Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Intertextualitätsbezüge, sprachliche und stilistische Gemeinsamkeiten 3
2.1 Beispiele der Adaption von Text und Stil bei Schneider 3
2.2 Die Büchner-Zitate im Fokus der (Literatur-)Kritik 6
3 Die psychologische Ausdeutung 7
3.1 Das Krankheitsbild der Schizophrenie 7
3.2 Die psychoanalytische Interpretation 9
4 Lenz als politisch-gesellschaftliches Phänomen 12
4.1 Vorüberlegungen 12
4.2 Der Dichter J.M.R. Lenz als tragische Übergangsfigur in einer Zeit
gesellschaftlicher Transition 12
4.3 Die politisch-gesellschaftliche Bedeutung der Figur Lenz für Georg
B üchner 14
4.4 Die politisch-gesellschaftliche Bedeutung der Figur Lenz für Peter
Schneider 15
5 Lenz als literarische Verarbeitung der Studentenbewegung 16
5.1 Vorüberlegungen 16
5.2 Die „neue Subjektivität“: Lenz als Identifikationsangebot an die Leser 18
6 Fazit 20
7 Literaturverzeichnis 22
7.1 Quellen 22
7.2 Darstellungen 22
1 Einleitung
In der vorliegenden Arbeit soll die Frage untersucht werden, inwieweit der durch Titel, Klappentext und Zitate suggerierte Zusammenhang der Erzählung Lenz von Peter Schneider mit der gleichnamigen Büchnerschen Novelle hergestellt werden kann. Im gegebenen Rahmen ist es hierbei aber nicht möglich, grundlegend neue Erkenntnisse vorzubringen. Vielmehr soll ein Überblick über die verschiedenen von der Forschung erarbeiteten Zugänge gegeben werden. Im Fokus der Betrachtung werden diesbezüglich zunächst die Erzeugung von Intertextualität, sowie sprachliche und stilistische Gemeinsamkeiten stehen, bevor dann auf einer weiteren Ebene die psychologische Disposition der jeweiligen Hauptfigur dargestellt wird, wobei hier auch eine Deutung der beiden Erzählungen aus psychoanalytischer Sicht betrachtet wird.
Schließlich soll drittens noch die in beiden Werken angesprochene gesellschaftlich-politische Ebene - hier ausgehend von der historischen Person des Dichters J.M.R Lenz, in ihrer doppelten literarischen Spiegelung durch Büchner und Schneider - auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin untersucht werden. Abschließend wird die Erzählung Lenz in mentalitätsgeschichtlichem Zusammenhang als literarische Verarbeitung der Studentenbewegung und unter dem Schlagwort der ‚neuen Subjektivität’ einer näheren Betrachtung unterzogen, bevor ein (vorläufiges) Fazit in Bezug auf die zugrundeliegende Fragestellung gezogen wird.
Wie oben schon erwähnt, kann die vorliegende Arbeit nur einen groben Überblick zu diesem Thema geben. Die vorgenommene Auswahl der verschiedenen Zugänge soll einen möglichst umfassenden Einblick in die Lenz-Forschung liefern. Vor allem im Hinblick auf die Rezeption von Schneiders Erzählung durch die Studenten der 68er Bewegung lassen sich zahlreiche Rezensionen und Aufsätze finden, die allerdings aus Gründen der Ausgewogenheit der verschiedenen interpreta-torischen Zugänge nicht mit in diese Arbeit eingeflossen sind. Deshalb kann und soll im gegebenen Rahmen kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Die Auswahl ist lediglich als repräsentativer Ausschnitt zu betrachten.
