Einleitung 1
Hauptteil 2
Allgemeines über das Hässliche 2
Zur Lexik 2
Zur Semantik 2
Zur antiken und mittelalterlichen Praxis der Ekphrasis 4
Die Inszenierung der Hässlichkeit bei ausgesuchten Figuren. 6
Die Gralsbotin Cundrîe 7
Das wilde wîp Rûel 14
Karri ôz 18
Marr îên 20
R ôaz 20
Schluss 22
Literaturverzeichnis 23
Textausgaben 23
Sekund ärliteratur 23
Anhang- Textauszüge 25
Wiener Genesis 25
Einleitung
Bei dem Titel „Die Ästhetik des Hässlichen“ handelt es sich um keinen Widerspruch. Bis ins 19. Jahrhundert wurde die Ästhetik zwar als Wahrnehmung dessen bezeichnet, was allgemein als schön und harmonisch gilt; in dieser Arbeit wird der Begriff Ästhetik aber streng wörtlich genommen und als rein sinnliche Wahrnehmung verstanden, die sich in diesem Fall eben nicht auf die schönen und angenehmen Dinge richten wird, sondern auf das Hässliche und Abstoßende zielt.
Dabei wird versucht, nicht nur als heutiger Rezipient die aufgeführten Textbeispiele zu bewerten und zu interpretieren, sondern auch darauf einzugehen, wie die verschiedenartigen descriptiones auf den mittelalterlichen Rezipienten gewirkt haben müssen.
Auf den ersten Seiten der Arbeit befasse ich mich mit den lexikalischen und semantischen Besonderheiten, die das Adjektiv „hässlich“ betreffen. Es wird darauf geachtet, die Unterschiede zwischen der mittelalterlichen und der heutigen Vorstellung herauszuarbeiten. Ein kurzer Exkurs über die Ekphrasis-Theorien der Antike und des Mittelalters sollen zu den ausgesuchten Beispielen überleiten, an denen die mittelalterliche Methode der Ekphrasis aufgezeigt werden kann. Außerdem soll deutlich werden, dass die Beschreibung der Hässlichkeit festgelegten Mustern folgt, die beabsichtigte Wirkung aber, die die Hässlichkeit beim Rezipienten hervorrufen soll, nicht immer dieselbe ist.
Es geht in dieser Arbeit nicht nur um die Darstellung von körperlich hässlichen Menschen, sondern auch darum, wie der hässliche Charakter eines Menschen dargestellt werden kann. Schlussendlich stellt sich die Frage, warum Beschreibungen von hässlichen Menschen oder grauenhaften Begegnungen in der Literatur überhaupt thematisiert werden.
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Hauptteil
Allgemeines über das Hässliche
Zur Lexik
Das neuhochdeutsche Wort „hässlich“ verfügt nicht mehr über den eingeschränkten Bedeutungsumfang, den es im Mittelhochdeutschen noch hatte. Die nachfolgenden Textbeispiele sollen veranschaulichen, dass das Wort hazlich als Ableitung vom Nomen haz zu verstehen ist und daher als Adjektiv für eine Person oder ein Abstraktum verwendet wurde, die beim Gegenüber Gefühle des Hasses hervorrufen: mit hazlîcher kraft 1 entspricht im Neuhochdeutschen „mit verhasster Kraft“ und auch die hezzelîche schulde 2 ist mit „die verhasste Schuld“ zu übersetzen.
Sollte in mittelhochdeutscher Literatur ausgedrückt werden, dass etwas in ästhetischer Hinsicht als „nicht schön“ empfunden wird, musste auf verschiedene Ausdrücke zurückgegriffen werden, wie einige Beispiele aus dem Wigalois selbst zeigen. 3
Zur Semantik
Der heutzutage oft bemühte Ausspruch „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ war im mittelhochdeutschen Verständnis von Schönheit überhaupt nicht existent. Vielmehr gab es einige Richtlinien, anhand welcher objektiv beurteilt werden konnte, was schön und was hässlich ist. Lässt also ein mittelhochdeutscher Autor seinen Erzähler über die äußere Erscheinung
1 Wolfram von Eschenbach: Parzival. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Berlin 2003. Vers 680, 14.
2 Gottfried von Straßburg: Tristan. Hrsg. v. K. Marold. 3. Abdruck mit einem durch F. Rankes Kollationen erweiterten und verbesserten Apparat besorgt und mit einem Nachwort versehen von W. Schröder. Berlin 1969. Vers 1888.
