1 Einleitung
In dieser Hausarbeit möchte ich den aktuellen Umgang mit Heterogenität in der Schule betrachten und dabei speziell die Entwicklung an Gesamtschulen in den Blick nehmen. Zuerst gehe ich kurz auf die Definitionen der zentralen Begriffe dieser Arbeit, die Gesamtschule und Heterogenität, ein und gebe dann einen historischen Abriss, wobei ich mich einerseits auf die Ausführungen Manfred Bönschs in „Gesamtschule“ beziehe und auf das bekannte Werk Annedore Prengels, „Pädagogik der Vielfalt“ 1993 verfasst. Im dritten Kapitel versuche ich an Hand verschiedener wissenschaftlicher Berichte und Stellungnahmen die aktuelle Situation zu skizzieren und stelle dabei eine, im letzten Jahr durchgeführte, Studie an vier Gesamtschulen in den Mittelpunkt. Die Ergebnisse zeigen auf, dass es Möglichkeiten gibt, die zu einem differenzierten Unterrichtskonzept führen können, wenn man auf aktuelle Forschungsergebnisse reagiert. Genau das ist der Ansatzpunkt zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der dargestellten Situation. Es wird durch Studien belegt, dass das gegliederte Schulsystem veraltet ist, jedoch hält man trotzdem daran fest. Also werde ich im vierten Kapitel versuchen, die Perspektive einer „Schule für alle“ zu formulieren, wobei ich Forderungen an das aktuelle Schulsystem und dabei insbesondere an die Gesamtschule stelle und mögliche Strategien zum Umgang mit Heterogenität in der Schule beschreibe. Dabei soll es um die Anerkennung von Heterogenität in Schulen gehen, wie man sie nutzen kann, was die Voraussetzungen sind und welche Konsequenzen daraus für das bestehende Schulsystem entstehen.
Ich beziehe mich in den Kapiteln drei und vier im Wesentlichen auf verschiedene Ausführungen von Kathrin Bräu und ziehe aktuelle Stellungnahmen, wie zum Beispiel die elf Vorschläge der Bildungskommission zur Förderung von Menschen in ihrer Vielfalt, hinzu.
Das Ziel meiner Arbeit ist es, die in der Überschrift formulierte Frage „Die Gesamtschule - eine geeignete Institution zum Umgang mit Heterogenität?“ zu beantworten, indem ich den Mangel an Heterogenität in der aktuellen Schulsituation herausarbeite und davon ausgehend ein mögliches Modell einer gemeinsamen Schule, der Gesamtschule, beschreibe, zu dem ich abschließend in einem kurzen Ausblick auch Stellung nehmen werde.
2 Definition und historischer Hintergrund
Was ist eine Gesamtschule? Die Entwicklung und auch die genaue Definition der Gesamtschule gehen in der Geschichte etwas auseinander. Das Konzept ist zwar eindeutig formuliert, jedoch weicht die Umsetzung an den meisten bestehenden Gesamtschulen teilweise davon ab. Daher wird in diesem Kapitel eine Definitionen gegeben und der historische Hintergrund der Gesamtschule in Deutschland kurz dargestellt. Ein wichtiger Aspekt an Gesamtschulen ist die Heterogenität. Da der Begriff sich natürlich nicht nur auf die Bildung bezieht, sondern in fast jedem
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wissenschaftlichen oder auch alltäglichen Zusammenhang eine wesentliche Rolle spielt, wird in diesem Kapitel die Bedeutung dieses Begriffes gezielt in Bezug auf Bildung, Schule und Unterricht dargestellt. Zunächst wird dazu eine allgemeine, lexikalische Definition gegeben, von der ausgehend dann die spezifische Bedeutung kurz erläutert und im historischen Zusammenhang betrachtet wird.
2.1 Der Begriff „Gesamtschule“
Die Gesamtschule ist „eine Schulform des Sekundarbereichs I, in der die verschiedenen Bildungsgänge der Haupt- und Realschule sowie des Gymnasiums zusammengefasst werden.“ 1 Dabei gibt es zwei verschiedene Konzepte, wie dieser Zusammenschluss aussehen kann. Zum einen wird an einer kooperativen Gesamtschule weiterhin in den herkömmlichen Schularten unterrichtet, die sich aber in den meisten Fällen in einem Schulkomplex befinden und in einzelnen Fächern kooperieren. Die andere Form ist die integrierte Gesamtschule, bei der alle Schüler gemeinsam unterrichtet werden und innerhalb der Schule, in bestimmten Fächern eine Leistungsdifferenzierung statt findet. Dieses System wird auf den folgenden Seiten näher betrachtet.
