Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier 8
2.1. Kulturgeschichtliche Entwicklungen der Mensch-Tier-Beziehung 8
2.2. Das Bedürfnis am Lebendigen teilzuhaben 11
2.3. Das Tier als Mittler von unbewusstem Erleben 13
2.4. Tiere als Mittler in der tiergestützten Pädagogik 17
3. Bindungstheorie 21
3.1. Die Entwicklung von sozialen und kommunikativen Fähigkeiten durch
Bindung 21
3.2. Du-Evidenz und Spiegelneuronen als Vorraussetzung zum Bindungsaufbau 25
4. Kommunikation und Interaktion 27
4.1. Die menschliche Kommunikation 27
4.2. Über die Kommunikation von Tieren 30
4.3. Die Mensch-Tier-Kommunikation 31
4.4. Die Mensch-Tier-Interaktion 32
5. Eigenwahrnehmung durch Achtsamkeit 34
5.1. Gedanken und Wahrnehmungen: Die Bilder in unserem Kopf 35
5.2. Fernsicht und Nahberührung 37
5.3. Weitere Ebenen der Wahrnehmung 38
6. Fallbeispiel: Maria 39
6.1. Darstellung der sozial-kognitiven Fähigkeiten von Maria 39
6.2. Der Aufbau einer Verbindung von Maria und dem Pferd „Maxi“ 40
6.3. Bisheriges Ergebnis der tiergestützten Pädagogik im Fall von Maria 44
7. Resümee 46
8. Literaturverzeichnis. 49
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1. Einleitung
Seit Urzeiten koexistieren wir mit Tieren und wissen doch so wenig über sie. Haben sie ein Bewusstsein? Wie kommunizieren sie? Haben Tiere Gefühle?
Die Verhaltensbiologie erforscht die komplizierten Verhaltensmuster und Zeichensysteme und versucht Antworten zu finden. Sie steht aber erst am Anfang eines großen Forschungsgebiets.
Die Fragen, die bezüglich des Verhaltens und der Sprache der Tiere gestellt werden, hängen von unserem eigenen sozialen Status ab, den wir auf der Erde einnehmen. Biologisch gesehen ist der Mensch zwar ein Tier, doch wird auch heute noch mehr Aufmerksamkeit auf die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier als auf deren Gemeinsamkeiten gelenkt. Die Historie der Mensch-Tier-Beziehung verdeutlicht den sozialen Wandel, innerhalb dessen wir Fragen an uns und die Tiere als Lebenspartner stellen.
Die Auseinandersetzung der Mensch-Tier-Beziehung resultierte lange Zeit aus dem Standpunkt der Assimilation, der Aufnahme von Information über mein Gegenüber nach Maßgabe der menschlichen Schemata. 1 Es wurden Fragen gestellt, die für uns Menschen als relevant gelten. Die Intelligenzforschung bei Tieren führt nun zu dem Ergebnis, dass erst die Lebensweisen der Tiere genauer studiert werden müssen, bevor Tests erarbeitet werden können, die Intelligenz oder Bewusstsein bei Tieren nachweisen. 2
Eines der bislang größten Unterscheidungsmerkmale zwischen Mensch und Tier ist, sich selbst im Spiegel zu erkennen. 3 Dieses Unterscheidungsmerkmal wurde von Forschern als nicht mehr haltbar aufgezeigt. Schimpanse, Elster und Rabe können sich sehr wohl im Spiegel erkennen und sogar über den Spiegel verstecktes Futter finden, was auf eine Art abstraktes Denken schließen ließe. 4
Die Fähigkeit, kausale Zusammenhänge zu erkennen, ist für den Menschen ein Indiz einer höheren Bewusstseinsebene. In den Fokus der Aufmerksamkeit wissenschaftlicher Forschung rücken daher Tiere, die nachgewiesener Maßen eine höhere Ebene durch Erkennen von kausalen
1 Vgl.: Olbrich, Zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehung aus der Sicht der Verhaltensforschung; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 49
2 Vgl.: Tim Förderer, „Intelligenzbestien“ (Sendung auf 3sat, hitec, vom 23.11.2009
3 Ebda Tim Förderer
4 Ebda Tim Förderer
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Zusammenhängen erreichen. Der Gebrauch von Werkzeug und die Unterscheidung von Mengen werden bei Tieren evaluiert. 5 Eine grundlegende Trennung zwischen Mensch und Tier ist daher nicht mehr gegeben; eine Verbindung wird möglich.
Wie eine Verbindung zwischen Mensch und Tier gestaltet werden kann, wird sowohl von der tiergestützte Pädagogik als auch von der tiergestützte Therapie beschrieben. Schwerpunkt der Arbeit mit Tieren ist es, dass der Mensch in einer Art partnerschaftlichen Beziehung zu einem Tier neue Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten erlernt. 6
Nicht nur die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Natur fördert Bewusstsein. Auch die emotionale Intelligenz rückt für ein ganzheitliches Leben mehr und mehr in den Vordergrund. Emotionale Intelligenz steht für die Fähigkeit eines Menschen, seine Stimmungen, Gefühle und Bedürfnisse zu verstehen. Sie ist für die Motivation, planvolles Handeln auf Zeit und im Umgang mit Ressourcen, Empathie und die Fähigkeit, tragfähige Beziehungen einzugehen, verantwortlich. 7 Die Eigen- und Fremdwahrnehmung, als Voraussetzung von emotionaler Intelligenz, kann wiederum nur durch den Austausch von Lebendigkeit erreicht werden. Die eigene Lebendigkeit zu spüren, sich als ein Teil eines Ganzen zu verstehen, ist der Ausgangspunkt, wodurch artübergreifend mit anderen Lebewesen Kommunikation entstehen kann. Wie Eigenwahrnehmung in der Kommunikation mit Tieren gefördert werden kann, ist Thema dieser Arbeit.
Die Arbeit ist in fünf Teile gegliedert. Im ersten Teil wird die Verbindung zwischen Tier und Mensch beschrieben. In einem historischen Abriss wird die Entwicklung der Beziehung zu den Tieren kurz dargestellt, um die unterschiedlichen Haltungen, der jeweiligen Zeit, gegenüber Tieren zu beleuchten, welche teilweise auch heute noch in unserer modernen Gesellschaft zu finden sind (Kap. 2.1). Der Mensch hat sich in seiner Historie im Zusammenhang mit anderen Lebewesen entwikkelt, sich an diesen orientiert und durch die Nutzung der gleichen Ökosysteme mit ihnen verbunden. In diesem Zusammenhang werden auch unsere Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten geprägt (Kap. 2.2). In der Verbindung zu Tieren schwingen aber nicht nur bewusste, sondern auch unbewusste Aspekte mit (Kap. 2.3). Aus der Erkenntnis um die positive Wirkung von Tieren auf den Menschen ent-standen Fördermaßnahmen, pädagogische Ansätze und tiergestützte Therapie. Es wurde sowohl Besuchsdienste (z. B. in Kindergärten, Schulen, Altersheimen und Pflegedienste etc.) eingerichtet und zielgerichtete Interaktion mit Tieren als Co-Therapeuten erarbeitet und erprobt (Kap. 2.4).
