1. Einleitung
Die folgende Arbeit befasst sich im Zuge des Seminars „Kommunikationstheorie“ mit einer bestimmten Gesprächsgattung, nämlich den Kontakt- oder auch Heiratsanzeigen und untersucht diese auf bestimmte kommunikative Inhalte. Dabei wird zunächst geklärt, ob und inwiefern sich diese Textsorte überhaupt für eine solche Untersuchung eignet. Es wird die These aufgestellt, dass sie auch eine Form von Kommunikation sind, deren Hauptaugenmerk auf der Beziehungskonstitution liegt. Dieser Aspekt ist bei der Gesprächsanalyse, neben der Gesprächsorganisation, der Verständigungssicherung und der
Geltungsprüfung, ein zu untersuchender Teil und wird hier in den Vordergrund gerückt.
Danach erfolgt eine kurze Darstellung der Sprechakttheorie von John Searle, hier nach Pörings und Schmitz, anhand derer verschiedene Handlungen erläutert und im weiteren Verlauf in den Anzeigen gesucht und gegebenenfalls analysiert werden.
Des Weiteren wird die Emotionstheorie nach Charles E. Osgood, bekannt als das ‚semantische Differential’, und die Grundausrichtungen menschlicher Bedürfnisse nach Thomann vorgestellt.
In Folge werden verschiedene Beziehungsarten nach Haley erläutert und ein Einblick in die Theorien Bourdieus gegeben, der sich mit verschiedenen Arten von Kapital innerhalb einer Gesellschaft beschäftigt.
Am Ende folgt dann noch ein allgemeiner Blick auf die 50 auserwählten Anzeigen, auf ihre Form und ihren Inhalt, und es wird geschaut, ob sich die erwähnten Theorien zu ihrer Analyse eignen.
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2. Kontaktanzeigen zwischen den Zeilen gelesen
2.1. Warum sich Kontaktanzeigen für kommunikative Analysen eignen
Auf den ersten Blick scheinen Kontaktanzeigen mit Kommunikation nicht viel zu tun zu haben. Auf den zweiten aber ist zu erkennen, dass auch hier eine Art Dialog stattfindet. Jemand schreibt dort etwas über sich und versucht, bestimmte Personen anzusprechen. Der Verfasser gibt etwas über sich preis, zum Beispiel sein Alter, seinen Beruf oder seine Wünsche. Dieses wird dann vom Leser zur Kenntnis genommen und bei Interesse oder Neugierde meldet dieser sich dann beim Verfasser. Kontaktanzeigen sind also eine Art Aufforderung an den Leser, er möge auf das Geschriebene reagieren.
Daneben leben Kontaktanzeigen davon, dass der Inserent dort etwas über sich erzählt. Sie eignen sich also sehr gut für die Analyse diverser Selbstdarstellungen. Zudem wird vom Verfasser in der Regel noch berichtet, wie er/sie sich den potentiellen Traumpartner vorstellt, also ein Fall von Fremddarstellung. Da in der Kommunikationstheorie die so genannte Beziehungskonstitution eine wesentliche Rolle spielt, wird dieser in dieser Arbeit auch das Hauptaugenmerk zuteil werden. Es geht also darum zu überprüfen, wie eine Beziehung zwischen dem Verfasser und dem Rezipienten aufgebaut wird, mit welchen Mitteln geschieht dies.
2.2. Die Sprechakttheorie
Die Sprechakttheorie wird hier nach Pörings und Schmitz (1999) kurz wiedergegeben.
Sprechakte werden in drei übergeordnete Akte eingeteilt, nämlich die konstitutiven, die informativen und die obligativen. Zu den konstitutiven Akten gehören Expressiva wie danken, loben, grüßen, und Deklarativa wie taufen oder trauen. Informative Akte hingegen unterteilt man noch mal in Assertiva wie behaupten oder beschreiben und Informationsgesuche wie fragen. Obligative Akte
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sind Direktiva wie bitten, vorschlagen oder raten und Kommissiva wie versprechen oder anbieten.
Betrachtet man nun die allgemeine Form und den Inhalt von Kontaktanzeigen, ist vorweg anzunehmen, dass dort vorwiegend Assertiva zu finden sein werden, da eine Person sich beschreibt. Eventuell finden sich noch Informationsgesuche in Form von direkten Fragen an den Leser. Das wird anhand expliziter Beispiele zu bestimmen sein.
2.3. Emotionstheorie nach Charles E. Osgood
Wichtig für den Aufbau der Beziehungskonstitution zwischen Verfasser und Schreiber sind natürlich Emotionen, da Kontaktanzeigen davon geprägt sind. Das so genannte ‚Semantische Differenzial’ wurde von Charles E. Osgood (Osgood 1957, u.a. Seite 43) und anderen entwickelt, um quantitativ zu erörtern, wie Testpersonen auf bestimmte Wörter reagieren und wie sie auf sie wirken. Es findet somit eine Wertung dessen statt, was man sieht und liest. Das kann man auf Kontaktanzeigen übertragen, da auch diese eine bestimmte Wirkung auf den Leser haben.
