INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 3
2. FRANKFURT UND MEAD - EINE GEGENÜBERSTELLUNG 5
2.1. FRANKFURTS KONZEPT VON PERSONALITÄT 5
2.2. MEADS THEORIE DER IDENTITÄT. 9
2.2.1. Gesellschaft. 9
2.2.2. Gesten 10
2.2.3. Identität. 10
2.2.4. Ich und ICH 11
2.2.5. Moralische Verantwortung bei Mead 14
2.2.6. Handlungs- und Willensfreiheit bei Mead 14
2.3. MORALISCHE VERANTWORTUNG BEI FRANKFURT. 17
3. VERGLEICH VON FRANKFURT UND MEAD. 19
3.1. WÜNSCHE UND VERNUNFT 19
3.2. IDENTITÄT UND PERSÖNLICHKEIT. 20
3.3. PRÜFUNG AM BEISPIEL DER SÜCHTIGEN 20
4. DER MENSCH ALS NOTWENDIG VERANTWORTLICHEM
GESELLSCHAFTSWESEN 23
LITERATURNACHWEIS 27
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1. EINLEITUNG
Die Frage nach dem Wesen des Menschen ist im Laufe der Menschheitsgeschichte viele Male gestellt und beantwortet worden. Doch ebenso wie jedes Individuum aus intrinsischer Motivation für sich nach Antworten auf die Frage ‚Wer bin ich?’ suchen wird, ist es die fundamentale Aufgabe der Philosophie, gewisse Grundannahmen immer wieder neu zu diskutieren und ein allen Kulturen gemeinsames Fundament bereit zu stellen.
Die Frage nach dem Wesen des Menschen scheint fast von selbst die Frage nach dem handelnden Menschen oder sogar nach dem frei und verantwortungsvoll oder aus Gründen handelnden Menschen einzuschließen. 1 Wer oder was der Mensch ist soll sich demnach erschließen, wenn die Frage nach der Entstehung der Handlung oder der Handlungsabsicht geklärt ist, welche originäres Merkmal des Menschen im Gegensatz zum Tier ist.
Im letzten Jahrhundert haben sich neben vielen anderen Gelehrten und Wissenschaftlern der Sozialphilosoph George Herbert Mead und der Philosoph Harry Frankfurt mit der Frage nach dem Wesen des Menschen beschäftigt, wenn auch mit unterschiedlichem Akzent. Mead geht von der Entwicklung einer individuellen Identitätähnlich wie Taylor verwendet Mead im englischen Original den Begriff des „self“, aber mit differenter Implikation - in der Gesellschaft aus. Ohne den „verallgemeinerten Ande- 2 ,welcher den gesammelten moralischen Haltungen der anderen Gesellschafts- ren“
mitglieder entspricht, ist es dem Einzelnen nicht möglich, eine Identität, ein „self“ 3 zu entwickeln. Essentiell für das „self“ ist das »ICH« - im englischen „Me“-, welches durch die verinnerlichten Haltungen der anderen gebildet wird und mitbestimmend auf die
1 Für Charles Taylor ist der „Begriff eines Selbst“ („notion of a self“) unwillkürlich an den verant-wortlich Handelnden („responsible human agent“) gekoppelt. [Taylor, Was ist menschliches Handeln?, in: ders., Negative Freiheit, Frankfurt am Main 1992, S. 9-51, S. 9] Rüdiger Bittner fragt, „was für ein Wesen (…) ein aus Gründen Handelnder ist“, und impliziert damit eine gewisse Nähe zwischen dem Wesen des Menschen und dem des Handelnden, wenn auch qualitativ unterschieden. [Bittner, Aus Gründen Handelnde, in: ders., Aus Gründen handeln, Berlin 2005, S. 195-209, S. 195] 2 Mead, S. 196
3 Die Übersetzungen in der deutschen Ausgabe der von Mead verwendeten Termini „self“, „I“ und „me“ erfolgte aus technischen Gründen. Da es keinen Plural von „Selbst“ gibt, wurde „self“ mit Identität übersetzt; zudem besteht im Deutschen keine äquivalente Unterscheidung von „I“ und „me“, weshalb das erstere als »Ich«, das zweite als »ICH« dargeboten wird. [vgl. Nachbemerkung zur Übersetzung, Mead, S. 441f.]
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individuellen Handlungen einwirkt. Diese drücken sich spontan im »Ich« - im englischsprachigen Original „I “ - als Reaktion des Individuums auf die Haltungen anderer aus; bis zum konkreten Eintreten ist die individuelle Handlung im möglichen Ablauf offen.