5 Vgl.: www.wikipaedea.de: Werkzeuggebrauch bei Tieren; Mengenunterscheidung bei Tieren
6 Vgl.: Nienke Endenburg, Der Einfluss von Tieren auf die Frühentwicklung von Kindern als Voraussetzung für tiegestützte Psychotherapie; in: Olbrich/Otterstedt: Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 121 - 130
7 Vgl.: www.wikipaedea.de
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Der zweite Teil befasst sich mit der Fähigkeit, Bindungen einzugehen. Wie eine Verbindung mit anderen Lebewesen eingegangen wird, hängt zum größten Teil mit frühkindlichen Bindungserfahrungen zusammen. 8
Aus der frühkindlichen Bindung, bzw. der nicht ausreichend vorhandenen emotionalen Bindung und der daraus resultierenden Bindungsstörung, entwickeln sich unterschiedliche Verhaltens- und Erlebens-Muster einer Person zu anderen Lebewesen, die sich grundlegend auch auf die Eigen- und Fremdwahrnehmung auswirken (Kap. 3.1). Dass der Andere als ein Gegenüber subjektiv wahrgenommen wird, hängt mit der Du-Evidenz zusammen. Die Du-Evidenz befähigt, sich in andere hinein versetzen zu können und fördert damit Partnerschaften. Partnerschaften eingehen zu können ist wiederum die Voraussetzung, dass Tiere pädagogisch und therapeutisch wirken können. Wie Handlungen nachvollzogen werden, wird durch die Existenz von Spiegelneuronen erklärbar (Kap. 3.2).
Der dritte Teil setzt sich mit den Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten von Mensch und Tier auseinander. Der Informationsaustausch beim Menschen stützt sich in hohem Maße auf Zeichensysteme, die uns teilweise nicht bewusst sind. Während verbal Inhalte vermittelt werden, werden in der nonverbalen Kommunikation Beziehungsaspekte ausgetauscht (Kap. 4.1). Tiere kommunizieren ausschließlich auf der analogen, nonverbalen Ebene (Kap. 4.2). Während es in der menschlichen Kommunikation zu grundlegenden Diskrepanzen, zwischen Inhalts- und Beziehungsaspekten, kommen kann, wird durch den ausschließlich nonverbalen Aspekt die Kommunikation zwischen Mensch und Tier vereinfacht. Botschaften können dabei nur über ein hohes Maß an Authentizität vermittelt werden. Das Korrelieren der Eigenwahrnehmung mit der Fremdwahrnehmung von Tieren ermöglicht eine Reflexion des körperlichen Ausdrucksverhaltens (Kap. 4.3).
Der vierte Teil widmet sich der Vielschichtigkeit von Wahrnehmung. Erinnerung und gegenwärtige Wahrnehmung stehen fortwährend in Bezug zueinander und beeinflussen sich gegenseitig. Eine mögliche Differenzierung kann durch unterschiedliche Schwerpunkte der Aufmerksamkeit gelenkt werden (Kap. 5.1). Die verschiedenen Sichtweisen und Verhaltensweisen ermöglichen Eigen-und Fremdwahrnehmung als soziales und emotionales Erlebnis (Kap 5.2). Die daraus resultierende Vielfalt von Empfindungen lässt sich durch gezielte Fragen weiter differenzieren (Kap. 5.3).
Im letzten Teil der Arbeit wird der heilsame Aspekt einer begleiteten Begegnung zwischen Tieren (in diesem Fall Ponys) und einem besonderen Kind exemplarisch dargestellt (6.1). Die tiergestützte Interaktion ermöglichte, in dem hier beschriebenen Fall, das Erlernen und Erproben neuer Ver-
8Elisabeth Frick-Tanner, Robert Tanner-Frick, Tiergestützte kinder- und jugendpsychotherapeutische Praxis; in: Olbrich/Otterstedt: Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 137
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haltensweisen im Umgang mit Tieren und Mitmenschen (Kap. 6.2). Durch gezielte Interaktionen ließen sich bei dem Kind Neuorientierungen im Bereich der Körperwahrnehmung erreichen, die das Erleben von Lebendigkeit innerhalb der sozialen und kommunikativen Fähigkeiten förderten (Kap. 6.3).
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2. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier
Warum fühlen wir uns mit Tieren verbunden? Warum leiden wir mehr, wenn ein Tier stirbt, als wenn eine Pflanze vertrocknet? Sind Tiere unsere Seelenverwandten, unsere modernen Beziehungspartner? Kann man überhaupt von Beziehung sprechen, oder ist es einfach nur eine gewollte Abhängigkeitsstruktur?
Das nachfolgende Kapitel soll in vielschichtiger Weise unsere Beziehung zum Tier aus der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen darstellen und das Bedürfnis des Menschen am Leben teilzuhaben verdeutlichen.
2.1. Kulturgeschichtliche Entwicklungen der Mensch-Tier-Beziehung
Beim Betreten einer Höhle, deren Wände mit Jahrtausende alten Malereien ausgestattet sind, gewinnt man den Eindruck in eine großartige imaginäre Welt einzutreten. Die Bilder rufen mythische oder reale Ereignisse wach und offenbaren die Wünsche und Ängste jener Menschen, die sich solche Stätten zum Ort ihrer bildhaften Botschaft auserwählten. Was uns an Zeugnissen künstlerischer Kreativität, von den Ursprüngen aus der Altsteinzeit, noch erhalten ist, zeigt uns eine Menschheit mit Interesse an der Abbildung von Tieren. 9
Prähistorische Menschen bildeten in der Höhle von Santimamine in Spanien Rinder und Pferde ab. In anderen Höhlen sieht man verschiedene Jagdszenen oder Ackerbau. Die Felskunst stellt das mit Abstand größte Archiv dar, das die Menschheit über ihre Geschichte und ihre Beziehung zu den Tieren besitzt: von den primitiven bis zu den höheren Jägern, die bereits Pfeil und Bogen kannten, zu den Hirten und Viehzüchtern und denen, die mit Hilfe von Ochsen Ackerbau betrieben.
Teilweise wurden die Tiere mit Symbolen oder Ideogrammen 10 geschmückt. Tiere galten demnach nicht nur als Nahrung oder Nahrungskonkurrent, sondern waren Symbol für etwas Be-
9Vgl.: Carola Otterstedt, Kultur- und religionsphilosophische Gedanken zur Mensch-Tier-Beziehung; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 28
10 Ein Ideogramm ist ein Bild- bzw. Schriftzeichen für ein ganzes Wort.
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merkenswertes. 11 So waren Tiere auch bedeutungsvoll als Mittler zwischen den Göttern und den Menschen.
Die alten Ägypter stellten unter anderem in ihren Felszeichnungen Tiere dar, um etwas über das Wesen der Götter mitzuteilen. Die Tiere verwiesen auf Eigenschaften wie Kraft, Macht, Schutz oder auf Bewegungsfreiheit in den Elementen und zur Überwindung des Todes. Sie stellten eine Art lebendige Verkörperung der Idee von Göttern dar. 13 Jede Tierart verkörperte vielschichtige Aussagen, die dem komplexen Wesen der Götter entsprachen.
Das Phänomen der Götter in Tiergestalt ist auch in der christlichen Tradition vorhanden. Von Jesus wird als das "Lamm Gottes" gesprochen, der Heiligen Geist wird als Taube symbolisiert.
Anscheinend besaß das Tier einige Fähigkeiten und Fertigkeiten, die von den Menschen als überlegen angesehen wurden. 14 Mit dem Wandel zum Monotheismus änderte sich jedoch die Bedeutung des Tieres. 15 In der jüdischen und christlichen Religion wurde per Gesetz verboten, zusätzlich zu dem einem Gott ein goldenes Kalb 16 anzubeten. Durch den Glauben an einen einzigen Gott verlor das Tier seinen Status als religiösen Mittler. 17 Mit dem Beginn der Sesshaftigkeit der Menschen und der damit verbundenen Aufnahme einer expansiven Land- und Viehwirtschaft wurden die Tiere, in ihrer Bedeutung, auf ihren Nutzen für den Menschen reduziert. Der Mensch nahm die Tiere, die er als Nahrung und Arbeitskraft brauchte, in Ställe auf und grenzte die wilden Tiere aus. Während Erstere unter seinem ganz besonderem Schutz und seiner Obhut standen, wurden die wilden Tiere erbarmungslos gejagt. 18
11 Vgl.: Emmanuel Anati, Höhlenmalerei, Albatros Verlag, 2002, S. 28
12 E. Anati, Höhlenmalerei, Albatros Verlag, 2002, S. 34
13 Der Panther gehörte in der ägyptischen Mythologie zu den göttlichen und heiligen Tieren. Der Pharao setzte deshalb sein Wirken dem eines Panthers gleich. Ergänzend trug er bei Ritualen das Pantherfell. (Entnommen aus www.wikipedia.de: Panther (ägyptische Mythologie)).