3 Vgl.: ungefiüege nôt (1114); swaz freislich was daz dûhte in guot (1847); eine ungehiure crêatiure (5022). Die den Wigalois betreffenden Textbeispiele entstammen, wenn nicht anders gekennzeichnet, aus dem im Literaturverzeichnis unter Primärliteratur angeführten Werk.
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eines Menschen berichten, so sind diese Äußerungen als unumstößliche Wahrheit und objektive Feststellung zu werten, zumal die Beschreibung des Erscheinungsbildes nicht nur als bloße Veranschaulichung angesehen werden kann. Das Prinzip der Kalokagathia, welches schon in Sokrates’ Platonischen Dialogen eine große Rolle spielt, verbindet äußere Körpermerkmale und moralisches Handeln untrennbar miteinander. Das Schöne (kalos) und (kai) das tugendhafte (agathos) Handeln bilden ein Paar. Der Vollkommenheit in der Gestalt entspricht die Vollkommenheit im Herzen, könnte abgekürzt geschlussfolgert werden. Wird in mittelhochdeutschen Texten ein Mensch −meist eine Frau− als schön beschrieben, kann man fast immer davon ausgehen, dass diese Frau auch so handelt, wie es von ihr erwartet wird. Meist schließt sich an die Beschreibung der reizvollen äußeren Erscheinung auch ein Tugendkatalog an, der diese Vermutung bestätigt. In der literarischen Vorstellung sind die Menschen, die der höfischen Gesellschaft angehören, stets schön. Schlussfolgernd bleibt für die Menschen, die als unansehnlich dargstellt werden, nur der Rückzug an außerhöfische Orte, die auch gleichzeitig mit negativen, meist Furcht einflößenden, Vorstellungen verbunden sind, wie zum Beispiel Wälder und Schluchten. Weil das Hässliche der körperliche und fassbare Ausdruck des Bösen und Widergöttlichen ist, ist der Grund für die Hässlichkeit im Sündenfall zu sehen. Die Hässlichkeit hat keinen eigenen Status, sie ist nur Ausdruck einer nicht existierenden Schönheit. Auch das Böse kann nicht von sich aus bestehen bleiben, sondern entsteht nur, wenn das Gute nicht vorhanden ist. Man spricht auch hier in Anlehnung an das Theodizeeproblem von der privatio boni. Überhaupt sind das Böse und das Hässliche erst nach der Vertreibung aus dem Paradies in die Welt gekommen. Früher war der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen und demnach zu nichts Bösem fähig. 4
4 Vgl.: KASTEN, Ingrid: Hässliche Frauenfiguren in der Literatur des Mittelalters. In: Auf der Suche nach der Frau im Mittelalter. Fragen, Quellen, Antworten. Hrsg. v. Bea Lundt. München 1991, S. 260.
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In der Wiener Genesis findet sich eine weitere Erklärung dafür, warum es überhaupt hässliche Menschen gibt: Adam soll seinen schwangeren Töchtern den Genuss eines bestimmten Krautes verboten haben. Da die Frauen aber nicht gehorsam, sondern neugierig waren, aßen sie von dem Kraut. Die Kinder, die sie zur Welt brachten, waren alle entstellte (Misch-)Wesen. Hier liegt also der Ursprung der tierähnlichen Gestalten und es wird ersichtlich, dass Hässlichkeit eine Folge christlicher Ausgrenzung ist. 5 Dass das Hässliche mit dem Unmoralischen und Sündhaften gleichzusetzen ist, gilt nicht für die unansehnlichen Gestalten aller mittelhochdeutschen Werke, wie in dieser Arbeit an einem besonders berühmten Beispiel gezeigt werden wird.
