Inhalt
Einleitung 3
I. Abschnitt: 1945-1949 6
II. Abschnitt: Betrachtungen zur DDR 7
III. Abschnitt: Erinnerungskultur der BRD bis 1990 9
1. Das deutsche Gedächtnis 1945 bis zum Ende der 1950er Jahre 9
2. Versuche der Aufarbeitung der Geschehnisse 1958-1968 in Justiz
und Literatur 12
3. Studentischer Aufbruch 1968 13
4. Holocaust (1979) 14
5. 1980er und 1990er Jahre 16
6. Historikerstreit 17
IV. Abschnitt: Einblicke in die Kultur der Erinnerung um Auschwitz heute 18
V. Abschnitt: Exkurs - Auschwitz im Blickfeld der Geschichtsforschung 19
Fazit und Ausblick 21
Bibliographie 25
Abk ürzungsverzeichnis 28
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Eine mögliche Definition und Behandlung von Auschwitz als Erinnerungsort stellt für die Forschung in mehrfacher Hinsicht ein Problem dar: widmet sich die Geschichtswissenschaft dem Vernichtungslager Auschwitz als konkreten Ort, so kann sie es nicht vermeiden, die gedankliche Verbindung zu Auschwitz als Tat (Verbrechen) der Nationalsozialisten, bzw. als Tat der Deutschen, herzustellen. Die Behandlung von Auschwitz als Stätte der Erinnerung hingegen impliziert bereits bekannte Fakten wie die industrielle Vernichtung von über einer Million Menschen, wobei die Vernichtung der Juden in heutigen Nachschlagewerken insbesondere hervorgehoben wird.
Das Konzentrationslager Auschwitz wiederum als Tat der Nationalsozialisten hervorzuheben, lässt einen weiträumigen Horizont der Betrachtung zu: Auschwitz symbolisiert hierbei den gesamten Vernichtungsapparat des Dritten Reiches unter dem Führer Adolf Hitler. In diese gerade allegorische Sichtweise inbegriffen sind damit auch alle anderen Konzentrations- und Vernichtungslager der Deutschen sowie die seit Mitte der 1930er organisierte Hetze gegen Minderheiten wie Polen und Juden. Symbol der Politik der Verfolgung und industriellen Ausrottung stellt aufgrund der hohen Zahl der Opfer eben dieses Lager Auschwitz dar. Ähnliche Anstalten wie Belzec und Chelmno erlangten bis heute keine vergleichbare 'Berühmtheit': „Auschwitz dient […] als Synonym für das Grauen des Völkermords, als Metapher von Schuld und Verstrickung im Bewußtsein [sic] der Deutschen“ 1 . Da sich beide Konzepte von Auseinandersetzungen mit Auschwitz - als Tat der Nationalsozialisten sowie als Ort - thematisch einander an vielen Stellen überschneiden, ist eine Untersuchung der Entwicklung der Erinnerungskultur in Deutschland ohne den Umgang mit beiden Perspektiven nicht möglich. Ein zweites Problem, welches sich vor einer Bearbeitung des Themas stellt, ist die Vielfalt der Erinnerungskulturen in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges: nicht nur in kultureller Hinsicht begannen beide deutsche Staaten, die Bundesrepublik wie die Deutsche Demokratische Republik, eine Eigenart des Gedächtnisses
1 Benz, Wolfgang: Auschwitz und die Deutschen. Die Erinnerung an den Völkermord, in: Herzig, Arno/Lorenz, Ina [Hrsg.]: Verdrängung und Vernichtung der Juden unter dem Nationalsozialismus, Hamburg 1992, S. 333.
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gegenüber der Problematik Auschwitz zu entwickeln. Auch politisch, durch die verschiedentliche Ausrichtung der jeweiligen Staatsformen und -ziele bildeten sich schnell weitreichende Unterschiede in der Aufarbeitung der eigenen, der deutschen, Vergangenheit um Auschwitz.
Ein vergleichbares Bild ergibt sich, wenn die Geschichtswissenschaft die eigene Aufarbeitung innerhalb der Forschung reflektiert und daneben etwa die Aufarbeitungsformen der Geschehnisse durch die Öffentlichkeit gesetzt werden. Die Spannweite der Erinnerungskultur in Deutschland ist demnach überaus facettenreich. Durch verschiedene Auslegungen der Geschehnisse, durch neuere und ältere Deutungen sowie durch Vergessen und Geschichtsverfälschung entsteht ein für Deutschland sehr mannigfaches Bild einer Erinnerungskultur um Auschwitz. Die vorliegende Arbeit hat die kritische Darlegung der seit 1945 herausgebildeten Bildern der Erinnerung zum Ziel. Jeweilige Eigenheiten und Kontroversen der vielgestaltigen Erinnerungslandschaft sollen darin hervorgehoben und hinterfragt werden. Gleichzeitig sollen auch die Schnittpunkte zeitlicher oder örtlicher Kontinuitäten der Erinnerungskultur in den Blick genommen werden.
