2.4 Instrumentelle Ganganalyse 17
2.4.1 Kinematische Messsysteme 18
2.4.2 Kinetische Messsysteme 19
2.4.3 Messung von Muskelaktivität 19
2.4.4 Messung des Energieverbrauchs 20
3. Der Gang 20
3.1 Der Gang in der hypothetischen Norm 20
3.1.1 Normwerte im Gang 21
3.2 Verschiedene Nomenklaturen der Gangphasen 23
3.3. Die Gangphasen nach Perry 24
3.3.1 Initial contact, initiale Standphase 25
3.3.2 Loading response, Stoßdämpfungsphase 26
3.3.3 Mid stance, mittlere Standphase 27
3.3.4 Terminal stance, terminale Standphase 29
3.3.5 Pre-swing, Vorschwungphase 30
3.3.6 Initial swing, initiale Schwungphase 31
3.3.7 Mid swing, mittlere Schwungphase 31
3.3.8 Terminal swing, terminale Schwungphase 32
3.4 Kipphebelfunktionen 33
3.4.1 Die Heel rocker-Funktion 34
3.4.2 Die Ankle rocker-Funktion 35
3.4.3 Die Forefoot rocker-Funktion 35
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4. Gangabweichungen - der pathologische Gang 36
4.1 Oberes Sprunggelenk 37
4.1.1 Übermäßige Plantarflexion des oberen Sprunggelenks 37
4.1.2 Übermäßige Dorsalextension des oberen Sprunggelenks 38
4.2 Funktionsstörungen des Fußes 39
4.2.1 Vorzeitiges Ablösen der Ferse 39
4.2.2 Verlängerter Fersenkontakt 39
4.2.3 Übermäßige Inversion 39
4.2.4. Übermäßige Eversion 40
4.3 Kniegelenk 41
4.3.1 Unzureichende Flexion 41
4.3.2 Übermäßige Flexion 42
4.3.3 Unzureichende Knieextension 42
4.3.4 Übermäßige Extension, Hyperextension, Extensorenschub 42
4.3.5 Schlottern 43
4.3.6 Varus- und Valgusabweichung 43
4.4 Das Hüftgelenk 43
4.4.1 Unzureichende Extension 43
4.4.2. Übermäßige Flexion 44
4.4.3 Übermäßige Adduktion 44
4.4.4 Übermäßige Abduktion 44
4.4.5 Rotation in der Transversalebene 45
5. Der Lauf 45
5.1 Phasen im Lauf und Nomenklaturen 48
5.1.1 vordere Stützphase 53
5.1.2 hintere Stützphase 55
5.1.3 hintere Schwungphase 57
5.1.4 vordere Schwungphase 58
5.2 Unterschiede des Laufschritts zum Gang 59
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6. Diskussion 62
6.1 Ziele und Möglichkeiten der Laufanalyse 62
6.2 Möglichkeiten der Normierung des Laufs 63
6.3 Beobachtungskriterien in der Laufanalyse 65
7. Zusammenfassung und Konsequenzen 67
8. Ausblick auf weiterführende Forschung 69
9. Literaturverzeichnis 71
10. Anhang 77
Abk ürzungsverzeichnis 77
Abbildungsverzeichnis 78
Tabellenverzeichnis 80
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1. Einleitung
1.1 Darstellung der aktuellen Situation
Mit der in den letzten Jahren zunehmenden Begeisterung im Laufsport ist auch die Nachfrage an leistungsdiagnostischen, leistungssteigernden, präventiven und rehabilitativen Angeboten und Maßnahmen gewachsen. Eine neue sich schnell verbreitende Dienstleistung ist die Laufanalyse. In der Durchführung und der Zielsetzung unterscheiden sich die Vorgehensweisen je nach Anbieter erheblich. Folgende Zielsetzungen werden hierbei zur Begründung der Durchführung angegeben: Verbesserung der Laufökonomie, Entscheidung über die Notwendigkeit von Einlagenversorgung, Verkauf und Anpassung von Laufschuhen, Aufdeckung von Haltungsfehlern, Aufdeckung von
Muskelschwächen, Aufdeckung biomechanischer Fehlbelastungen zur Erklärung von Gelenkschmerzen, Korrektur falscher Laufstile, Verbesserung der Laufökonomie (Pramann, 2002; elektronische Medien(EM) [1] bis EM [6]). Ganglabore an Universitäten, die mittlerweile zahlreich sind, sowie sehr viele andere Anbieter wie Laufschuhgeschäfte, Sportkaufhäuser, Ärzte,
Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler, Sportlehrer, Personal Trainer, Orthopädiegeschäfte sowie auf Laufanalysen spezialisierte Firmen sind am Markt zu finden. Die Untersucher haben somit einen kaufmännischen, sportwissenschaftlichen, therapeutischen oder medizinischen
Ausbildungshintergrund oder sind ungelernt (EM [5]). Die Analysen variieren methodisch je nach Zweck und Untersucher und unterscheiden sich in Zeitaufwand und Kosten. In einigen Laufgeschäften gehört eine Sichtung anhand einer Laufbandvideoanalyse zu einem Schuhverkauf dazu (EM [2; EM [3]). Separate Bewegungs-, Laufband- oder Feldanalysen mit Dauer von ca. 30 Minuten bis ca. 90 Minuten werden bei Kosten von ca. 35 bis 299,00 Euro angeboten (Pramann, 2002; EM [6]). Während einige Anbieter, wie Laufschuhgeschäfte und Sportkaufhäuser Empfehlungen aus der subjektiven Einschätzung und der persönlichen Lauferfahrung des Verkäufers heraus geben, arbeiten andere Anbieter mit wissenschaftlichen Beobachtungskriterien und nutzen auch instrumentelle Analysemethoden.
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Instrumentalisierte Analysen unterscheiden sich in Art und Anzahl der Analysehilfsmittel. Weitere Unterschiede gibt es in der Wahl der Perspektiven auf den zu Untersuchenden sowie in der Auswahl der betrachteten Körperabschnitte. Zur Auswertung wird häufig Analysesoftware verwendet, mit der man Achsen und Linien in das Bildmaterial projizieren kann. Unklar ist oft, nach welchen Kriterien die Analysen letztendlich erfolgen und ob die Kriterien wissenschaftlichen Standards genügen (Höschen-Lümmen & Kaltenbach, 1997). Den Anspruch valide Analysen zu erstellen, erheben Ganglabore an Universitäten. Sie sind zur kinetischen, kinematischen und elektromyographischen Datenerhebung hoch technisiert. Außerhalb wissenschaftlicher Einrichtungen bieten instrumentelle Methoden ebenfalls die Möglichkeit der objektiven Datenerhebung und scheinen attraktiv, da man von der Software erstellte Ausdrucke mit optisch ansprechendem Layout dem Kunden oder Patienten schnell aushändigen kann. Sie bergen jedoch bei blinder Anwendung und bei nicht ausreichendem Gesamtverständnis des Anwenders die Gefahr der Anwendung vorgefertigter Ergebnisse, sodass eine aussagekräftige Analyse und Auswertung allein durch das Vorhandensein von Hard- und Software nicht gewährleistet ist (Pramann, 2002).
1.2 Zielsetzung und Bedeutsamkeit
Gegenstand dieser Literaturrecherche ist, gültige Beobachtungskriterien in der Laufanalyse zu sichten und zu diskutieren. Hierzu wird der Fragestellung nachgegangen, ob detaillierte Beschreibungen des Laufs existieren, die eine Bestimmung des normalen Laufs zulassen. Es wird untersucht, ob dem Laufen, ebenfalls wie dem Gang, verschiedene standardisierte Phasen zugeordnet werden können, Normwerte für Gelenkwinkel definiert sowie Bewegungsabläufe, Muskelaktivierungen und Drehmomentanforderungen beschrieben sind. Ein solches Schema würde weitergehend erlauben, auch ohne Verwendung hochinstrumentalisierter Methodik, pathologische Abweichungen beim Laufen zu erkennen, diesen möglichen Ursachen zuzuordnen und adäquat therapeutisch zu intervenieren. Eine Standardisierung in der beobachtenden Laufanalyse wäre
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möglich, um Untersuchern in der täglichen Arbeit mit Läufern ein Untersuchungsschema zu empfehlen.