2.2 Ein historischer Überblick ihrer Entstehung
Die Geschichte der Gesamtschule beginnt nicht erst im 20. Jahrhundert, sondern schon Mitte des 17. Jahrhunderts mit dem ersten großen Pädagogen Johann Amos Comenius. Zu dieser Zeit spricht er zwar noch nicht von einer Gesamtschule, aber entwickelt „einen Plan für eine einheitliche Organisation der Schule“. 2 Der Gedanke einer Einheitsschule entsteht bei Comenius aus dem Gleichheitsgedanken vor Gott, wonach der „Schule und den Lehrern aufgegeben [ist], allen Menschen das Ganze zu eröffnen. 3 Im 18. Jahrhundert spielt die gesellschaftliche Pflicht eine größere Rolle, bei dem Versuch eine Schule für alle zu entwickeln, mit einem Schulsystem, das von der Primarschule über die Sekundarschule bis hin zum Gymnasium kostenfrei von jedem besucht werden soll. Einen nächsten entscheidenden Schritt in der Entwicklung macht Humboldt in seiner Reform des Unterrichtswesens zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Er wird teilweise als einer der Urväter der Gesamtschule bezeichnet, was allerdings nicht ganz korrekt ist. Denn 1819 ist es vor allem Süverns Verdienst, dass die erste Gesamtschule, nämlich die Grundschule eingeführt wird. In den Ausführungen von Heinrich Schulz im frühen 20. Jahrhundert taucht zum ersten Mal eine Gliederung der Mittelschule in zwei Abteilungen auf, die einerseits auf das Berufsleben und andererseits auf ein Studium vorbereiten sollen. Es folgen in den nächsten Jahren weitere Gliederungen nach Befähigung, wobei allerdings immer der
1 http://lexikon.meyers.de/meyers/Gesamtschule, 14.02.2008
2 Bönsch, Manfred (2006): Gesamtschule: die Schule der Zukunft mit historischem Hintergrund, Schneider Verlag, Hohengehren, S.73
3 ebd.
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verlustfreie Wechsel zwischen den einzelnen Stufen betont wird. Es werden verschiedene Projekte gestartet, die den Gesamtschulgedanken in den Vordergrund stellen, an dieser Stelle aber nicht weiter erläutert werden können, da das den Rahmen dieser Arbeit übersteigen würde. Vielmehr soll die Entwicklung der letzten 60 Jahre, also beginnend mit dem Neuanfang nach Ende des zweiten Weltkriegs hier etwas detaillierter betrachtet werden. In dieser Zeit wurde der Gesamtschulgedanke wieder aufgenommen, da „während der nationalsozialistischen Zeit [...] viele Entwicklungen schleichend oder auch brutal“ 4 abbrechen. In den Folgejahren bemüht man sich um einen neuen Einheitsschulgedanken. Es ensteht das dreigliedrige Schulsystem, das dann, in den Aufbruchsjahren der 60er, aber neu organisiert werden soll. 1965 wird der deutsche Bildungsrat gegründet und empfiehlt „integrierte und differenzierte Gesamtschulen in ländlichen Gebieten und Städten einzurichten.“ 5 Die Forschung soll diese Schulversuche, mit detailliert festgelegten Charakteristika für Mittel- und Oberstufen, begleiten. Die bisherige äußere Differenzierung soll nun in der Mittelstufe an geeigneter Stelle durch fachspezifische Leistungsdifferenzierung ersetzt werden. An Stelle der Jahrgangsstufen sollen Kurssysteme stehen, so dass die gesamte Oberstufe eine Einheit bildet. „Eine wissenschaftliche Schule für alle, die Individualisierung des Lernens, eine bessere Förderung, größere Chancengleichheit und gemeinsame soziale Erfahrungen wurden als die zentralen Aufgabenbereiche benannt.“ 6 Auf der Grundlage dieser Forderungen wird der Strukturplan 1970 verfasst. Das Bildungswesen soll in Stufen aufgebaut werden und eine sozial bedingte schulische Auslese soll einem intensiveren und individuellerem Lernen weichen. Dieser Plan scheitert allerdings an dem alten Schulartengedanken und entfacht in den 70er Jahren eine Reihe von Diskussionen über Vor- und Nachteile der Gesamtschule, die bis heute andauern. An diesen vielen Schritten, aber auch Rückschritten wird deutlich, dass diese Schulform trotz ihrer langen Historie immer noch ein kontroverses Thema ist, was in den Ausführungen in den Kapiteln drei und vier etwas genauer betrachtet werden soll.