14 Vgl.: Erik Hornung, Geist der Pharaonenzeit, Artemis & Winkler Verlag, Zürich, 1999, S. 166
15 Vgl.: Carola Otterstedt, Tiergestützte Therapie und tiergestützte Pädagogik: Positionierung eines interdisziplinären Arbeitsfeldes - Kultur- und religionsphilosophische Gedanken zur Mensch-Tier-Beziehung; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 20
16 Vgl.: 2. Moses 32,1-4
17 Vgl.: Carola Otterstedt, Tiergestützte Therapie und tiergestützte Pädagogik: Positionierung eines interdisziplinären Arbeitsfeldes: Kultur- und religionsphilosophische Gedanken zur Mensch-Tier-Beziehung; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 18
18 Vgl. Feddersen-Petersen, Hundepsychologie (Wesen und Sozialverhalten), Franckh-Kosmos Verlag, 2000, S. 28
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Entlang einer erheblichen Zeitspanne von Aristoteles (384-322 v. Chr.) über Thomas von Aquin (1225-1274) bis hin zu Rene Descartes (1596-1650) wurde das Herrschaftsrecht der Menschen über die Tiere beschworen und ein dissoziatives Verhältnis zu ihnen deklariert. Philosophen und Wissenschaftler unterschieden Mensch und Tier scharf anhand der vorhandenen Sprachmöglichkeiten, dem reflexiven Verstand, dem aufrechten Gang und einem religiösen Empfinden. 19 Der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) sprach den Tieren zwar eine Wahrnehmungsfähigkeit zu, ob sie aber über ein Schmerzempfinden, ein Bewusstsein oder gar über Denken verfügen, wird bis zur heutigen Zeit diskutiert.
Ab dem 18. Jahrhundert wurden erste Gegenbewegungen zum Schutz der Tiere und den damit verbundenen Rechten verzeichnet. 20
Mit der Evolutionstheorie von Charles Darwin (1809-1882), der die Menschen als Abkömmlinge der Primaten zuordnete, fand die Auseinandersetzung des Menschen auch im Sinne seines Selbstverständnisses als Teil der Natur wieder statt.
Albert Schweitzer (1875-1965) schließlich entwickelte mit seiner Lehre der „Ehrfurcht vor dem Leben“ eine lebensbejahende Ethik:
„Ich bin das Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ 21
19 Vgl.: Carola Otterstedt: Tiergestützte Therapie und tiergestützte Pädagogik: Positionierung eines interdisziplinären Arbeitsfeldes: Kultur- und religionsphilosophische Gedanken zur Mensch-Tier-Beziehung; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 20
20 Vgl.: Hansjoachim Hackbarth, Tierschutz - Versuch einer Begriffsbestimmung, Essay, 2008, S.
21 Albert Schweitzer, Die Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben, Union Verlag, 1988, S. 15
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2.2. Das Bedürfnis am Lebendigen teilzuhaben
Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf unsere Individualität, werden wir die Natur als ein Gegenüber betrachten, welches sich von uns mehr unterscheidet als es Gemeinsamkeiten enthält. Treten wir aber als ein soziales Wesen „in sie hinein“, das an der Natur teilhat, sich als Leben im Leben begreift, können wir auch den Teil in uns verstehen, der am Prozess des Lebens und seiner Entwicklung teilhaben möchte. Durch das eigene Erleben in einer lebendigen Welt ist es erst möglich, sich selber als „Ganzes“ wahrzunehmen. 22 Unsere Eigenwahrnehmung ändert sich. Von der Betrachtungsweise als Einzelwesen fort, mit seinen einzigartigen Empfindungen und Gedanken, zu einer Betrachtungsweise der Teilhabe an Leben, können wir uns erst als ein Lebewesen begreifen, welches an Leben teilnimmt, sich mit dem Lebendigen mitfreut, mitleidet und damit miterlebt, ohne eigennützig auf die eigenen Vorteile bedacht zu sein. Diese inhärente Affinität zur Vielfalt von Leben wird als Biophilie bezeichnet. Biophilie ist ein Grundbedürfnis des Menschen mit anderen Lebewesen als auch mit Landschaften, Ökosystemen und Habitaten in Verbindung zu stehen. 23
Aus der Verbindung zu Leben entspringt die Freude, die uns erfüllt, wenn wir einen Sonnenuntergang sehen, frisch gemähtes Gras riechen und die Wärme von Tieren spüren. Wir erleben uns als kommunikative Wesen in einer Natur, die eine kommunikative Verbindung mit uns unterhält. Die Ver-bundenheit des Menschen mit der Natur kann anhand von neun fundamentalen Aspekten bzw. Kategorien beschrieben werden. Einige der hier beschriebenen Kategorien erfolgen eher implizit und sind somit kaum wahrnehmbar, steuer- oder kontrollierbar, während andere systematisch genutzt, gesteuert und kontrolliert werden können. 24
Der utilitaristische Aspekt bezeichnet den Aspekt der nützlichen Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, wie die der Sicherung des Überlebens, Schutz vor Gefahr und Befriedigung physischer und materieller Bedürfnisse;
Der naturalistische Aspekt bezeichnet die Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, die Zufriedenheit und Entspannung durch Naturkontakt, Neugierde, Faszination und Be-wunderung für deren Vielfalt und der Förderung der physischen und kognitiven Entwicklung bewirkt;
22 Vgl.: Erhard Olbrich, Die Würde des Tieres, Essay S. 17
23 Vgl.: Erhard Olbrich, Biophilie: Die archaische Wurzeln der Mensch-Tier-Beziehung; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag 2003, Stuttgart, 2003, S. 69
24 Vgl.: Monika Vernooij, Silke Schneider, Handbuch der Tiergestützten Intervention, Verlag Quelle & Meyer, Wiesbaden, 2008, S. 6
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Der ökologisch-wissenschaftliche Aspekt beinhaltet die systematische Analyse der Strukturen, Funktionen und Beziehungen in der belebten und unbelebten Natur mit den Funktionen bzw. Wirkungen des Wissenserwerbes, Verstehens von Zusammenhängen, Förderung der Beobachtungsfähigkeiten und des Erkennens von Kontrollmöglichkeit;
Der ästhetische Aspekt beinhaltet die Anziehungskraft und Bewunderung für die physische Harmonie und Schönheit der Natur mit den Wirkungen der Inspiration und des Harmoniegefühls;
Der symbolische Aspekt bezeichnet die Kategorien/Schemata in der Natur für (metaphorische) Formen des Ausdrucks, des Befindens, der Interaktion und Kommunikation zur Förderung der Interaktions- und Kommunikationsfähigkeit sowie der kognitiven Möglichkeiten und Anreize für Identifikationsprozesse;
Der humanistische Aspekt bezeichnet die tief erlebte, emotionale Verbundenheit mit der Natur, insbesondere mit den Tieren, mit den Funktionen bzw. Wirkungen der Gruppenzugehörigkeit, des Gemeinschaftsgefühls, Aufbau von Beziehungen, Bindung und Fürsorge, Bereitschaft zu kooperieren und zu teilen sowie die der Empathie;
Der moralische Aspekt bezeichnet die starke Affinität zur Ehrfurcht vor dem Leben und die ethische Verantwortung für die Natur, der Ordnung und der sinnhaften Lebensgestaltung sowie der Verwandtschaft und Zugehörigkeit zu einem übergeordneten Ganzen;
Der negativistische Aspekt beinhaltet die Angst, Aversion und Antipathie des Menschen, bezogen auf unterschiedliche Aspekte der ihn umgebenden Natur mit den Funktionen bzw. Wirkungen des Impulses bzw. der Motivation für die Erarbeitung und Errichtung von Schutz- und Sicherheitsvorrichtungen im ganz persönlichen Lebensbereich;
Der Dominanz-Aspekt ist der Aspekt der Kontrolle und Beherrschung der Natur durch den Menschen mit den Funktionen und den Wirkungen des kontrollierenden Handelns und der Entwicklung mechanischer Techniken und Fertigkeiten. 25