Der menschliche Gang gilt bereits als gut untersucht. Zahlreiche Studien haben sich bis heute mit dem physiologischen und pathologischen Gangmuster beschäftigt (Götz-Neumann, 2003), sodass die Menge an Informationen über das Gehen recht groß ist. Selbst bei Google liefert der Suchbegriff „Ganganalyse“ ca. 45.700 Einträge, während „Laufanalyse“ ca. 10.000 Einträge weniger liefert. In der medizinischen Datenbank PubMed erscheinen zum Recherchezeitpunkt (August 2008) unter den Schlagwörtern „normal gait pattern“ 592 gelistete Publikationen sowie 205 Publikationen unter der Suche nach „normal running pattern“. In der gleichen Datenbank sind unter „biomechanics of walking“ 2961 Einträge gelistet während sich zu „biomechanics of running“ 1552 Einträge finden. Die Vermutung, dass in der beobachtenden Laufanalyse Terminologien und
Untersuchungsmethoden aus der Ganganalyse herangezogen und auf das Laufen übertragen werden, liegt daher nahe. Da es beim Lauf im Vergleich zum Gehen veränderte Parameter gibt, die sich zum Beispiel aus der größeren Geschwindigkeit und der Flugphase ergeben, ist die unreflektierte Anwendung von Gangkriterien zu hinterfragen. In dieser Arbeit erfolgt eine Einschätzung über die Zulässigkeit der Übertragbarkeit ganganalytischer Beobachtungskriterien auf den Lauf.
Im nachfolgenden Kapitel wird zunächst eine Übersicht über die Entwicklung sowie über Konzepte und Standards in der Ganganalyse gegeben. Hiervon ausgehend soll untersucht werden, in wie weit der Lauf in Kinematik und Kinetik Parallelen zum Gang aufweist. Dazu werden Beschreibungen des Laufschritts gesichtet und dieser in seinen funktionellen Komponenten dargestellt. Da das Gehen und Laufen ein koordiniertes Zusammenspiel des gesamtem Körpers darstellt, wäre eine Gesamtbetrachtung aller beteiligten Körperanschnitte sehr umfangreich. In dieser Arbeit liegt der Focus auf den Vorgängen der unteren Extremität, ihres reziproken Zusammenspiels und der einzelnen Gelenke, was die Gelenke Hüftgelenk, Kniegelenk, Oberes Sprunggelenk, unteres Sprunggelenk und Metatarsophalangealgelenke einschließt.
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2. Ganganalyse
2.1 Geschichte der Ganganalyse
Über das Gehen als die natürliche Fortbewegungsform des Menschen schrieben bereits schon Aristoteles (384 v. Chr. Bis 322 v. Chr.) und Galenus (129 n. Chr. bis 199 n. Chr.) (Hegewald, 2000).
Hegewald (2000) nennt Gassendi (1592 - 1655), der erstmals die horizontale und vertikale wellenförmige Bewegung des Rumpfes erwähnte, das Gehen als eine aus mehreren Kreisbögen zusammengesetzte Bewegung beschrieb und 10 Sätze über die Bewegung des Gehens aufstellte.