Zur antiken und mittelalterlichen Praxis der Ekphrasis
In der Progymnasmata-Literatur des 1. bis 5. Jahrhundert nach Christus fanden sich für die jugendlichen Rhetorik-und Grammatikschüler Übungsaufsätze, anhand derer sie unter anderem die Regeln der Ekphrasis verinnerlichen konnten. In diesen Werken ist das Thema der Ekphrasis derart gestaltet, dass zuerst eine Definition gegeben wird, dann eine Einordnung der Ekphrasis in die Didaktik folgt und schließlich Vorbilder genannt und erwünschte Wirkungen besprochen werden. 6 Die „Ekphrasis ist eine Rede, die das Publikum umher- und ihm dabei einen Gegenstand vor Augen führt“, übersetzt Schweinfurth das griechische Original treffend. 7 Die Ekphrasis ist ein Stilmittel, das den Zuhörer oder Leser zum Zuschauer macht. Wie diese Anforderungen, die laut Definition an die Ekphrasis gestellt werden, in der Antike erfüllt werden sollten, kann nach Wandhoff folgendermaßen
5 Vgl.: SMITS, Kathryn: Die frühmittelhochdeutsche Wiener Genesis. Kritische Ausgabe mit einem einleitenden Kommentar zur Überlieferung (= Philologische Studien und Quellen. Hrsg. v. Wolfgang Binder, Hugo Moser, Karl Stackmann. Heft 59 (1972). V. 1290-1313. Die entsprechenden Verse befinden sich als Auszug im Anhang.
6 Vgl.: SCHWEINFURTH, Dagmar: Aspekte der topographischen Ekphraseis in der griechischen Prosa der Kaiserzeit und Spätantike. Heidelberg 2005, S. 13.
7 Vgl.: ebd., S. 15.
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zusammengefasst werden: 8 Einleitend wird erläutert, dass jeder Gegenstand durch eine Ekphrasis eingehend beschrieben werden darf. Möglich sind unter vielem Naturerscheinungen, Kriegsgeschehen, in diesem Zusammenhang auch die Waffen der Helden 9 , und selbstverständlich auch die Gestalt von Menschen. Bei der Beschreibung muss die natürliche Ordnung eingehalten werden; das bedeutet bei der Beschreibungen von Menschen, dass sie a capite ad calcem beschrieben werden, Ereignisse müssen chronologisch erzählt werden und die Sprache muss zum beschriebenen Gegenstand passen, zum Beispiel werden heroische Kriegstaten pathetisch geschildert, obwohl die Sprache in der Ekphrasis eigentlich schlicht sein soll. Trotz aller Rigidität dieser Ekphrasis-Regeln darf durchaus auch das Stilmittel des Hysteron-Proteron angewendet werden. Es muss auch der Mensch nicht von Kopf bis Ferse dargestellt werden, wenn es darum geht, nach qualitativen Abstufungen zu gliedern.
Zur mittelalterlichen Literatur hin hat sich diese Methodik der Ekphrasis insbesondere dahingehend geändert, dass nicht mehr nur die Gegenstände oder Waffen heimischer Helden, sondern auch und vor allem die der bösen Gegner beschrieben werden. Auch sind diese Beschreibungen, welche die Waffen betreffen, eher Momentaufnahmen als Schaffensberichte. Vergils Ekphrasis des Aeneas-Schildes beinhaltet noch die Vorgehensweise von Vulcanus und seinen Gehilfen bei der Fertigung des Schildes; er beschreibt, welche Arbeitsschritte aufeinander folgten und welche Materialien mit welchen Werkzeugen wie verarbeitet wurden. 10 Im Mittelalter beschränkt sich die Beschreibung meist darauf, wie das fertige Kunstwerk aussieht. Die ursprünglich von Apollodorus formulierte Forderung a capite ad calcem wird aber auch im Mittelalter noch meist durchgehend angewendet, wobei die
8 Vgl.: WANDHOFF, Haiko: Ekphrasis. Kunstbeschreibungen und virtuelle Räume in der Literatur des Mittelalters. Berlin 2003, S. 39f.
9 Berühmtestes Beispiel lateinischer Ekphrasis ist der vom ignipotens Vulcanus für Aeneas gefertigte Schild, den Vergil in seiner Aeneis in genau hundert Versen eindrucksvoll beschreibt.
10 Zum Beispiel Buch VIII, Vers 624 […] electro auroque recocto.
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Arbeit zitieren:
Julia Braun, 2010, Die Ästhetik des Hässlichen, München, GRIN Verlag GmbH
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