Forschungsstand
Die Beschäftigung mit dem „deutschen Gedächtnis“ um die Problematik Auschwitz lässt mittlerweile ein geradezu unüberschaubares Spektrum von Ansätzen und Konzeptionen innerhalb der Geschichtsforschung finden. Jedoch entstanden die relevanten Werke zu diesem Thema fast ausschließlich erst ab den 1980er Jahren. Christian Meiers Untersuchung Vierzig Jahre nach Auschwitz, welche er kurz nach dem berühmten Historikerstreit von 1986 veröffentlichte, darf als eines der Hauptwerke dieser Forschungsrichtung angesehen werden. 2 Vor allem ist jedoch der Historiker Martin Broszat zu nennen, welcher sich bereits vor den 1980er Jahren mit Auschwitz und dem deutschen Gedächtnis beschäftigte. 3 In anderen Arbeiten wird die Problematik häufig am Rande großer Untersuchungen
2 Vgl. Meier, Christian: Vierzig Jahre nach Auschwitz. Deutsche Geschichtserinnerung heute, 2. Auflage, München 1990.
3 Dazu wurde innerhalb dieser Arbeit Broszats Aufsatz „Holocaust“ und die Geschichtswissenschaft, in: Graml, Hermann/ Henke, Klaus-Dietmar [Hrsg.]: Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte. Beiträge von Martin Broszat, 2. Auflage, München 1987, herangezogen.
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zum Nationalsozialismus erwähnt; 4 genannt sei hier beispielsweise der Aufsatz Die Opfer- und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der Schuldfrage der DDR von Jürgen Danyel. 5 Dieses Werk lässt einen vielschichtigen Einblick in die Erinnerungsarbeit der Deutschen Demokratischen Republik zum Thema zu. Generell jedoch bleibt festzustellen, dass die Aufarbeitung des Gedächtnisses in der BRD weiter gediehen war als jene der DDR.
Aufbau der Arbeit
Gegliedert ist die vorliegende Untersuchung in sechs Themenabschnitte. Der erste Teil behandelt die kurze Zeitspanne der Stunde Null, die Jahre 1945 bis 1949 - von der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten bis zur Gründung der beiden Staaten Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik. Zum Zweiten wird die Erinnerungskultur der DDR um Auschwitz im Vordergrund stehen. Das Gedächtnis der BRD wird darauf folgend im dritten Abschnitt untersucht werden. Dieser Bereich teilt sich nochmals in sechs Themenschwerpunkte: die Jahre bis zum Ende der 1950er, dann die Betrachtung der Jahre bis 1968; die Verjährungsdebatten sowie der studentische Aufbruch 1968 werden darauf folgend einen zentralen Punkt einnehmen. Im weiteren Verlauf wird der Film Holocaust und seine Wirkungen auf die Bevölkerung untersucht werden. Die 1980er und 1990er werden danach Objekt einer genaueren Betrachtung. Zuletzt wird innerhalb des dritten Abschnittes der Historikerstreit von 1986 einer genaueren Reflexion unterzogen werden.
Viertens wird, nach dem Anschluss der DDR an die BRD, die Kultur des Gedächtnisses um das Vernichtungslager heute im Vordergrund stehen. Der fünfte Teil der Arbeit gewährt einen Einblick in die Erinnerungskultur der Geschichtsforschung zu Auschwitz und den Holocaust.
4 Bsp: Herbert, Ulrich: Der Holocaust und die deutsche Gesellschaft, in: Henke, Klaus-Dietmar [Hrsg.]: Auschwitz. Sechs Essays zu Geschehen und Vergegenwärtigung, Dresden 2001, S. 19-36; Diner, Dan: Der Holocaust in den politischen Kulturen Europas: Erinnerung und Eigentum, in: Henke, Klaus-Dietmar [Hrsg.]: Auschwitz. Sechs Essays zu Geschehen und Vergegenwärtigung, Dresden 2001, S. 65-74.
5 Danyel, Jürgen: Die Opfer- und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der Schuldfrage der DDR, in: Danyel, Jürgen [Hrsg.]: Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 31-46.
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I. Abschnitt: 1945-1949
Nach dem Untergang des so genannten Dritten Reiches und der Einteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen, wurde dem deutschen Volk auf östlicher wie auf westlicher Seite die eigene Schmach des selbst verursachten und schließlich verlorenen Krieges recht schnell deutlich, vor allem durch die Besatzungspolitik der Siegermächte England, Frankreich, USA und Sowjetunion. Hervorgerufen durch verlorenen Krieg und Besatzung, formte sich eine der Politik gegenüber passive Haltung in der deutschen Bevölkerung heraus. Eine unmittelbare Folge davon war unter anderem die Rückkehr des Individuums in die eigene private Sphäre sowie die relative Gleichgültigkeit der Bevölkerung gegenüber Entscheidungen der Besatzungsmächte. Hier ist zu fragen, in wie fern sich diese angesprochene Passivität auch in der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit äußerte. Wie verhielten sich die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg in Bezug auf die Problematik Auschwitz? Ist bereits von einer Erinnerungskultur zu sprechen?