Borelli (1682) definierte als Erster den Körperschwerpunkt und unterschied zwei Gangphasen, eine doppelt unterstütze Phase sowie eine Phase, in der nur ein Bein den Boden berührt. Um zu ermitteln, ob der Rumpf des gehenden Menschen nach links und nach rechts schwankt, führte Borelli ein einfaches Experiment durch. Er richtete zwei Stangen in großer Entfernung voneinander senkrecht auf und versuchte so zu gehen, dass die hintere Stange immer von der vorderen bedeckt blieb. Dabei fand er, dass die hintere Stange mal links und mal rechts neben der vorderen Stange erschien und bewies damit, vergleichbar wie Gassendi, die seitlichen Schwankungen beim Gehen (Hegewald, 2000). Der Beginn der wissenschaftlichen Ausarbeitung von Gangmechanismen kann Weber und Weber (1836) zugeschrieben werden. Sie führten Messungen über die Neigung, vertikale Schwankungen des Rumpfes, Beinlängen, Schwingungsdauer des Spielbeins, Schrittdauer, Schrittlänge sowie weiterer Größen durch (Hegewald, 2000; Novacheck, 1997; Bumann, 2008).
Räumliche und zeitliche Verhältnisse beim Gehen versuchte Vierod (1881) zu registrieren. Mit Hilfe einer besonderen Vorrichtung am Schuh wurde ein Abdruck des Fußes beim Auftreten erzeugt. Aus dem Abdruck konnten mit großer Genauigkeit die Länge des einzelnen Schrittes, die mittlere und größte Schrittlänge für jedes Bein, die Schrittbreite und der Winkel, welcher die Richtung der Fußlängsachse mit der Gangrichtung beim Aufsetzen bildet, bestimmt werden. Auch versuchte Vierod, die Bewegung der Beine und Arme graphisch darzustellen. An verschiedenen Stellen des Körpers brachte er hierzu
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Ausflussröhrchen an, aus denen während des Gehens Farbflüssigkeit auslief und am Boden sowie seitlich auf Papierbögen Kurvenaufzeichnungen entstanden. Trotz sicherlich großer Fehlerquellen des Versuchsaufbaus stellen Vierods Experimente die ersten Versuche dar, die Bewegung von Extremitäten während eines Gangzyklus aufzuzeichnen (Hegewald, 2000). Die Methode, durch Fotographie Bewegungsphasen aufzuzeichnen nutze als Erster der Fotograph Muybridge (1887), indem er mehrere
nebeneinanderstehende Fotoapparate verwendete, um die Bewegungen eines Pferdes zu dokumentieren. Die Beschreibung dieser Serienaufnahme wurde 1882 von William veröffentlicht. Die Weiterentwicklung der Fotographie erlaubt im Weiteren schärfere Bilder, weitere Veröffentlichungen von Muybridge folgten (Hegewald, 2000; Bumann, 2008).
Maray entwickelte die Fotographie zur wissenschaftlichen Nutzung weiter. Er konnte Serienaufnahmen mit einer einzigen Kamera realisieren und erreichte eine Wiederholungsfrequenz von 12 Bildern pro Sekunde. Als Methode führte Maray bereits am Ende des 19. Jahrhunderts die Beobachtung mit Hilfe passiver Marker ein, was noch heute in der modernen Ganganalyse genutzt wird. Maray ließ weiterhin schwarz gekleidete Probanden vor schwarzem Hintergrund gehen. Zu beobachtende Körperabschnitte wurden mit weißen Streifen versehen und angeleuchtet (Hegewald, 2000; Novacheck, 1997). Mit der bis dahin verwendeten Technik konnte keine dreidimensionale Aufzeichnung erstellt werden, da nur eine Ebene beobachtet wurde. Mit der Entwicklung der zweiseitigen Chronophotographie durch Braune und Fischer (1891) wurde erstmals die Messung dreidimensionaler Bewegungen im Raum möglich. Ihre Untersuchungen führten auch zu ersten mathematischen Annäherungen zu Fragen einwirkender Kräfte am Bewegungsapparat beim Gehen (Bumann, 2008; Hegewald, 2000).