2.3 Was bedeutet Heterogenität?
„Heterogenität bezeichnet die Uneinheitlichkeit der Elemente einer Menge
hinsichtlich eines oder mehrerer Merkmale“ 7 . Es geht um Phänomene, die untereinander verschieden sind, ohne sich untergeordnet zu sein. In Bezug auf die Pädagogik bedeutet der Begriff Heterogenität: Die
unterschiedlichen Voraussetzungen der Lernenden in einer Gruppe. Diese Unterschiede werden an Hand verschiedener Merkmale definiert. Dabei geht es im Wesentlichen um die Kultur, das Alter, das Geschlecht und die kognitive, emotionale und psychische Leistungsfähigkeit.
4 ebd. S.87
5 ebd. S. 97
6 ebd.
7 Dudenredaktion (1991): Der kleine Duden Fremdwörterbuch (3. Auflage), Mannheim
3
2.4 Die historische Bedeutung von Gleichheit und Heterogenität
In der Vergangenheit gab es zahlreiche Bewegungen, aus denen die heutigen Entwicklungen resultieren. Allerdings ist es nicht möglich, in dieser Arbeit den kompletten historischen Hintergrund von der Antike bis heute darzustellen. Daher beschränken sich die Ausführungen auf die Erläuterung des „übermächtigen Hauptstrom[s] der Einfügung und Verschmelzung des Vielfältigen mit hierarchischen Stufen und Rängen in monistische[n] Ordnungssysteme[n].“ 8 In der politischen Geschichte waren und sind Gleichheit und Heterogenität zentrale Begriffe. Jeder Mensch, der einer unteren sozialen Schicht angehört oder eine Behinderung hat, wird von Bildungsprivilegien oder Macht ausgeschlossen. Daraus resultiert, dass Verschiedenheit der Menschen auch immer gleich hierarchische Zuordnung
bedeutet und somit nur diejenigen, die sich gleichen, dem gleichen Stand angehören können 9 . Es gab allerdings auch regelmäßig schon in der Vergangenheit Bewegungen, die sich gegen diese demokratische Tradition, bei der eine eingeschränkte Gleichheit überwiegt, stellten. Vor allem im 20. Jahrhundert wurden Theorien der Vielfalt und neue pädagogische Bewegungen laut. An dieser Stelle sollen drei wichtige Phasen genannt werden, die das Verhältnis von Gleichheit und Heterogenität geprägt haben und die Grundlage der heutigen Bewegungen bilden. Erstens die Entstehung eines differenzierten und ausschließenden Schulsystems in der Nachkriegszeit. In dieser Zeit entstand das dreigliedrige Schulsystem, bei dem der Schulbesuch und der darauf folgende Abschluss von der Zugehörigkeit einer Schicht abhingen. Weitere Separierungen waren die Trennung von Jungen und Mädchen in manchen Bundesländern oder die Einteilung nach der Konfession. Damit folgte man dem Wunsch in jeder Einrichtung homogene Gruppen zu bilden. In den sechziger und siebziger Jahren folgte dann die Bildungsreform mit dem Postulat der Chancengleichheit. Zentraler Punkt war, die höheren Bildungsgänge auch für Arbeiterkinder zugänglich zu machen und somit die Hierarchien der Gesellschaft zu durchbrechen. Praktisch spiegelte sich das so wieder: Die Gesamtschule wurde als weitere weiterführende Schule neben dem dreigliedrigen Schulsystem eingeführt, die vor allem von Arbeiterkindern genutzt wurde. Außerdem wurde die Benachteiligung von Mädchen oder katholischen Kindern auf ein geringes Maß reduziert, so dass der breiten Masse eine einheitliche Chance auf Bildung gewährt wurde. In den achtziger Jahren folgte dann die Forderung einer Gesamtschule für alle. Globale Ziele waren dabei einerseits Chancengleichheit für alle und andererseits eine Förderung des Einzelnen gemäß Neigung und Fähigkeit 10 . Alle Kinder sollten die gleichen Möglichkeiten bekommen, unabhängig von Geschlecht, Rasse oder Religion. Um die einzelnen Potentiale zu nutzen, wurden Fördermaßnahmen für Benachteiligte als Ziel gesetzt, so dass nicht die Herkunft, sondern die genetische Veranlagung über die Bildung entscheiden sollte.
8 Prengel, Annedore (2006): Pädagogik der Vielfalt (3. Auflage), VS Verlag für Sozialwissenschaften/ GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden, S. 47.
9 Vgl. ebd., S.34.
10 Vgl. Ebd., S 22.
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Arbeit zitieren:
Inga Schmale, 2008, Die Gesamtschule – eine geeignete Institution zum Umgang mit Heterogenität?, München, GRIN Verlag GmbH
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