2
2 Intertextualitätsbezüge, sprachliche und stilistische Gemeinsamkeiten
2.1 Beispiele der Adaption von Text und Stil bei Schneider
Die wohl augenfälligsten Hinweise auf die intendierte Verwandtschaft mit Büchners Erzählung finden sich neben Titel und Umschlagtext der Erstausgabe 1 in sprachlichen und stilistischen Adaptionen von Büchners Text, die Schneider vorgenommen hat, sowie in der Herstellung von intertextuellen Bezügen durch direktes Zitieren aus der büchnerschen Vorlage. So stellt er dem Beginn seiner Erzählung plakativ das Zitat einer zentralen Stelle aus Büchners Lenz voran:
Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts, Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte. - Georg Büchner, Lenz 2
Goltschnigg sieht in diesem Zitat einen „Appell an den literarisch gebildeten Leser“ 3 , ihm solle signalisiert werden, dass der Schneidersche Lenz sich in derselben Situation wie die Büchnersche Figur befinde und die Rezeption deshalb in einem fortwährenden Vergleich mit Büchners Erzählung zu geschehen habe. 4 Auch Menke sieht in diesem Zitat eine erste Andeutung Schneiders auf die Befindlichkeit des Helden, der aus der Normalität seines linken Alltags herausgefallen sei. 5 Das vorangestellte Zitat gewinnt so also quasi eine Motto-Funktion, indem Schneider eine bewusste programmatische Anknüpfung an die Büchnersche Erzählung vornimmt. Diese direkte Bezugnahme auf Büchners Lenz durchzieht die gesamte Erzählung Schneiders. Im Folgenden sollen einige weitere Beispiele herausgestellt werden.
Im Verlauf der Erzählung streut Schneider immer wieder direkte Zitate aus Büchners Text ein. Diese bewusste Erzeugung von Intertextualität dient häufig der Beschreibung der Befindlichkeit des Protagonisten, wie folgendes Beispiel verdeutlicht:
1 Schneider: Lenz. Die 1973 im Rotbuch Verlag (Berlin) erschienene Erstausgabe nimmt im Umschlagtext direkten Bezug auf Büchners Lenz, indem Sie von einer „Neuerzählung der Büchnerschen Novelle“ spricht. Dieser Text findet sich auf der aktuellen Ausgabe des Kiepenheuer & Witsch Verlags (Köln) - die auch für die vorliegende Arbeit verwendet wurde - nicht mehr.
2 Schneider: Lenz, S. 7.
3 Goltschnigg: Rezeptions- und Wirkungsgeschichte Büchners, S. 273. 4 Vgl. ebd.
5 Vgl. Menke: Lenz-Erzählungen, S. 112.
3
Es wurde ihm entsetzlich einsam, er war allein, er wollte mit sich sprechen, er konnte nicht, er wagte kaum zu atmen. 6
Der nahezu identische Wortlaut findet sich bei Georg Büchner:
es wurde ihm entsetzlich einsam, er war allein, ganz allein, er wollte mit sich sprechen, aber er konnte, er wagte kaum zu atmen 7
Ein weiteres Zitat lässt sich in Bezug auf die Beschreibung der Natur, die Lenz im italienischen Trento vorfindet, ausmachen:
Lenz sah nur Punkte, Gerippe von Hütten verstreut auf den Hügeln, durch schmale gewundene Wege miteinander verbunden. 8
Bei Büchner liest sich die zitierte Stelle, die dort auf die Landschaft in den Vogesen bezogen ist, folgendermaßen:
Auch erschienen Punkte, Gerippe von Hütten, Bretter mit Stroh gedeckt, von schwarzer und ernster Farbe. 9
Auch in Bezug auf Zeitangaben im Text lassen sich Ähnlichkeiten zwischen den beiden Lenz Erzählungen feststellen. Bei Büchner findet sich lediglich zu Beginn die Angabe eines Datums: Der 20. Januar. Schneider verwendet ebenfalls kaum exakte Zeitangaben. Oft beginnen bei ihm Textabschnitte mit Temporalkonstruktionen wie beispielsweise „An einem anderen Tag“ 10 . Menke erklärt den bewussten Verzicht auf konkrete Zeitangaben bei Büchner und Schneider wie folgt:
Durch eine solche lose Handhabung der Dimension Zeit verliert die äußerliche, objektive Zeit viel von ihrer Bedeutung. Im Verhältnis zur inneren, subjektiven Zeit des Protagonisten kommt der äußerlichen […] nur untergeordnete Bedeutung zu. Zum Ausdruck gebracht wird so die relative Unwichtigkeit des äußeren Geschehens im Vergleich zur aufgewühlten psychischen Verfassung des Helden. […] Die objektiven Zeitangaben sind so angelegt, dass sie praktisch auswechselbar sind, ohne dass die Erzählung dadurch inhaltlich beeinträchtigt würde. Wie bei Büchner so weist auch die Handhabung der Zeit bei Schneider auf ihre Monotonie und potentielle Leere hin und verstärkt damit die Problematik des Innenlebens des Helden. 11
An einem für beide Erzählungen zentralen Punkt, legt Schneider die Worte der Figur Kaufmann aus der Büchnerschen Novelle einer eigenen Figur — B. — in den Mund:
