Inhaltsverzeichnis
Von der Reichswehr zur Wehrmacht -
Die Rolle der Streitkräfte in der Machtergreifung der Nationalsozialisten
Seiten
I. Mythos „saubere“ Wehrmacht 3
II. Wohlwollende Neutralität 4
1. Selbstverständnis der „apolitischen“ Reichswehr 5
1.1 Die Folgen der Niederlage und der Versailler Vertrag 5
1.2 Die Reichswehr als Staat im Staat? 7
1.3 Wegbereiter der Machtübernahme 9
2. Gemeinsame Interessen und die Folgen 11
2.1 Wehrhaftigkeit des Volkes 11
2.1.1 Primat des Militärs 11
2.1.2 Die Reichswehr als nationales Volksheer 12
2.1.3 Außenpolitik 12
2.2 Konsequenzen der Kooperation 13
2.1.1 Eine ungleiche Partnerschaft 13
2.1.2 Allgemeine Wehrpflicht 14
2.1.3 Gemeinsame Expansion 15
III. Die Wehrmacht als Spiegel der Gesellschaft 16
IV. Literaturverzeichnis 18
- 3 - DieWehrmacht (1933-1939)
Von der Reichswehr zur Wehrmacht -Die Rolle der Streitkräfte in der Machtergreifung der Nationalsozialisten
I. Mythos der „sauberen“ Wehrmacht
Die Schuldfrage der beiden Weltkriege ist in den vorangegangen Jahrzehnten bereits ausführlich und kontrovers diskutiert worden. 1 Besondere Beachtung bei diesen Überlegungen fand dabei unter anderem aber auch die Rolle der Wehrmacht während der nationalsozialistischen Herrschaft Bereits kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges fanden erhitzte und auch emotionale Debatten über die Verstrickung der Wehrmacht mit dem NS-Regimes und ihr Anteil an den verübten Verbrechen statt. Die teilweise sehr unterschiedlichen Interpretationen der Rolle der Wehrmacht erklären sich nicht nur aus der jeweiligen ideologischen Position heraus, von der aus die Bewertung der Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Parteiapparat erfolgt, sondern auch aus der Wahl der methodologischen Ansatzes. Während einige Historiker die Wehrmacht als eine eigenständige Institution außerhalb des Parteiapparates betrachten 2 , betonen andere ihre aktive Solidarität mit dem NS-Regime 3 . Erwähnenswert sind hier insbesondere Helmut Krausnick und Manfred Messerschmidt, die von einer Mitschuld der Wehrmacht ausgingen und sich unter anderem auch auf die Beteiligung der Wehrmacht an den Verbrechen an der Ostfront bezogen. Infolge der Wanderausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung zu den Verbrechen der Wehrmacht in der Zeit des Nationalsozialismus erregte das Thema in den 90ger Jahren auch über akademische Kreise hinaus große öffentliche Aufmerksamkeit. 4 Die Wehrmacht als Ort der inneren Emigration, abseits der ideologisch unterfütterten NS-Lebensraumpolitik wurde nicht nur in Frage gestellt, sondern systematisch widerlegt. 5 Nach aktuellem Stand der Forschung gilt der Mythos der sauberen Wehrmacht
1 Stichwort ‚Historikerstreit’
2 Klaus-Jürgen Müller: Das Heer und Hitler: Armee und nationalsozialistisches Regime, 1933-1940 Stuttgart, 1969.
3 Messerschmidt, Manfred: The Wehrmacht and the Volksgemeinschaft. In: Journal of Contemporary History, Vol. 18, No. 4, 1983 S. 740.
4 Klotz, Johannes: Die Ausstellung „Vernichtungskrieg, Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtspolitik. In: Detlef Bald, Johannes Klotz, Wolfram Wette: Mythos Wehrmacht. Nachkriegsdebatten und Traditionspflege, Berlin 2001, S. 116-176.
5 Zur Debatte siehe Bartov, Omer: The Wehrmacht Exhibition Controversy. The Politics of Evidence. In: Bartov, Omer, Grossmann, Atina and Nolan, Mary: Crimes of War. Guilt and Denial in the Twentieth century, New York, 2002 S. 41 - 60.