Biophilie entsteht nach dem Biologen Edward Osborne Wilson aus dem angeborenen Interesse am Lebendigen durch den biologischen Prozess der Evolution: Der Mensch hat sich im
25 Vgl.: Erhard Olbrich, Die Würde des Tieres, Essay S. 10
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Zusammenhang mit anderen Lebewesen entwickelt, sich an diesen orientiert und durch die Nutzung der gleichen Ökosysteme mit ihnen verbunden. 26
Rene Dubos geht in seiner Definition sogar noch weiter und beschreibt die Notwendigkeit der Verbindung zu anderen Lebewesen und Habitaten. Er schreibt:
Durch eine Verbindung mit anderen Lebewesen und der damit entstehenden Erfahrung eines Gegenübers werden nicht nur Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten bestimmt, sondern auch unsere kognitive Entwicklung, unsere soziale und emotionale Interaktion erweitert. 28
Ist das eigene Erleben eingeschränkt, sei es durch ein permanentes Gefühl von Leere, das Gefühl, seinen eigenen Körper nicht zu spüren oder zu akzeptieren, Depressionen durch Identitätsverlust, um nur einige zu nennen, kann es vorteilhaft sein einen Vermittler einzusetzen, der diese Menschen in ihren ursprünglichen Bedürfnissen, am Leben teilzuhaben, erreicht. Über den Weg der pädagogischen und therapeutischen Arbeit mit Tieren kann eine Verbindung zu sich selbst wieder ermöglicht werden. Die Verbindung entsteht aus den Wurzeln des bewussten Wahrnehmens unbewusster Aspekte in uns. 29
2.3. Das Tier als Mittler von unbewusstem Erleben
Nach Rothacker wird das soziale Miteinander immer auch aus der sogenannten Tiefenschicht mitbestimmt. Sie ist die Ebene, auf der emotionale Prozesse ablaufen, die bei einer Begegnung zwischen Mensch und Tier lebendig werden. 30 Die verschiedenen Schichten entstehen durch Lebensprozesse in der sich entwickelnden Person:
26 Vgl.: Erhard Olbrich, Biophilie: Die archaischen Wurzeln der Mensch-Tier-Beziehung; in Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, S. 69
27 Rene Dubos, 1984; Zitat entnommen aus: Erhard Olbrich, Die Würde des Tieres, Essay, S. 12
28 Vgl.: Erhard Olbrich, Die Würde des Tieres, Essay, S. 12
29 Vgl.: Carola Otterstedt, Grundlagen der Mensch-Tier-Beziehung; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 66
30 Vgl.: Olbrich, Zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehung aus der Sicht der Verhaltensforschung; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 53
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Rothacker unterscheidet zwischen einer Ich-Schicht, der er das Bewusstsein und Wachbewusstsein zuordnet, der Personenschicht, die er auch als Schicht des Charakters bezeichnet und der beseelten Tiefenschicht, auf der emotionale Prozesse ablaufen. 32 Die Vitalschicht bezeichnet alle Prozesse, die der Aufrechterhaltung des vegetativen Systems dienen.
Während die Ich-Schicht eine Organisations- und Kontrollfunktion ausführt, laufen die psychischen Prozesse in der Tiefenschicht unbewusst ab. Die Tiefenschicht entspricht der Gesamtheit der Triebe, der Strebungen und der Gefühle. 33 Die „höheren“ Schichten sind von der Tiefenschicht in ihrer Funktionsfähigkeit abhängig; umgekehrt aber nicht. Die Organisation der Ver-bundenheit der Schichten ergibt daher eine Hierarchie von unten nach oben. Bewusste Regulationen des Ichs und die damit verbundenen Fähigkeiten des sozialen Miteinanders können nur bei funktionsfähiger Vital- und Tiefenschicht ablaufen. 34
Menschen mit kognitiven Einschränkungen, deren Möglichkeiten zur bewussten Regulation und Kontrolle des eigenen Verhaltens und der Umwelt eingeschränkt sind, können über die Verbundenheit zu Tieren von einer tiergestützten Therapie profitieren. Das Mitempfinden und Eingehen auf eine gefühlsmäßige Kommunikation zwischen Mensch und Tier kann für eine authentischere Abstimmung zwischen innerem Erleben, dem Bewusstsein und der Kommunikation hilfreich sein. 35
Oftmals entstehen aber auch Probleme des inneren Erlebens durch „Vergessen“. Tiere können uns wieder erinnern. Sie können uns unter anderem an unseren archaischen Ursprung zurückführen, welches von C.G. Jung als kollektives Unbewusstes beschrieben wird. 36
31 Rothacker, 1938/1947, S. 3; Zitat entnommen aus: Olbrich, Zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehung aus der Sicht der Ver-haltensforschung; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 52
32 Vgl.: Erhard Olbrich, Die Würde des Tieres, Essay, S. 19
33 Vgl.: Christoph J. M. Safferling, Vorsatz und Schuld, Mohr Siebeck Verlag, 2008, S. 65
34 Vgl.: Olbrich, Zum Verstehen der tiergestützten Therapie: Versuch der Integration; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 186
35 Vgl.: Olbrich, Zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehung aus der Sicht der Verhaltensforschung; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 53
36 Vgl.: C.G. Jung: Der Mensch und seine Symbole, Walter Verlag AG, Olten 1968, S. 67
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Das kollektive Unbewusste bezeichnet er als den Sitz der Urinstinkte, als eine Art innerer, symbolischer Bilder. Diese symbolischen Vorstellungen sind nach C.G. Jung eine angeborene Tendenz, bewusst Motivbilder zu formen, die zwar in ihrer Darstellung variieren, aber ein immer wiederkehrendes Vorstellungs-Grundmuster in der gesamten menschlichen Kultur besitzen, wie z.B. die Vorstellung vom archetypischen Paradies, schlangenähnliche Ungeheuer mit vielen Hörnern oder der Zwitter zwischen Mensch und Tier etc. In unseren Vorstellungen und insbesondere in unseren Träumen tauchen daher, neben anderen archetypischen Symbolen, auch Tiere als Symbol für „Etwas“ auf. Sie erscheinen uns als symbolische Mittler von unbewussten Inhalten. 37 Diese symbolischen Bilder sind wichtige Mitteilungsträger der verschiedenen psychischen Ebenen. 38 Das Zusammenspiel zwischen Bewusstem und Unbewusstem setzt eine schöpferische Auseinandersetzung in Gang, die als Wechselgespräch zwischen zwei psychischen Systemen verstanden werden kann. 39
Die Vorstellungsbilder führen uns zurück zu unseren archaischen Wurzeln und eröffnen eine Verbindung zur Natur:
Josef Zehentbauer hält die Entstehung der Archetypen von C.G. Jung auf Grundlage der embryonalen Entwicklung für möglich:
37 Vgl.: C.G. Jung: Der Mensch und seine Symbole, Walter Verlag AG, Olten 1968, S. 49
38 Ebda C.G. Jung, S. 52
39 Vgl.: Erhard Olbrich, Kommunikation zwischen Mensch und Tier, in: Olbrich/Otterstedt: Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 89
40 C.G. Jung: Der Mensch und seine Symbole, Walter Verlag AG, Olten 1968, S. 67
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Trotz der geistigen, kulturellen Entwicklung und der wissenschaftlichen Unterscheidung von Mensch und Tier existieren archaische Grundzüge in uns, die uns an unseren Ursprung als Teil der Natur erinnern. Hat unsere Seele eine dem embryonalen Körper ähnliche Entwicklung vollzogen, könnte eine fortwährende und stabile Verbindung gerade aus diesen archaischen Wurzeln entstehen, die uns Empathie für Tiere empfinden lassen.