Aufgrund der kollektiven Schweigsamkeit 6 nach 1945 können sich Historiker wie Christian Meier, eigentlich emeritierter Professor für Alte Geschichte, diesbezüglich nur auf Vermutungen stützen: Reaktionen wie Schuldgefühle, Scham, Betretenheit und Befürchtungen gegenüber der eigenen deutschen Vergangenheit, die man gerade in den ersten Jahren der Besatzung nicht so recht bewahrheitet sehen wollte, werden aufgelistet. Allerdings gibt es für diese Haltungen keine empirischen Befunde: „wieweit sich das aber verbal äußerte, ist unklar“. 7
Fest steht jedoch, dass die Siegermächte des Ersten Weltkrieges ein eigenes Konzept erdachter Befehle, Situationen und politische Haltungen der ehemaligen Regierung unter Kaiser Wilhelm II. der deutschen Bevölkerung angetragen haben. Daher glaubten sicherlich nicht Wenige, dass Berichte um Vernichtungslager wie Auschwitz
6 Wolfgang Benz nennt die kollektive Schweigsamkeit eine „Abwehrreaktion“, da sich die NS-Generation schlecht und ungerecht behandelt fühlte. Vgl. Benz, Wolfgang: Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Bundesrepublik, in: Danyel, Jürgen [Hrsg.]: Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 48. Eine Übernahme einer Kollektivschuld wurde nie auf Seiten der Alliierten gefordert, sondern entspringt lediglich dem Gefühl der Deutschen. Vgl. ebd., S. 52.
7 Meier, Vierzig Jahre nach Auschwitz, S. 52.
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nur Verleumdungen gegenüber dem eigenen Volk und der eigenen ehemaligen Regierung Adolf Hitlers darstellen sollten - zur Strafe, diesem Regime bedingungslos gefolgt zu sein. Andererseits wiederum stellen Forscher wie Norbert Frei und Sybille Steinbacher dar, dass „Auschwitz keineswegs im geographisch nebulösen 'Osten' [lag], vielmehr gehörten Stadt und Lager seit der administrativen Zuordnung zu Ostoberschlesien Ende Oktober 1939 zum Deutschen Reich, mit anderen Worten: Das Auschwitz der 'Endlösung' lag […] auf damals deutschem Boden“ 8 . Außer Acht gelassen wird allerdings hierbei, dass bis zum Ende des Dritten Reiches dieses Gebiet zwar formal zum deutschen Territorium gehörte, jedoch bis zuletzt hohe Auflagen für Ein- und Durchreisen bestanden. Ostoberschlesien, der Regierungsbezirk Kattowitz, war sicherheitspolizeilich abgeschottet. Daher ist nicht unbedingt von einem verbreiteten Wissen über Auschwitz auszugehen.
Nichtsdestotrotz wiegt in der Geschichtswissenschaft ein weiterer Aspekt für eine mögliche Erinnerungskultur um die deutschen Taten in Auschwitz schwer: „außerdem waren die meisten eher niedergeschlagen und betäubt und zu elementar mit der Sicherung des eigenen Lebens beschäftigt, als daß [sic] sie schon Distanz zu dem Geschehen hätten gewinnen können“ 9 .
Auch der Kalte Krieg hatte seine Auswirkungen auf die Erinnerungskultur um Auschwitz - „dieser globale Dualismus der Warte [drängte] nach und nach den Zweiten Weltkrieg und seine Vorgeschichten in den Hintergrund“ 10 .
II. Abschnitt: Betrachtungen zur DDR
Gerade für den Bereich der sowjetischen Besatzungszone, der späteren Deutschen Demokratischen Republik, nahm die Anforderung der Existenzsicherung in hohem Maße einen Einfluss auf den Prozess der Gedächtnisentwicklung: durch die Demontage der verbliebenen Industrie und deren Abtransport in Richtung Sowjetunion stand die Bevölkerung vor einem Neuanfang, sowohl in der Wirtschaft, als auch in der Politik. Die Wirtschaft wurde unter dem Vorwand verstaatlicht, ehemalige Nationalsozialisten damit zu bestrafen - dies waren für die Sowjets Industriechefs und
8 Frei, Norbert/ Steinbacher, Sybille: Auschwitz. Die Stadt, das Lager und die Wahrnehmung der Deutschen, in: Henke, Klaus-Dietmar [Hrsg.]: Auschwitz. Sechs Essays zu Geschehen und Vergegenwärtigung, Dresden 2001, S. 48.
9 Meier, Vierzig Jahre nach Auschwitz, S. 52.
10 Diner, Der Holocaust in den politischen Kulturen Europas, S. 66.
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Arbeit zitieren:
Stefanie Zabel, 2010, Die Entwicklung der deutschen Erinnerung um das Konzentrationslager Auschwitz, München, GRIN Verlag GmbH
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