Hegewald (2000) beschreibt, dass in den Jahrzehnten nach den Arbeiten von Braune und Fischer (1891) der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn zur Bewegung des Menschen stagnierte und erst mit der Entwicklung des Forschungszweiges der Ganganalyse der Wissensstand erweitert wurde.
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Scherb (1952) führte Ganganalysen auf einem selbst konstruierten Laufband durch und ermittelte durch Palpation Muskelaktivitäten (Myokinesiographie). Diese Messungen des Muskelspiels brachte er in Verbindung mit seinen Beobachtungen über zeitlichen Ablauf des Aufsetzens von Ferse, Kleinzehenballen und Großzehenballen (Hegewald, 2000).
Die Ganganalyse wurde weiter instrumentalisiert und erfuhr im Bereich der kinetischen Messung in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Entwicklung und Vervollkommnung funktionsfähiger Druck und Kraftmessplatten unter anderem durch Amar 1923, Fenn 1930 und Elftman 1934 einen Fortschritt. Die Platten arbeiteten zunächst mit mechanischer Registrierung, später mit Dehnmessstreifen, druckabhängigen Widerständen bzw. Kondensatoren oder piezoelektrischen Sensoren (Hegewald, 2000). Eberhardt, Inman, Saunders und McCown (1947) fassten umfangreiche Ergebnisse zusammen, die in den 40er Jahren in Kalifornien in zahlreichen großangelegten Studien zum normalen Gang sowie zum Gehen mit Prothesen gefunden wurden. Die zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Hilfsmittel der instrumentellen Ganganalyse wurden in den weiteren Untersuchungen verstärkt eingesetzt und weitere grundlegende Publikationen zum normalen Gang von Saunders et al, 1953; Inman, 1966 und Inman, Ralston & Todd, 1981, folgten (vgl. Hegewald, 2000).
Götz-Neumann (2003) sieht den Beginn der systematischen Ganganalyse in den sechziger Jahren am Rancho Los Amigos National Rehabilitation Center (RLAMC), einer großen Rehabilitationsklinik in Los Angeles mit den dort seit 1955 von Perry und Mitarbeitern begonnenen Untersuchungen zum Gang. Zwar lagen zum damaligen Zeitpunkt zahlreiche Untersuchungen zum Gang vor, eine Katalogisierung der unterschiedlichen Dysfunktionen bei verschiedenen Pathologien existierte jedoch nicht. Somit konnten sich die bisherigen klinischen Untersuchungsmethoden zur Befundung von Dysfunktionen beim Gang nur unzureichend eignen. Perry gründete am RLAMC 1968 ein Ganglabor und entwickelte dort in den siebziger Jahren ein umfangreiches Konzept zur Beobachtenden Ganganalyse. Mit der Schaffung dieses Systems einschließlich einer allgemeinen Terminologie machte Perry eine Beschreibung des normalen
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Gangs, wie auch des pathologischen Gangs möglich (The professional staff association of Rancho Los Amigos Medical Center, 1989; Götz-Neumann, 2003; Perry, 2003).
Bewusst ohne technische Hilfsmittel, aber auf die Arbeiten von Braune und Fischer zurückgreifend, entwickelte in den Achtziger Jahren des 20.Jahrhunderts Klein-Vogelbach ihr Konzept der Gangschulung zur Funktionellen
Bewegungslehre. Diese Arbeit veröffentlichte sie 1995 (Klein-Vogelbach, 1995). Die Untersuchungen von Kadaba, Ramakrishnan und Wootten (1990) führten zur Entwicklung von aktiven Markern, wie sie in Ganglabors oder auch in der Filmindustrie Einsatz finden. Unter zunehmender Anwendung von Instrumentalisierung konnten
Beobachtungskriterien geschaffen und ausgebaut werden, die im klinischen Alltag ohne Einsatz kostspieliger Apparaturen Anwendung finden. So ist heute die beobachtende Ganganalyse Basis in der Befundung des Gehens und kann, je nach Fragestellung und Anforderung, durch die instrumentelle Ganganalyse ergänzt werden (Götz-Neumann, 2003).
