nimmt in den Diskussionen, wie anderswo auch, ein Sonderstellung ein, ist sein „Tractatus logico - philosophicus" zwar eine Offenbarung für die Versammlung um Schlick, doch der scheue Philosoph selber ist nur selten zu Gast und stößt bei ihnen durch sein merkwürdiges Verhalten teilweise auf Unverständnis.
2. Zum Streitpunkt:
Es soll eine rein formallogische, analytische, mit Hilfe der Mathematik betriebene, Wissenschaftsmethode gefunden werden. Sie soll zu einem axiomatischen System analytisch wahrer Sätze führen, die ausschließlich auf Grund empirischer Untersuchungen gewonnen werden. Doch schon hier, am Anfang, scheiden sich die Geister. Denn wenn auf Erfahrung aufgebaute Wissenschaft betrieben werden soll, dann muß man gewisse Sätze, die der Empirie nahestehen, isolieren können. Es geht also um das Problem der sogenannten Protokollsätze, oder, allgemeiner formuliert, um das Problem der Wahrheitstheorien, d.h. um die Form der Übereinstimmung von Empirie und Theorie. Mögliche Varianten der Wahrheitstheorien:
• Man kann diese als Tatsachenwahrheit oder Korrespondenztheorie bestimmen, wobei das Abbild und die Tatsache sich entsprechen, dieser Auffassung sind Moritz Schlick und Rudolf Carnap.
• Andererseits gibt es Wahrheit vielleicht nur als Richtigkeit innerhalb eines bestimmten Systems, in dem die verschiedenen Teile in Relation und Bestimmung zueinander stehen, d.h. als Satzwahrheit bzw. Kohärenztheorie, so sieht es der Wiener Otto Neurath und Karl Popper.
3. Zunächst eine Übersicht über den Text Otto Neuraths: „Protokollsätze" Am Beginn beschreibt er das gewünschte Fortschreiten zur wissenschaftlichen Sprache. Im Alltag wird die sogenannte „historische Trivialsprache" verwendet Sie enthält eine Menge unpräziser Termini, welche er Ballungen nennt. Reinigt man diese von den metaphysischen Bestandteilen, hat man die „physikalische Trivialsprache gewonnen. Als Krönung gilt die „physikalische hochwissenschaftliche Sprache". Sie ist von vornherein metaphysikfrei
2
angelegt, allerdings ist sie, bis jetzt wie er meint, nur für Teile von Wissenschaften vorhanden. Dabei geht er nicht so weit, von der Fiktion einer „idealen Sprache aus sauberen Atomsätzen" zureden, diese unterstellt er Carnap: „Es gibt kein Mittel, um endgültig gesicherte saubere Protokollsätze zum Ausgangspunkt der Wissenschaften zu machen. [...] Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einen Dock zu zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können." 1 Vielmehr muß eine Abhandlung, die das gesamte Gebiet der Einheitswissenschaft streift, einen „Slang" aus alltäglicher und wissenschaftlicher Sprache beherrschen, d.h. sie besteht, abgesehen von Tautologien (z.b. in der Mathematik) aus Protokollsätzen und Nichtprotokollsätzen. Eine streng wissenschaftliche Lehre muß außerdem, wenigstens in ihren Grundzügen, auch für den Laien verständlich sein, und dazu schreibt er mit einem Seitenhieb auf Zeitgenossen: „Einstein ist mit den Mitteln der Bantusprache irgendwie ausdrückbar, aber nicht Heidegger, es sei denn, das man an das Deutsche angepaßte Mißbräuche einführt" 2 . Was er jetzt im Einzelnen an des Norddeutschen bedeutsamen antimetaphysischen Ausführungen kritisiert, ist der Gedanke einer „ersten Sprache", auch Erlebnis- oder phänomenale Sprache genannt, derer man sich beim Aufstellen der Protokollsätze bedient. Diese wären ursprünglich und „bedürften keiner Bewährung", wie der Wiener Carnap zitiert, und könnten dadurch die Jugend, bei der Suche danach, verführen, wiederum metaphysische Dogmen zu postulieren. Alles muß der Verifikation zugänglich sein, so an erster Stelle das verifizierende Medium selbst: „Wenn man auch die Metaphysik nicht durch Argumente wesentlich zurückdrängen kann, so ist es doch um der Schwankenden willen wichtig, den Physikalismus in seiner radikalsten Fassung zu vertreten" 3 . Richtige Protokollsätze müssen deshalb auch den Namen einer Person (des Beobachters) beinhalten. Das ist schon deswegen notwendig, kommt man ja mitunter in die Lage, „Unwahrheiten" abtrennen zu müssen, oder „Wirklichkeitstermini" von „Halluzinations-„ oder „Traumtermini" zu scheiden.