Diese ursprünglichen Kräfte, wie Intuition, Instinkt, Impuls etc. können wir nicht bewusst steuern und bislang auch nicht logisch erklären. Sie scheinen neben unserem Bewusstem zu existieren. 42
41 Josef Zehenbauer, Abenteuer Seele, Walter Verlag, Düsseldorf, 2000, S. 42
42 Vgl.: Erhard Olbrich, Zum Verstehen der tiergestützten Therapie: Versuch der Integration; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003 S. 184
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2.4. Tiere als Mittler in der tiergestützten Pädagogik
Die Veröffentlichung „Human / Companion Animal Therapy“ des amerikanischen Kinderpsychotherapeuten Boris M. Levinson (1907- 1984) über seine Erfahrungen mit Tieren als Co-Therapeuten rückte 1969 die tiergestützte Pädagogik als verhaltenstherapeutische Möglichkeit in das öffentliche Interesse. Der Begriff „Pet Facilitated Therapy“ wurde zum Schlagwort des neuen Wissenschaftszweiges „Mensch-Tier-Beziehung“.
Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen und Angehörige verschiedener Heilberufe begannen mit Experimenten, Versuchsreihen und Dokumentationen, darunter auch die Psychologen Reinhold Bergler (geb. 1929) und Erhard Olbrich (geb. 1941), die Mitte und Ende der achtziger Jahre die ersten systematischen Studien zu diesem Thema verfassten. 43
1977 gründete sich in Portland / Oregon die Stiftung „The Delta Society“, die die tiergestützte Therapie mit ihrem „Pet Partner Programm“ flächendeckend in der USA ins Leben rief. Allmählich entstanden weitere Organisationen, wie z. B. „Pet as Therapy“ (1983, England), „Tiere helfen Menschen e.V.“ (1987, Deutschland) und „Tiere als Therapie (TAT)“ (1991, Österreich). 44
In der Form, wie tiergestützte Pädagogik / Therapie durchgeführt wird, wird zwischen AAA (Animal Assisted Activity) und AAT (Animal Assisted Therapy) unterschieden. Als AAA werden Aktivitäten zwischen Mensch und Tier bezeichnet, die die Lebensqualität des Menschen verbessern. Zu AAA zählen Tierbesuchsprogramme, bei denen Menschen, in oder auch außerhalb ihrer Umgebung, von Tieren und ihren Haltern besucht werden. Allein die Anwesenheit des Tieres wirkt, aus den bereits genannten Gründen, positiv auf Menschen aus. Der Verlauf der Begegnung ist spontan und wird nicht dokumentiert.
Dagegen handelt es sich bei einer AAT um einen zielorientierten Einsatz durch fachqualifiziertes Personal und geschulte Tiere. Vor dem Einsatz werden Zielsetzungen erarbeitet und der Therapieverlauf wird dokumentiert. Die Dokumentation wird mit vorausgegangenen Sitzungen verglichen, um die Fortschritte in der Therapie erkennbar zu gestalten. 45
Bei der Begegnung von Mensch und Tier muss es nicht zwangsläufig zu einem direkten oder engen Körperkontakt zwischen Mensch und Tier kommen, um einen Effekt oder eine Wir-
43Vgl.: Sylvia Greiffenhagen, Oliver H. Buck-Werner, Tiere als Therapie - Neue Wege in Erziehung und Heilung, Kynos Verlag, Nerdlen, 2007, S. 14
44 Vgl.: Inge Röger-Lakenbrink, Das Therapie-Hunde-Team, Kynos Verlag, Nerdlen, 2006, S. 10; Alison Hornsby, Helga Fleig und Dieter Fleig, Hunde helfen Menschen, Kynos Verlag, Nerdlen, 2000, S. 79
45 Vgl.: Heiko Frömming, Die Mensch-Tier-Beziehung, VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken, 2006, S. 29
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kung, anhand eines „sozialen Modells“, zu erzeugen. Wesentlich ist bei der Begegnung ein freier Umgang mit dem Tier, aus dem heraus eine Bindung entstehen kann. Dies beinhaltet auch die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Eigenarten von Mensch und Tier. Der Umgang mit dem Tier sollte vom Menschen erwünscht sein und von Seiten des Tieres reaktiv akzeptiert werden. 46
Der heilende Prozess entsteht durch das Zwiegespräch zwischen Mensch und Tier. Zunächst reagiert der Mensch emotional auf das Tier. Er zeigt individuelle Gefühle. Diese können sich als Angst, Ekel, Freude, Neugier oder auch Fürsorgeimpulsen äußern. Die verbal und nonverbal dargestellten Gefühle stellen bereits eine Verbindung zu dem Tier her. Entsteht eine Öffnung in Richtung eines Dialoges, sei es auch nur über eine Imitation des Verhaltens, kann sich ein Gefühl von „angenommen werden“ daraus entwickeln, aus dem eine Steigerung von Selbstwertgefühl zum Selbstwertbewusstsein resultieren kann. 47
Jedes Lebewesen reagiert auf Reize aus seiner Umwelt. Jede Aktivierung bewusster Prozesse ist von Emotionen begleitet, die psychische Aktivitäten bewerten, indem sie ihnen eine positive oder negative Tönung geben. Der Mensch lernt, indem seine Umwelt sein erwünschtes Verhalten belohnt und damit positiv bestärkt.
Beim Lernen mit Tieren geht es häufig um die Korrekturen eines „fehlgegangenen Lernens“ durch neuartiges Lernen, wie z.B. das Verlernen von Ängsten, Phobien oder Verhaltensauffälligkeiten, mit Hilfe der klassischen Konditionierung und systematischen Desensibilisierung. 48 Durch eine positive Bestärkung verändern sich neuronale Verschaltungen in unserem Gehirn. Das noradrenerge System sorgt dafür, dass immer diejenigen neuronalen Verschaltungen, die erfolgreich zur Auflösung von Problemen beigetragen haben, effizienter genutzt werden. Je häufiger diese Problemstrategien zum Erfolg führen, desto mehr werden die entsprechenden Nervenverbindungen „gebahnt“. Sie entwickeln sich zu neuronalen „Autobahnen“, während andere Verbindungen, die nicht zum Erfolg geführt haben, verkümmern. 49
Lerntheoretiker arbeiten aber keineswegs nur mit dem Prinzip der Konditionierung, sondern auch mit dem „Lernen an sozialen Modellen“.
46 Vgl.: Monika A. Vernooij / Silke Schneider, Handbuch der Tiergestützten Intervention, Quelle & Meyer Verlag GmbH, 2008, S. 97
47 Vgl.: Otterstedt, Der heilende Prozess in der Interaktion zwischen Mensch und Tier; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 65
48 Vgl.: Erhard Olbrich, Zum Verstehen der tiergestützten Therapie: Versuche einer Integration; in: Menschen brauchen Tiere, Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 194
49 Vgl.: Gerald Hüther, Biologie der Angst, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2002, S. 66
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Lernen spielt sich oft in sozialen Beziehungen ab. Die Qualität der Beziehungen hat einen großen Einfluss auf das Lernergebnis. Unsicherheit und Angst stören die Integration und Organisation komplexer Wahrnehmungen und Reaktionsmuster. Sie zwingen den Menschen zu raschen, eindeutigen Entscheidungen und damit zum Rückgriff auf ältere, bereits gebahnte Bewältigungsstrategien. Was unter diesen Bedingungen nicht stattfindet und auch nicht gelingen kann, ist eine über die bereits vorhandenen Möglichkeiten hinausgehende Fortentwicklung der eigenen Fähigkeit zur Integration, Bewertung und Filterung komplexer Wahrnehmungen.