Im Unterschied zu Mead entstehen nach Harry Frankfurt Handlungsabsichten in Form von Wünschen in Abhängigkeit von individuellen Bedürfnissen. In so genannten Wünschen zweiter Stufe zeigt sich das reflektierende Individuum, wenn es wünscht, bestimmte Wünsche erster Stufe haben zu wollen. Das Moment der Ver-antwortung wird sichtbar, wenn die Volitionen zweiter Stufe - gemeint sind Wünsche zweiter Stufe, welche an sich den Wunsch beinhalten, bestimmte Wünsche zu haben, die handlungswirksam werden sollen - zur Umsetzung gelangen, die Handlungen des Individuums in Einklang mit seinen Volitionen zweiter Stufe erfolgen. Absicht meiner Arbeit ist es nun, zunächst die beiden Konzepte von Mead und Frankfurt, die beide das Gebiet des Selbst zum Gegenstand ihrer Untersuchung machen, genauer zu betrachten und die Voraussetzungen für verantwortliches Handeln herauszuarbeiten. Basierend auf diesen Grundüberlegungen werde ich die Vereinbarkeit beider Konzepte untersuchen und abschließend eine integrierte Handlungstheorie vom notwendig verantwortlichen Menschen als Gesellschaftswesen zu entwickeln versuchen.
4
2. FRANKFURT UND MEAD - EINE GEGENÜBERSTELLUNG
Beiden vorliegenden Ansätzen gemeinsam ist die generelle Reflektionsfähigkeit des Menschen, über welche ein Konsens zu bestehen scheint. Unterschiede zeigen sich dagegen in der Entstehung und Bewertung von Handlungen. Nach Frankfurt kommt es zur Handlung, indem sich das Individuum bewusst und willentlich dafür entscheidet, einen Wunsch umzusetzen. Indem eine Person über seine Wünsche und Ziele reflektiert, bildet es Volitionen zweiter Stufe aus, welche handlungswirksam werden sollen und schließlich die individuelle Handlung darstellen. Frankfurt geht nicht auf den Willensbildungsprozess an sich ein und lässt offen, unter welcher Voraussetzung und Einfluss sich Wünsche bilden. 4 Der Willensbildungsprozess bei Mead schließt die Gesellschaft notwendig mit ein. Das »ICH« fungiert als Regulativ für das »Ich«, das im Augenblick der Handlungsausführung zwar in Abhängigkeit vom verallgemeinerten Anderen, aber dennoch spontan agiert.
Die allgemeinen Voraussetzungen zum Handeln sind in der eigenen Erfahrung gegeben. Aber wie man wirklich reagiert ist offen, bis die Reaktion abläuft. Im Geist entwickelt sich eine Idee; z.B. wird eine Reaktion vorab geistig durchdacht; dann wird auf die passende Situation gewartet, in der das Individuum reagieren kann. Ergibt sich die gewünschte Situation, wird die Reaktion ausgeführt, jedoch nicht exakt so wie zuvor geplant. Denn allein, dass die Reaktion vorbereitend gedacht wurde, verändert ihren Charakter in der Ausführung, wenn auch nur graduell. 5
2.1. Frankfurts Konzept von Personalität
In seinem Essay über „Willensfreiheit und der Begriff der Person“, auf den ich mich hier berufe, verfolgt Harry Frankfurt die „Aufgabe, zu verstehen, was wir selbst unserem 6 Er fragt nach den Bedingungen für Personalität und differenziert Wesen nach sind“.
zwischen den Begriffen der Person, soweit er sich auf Menschen bezieht, und des Menschen an sich, zwischen denen nicht immer eine konsistente Unterscheidung getroffen wurde. Für ihn im Vordergrund steht die Klärung, was der Mensch ist, was das Wesen des Menschen ist.
4 Harry Frankfurt, Willensfreiheit und der Begriff der Person, in: Peter Bieri (Hg.), Analytische Philosophie des Geistes, Königstein/Ts. 1981
5 George Herbert Mead, Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus, Frankfurt am Main 1968 6 Frankfurt, S. 287
5
Die Voraussetzungen zum bloßen Menschsein leiten sich aus artspezifischen biologischen Attributen ab, die den Menschen von anderen Tieren unterscheiden. Da er annimmt, dass „[k]ein Tier außer dem Menschen (…) die Fähigkeit zur reflektierenden Selbst- 7 scheint,ist jede Person ein Mensch. Um dagegen eine Person zu bewertung zu haben“
sein bedarf es weiterer Attribute, die sich erst in der Ontogenese entwickeln müssen bzw. auch später nicht in allen Erwachsenen zu finden sind. Der Unterschied zwischen Personen und Tieren, die keine Personen sind, findet sich in der Struktur des Willens. Auf der Ebene von bloßen Wünschen, eine bestimmte Handlung zu begehen oder in wie auch immer gearteter Weise einfach zu sein, die Frankfurt als ‚Wünsche erster Stufe’ bezeichnet, ist noch kein Unterschied auszumachen. Jedes Wesen hat Wünsche, die handlungswirksam werden sollen; manche wägen sogar zuvor rational zwischen mehreren Handlungsmöglichkeiten ab, welches ihre bevorzugten Wünsche in der jeweiligen Situation sind oder auf welche Weise ein Wunsch erfüllt werden kann. Kreaturen, die auf dieser Ebene agieren, bezeichnet er als Triebhafte („wantons“ 8 ), da sie, statt willentlich ein Ziel verfolgend über ihre Wünsche zu reflektieren, ihren bestehenden Wünschen nachgeben. Zu den Triebhaften zählt Frankfurt neben den nichtmenschlichen Tieren auch kleine Kinder, da sie noch nicht fähig sind, zu reflektieren.