1
Otto Neurath, Protokollsätze. In: Logischer Empirismus - der Wiener Kreis, ed. Hubert Schleichert,
München 1975, S. 72
2 ebd. S.71
3 ebd. S.73
3
Wichtiger noch, die Protokollsätze können sich im Laufe des Wissenserwerbs als falsch oder überflüssig herausstellen und müssen dann gestrichen oder abgeändert werden. Wie soll das ohne eine Bewährungsprobe möglich sein? Mit dieser vielleicht zu simplen Sicht der Ideen Carnaps, wie man vorwegnehmen kann, schreibt er also: „Nach Carnap könnte man nur Nichtprotokollsätze und Gesetze abzuändern gezwungen sein. Für uns kommt ebenso die Streichung von Protokollsätzen in Frage. Ein Satz wird dadurch definiert [!], daß er der Bewährung bedarf, also auch gestrichen werden darf" 4 .
Warum dieser angebliche Denkfehler entstanden ist, bemüht sich der Referent im nächsten Absatz darzustellen. Die keiner Bewährung bedürfenden Protokollsätze klingen ihm wie die „unmittelbaren Erlebnisse" der traditionellen Schulphilosophie. Solche „Atomerlebnisse" stünden jenseits aller Kritik, das daraus gewonnene Protokoll entstünde getrennt von seiner weiteren wissenschaftlichen Verarbeitung. Ferner würde dadurch in unangemessener Weise das eigene „Ich" herausgestellt, für ihn ein weiteres Zeichen von nicht abgelegtem, idealistischen Ballast: „Man kann im Universalslang ebensowenig vom eigenen Protokoll, wie von „jetzt" oder „hier" sinnvoll sprechen. Die Personennamen werden in der physikalischen Sprache eben durch Koordinaten und Zustandsgrößen ersetzt.[...] Es fällt die gesamte Problematik des „Eigenphysischen" und „Fremdphysischen" weg." 5 Zusammenfassend wird abschließend noch einmal das wesentlichste Ziel ausgedrückt: Es ist die Aufgabe,: „die so oft vernachlässigten „Querverbindungen" zwischen den Einheitswissenschaften zu schaffen, so daß man die Termini jeder Wissenschaft auf die Termini jeder anderen mühelos beziehen kann. Das Wort „Mensch", das mit „Aussagen machen" verbunden wird, ist ebenso zu definieren, wie das Wort „Mensch", das in Sätzen vorkommt, die Worte wie „Wirtschaftsordnung", „Produktion" enthalten." 6 Man kann annehmen, daß für Neurath die selbstverständliche Interpretation der Naturerscheinungen, wie sie von dem Philosophen Carnap rein in der Theorie gedacht worden war, als nicht zureichend erschienen sein mag. Wußte er als ehemaliger Naturwissenschaftler doch wahrscheinlich aus eigener leidvoller Erfahrung, wie schwierig es ist, aus anscheinend so einfachen Vorgängen, doch in Wirklichkeit aus meist nur ungenügendem, abstrakten Datenmaterial, richtige, intersubjektive Schlüsse zu ziehen.
5 ebd. S.77f
4
Arbeit zitieren:
Janus Zudnik, 1996, Protokollsatzdebatte zwischen Otto Neurath und Rudolf Carnap, München, GRIN Verlag GmbH
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