- 4 - inzwischenals endgültig überholt. 6 Weitaus geringeres öffentliches Interesse erhielt die Frage nach der Verstrickung des Militärs mit der nationalsozialistischen Bewegung noch vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs und dem Überfall auf Polen. Die Komplizenschaft ergibt sich aus den Resultaten der Jahre 1939-1945. Aber dass die Wehrmacht letztendlich einen integralen Bestandteil, sowie den willig ausführenden Arm der expansiven Lebensraumpolitik der Nationalsozialisten darstellte, bedeutet keineswegs dass sie deswegen auch von Anfang an auf der Linie der Partei positioniert war. 7 Dementsprechend soll an dieser Stelle auf die Verwicklung der Wehrmacht bzw. ihres Vorgängers, der Reichswehr, in die Vorgänge der so genannten Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem darauf folgenden Ausbau ihrer Machtposition und dessen Konsolidierung eingegangen werden.
Die Fragestellung dieser Arbeit lautet deswegen: Zu welchem Ausmaß waren die Streitkräfte an der Errichtung der nationalsozialistischen Herrschaft über Deutschland beteiligt. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll skizziert werden, inwieweit die Streitkräfte einen ganz erheblichen Einfluss auf den Verlauf der Etablierung der nationalsozialistischen Diktatur hatten. Dabei sollen zuerst einige Aspekte aus der Vorgeschichte der Wehrmacht näher erläutert werden, um dann beispielhaft ausgewählte gemeinsame Interessen von Militär und NSDAP herauszustellen. Im letzten Abschnitt werden dann die daraus resultierenden Konsequenzen der Rolle der Streitkräfte gegenübergestellt. Insgesamt soll gezeigt werden, dass die Wehrmacht sowohl zur Errichtung der nationalsozialistischen Herrschaft als auch deren Festigung erheblich beigetragen hat. Die Verantwortung der Wehrmacht erschöpft sich eben nicht nur in unterlassener Verteidigung der Weimarer Republik und passivem Abwarten sondern schließt auch aktive Anbiederung und bewusste Kooperation mit ein.
II. Wohlwollende Neutralität
Die Haltung der Reichswehr gegenüber Adolf Hitler und der nationalsozialistischen Partei wird in der einschlägigen Literatur als neutral charakterisiert. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass die Reichswehr nur schwerlich als ein in sich geschlossener Akteur mit einer kohärenten Linie betrachtet werden kann. Während
6 Siehe z.B. Omer Bartov: Germany’s War and the Holocaust: Disputed Histories, London 2003, und Wolfram Wette: The Wehrmacht: History, Myth, Reality. Cambridge, 2006.
7 Siehe Förster, Jürgen: Die Wehrmacht im NS-Staat. Eine strukturgeschichtliche Analyse, München 2007.
- 5 - einigeKräfte jegliche Politisierung der Reichswehr ablehnten, waren andere durchaus geneigt eine aktivere Rolle einzunehmen. Dementsprechend änderte sich mit den veränderten politischen Umständen auch die Haltung der Reichswehr gegenüber der NS-Partei. Während sowohl linke wie rechte Extremisten als Grundsätzlich war die Reichswehr aber deutlich dem national-konservativen Lager zuzuordnen. Deswegen ist der Begriff der ‚wohlwollenden Neutralität’ eine durchaus geeignete Bezeichnung um zumindest die Haltung der Reichswehrführung gegenüber Nationalsozialisten zu adressieren.
Dieses Verhältnis zwischen Wehrmacht und dem Nationalsozialismus hat bereits Zeitgenossen wie etwa den französischen Botschafter André Francois-Poncet beschäftigt, der 1934 feststellte, dass es zwischen Armee und Partei letztlich darum ginge, „wer im neuen deutschen Staat die beherrschende Rolle spielen“ würde 8 . Allerdings darf eine „historische Bewertung der Rolle der Streitkräfte im sogenannten Dritten Reich […] nicht auf die Jahre 1933 bis 1945 beschränkt werden, sondern muß [sic!] die Geschichte der Reichswehr in der Weimarer Republik miteinbeziehen.“ 9 Aus diesem Grund spielt die gesamte Zeit zwischen den beiden Weltkriegen eine wichtige Rolle für die von der Reichswehr eingenommene(n) Position(en) im weiteren Verlauf der deutschen Geschichte.
1. Das Selbstverständnis der Reichswehr
1.1 Die Folgen der Niederlage und der Versailler Vertrag
Die Erfahrungen des gesamtgesellschaftlichen Krieges, der Niederlage, und der darauf folgenden Umbrüche in Staat und Gesellschaft, erschütterte die Position des traditionellen Militärs zutiefst. Bis 1918 war die Armee der Garant des deutschen Staates und damit auch des „gültigen und als gottgewollt angesehenen monarchischen Prinzips“ 10 . Offiziere genossen hohes Ansehen und die Armee spielte eine wichtige gesellschaftliche Rolle; die Monarchen selbst trugen zu öffentlichen Anlässen Uniform. Deutschland war eine aufstrebende Hegemonialmacht, die sich anschickte dem britischen Empire Konkurrenz zu machen. Im wilhelminischen Kaiserreich war die Macht des Militärs so ausgeprägt gewesen, dass die möglichen Aufmarschpläne
8 Zitiert nach: Müller, Klaus-Jürgen (Hrsg.): Armee und Drittes Reich 1933-1939. Darstellung und Dokumentation unter Mitarbeit von Ernst Willi Hansen, Paderborn 1987, S. 11.