2.2 Konzepte und Standards in der Ganganalyse
Die Mechanik des Gangs gilt heute als gut untersucht (Vogt & Banzer, 2005). Einige Fachgesellschaften, wie die Gait and Clinical Movement Association (GCMAS), die International Society for Posture and Gait Reasearch (ISPGR) sowie die Observational Gait Instructor Group (OGIG, 1998) sind hierzu entstanden (Götz-Neumann, 2003).
Heutige Ganganalyseverfahren gehen im wesentlichen auf Arbeiten von Perry (1992), Whittle (2002) und Winter (2005) zurück. Das von Perry und Mitarbeitern am Rancho Los Amigos Rehabilitation Center entwickelte systematische Konzept zur Untersuchung des Gangs gilt als etabliert (Götz-Neumann, 2003). Daher dienen dessen Erkenntnisse in dieser Arbeit als Referenz. In der Praxis geht der Untersucher dabei nach einem bestimmten Schema vor, wobei er die Bewegung jedes Gelenks von distal nach proximal sichtet, registriert und beurteilt. Die Fachkenntnis über die hypothetische Norm des Gehens und die relevanten Beobachtungskriterien ist nicht nur in der beobachtenden Analyse essentiell,
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sondern kann auch bei hochinstrumentalisierten Vorgehenseisen eine nützliche Referenz darstellen (Götz-Neumann, 2003).
Ein anderes Schema verfolgt Klein-Vogelbach, die den menschlichen Gang nach Kriterien der Funktionellen Bewegungslehre (FBL) untersuchte. Die Referenz ist hier ebenfalls ein hypothetisch normaler Gang, Klein-Vogelbach betont jedoch, dass diese Norm keine durch wissenschaftliche Untersuchungen erhobene Mittelwerte darstellt. Es handelt sich um eine hypothetische Norm gesunder Erwachsener, die in ihrem Gehverhalten, nach Kriterien der FBL, das Optimum einer ökonomischen Bewegung zeigen. Hier gibt es acht funktionelle Bewegungskriterien. Wird eine Abweichung erkannt, existieren zu jedem Kriterium therapeutische Übungen mit dem Ziel der Wiederannäherung an die Norm (Klein-Vogelbach, 1995).
Ein vor allem therapeutisches, aber auch analytisches Konzept, ist das PNF-Konzept (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation) zur Gangschulung. Zur Verbesserung des Gangbilds werden Grundprinzipien der PNF-Methode eingesetzt. Der Therapeut setzt hierbei vor allem manuellen Kontakt für Druck-und Zugreize (Approximation und Stretch) sowie verbale und visuelle Stimuli ein (Hedin-Andén, 1994). Das Becken wir als zentraler Kontrollpunkt des Ganges gesehen. Entsprechend zielen Maßnahmen der PNF-Gangschulung auf die Einordnung des Beckens ab. Durch Üben übertriebener Bewegungen sollen physiologische Bewegungen des Gehens gebahnt werden. Weder die FBL-Methode, noch das PNF-Konzept zur Gangschulung sind gegenüber den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Perry, Winter und Whittle zum Gangbild als konträr zu sehen. Sie finden therapeutisch bei der Behandlung von pathologischen Gangabweichungen Einsatz.
2.3 Beobachtenden Ganganalyse
Grundsätzlich kann man zwischen beobachtender und instrumenteller Ganganalyse unterscheiden. Als Grundlage für jede Ganganalyse erscheint die Kenntnis über die normale Mechanik des Gehens und ihre möglichen pathologischen Veränderungen als essentiell. Die beobachtende Ganganalyse arbeitet ohne Erfassung objektiver Daten. Sie ist allein von den Fähigkeiten des
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Michael Schneider, 2009, Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarkeit kinetischer und kinematischer Kriterien der beobachtenden Ganganalyse auf die Laufanalyse, München, GRIN Verlag GmbH
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