Vernunftherrschaft, nicht die Volksherrschaft.“ 1 Einerseits war die Zeit noch recht ungünstig für einen breiten Rückhalt in der Masse, aber man konnte ja versuchen, mit alten Methoden moderne politische Modelle zu verwirklichen. 1. Frankreich
Voltaire stirbt 1778. Kurz vor seinem Tod spricht er die Worte: „Alles was ich sehe, scheint den Samen der Revolution, die eines Tages unausweichlich kommen muß, auszusstreuen, ich werden aber nicht mehr das Vergnügen haben, ihr Zeuge zu sein.“ 2 Zu Rousseau ist schon viel gesagt worden. Nur eine Anmerkung: Eine Anekdote berichtet, wie ein gewisser Maximilian Robespierre, damals ein junger Student, nächtelang vor dem Fenster desselben sehnsüchtig, wie ein Liebender, herumgeschlichen ist, bevor er es wagte, ihm einen Besuch abzustatten. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, daß Rousseau den Gedanken einer totalitären Demokratie mit einem Ideal der Einstimmigkeit entwickelt hatte, was ihm einerseits den Vorwurf eines Vordenkers der Volksdemokratien eingebracht 3 , andererseits möglicherweise zur Radikalisierung des „unbestechlichen“ Robespierre beigetragen hat.
Auch der umstrittene Marquis de Sade äußerte sich zu diesem Thema. Obwohl er als Adeliger nicht für die Abschaffung des Königtums war, und in den ersten Revolutionsjahren dem Monarchistenklub angehörte, verfaßte er 1788, in der Bastille, die Schrift „Die utopische Insel Tamoe“, eine positive Vereinigung von paradiesischem Naturzustand und gewissen zivilisatorischen Errungenschaften. Er spart dabei nicht mit Kritik am System: „Ist es nicht schrecklich, daß unsere Nationalität derart in Mißkredit stand, daß man sie verstecken und verleugnen mußte, um beim Ausländer Zugang zu finden..[..]? Warum sollten wir uns nicht bemühen, liebenswert zu erscheinen, wenn der Erfolg nur davon abhängt, Fehler abzulegen, die uns selbst im eigenen Lande in den Augen des Weisen entehren, der uns mit Gelassenheit prüft? Doch die Revolution wird, indem sie unsere Sitten verwandelt, auch unsere lächerlichen Sitten verwandeln, auch unsere lächerlichen Seiten verringern; mindestens wollen wir das hoffen, zu unserem Glück.“ 4
1 Crane Brinton, Europa im Zeitalter der Revolution, S. 9f (Wien 1939).
2 Hans Joachim Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, S.372 (Fischer Verlag, Frankfurt am Main
1992).
3 Norbert Leser, Sozialphilosophie, S.209f (Böhlau Verlag, Wien 1997).
4 Marquis de Sade, Die utopische Insel Tamoe. In: Georg Rudolf Lind,. Marquis de Sade. Schriften aus der
Revolutionszeit (1788 - 1795), S 66 (Insel Verlag, Frankfurt am Main 1969).
2
Ob das eingetroffen ist, kann bezweifelt werden. 2.Österreich
Österreich war an Gebiet der größte Staat des deutschen Bundes. Trotzdem, oder gerade deswegen war es politisch, wirtschaftlich und sozial das Rückständigste. Interessanterweise waren die staatlichen Reformen in Österreich am wirksamsten, und das lag gerade an dieser Rückständigkeit. Die gesellschaftlichen Verhältnisse machten hier Reformen notwendig, die in anderen Ländern erst von der Aufklärung in Gang gesetzt wurden. 5 So ist es kein Wunder, das von den drei Plattformen der Aufklärung, den Freimaurerverbänden, der Publizistik und der Bühne, in Österreich ausschließlich die Freimaurer zur Verbreitung neuer Ideen beitragen konnten. Als sie 1785 durch das Freimaurerpatent Josephs II so gut wie verboten wurden, war damit auch die österreichische Aufklärung abgewürgt. Am Ende wurde Österreich sogar der geistige Mittelpunkt gegen die neuen Ideen und Einrichtungen, ja die Wörter „Österreich“ und „Reaktion“ wurden fast gleichbedeutend, als Synonym gebraucht (vgl.: der Wiener Kongreß fand nicht von ungefähr gerade dort statt).