9 Förster, Jürgen: Das Verhältnis von Wehrmacht und Nationalsozialismus im Entscheidungsjahr 1933. In: German Studies Review, Vol. 18, No. 3,Okt., 1995, S. 472.
10 Graml, Hermann: Die Wehrmacht im Dritten Reich. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 45 Jahrg., H. 3, Jul., 1997, S. 365.
- 6 - politischeVerhältnisse übergehen konnten. 11 Nach der Niederlage 1918 jedoch legte der Versailler Vertrag nicht nur eine Reduktion der Streitkräfte fest, sondern sah auch ein grundsätzlich verändertes Militärsystem vor. Die allgemeine Wehrpflicht wurde durch ein streng limitiertes Freiwilligen-Heer ersetzt, mit einer Gesamtstärke von 100,000 Mann, bei einem zusätzlichen Verbot von schwerem Kriegsgerät. Dies stellte zwar einen enormen Einschnitt in die preußische militärische Tradition dar, aber dennoch hatte die Militärelite „ihren Anspruch auf Teilhabe an der Führung des Staates keineswegs aufgegeben, sondern erwartete weiterhin, daß ihr besonderer Status von der Politik geschützt würde“ 12 . Auch in der Weimarer Republik darf der Einfluss der Reichswehr nicht unterschätzt werden. Noch das letzte Kabinett mit parlamentarischer Mehrheit scheiterte zuletzt auch am Druck der Reichswehrführung. 13 Allerdings kam es zu Weimarer Zeiten nicht zu einer Annäherung, oder zumindest zu einer Akzeptierung der realen politischen Verhältnisse. Am schlimmsten wog dabei die Tatsache, dass die Auflagen des Versailler Vertrages als ungerecht empfunden wurden und keine diplomatische Lösung in Sicht war. Die einst stolze Armee war nun nicht mehr in der Lage ihre Grundaufgabe, die Sicherstellung der Landesverteidigung, wahrzunehmen. „Daher entstand in der Reichswehr eine Tendenz zur Expansion, die von sämtlichen ihrer Angehörigen nicht nur guten Gewissens gehegt, sondern darüber hinaus als eine Forderung des nationalen Interesses begriffen wurde, der eine alle anderen Gesichtspunkte überlagernde Wichtigkeit beigemessen werden dürfe.“ 14 Als Folge der Auflagen rekrutierte sich die ‚neue’ Reichswehr fast vollständig aus der kaiserlichen Armee, und wurde dementsprechend zu einer Hochburg monarchistischen und nationalistischen Gedankenguts.
Grundsätzlich war die Reichswehr in der Weimarer Republik durch Zwiespalte geprägt. Einerseits repräsentierte sie die Ablehnung von Liberalismus, Parlamentarismus und Demokratie, andererseits war sie ein Teil eines republikanischen Staatswesens, in dem allen gesellschaftlichen Strömungen die Teilhabe an der Regierung möglich war. 15 Während sich die Reichswehr einerseits für den Erhalt des deutschen Staates verantwortlich fühlte, definierte sie sich andererseits als Fremdkörper in einem solchen
11 Ritter, Gerhard: Der Schlieffen-Plan. Kritik eines Mythos, München 1956.
12 Förster, Jürgen: Das Verhältnis von Wehrmacht und Nationalsozialismus im Entscheidungsjahr 1933. S. 472.
13 Bracher, Karl Dietrich: Die Auflösung der Weimarer Republik. Eine Studie zum Problem des
Machtverfalls in der Demokratie, Villingen 4 1964, S.229ff., 296ff.
14 Graml, Hermann: Die Wehrmacht im Dritten Reich. S. 366.
15 Ders.: Deutschland zwischen Demokratie und Diktatur. Beiträge zur neueren Politik und Geschichte, Bern/München/Wien 1964, S. 83ff.
Arbeit zitieren:
MIR, MA Sebastian Plappert, 2005, Die Wehrmacht 1933-1939, München, GRIN Verlag GmbH
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