Inhaltsverzeichnis
1. Die Niederlande im 15. Jahrhundert
2. Petrus Christus - ein bloßer Eklektiker?
3. Das Porträt bei Petrus Christus
4. Bildnis einer jungen Dame. Die Ikonographie
5.Vergleich mit zwei weiteren Frauenporträts
6. Versuch einer Benennung der Porträtierten
7. Die Datierung
8. Ein kleiner Exkurs zur Geschichte des Porträts
9. Literaturverzeichnis
Petrus Christus. Bildnis einer jungen Dame (um 1470)
1. Die Niederlande im 15. Jahrhundert
Die Zeit um die Mitte des 15. Jahrhunderts, in der Petrus Christus als Maler wirkte, war von der territorialen Expansion Burgunds durch Philipp den Guten (1396-1467) geprägt. 1 Der Herzog hatte schon seit längerem Auseinandersetzungen mit dem König von Frankreich, die erst mit dem Vertrag von Arras im Jahre 1435 beigelegt werden konnten. Philipp erhielt daraufhin die Ländereien Picardy, Porthieu und Bologne und wurde außerdem von seinen feudalen Pflichten gegenüber dem französischen Hof befreit, im Gegenzug musste er die Allianz mit England lösen. Aufgrund der Ausweitung seines Reiches wollte Philipp nun einen zentralen Regierungssitz einrichten, wodurch aber große Städte wie Gent und Brügge ihre Stellung gefährdet sahen und es sogleich zu Aufständen der Bürger in Brügge, Gent, Utrecht, Dinant und Liège kam, die von den dort herrschenden Grafen blutig niedergeschlagen wurden.
Die Bevölkerung in Brügge hatte außerdem noch mit weiteren Problemen zu kämpfen: sie stellten für Philipp den Guten Truppen und finanzielle Beihilfe zur Verfügung, um die Stadt Calais im Juni und Juli 1436 aus den Händen der Engländer zu befreien, was aber nicht gelang. Zu allem Übel kündigte der wichtigste Handelspartner der Stadt, die hanseatische Liga auch noch ihr Handelsabkommen mit der Stadt, weil in Sluis, dem Brügge am nahe liegendsten Hafen, einige Hanseaten auf den Verdacht hin, mit den Engländern kooperiert zu haben, ermordet worden waren. Das Fehlen der Hanseaten führte sofort zu Arbeitslosigkeit und infolge dessen zu weiteren Kämpfen Brügges gegen die umliegenden Städte, so dass Philipp schließlich am 22. Mai 1437 mit einer Armee anrücken musste, um die Stadt wieder zur Ordnung zu rufen. Dabei wurde er fast von den aufgebrachten Bürgern getötet und ein Getreuer des Herzogs, der Lord von L´ Ile-Adam Jean de Villers, der seinen Rückzug deckte, kam dabei ums Leben. Philipp belagerte daraufhin die Stadt, bis die Bürger im darauffolgenden Jahr schließlich kapitulieren mussten, auch wegen der kurz zuvor ausgebrochenen Pest, die einem Fünftel der Bevölkerung das Leben kostete. Am 11. Dezember 1440 vergab Philipp der Stadt offiziell, allerdings war dies mit einigen Auflagen verbunden: die Macht Brügges über die umliegenden Städte wurde eingeschränkt, ebenso die Privilegien der Gilden, hohe Bußgelder mussten gezahlt werden, außerdem hatten die Bürger einmal jährlich eine Seelenmesse für den verstorbenen Jean de Villers zu lesen. Nach dem erneuten Treueschwur der Brügger Bürger zu ihrem Herzog folgten 40 Jahre andauernden Friedens zwischen beiden Parteien. Auch die Wirtschaft erholte sich in der Zeit
1 Die folgenden historischen Hintergründe zum Leben und Wirken von Petrus Christus stammen aus Maryan W. Ainsworth/ Maximiliaan P. J. Martens,
Petrus Christus. Renaissance Master of Bruges,
New York, MoMA, 1995, S.3ff
zwischen 1440 und 1470 wieder soweit, dass viele auswärtige Künstler und Handwerker die Gelegenheit ergriffen und ihren Arbeitsplatz nach Brügge verlegten, so auch Petrus Christus, der sich innerhalb weniger Jahre zu einem der führenden Meister nach der van Eyck´ schen Blütezeit der frühniederländischen Kunst entwickelte. 2
2. Petrus Christus - ein bloßer Eklektiker?
Während Friedländer Christus´ Stil schon insofern herabsetzt, dass seiner Meinung nach “die Abhängigkeit von Jan van Eyck (...) fast schon Parasitentum” sei, hält Ursula Panhans-Bühler das Können des Malers für weithin unterschätzt. 3 Erst Otto Pächt wertete dessen Bedeutung für die Kunstgeschichte in einer Studie im Jahre 1926 auf, indem er den optisch originellen Formaufbau und das Interesse an einer rundplastischen Formvorstellung in den Werken von Christus herausstrich. 4 Allerdings zeigt auch Friedländer anhand des Beispiels der sogenannten “Exeter-Madonna“, wie groß die Gefahr eines Irrtums bei der Zuschreibung eines Gemäldes und damit einer Abwertung sein kann: diese wurde erst “als Werk Jan van Eycks begrüßt”, bis man schließlich dessen Schüler Petrus Christus als den wahren Urheber und somit erst danach die Schwächen der Tafel erkannt hatte. 5
Natürlich ist gerade bei der “Exeter-Madonna” das Zitieren Eyck´ scher Motive besonders deutlich zu sehen und Christus hat ja wahrscheinlich vor 1442 auch einige Jahre in van Eycks Werkstatt gearbeitet, so dass man genauer hinschauen muss, um die eigenen Ideen und malerischen Mittel von Petrus Christus herauszufiltern. 6 Aber es gibt sie, denn gerade bei der Positionierung der Figur im Innenraum und der Reflexion des Lichtes auf der Haut beschreitet Christus neue Wege, er hat auch keine Scheu vor der leeren Fläche. 7
In den Jahren 1446 bis 1457 kann man seine Entwicklung anhand sicher datierter Werke gut nachvollziehen, ansonsten gibt es nur wenige Quellen über sein Schaffen. Zu Christus´ größten Werken gehören die “Wurzel Jesse”, die er gemeinsam mit Pieter de Nachtegale für die Jahresprozession der Saint-Sang-Gemeinde schuf, drei verschollene Kopien der sogenannten “Cambrai-Madonna”, die für den Grafen d´ Etampes aus Rom in die Kathedrale von Cambrai geholt wurde und vom hl. Lukas selbst gemalt worden sein soll sowie das “Porträt eines Kartäusermönchs“ (Abb.1), dass laut Friedländer “am ehesten im van Eyck´ schen Stil
2 Ainsworth 1995, S.4
3 Max J. Friedländer, Von van Eyck bis Bruegel, Frankfurt am Main, 1986, S.36
4 Ursula Panhans-Bühler, Eklektizismus und Originalität im Werk des Petrus Christus, Wien 1978, in: Wiener kunstgeschichtliche Forschungen (hrsg. Kunsthistorisches Institut der Universität Wien), S.9 Hier auch der Verweis auf Otto Pächts Bewertung von Christus´ Kunstschaffen.
5 Panhans-Bühler, 1978, S.9
6 Max J. Friedländer, Altniederländische Malerei, Band I, Leiden 1924
7 Panhans-Bühler, 1978, S.9
Arbeit zitieren:
M.A. Isabelle Schütz, 2007, Petrus Christus - Bildnis einer jungen Dame, München, GRIN Verlag GmbH
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