Aber gerade weil die Freimaurerklubs die einzigen fortschrittlichen Kräfte des Landes repräsentierten, sind sie in Österreich zu einer enormen Blüte gelangt. Über die Eliteloge „Zur wahren Eintracht“ welche von 1781 bis 1785 bestand, bezeugte der deutsche Jakobiner Georg Forster, anläßlich eines Aufenthalts in Wien im Sommer 1784, daß sie diejenige (in Deutschland) wäre, welche am allermeisten zur Aufklärung beitrüge. Angeblich ist auch Mozarts „Zauberflöte“, übrigens 1795 verboten, unter anderem eine Allegorie auf diese Loge, ihren Meister, den Naturwissenschaftler Ignaz von Born, und auf die französischen Revolution im allgemeinen.
Für Österreich repräsentativ können der Wirtschaftstheoretiker Joseph von Sonnenfels und Johann Pezzl betrachtet werden. Ein Textfragment des letzteren zeigt die für Österreich typische Tradition eines satirischen Stils, welchen man im übrigen deutschsprachigem Raum
5 Helmut Reinalter, Historische Studien. In: Jürgen Voss, Deutschland und die französische Revolution, S. 49
(Hamburg 1970).
3
auf diese Weise nicht antrifft, und dessen Wurzeln bis auf Abraham a Santa Clara zurückreichen.
Joseph von Sonnenfels, Gelehrtensohn jüdischer Eltern, lebte von 1733 bis 1817. Nach seiner Ausbildung wurde er von Maria Theresia mit dem neu gegründeten Lehrstuhl für politische Wissenschaften betraut. Schon in den 60er Jahren fiel er durch verschiedene gesellschaftskritische Zeitschriften, unter anderem „Der Vertraute“ und „Der Mann ohne Vorurtheil“, auf, beide wurden zensuriert. 1765- 67 schrieb er das Lehrbuch „Grundsätze der Polizey, Handlung und Finanz“, es blieb bis ins 19 Jahrhundert das grundlegende Werk für österreichische Staatsbeamten. Seit 1782 war er Mitglied der Loge „Zur wahren Eintracht“, und auf sein Betreiben wurde ab 1784 das „Journal für Freimaurer“ herausgegeben. Sonnenfels setzte sich für die Beschränkung des Absolutismus durch eine Festsetzung gesetzlich verankerter Regierungsgrundsätze, für eine Kodifikation des Straf-, Privat- und Verwaltungsrechts, sowie für eine Reform des österreichischen Polizeiwesens ein. Johann Pezzl war der Sohn eines niederbayrischen Bäckermeisters und lebte von 1756 bis 1823. Im Jahre 1780 beendete er sein Rechtsstudium in Salzburg. Drei Jahre später trat er der Freimaurerloge „Zur Wohltätigkeit“ bei und bewarb sich auch als Mitglied „Zur wahren Eintracht“. 1784 schrieb er die „Marokkanische Briefe. Aus dem Arabischen. Frankfurt und Leipzig“ 6 . Es ist eine Satire im Stil der „Persischen Briefe“ Montesquieus, in welchem die Zustände zur Zeit Ludwig XIV aufs Korn genommen werden. Allerdings sind diese schon 1721 erschienen, und die Verspätung um 60 Jahren ist wahrscheinlich für das Nachhinken Österreichs bezeichnend. Pezzl wurde 1785, als es mit den Freimaurern zu Ende ging, Sekretär des Staatskanzlers, des Fürsten Kaunitz, später Offizial des geheimen Chiffrenkabinetts, schließlich k. k. Rat und Subdirektor. Warum die „Marrokanischen Briefe“, welche als Anlaß und Legitimation übrigens den Besuch einer marokkanischen Gesandtschaft in Österreich hatten, anonym erschienen sind, mag die folgende Textstelle beleuchten: „Ein einziger Umstand machte mir die Alleinherrscher noch auf eine gewisse Weise fürchterlich: dies ist die Besserung der Fürsten. Politische Höhe schützt nicht vor moralischer Tiefe. Ich erklärte mich hierüber einem Freunde, fragte ihn, wie es wohl möglich sei, einen Fürsten zu bessern, der vom Glanze seines Thrones geblendet, vom Geklirre seines zahllosen Heeres trotzig gemacht, und, von den Schmeicheleien seiner Hofschranzen eingewiegt, einmal auf schlimme Wege geraten sei und sich einbilde, das Volk sei bloß
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Janus Zudnik, 1998, Schriftliche Reaktionen bedeutender Geister auf die französische Revolution 1789, München, GRIN Verlag GmbH
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