Die möglichen Testpersonen bewerten das ihnen vorgelegte Wort auf einer bestimmten Skala, zum Beispiel „heiß-kalt“, so dass man einen Wert für ihr Gefühl bekommt.
Man hat drei Dimensionen: die Potenz, die Valenz und die Dynamik. Bei der Potenz hat man die Skala „stark-schwach“, bei der Valenz „angenehmunangenehm“ und bei der Dynamik „statisch-dynamisch“.
Das heißt, man kann nun diese Skalen auf die Wirkung von Kontaktanzeigen übertragen und schauen, was für ein Gefühl sie beim Rezipienten auslösen. In der Regel möchte der Verfasser ja von sich überzeugen und bei dem Leser möglichst angenehme Gefühle erwecken. Ob und wie das funktioniert, wird dann betrachtet.
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2.4. Die vier Grundstrebungen des Menschen nach Thomann
Christoph Thomann (Thomann 1988, Seiten 220ff.) hat ein Buch über Konflikte im Beruf geschrieben, in dem er ein Kapitel der Verschiedenheit der Menschen widmet. Zusammen mit Fritz Riemann hat er das so genannte ‚Riemann-Thomann-Modell’ entwickelt, welches vier verschiedene menschliche Grundausrichtungen beschreibt:
1) Nähestrebung, das heißt, es gibt Menschen, die Nähe, Bindung, Geborgenheit und menschliche Wärme suchen, diese laufen dabei aber Gefahr, ihre Selbstständigkeit zu verlieren, da sie nicht alleine sein können.
2) Distanzstrebung ist das genaue Gegenteil. Manche Menschen wollen lieber unabhängig sein, sich von anderen unterscheiden und suchen den Abstand zu anderen Menschen.
3) Dauerstrebung bedeutet, dass Menschen nach Zuverlässigkeit, Sicherheit, Ruhe und Verlässlichkeit streben. Sie sind prinzipientreu, können aber auch schnell langweilig werden und manchmal etwas zu kontrollierend.
4) Wechselstrebung, das bedeutet, dass Menschen das Abenteuer suchen. Sie brauchen Abwechslung und das Risiko. Solche Menschen sind unterhaltsam, aber auch chaotisch und unzuverlässig.
Diese Aspekte kann man ebenfalls gut auf Kontaktanzeigen übertragen, in dem man schaut, welcher Strebung der Verfasser am ehesten zugehört und was für einen Menschen er sucht.
2.5. Der Kapitalbegriff bei Bourdieu
Pierre Bourdieu (nach Häfer) unterscheidet in Anlehnung an die Theorien von Karl Marx vier Arten von Kapital. Er sieht dabei den sozialen Raum als gesellschaftliches Kräftefeld und geht davon aus, dass jeder Mensch danach strebt, sein Kapital zu vergrößern und zu vermehren.
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Es gibt also:
1) Ökonomisches Kapital: Darunter wird der Besitz von Ware verstanden, welche man wiederum in Geld eintauschen kann.
2) Kulturelles Kapital: Dieses ist zum Beispiel Bildung, die auch wiederum in Geld konvertierbar ist: Hat man eine gute Bildung, hat man in der Regel eine gut bezahlte Arbeit. Dieses Kapital kann zum Beispiel durch Titel kenntlich gemacht werden.
3) Soziales Kapital: Hierbei geht um die Beziehung zu anderen Personen. Kennt man wichtige oder einflussreiche Leute, steigt man in dem Ansehen der Leute und kann diese Bekanntschaften auch für seine eigenen Zwecke nutzen.
4) Symbolisches Kapital: Man kann sich selbst Prestige verleihen, in dem man eine besondere Sprache spricht oder einen bestimmten Kleidungsstil pflegt.
Auch hier kann man in Bezug auf Kontaktanzeigen schauen, welche Art von Kapital der Verfasser zu bieten hat und was dieser bei potentiellen Partnern sucht oder sogar erwartet.
2.6. Das Bindungsverhalten nach Haley
Jay Haley beschreibt zwei Möglichkeiten, wie eine Beziehung zwischen zwei Menschen aufgebaut sein kann. Sie ist entweder symmetrisch, dann haben beide Partner den gleichen Verhaltensspielraum und sind einander ebenbürtig, oder die Beziehung ist komplementär, dann wird „Verhalten ausgetauscht, das sich gegenseitig ergänzt oder zusammenpasst.“ (Haley 1978, Seite 23).
So kann man auch noch gucken, welche Art von Beziehung ein Verfasser von Kontaktanzeigen sich wünscht oder indirekt zum Ausdruck bringt.
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Arbeit zitieren:
Steffanie Bauer, 2009, Kontaktanzeigen zwischen den Zeilen gelesen, München, GRIN Verlag GmbH
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