Wahrnehmungen können nur dann integriert werden, wenn diese in einem zusammenhängenden Kontext erlebt werden. Neue Wahrnehmungen müssen an bereits vorhandene Erfahrungen anknüpfbar sein. 50
Die Eigenschaft der Kongruenz, Empathie und Akzeptanz der Tiere kann daher genutzt werden, um eine stabile Bindung aufzubauen und das Lernen an „sozialen Modellen“ durch Bestärkung zu ermöglichen. 51
An Gefühle, die aufgrund einer Unterdrückung verschüttet sind, ist nur schwer heranzukommen - es sei denn, ein solcher Mensch macht eine Erfahrung, die ihn innerlich tief berührt. Die Tiefenschicht kann durch Tiere angesprochen werden.
Interaktion mit kognitiv eingeschränkten Personen, die ihre Möglichkeit zur bewussten Regulation ihrer Emotionen verloren haben, kein Körpergefühl besitzen oder die Lesart von körperlichen Signalen verloren haben bzw. desorientiert worden sind, können im Umgang mit Tieren auf der Ebene der Tiefenschicht mitschwingen. Prozesse können durchaus auf der Tiefenschicht ablaufen, ohne dass dabei eine „höhere“ Ebene beteiligt sein muss. 52 So kann es geschehen, dass ein äußerst aggressiver Jugendlicher plötzlich Fürsorgeimpulse gegenüber einem Tier empfindet, es zärtlich streichelt und füttert, ohne dass ihm seine Verhaltensänderung im Zusammenhang mit Tieren besonders bewusst wird.
Es wird davon ausgegangen, dass nicht assimilierte traumatische Erfahrungen als komplexe und unabhängige Erinnerungen im Körpergedächnis abgespeichert werden und außerhalb des Bewusstseins wirken. 53
50 Vgl.: Prof. Gerald Hüther, Was Hänschen nicht lernt…, Gerald Hüther im Gespräch mit Gabriele Heise, Redaktion Sabine Seiferth, Auditorium Netzwerk, Müllheim, 2003
51 Vgl.: Karen Pryor, Positiv bestärken- sanft erziehen, Kosmos Verlag, Stuttgart, 2006, S. 7
52 Vgl.: Erhard Olbrich, Zum Verstehen der tiergestützten Therapie: Versuch einer Integration; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, Stuttgart, S. 186
53 Vgl.: Wilma Weiß, Philipp sucht sein Ich - Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen, Juventa Verlag, München, 2009, S. 55
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Die tiergestützte Pädagogik und tiergestützte Therapie kann ein Weg sein, durch eine positive Interaktion das Körpergedächnis zu fördern und Tiere als verlässliche Partner zu erleben. Gefühle von Zuneigung und Vertrauen können zugelassen werden, und sei es erst einmal nur im Kontakt zu Tieren. Im Innehalten und Spüren der eigenen Wahrnehmung mit Tieren werden Körpergefühl und Empfindung in ihrer Vielfalt sensibilisiert und erprobt. Über den Kontakt zu Tieren können weiterreichende Empfindungen wachgerufen werden.
Gerade bei Menschen, deren kognitive Erfassung ihrer Umwelt eingeschränkt ist, ist die körperliche Arbeit ein guter Weg, Kontakt zu den eigenen Gefühlen und Empfindungen wieder zu erlangen bzw. neue Erfahrungen zu machen. Aus den Verhaltensänderungen kann wiederum „etwas“ Neues entstehen. Lernen ist ein Prozess der Veränderung von Verhaltensweisen und Verhaltensbereitschaften, sie beinhaltet eine Zunahme von Wissen, Erfahrungen, Dispositionen und deren Bedeutung und Sinn. 54
Unsere Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten sind auf eine ganzheitliche Umwelt abgestimmt. Wie wir eine Verbindung mit ihr eingehen, hängt mit den frühkindlichen Erfahrungen zusammen, auf dass ich im nächsten Kapitel eingehen werde.
54 Vgl.: Andreas Schwarzkopf, Erhard Olbrich, Lernen mit Tieren, in: Menschen brauchen Tiere, Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 257
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3. Bindungstheorie
Bindungstheorie und Bindungsforschung haben sich seit ihrer Begründung durch John Bowlby und Mary Ainsworth zu einem außerordentlich aktiven interdisziplinären Forschungsprogramm entwickelt. Im Fokus der klassischen Bindungstheorie steht die Unterscheidung spezifischer Interaktionsmuster zwischen Kindern und ihren Bindungspersonen in bindungsrelevanten Situationen.
Diese Muster werden als tendenziell zeit- und situationsstabile Bindungsmuster verstanden. Das typische individuelle Bindungsverhalten wird nicht nur als charakteristisch für eine bestimmte Bindungsbeziehung gewertet, vielmehr wird davon ausgegangen, dass den Bindungsmustern unterschiedliche Verhaltensweisen und Erlebnisinhalte einer Person entsprechen. Es wird davon ausgegangen, dass es Zusammenhänge gibt, zwischen der späteren Selbstregulation einer Person und der Nähe und Form früheren Mustern einer Bindungsbeziehungen. 55
In diesem Zusammenhang stehen auch artübergreifende Bindungspotentiale. Zwar können Tiere keine menschliche Bezugsperson ersetzen; domestizierte Tiere können aber eine Bindung eingehen, die den Ausgangspunkt für die Entwicklung einer wechselseitigen Beziehung zwischen Mensch und Tier bildet.
3.1. Die Entwicklung von sozialen und kommunikativen Fähigkeiten durch Bindung Von Geburt an befinden sich Kinder in einem dichten emotionalen Austausch mit Personen, die für sie sorgen. Dieser Prozess wird als primäre Intersubjektivität bezeichnet. 56 Intersubjektivität ist die Fähigkeit an Interaktionen von Angesicht zu Angesicht teilzunehmen und eine Anpassung der eigenen subjektiven Aktionen an der Subjektivität anderer vorzunehmen. Die primäre Intersubjektivität ist der Kontext, aus dem soziale als auch kommunikative Fähigkeiten entstehen. Sie ist die Voraussetzung adaptiver und effektiver Emotionsregulation. Die komplexe Steuerung der Verhaltensanpassung vollzieht sich dabei auf der Ebene intuitiver Regulationsprozesse, die sich der bewussten Wahrnehmung und Kontrolle entziehen. Diese Regulationsprozesse entstehen durch hormonelle Regulatoren wie Oxytozin, Prolactin und Vaso-
55Lieselotte Ahnert, Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung, Ernst Reinhardt Verlag, München, 2004, S. 65
56 Vgl.: Kim A. Bard: Die Entwicklung von Schimpansen, die von Menschen aufgezogen werden; in Brisch/Hellbrügge: Kinder ohne Bindung, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2006, S. 53
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pressin, endogene Opiate und neurologische Transmittersysteme, die die anfängliche wechselseitige Anpassung und Abstimmung sowohl durch Dämpfung der Stressaktivität als auch durch en-dorphinabhängige Belohnung erleichtern. 57
Im Laufe der Bindungserfahrung entwickelt das Kind eine innere Repräsentation von Bindung. Je nach Qualität der Bindungserfahrung organisiert das Kind seinen Zugang zu eigenen Gefühlen, Bewertungen und bindungsrelevanten Erinnerungen und reguliert darüber sowohl die emotionale Kommunikation innerhalb der Person, als auch, die Kommunikation mit anderen Personen.
Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung entwickeln sich aus bindungsrelevanten Situationen. Sicher gebundene Kinder entwickeln mehr soziale Kompetenz, sind kooperativer, zugewandter und empathischer als unsicher gebundene Kinder, die teilweise emotionale Informationen nur eingeschränkt bzw. verfälscht bewerten können. 58
Nach Mary Ainsworth kann ein Säugling nur dann eine Bindungssicherheit gewinnen, wenn er von mindestens einer feinfühligen Person umsorgt wird, die seine Signale wahrnimmt, richtig interpretiert und darauf prompt und angemessen reagiert. Forschungsgrundlage der Arbeit von Ainsworth ist die „Fremde Situation“ (1978), die - durch eine wiederholte Trennung von der Mutter in einer fremden Umgebung und Alleinsein mit einer fremden Person - eine Belastungssituation für den Säugling herstellt.
Das Bindungsverhalten gegenüber dem Kind dient zum Wiederherstellen seiner Sicherheit in Situationen von Angst oder Überforderung. Das Kind nutzt die Vertrauensperson zur Gefahrenabwehr und zur Regulation seiner Gefühle. Von dieser Vertrauensbasis aus erkundet es die Welt und macht sie sich zugänglich. Ob und inwieweit die Vertrauensperson dem Kind als sichere Basis zur Verfügung steht, hängt neben der aktuellen Situation auch von den eigenen Bindungserfahrungen der Vertrauensperson ab.
Je nach Qualität der frühen Bindungserfahrung wird zwischen einem sicheren, unsichervermeidenden, unsicher-ambivalenten und desorientierten Bindungsverhalten unterschieden:
57 Lieselotte Ahnert, Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung, Ernst Reinhardt Verlag, München, 2004, S. 65
58 Andrea Beetz, Bindung als Basis sozialer und emotionaler Kompetenzen; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 78
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Sicheres Bindungsverhalten: Bindungsverhalten (Sicherheit wieder herstellen) und Ex-plorationsverhalten (Spielen, Erkunden) wechseln einander ab und stehen in Balance zu-einander;
Unsicher-vermeidendes Bindungsverhalten: Unterstützt wird das Kind, wenn es etwas kann oder schafft (Bemeisterung) oder wenn es Freude ausdrückt. Das Bindungsverhalten des Kindes ist deaktiviert, da es wenig positiv beantwortet wird;
Unsicher-ambivalentes Bindungsverhalten: Unvorhersehbare Reaktionen auf seine Bedürfnisse geben dem Kind keine klare Orientierung. Sein Weinen wird ignoriert oder die Mutter unterbricht sein Spiel, weil sie das Bedürfnis nach Nähe und Körperkontakt hat. Das Bindungsverhalten des Kindes ist ständig aktiviert, da es sich aufgrund der Unvorhersehbarkeit sich fortwährend über den Zustand der Beziehung vergewissern muss. Auch bei Anwesenheit der Mutter kann es sich kaum auf ein Spiel (Exploration) einlassen;
Desorganisierte / desorientierte Bindungsanteile können innerhalb aller drei Bindungsqualitäten auftreten. Das Kind zeigt dann einen kurzfristigen Zusammenbruch seiner Verhaltens- und Aufmerksamkeitsstrategie. Es kann die anwesende Bindungsperson nicht als sichere Basis nutzen, scheint nicht einmal ihre Anwesenheit zu realisieren. Einerseits kann das Elternverhalten durch Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellen Missbrauch gekennzeichnet sein, welches für das Kind beängstigend oder traumatisierend ist. Andererseits kann eine ungelöste Traumatisierung der Eltern vorliegen (Tod naher Angehöriger, eigene Erfahrung von Gewalt etc.), die zu verängstigtem Elternverhalten oder wiederholter kurzzeitiger innerer Abwesenheit führt. Das Kind findet bei den Eltern keine „sichere Basis" zur Regulation seiner Gefühle.
Die adaptiven Funktionen der frühen Bindungsbeziehungen gehen aber weit über die Vermittlung von emotionaler Sicherheit in Belastungssituationen hinaus. Die Integration von Erfahrungen mit sich selbst, dem Gegenüber und der Umwelt, sowie die Entwicklung von Kommunikation und Sprache, von sozialer Kognition und der Symbolisationsfähigkeit, der Bedürfnisse nach Exploration und selbst initiiertem Lernen im Spiel, nach Selbstwirksamkeit und Autonomie und
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nach Intersubjektivität im Zwiegespräch, sollte möglich sein, um eine Entwicklung zu gewährleisten. 59
Interaktionen dieser Art lassen sich nicht nur bei Babys, sondern auch bei Schimpansenbabys nachweisen. Bard belegte in Studien, dass neugeborene Schimpansen Gesichtsausdrücke initiieren. 60 In der nachahmten, Tonfolgen imitierten und in der Lage waren soziale Spiele zu elterlichen Fürsorge von Schimpansen werden, komplementär zum menschlichen Bindungsaufbau, interaktive Verhaltensweisen zur Entwicklung der Kommunikation und der sozialen Fähigkeiten angewendet. Diese werden durch wechselseitig abgestimmte, physiologische, hormonelle und neuronale Reaktionen sowie von olfaktorischen, gustatorischen und taktilen Austauschprozessen begleitet. 61
Durch Beobachtung des Bindungsverhaltens in der Tierwelt wird davon ausgegangen, dass domestizierte Tiere einen Bindungsaufbau artübergreifend herstellen können. 62 Dies kann in der tiergestützten Pädagogik genutzt werden, um Beziehungsaspekte zu vermitteln.
Misshandelte und/oder vernachlässigte Menschen neigen zu unsicheren, vermeidenden und desorganisierten Bindungsmustern. Der massive Vertrauensverlust macht ihnen das Eingehen von Beziehungen sehr schwer. Sie können meistens die erlebten und leidvollen Erfahrungen nicht integrieren. 63 Im Umgang mit Tieren können dagegen Gefühle frei geäußert werden, ohne Gefahr zu laufen, dass ein existenzieller Verlust von Zuneigung eintritt oder angedroht wird. 64 Der Klient kann seine Aufmerksamkeit auf die Begegnung fokussieren, die bislang durch unsicheres, vermeidendes oder desorientiertes Verhalten geprägt ist. Das Tier begegnet dem Menschen wertfrei, prompt und zuverlässig. Dies ermöglicht ein authentisches Agieren und Reagieren im Kontakt mit Tieren. Es bietet sinnliche Erfahrungen durch Körperkontakt, regt zu körperlicher Tätigkeit an und vermittelt ein „guter Zuhörer“ zu sein. Durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit, der Achtsamkeit
59 Vgl.: Mechthild Papousek: Bindungssicherheit und Intersubjektivität. In Brisch/Hellbrügge: Kinder ohne Bindung. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2006, S. 63
60 Vgl. Kim A. Bard: Die Entwicklung von Schimpansen, die von Menschen aufgezogen werden. In Brisch/Hellbrügge: Kinder ohne Bindung. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2006, S. 48
61 Vgl.: Mechthild Papousek: Bindungssicherheit und Intersubjektivität. In: Brisch/Hellbrügge: Kinder ohne Bindung. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2006, S. 65
62 Es wurden, mit Hilfe der „Fremde Situation“nach Ainsworth, vorläufige Ergebnisse zu unterschiedlichen Bindungsqualitäten bei von Menschen aufgezogenen Schimpansen erreicht. Die vorläufigen Analysen der Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass die meisten von Menschen aufgezogenen Schimpansen sichere Bindungen mit dem Pflegepersonal entwickeln (Bard, 1999).