6 Schneider: Lenz, S. 22.
7 Büchner: Lenz, S. 6.
8 Schneider: Lenz, S. 99.
9 Büchner: Lenz, S. 8. 10 Schneider: Lenz, S. 29.
11 Menke: Lenz-Erzählungen, S. 112.
4
B. setzte ihm zu, er habe mit Freunden aus seiner Gruppe gesprochen, sie seien über Lenz’ Unzuverlässigkeit verärgert, er verschleudere sein Leben, er solle sich ein Ziel stecken und dergleichen mehr. 12
Dieselbe Stelle bei Büchner:
Kaufmann sagte ihm, wie er sein Leben hier verschleudre, unnütz verliere, er solle sich ein Ziel stecken und dergleichen mehr. 13
An diesem Punkt wird jedoch schon eine erste grundlegende Differenz der beiden Erzählungen sichtbar. Während das Gespräch mit Kaufmann zur Folge hat, dass der Büchnersche Lenz vollends in den Wahnsinn abgleitet, aus dem es kein Entrinnen und keine Heilung gibt, ist es für Schneiders Helden der ausschlaggebende Punkt für die zur Genesung führende Flucht nach Italien. In Schneiders Text lassen sich noch zahlreiche weitere Übernahmen von Büchnerschen Worten und Sätzen ausmachen, auf die hier leider nicht weiter eingegangen werden kann.
Goltschnigg sieht, über die direkten Zitate hinausgehend, eine starke Anpassung Schneiders an die Erzähltechnik Büchners, „in Wortwahl, Syntax, Tonmelodie, Rhythmus und auktorialer Erzählsituation mit ihrem gleitenden Wechsel von Außen- und Innenperspektive.“ 14 Diesen gleitenden Übergang „von der Außen- in die Innenperspektive, der sich immer in einem Satzgebilde mit ähnlicher hypotaktischer Struktur vollzieht“ 15 sieht Goltschnigg ebenso als auffällige Gemeinsamkeit, wie auch die Verwendung des Wortes ‚es’ zur Einleitung eines Satzmusters, welches „die verfremdete Beziehung des neurotischen Individuums zur Außenwelt wiedergibt“ 16 . Als weitere stilistische Gemeinsamkeit nennt er das „demonstrative Wörtchen ‚so’ (‚so still’, ‚so kalt’, ‚so steinern’).“ 17 Dieses Wort offenbare das Unvermögen der Hauptfigur, so Goltschnigg, das Wahrgenommene begrifflich zu fixieren, die verfremdeten Eindrücke können nicht mehr vergleichsweise umschrieben, sondern nur noch absolut evoziert werden. 18 Dies kann als weiterer Hinweis auf das weiter oben schon erwähnte ‚Herausfallen’ des Protagonisten aus der Normalität verstanden werden.
12 Schneider: Lenz, S. 61.
13 Büchner: Lenz, S. 16.
14 Goltschnigg: Rezeptions- und Wirkungsgeschichte Büchners, S. 274. 15 Ebd., S. 276.
16 Ebd. Als Beispiel nennt Goltschnigg hier: „Es war ihm, als ginge ihm etwas nach…“ 17 Ebd. 18 Vgl. ebd.
5
Arbeit zitieren:
Christian Honeck, 2009, Georg Büchner - Lenz - Peter Schneider, München, GRIN Verlag GmbH
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