Frankfurt nimmt daher eine Ebene der Selbstreflexion an. So verfüge der Mensch über die ihm eigentümliche „Fähigkeit zur reflektierenden Selbstbewertung“ 9 , und die habe die Bildung von Wünschen zweiter Stufe - im englischsprachigen Original „second-order desires“- zur Folge. Das bedeutet, Menschen können über Wünsche erster Stufedie noch nicht bestehen müssen - reflektieren und sich beispielsweise wünschen, bestimmte Wünsche zu haben. Auch ihnen fehlt wie den Triebhaften der ersten Stufe das notwendige Merkmal zum Personsein; ein Wesen auf dieser Stufe -vorausgesetzt es existierte - wäre ebenfalls noch keine Person, sondern ein „wanton“. Erst wenn der Wunsch zweiter Stufe auch den Willen beinhaltet, diesen Wunsch tatsächlich umzusetzen, also entsprechend des gewünschten Wunsches zu handeln, zeigt sich das signifikante Merkmal der Person, von Frankfurt als ‚Volitionen zweiter Stufe’bezeichnet. Das Individuum, das den Willen hat, einen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen, verfügt über die Voraussetzung der Personalität. Denn indem es sich bewusst entscheidet, einen Wunsch nicht nur zu haben, sondern auch umsetzen zu wollen und 7 Frankfurt, S. 288
8 Frankfurt, S. 292
9 Frankfurt, S. 288
6
dies als seine eigene Entscheidung betrachtet, zeigt es sich als Person in seiner Umwelt, in der Gesellschaft. 10
Frankfurts Absicht ist es nun aber nicht, die Menschen lediglich danach einzuteilen, ob sie Personen oder Triebhafte sind. Er will „die Attribute erfassen, die (…) Quelle all dessen sind, was wir in unserem Leben für das wichtigste wie auch für das am schwersten
11 Dazu zählt neben dem Willen zu handeln die Vernunft. Denn zu Verstehende halten“.
erst dank dieser könne sich die Person ihres eigenen Willens bewusst werden und Volitionen zweiter Stufe bilden. 12
An dieser Stelle versucht Frankfurt beispielhaft den Unterschied zwischen einem Triebhaften und einer Person anhand zweier Drogensüchtiger zu verdeutlichen. Der Süchtige wider Willen, der seine Sucht zu bekämpfen versucht, weist die Merkmale einer Person auf. Er hat zwei Wünsche erster Stufe, einerseits die Droge zu nehmen, andererseits sie nicht zu nehmen. Zugleich hat er die Volition zweiter Stufe, dass der Wunsch erster Stufe, die Droge nicht zu nehmen, handlungswirksam werde; durch eine rationale Betrachtung seiner Situation zieht er den Schluss, dass es ohne die Droge besser um ihn stünde. Doch seine Sucht ist stärker als sein Wille, so dass er doch wieder - entgegen seinem Willen - zur Droge greifen muss. Ansatzweise mit Mead gesprochen bildet sich seine Identität durch die Reflexion seiner Handlung und nicht durch seine Handlung selbst. Die Identität des Triebhaften dagegen kann nicht von seiner Handlung getrennt werden; für ihn ist es schlicht unerheblich, welcher Wunsch sich durchsetzt. 13
Es scheint eher bei dem Versuch einer Illustration zu bleiben. Die Triebhaftigkeit des ‚normal’ Süchtigen und seine mangelnde Willensbildung wird zwar durch Frankfurts Beispiel deutlich; sich dieses vorzustellen bedarf aber nur einer geringen Herausforderung. Anders sieht es mit dem Süchtigen wider Willen aus. Dass er trotzdem die Droge nimmt, zeigt nicht die Hilflosigkeit seines Willens gegenüber dem Zwang durch die Droge. Denn wenn sein Wille groß genug ist, kann er sich gegen die körperlichen Schmerzen, welche, unter rationalen Gesichtspunkten betrachtet, nach einiger Zeit des Entzugs wieder abnehmen, stemmen. Da er nicht erfolgreich ist zeigt das eher, dass sein Wille, die Droge zu nehmen statt sie nicht zu nehmen schließlich doch größer ist.
10 Frankfurt, S. 287f. 11 Frankfurt, S. 288
12 Frankfurt, S. 293
13 Frankfurt, S. 293f.
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Arbeit zitieren:
Kevin Francke, 2008, Die Voraussetzung zum verantwortungsvollen Handeln, München, GRIN Verlag GmbH
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