Vgl.: Kim A. Bard: Die Entwicklung von Schimpansen, die von Menschen aufgezogen werden. In Brisch/Hellbrügge: Kinder ohne Bindung. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2006, S. 55
63 Vgl.: Wilma Weiß, Philipp sucht sein Ich - Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen, Juventa Verlag, München, 2009, S. 47
64 Vgl.: Nienke Endenburg, Tiere in der Entwicklung und Psychotherapie; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, 2003, S. 123
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und des Respekts dem Gegenüber, entsteht ein Dialog, der Eigenwahrnehmung durch Sensibilisierung bereichert.
Über die Attraktivität des Tieres lässt sich oftmals eine Verbindung herstellen, die zu dem Besitzer des Tieres ausgeweitet wird. Entsteht eine warme, lebendige und empathische Beziehung zwischen Tier und Klient, kann sich diese auch auf die Beziehung zwischen Klient und Therapeut übertragen. 65
3.2. Du-Evidenz und Spiegelneuronen als Vorraussetzung zum Bindungsaufbau
Der Begriff der Du-Evidenz wurde 1922 von dem deutschen Denk- und Sprachpsychologen Karl Bühler (1879-1963) geprägt. Er verstand darunter die Fähigkeit und das Bewusstsein eines Menschen, eine andere Person als Individuum, als „Du“, getrennt wahrzunehmen und zu respektieren. 66
Die Du-Evidenz ermöglicht auch zwischen Menschen und domestizierten Tieren Beziehungen einzugehen, die denen von Menschen bzw. Tieren unter sich ähnelt. Die Initiative zur partnerschaftlichen Beziehung geht dabei eher von dem Menschen aus; ob das Tier diese Evidenz erwidert oder nicht bleibt dabei unerheblich. Bedeutend ist die „subjektive Gewissheit, es handelt sich bei einer solchen Beziehung um eine Partnerschaft“. 67 Die Du-Evidenz wird als die unumgängliche Voraussetzung für die tiergestützte Intervention betrachtet. 68
Zudem bieten Tiere aufgrund einer positiven Anthropomorphisierung, d. h. der Neigung des Menschen, Tiere menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, diverse Identifikationsmöglichkeiten. Beispielsweise werden in Fabeln redende Tiere, anstelle von Menschen, dargestellt, um gewisse moralische Aspekte zu vermitteln.
Spiegelneurone in unserem Gehirn spielen eine Schlüsselrolle, wenn wir uns in andere Menschen einfühlen, wenn wir dessen Gefühle und Absichten erspüren oder auch wenn wir Mitleid empfinden. Giacomo Rizzolatti hat die Spiegelneuronen 1995 in der Großhirnrinde von Rhesusaffen entdeckt.
65 Ebda Nienke Endenburg, S. 127
66 Vgl.: Monika A. Vernooij / Silke Schneider, Handbuch der Tiergestützten Intervention, Aula Verlag GmbH, 2010, S. 7
67 Vgl.: Sylvia Greiffenhagen, Oliver H. Buck-Werner, Tiere als Therapie - Neue Wege in Erziehung und Heilung, Kynos Verlag, Nerdlen, 2007, S. 26
68 Ebda Sylvia Greiffenhagen, Oliver H. Buck-Werner, S. 22
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Die Neuronen haben die erstaunliche Eigenschaft, immer gleich zu reagieren, egal ob eine Handlung selber ausführt oder ob diese Handlung bei anderen beobachtet wird. Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die auch im menschlichen Gehirn während der Betrachtung eines Vorgangs die gleichen Potenziale auslösen, wie sie auch entstünden, wenn dieser Vorgang aktiv gestaltet werden würde. Durch die Reaktion von Spiegelneuronen ist der Mensch in der Lage im Sinne von Empathie zu fühlen, was das Gegenüber empfindet. 69 Die Reaktion der Spiegelneurone ist nur begrenzt beeinflussbar, weil sie offenbar nicht der kognitiven Steuerung unterliegen. 70
Erkennbar ist die wechselseitige Spiegelung zwischen Mensch und Tier in der gemeinsamen Aufmerksamkeits- und Blickorientierung mit dem Tier („Joint Attention“). 71 Tiere können somit Resonanzphänomene beim Menschen hervorrufen.
Über Resonanzphänomene oder Imitation von Verhalten kann eine weiterführende Kommunikation entstehen. Je nachdem wie bisher Bindung erlebt worden ist, wird Verbindung gestaltet. Das jeweilige Ausdrucksverhalten, über Gestik, Mimik und Blickkontakten sowie Körperhaltung und Lautbildung, steht auch im Zusammenhang mit der Bereitschaft eine Verbindung einzugehen. Wie dabei Informationen über den emotionalen Zustand, der Motivation und Verhaltensbereitschaft ausgetauscht werden, wird unter anderem im nächsten Kapitel thematisiert.
69 Ebda Sylvia Greiffenhagen, Oliver H. Buck-Werner, S. 176
70 Vgl.: Giacomo Rizzolatti, / Corrado Sinigaglia, Empathie und Spiegelneuronen - Die biologische Basis des Mitgefühls, Suhrkamp Verlag, 2008, S. 136
71 Vgl.: Monika A. Vernooij / Silke Schneider, Handbuch der Tiergestützten Intervention, Aula Verlag GmbH, 2010, S. 12
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4. Kommunikation und Interaktion
Ohne Kommunikation funktioniert das Zusammenleben weder bei den Menschen noch bei den Tieren.
Im Tierreich stehen viele Formen der Kommunikation zur Verfügung. Wenn Hyänen ihre Nackenhaare sträuben, Wölfe ihre Ohren anlegen, Wale singen und Glühwürmchen leuchten, dann sind diese Warn- und Lockzeichen für ihre Artgenossen eindeutige und lebenswichtige Botschaften. Kommunikation findet aber auch zwischen Angehörigen verschiedener Arten statt: zwischen Räuber und Beute oder Parasit und Wirt.
Über diese Artengrenze hinweg verständigt sich auch der Mensch mit seinen Haustieren. In den folgenden Kapiteln wird auf die bislang bekannten Kommunikationsebenen eingegangen, um aufzuzeigen, wie eine Kommunikation und Interaktion zwischen Mensch und Tier möglich ist.
4.1. Die menschliche Kommunikation
Ursprünglich als ein Modell zur Erklärung der Funktionsmechanismen der technischen Kommunikation wurde das „Sender-Empfänger-Modell“ von Claude Shannon 72 schon bald von Wissenschaftlern, wie George A. Miller 73 (1968), als ein Modell der Kommunikation angesehen, das jede Form kommunikativer Austauschprozesse erklären könne. 74 Anders als im technischen Bereich existiert jedoch bei der menschlichen Kommunikation keine bindende Übereinkunft zwischen Sender und Empfänger bezüglich des Encodierungs- und Decodierungsprozederes. Der Informationsaustausch beim Menschen stützt sich vielmehr in hohem Maße auf Zeichensysteme, denen keine linguistischen Konventionen zugrunde liegen. 75
Hauptträger dieses nicht verbalen Referenzsystems 76 sind visuelle Stimuli, also Gestik, Mimik, Körperhaltungen, Bewegungsabläufe sowie die statischen Merkmale des äußeren Erscheinungsbildes. Doch abgesehen von einer kleinen Anzahl von Bewegungsmustern, wie das
72 Vgl.: Claude Shannon: The mathematical theory of communication, 1948, S. 379-423, S. 623-656 [Dt. Übers. von Helmut Dressler, Verlag Oldenbourg, München, 1976]
73 G. A. Miller ist seit 1979 Professor für Psychologie an der Princeton University.
74 Vgl.: Siegfried Frey, Die Macht des Bildes, Verlag Hans Huber, Bern, 1999, S. 53
75 Ebda Siegfried Frey, S. 65
76 Eine Beschreibung natürlich menschlicher Bewegung versucht das Berner System aufzuzeigen, welches Frey maßgeblich mitentwickelt hat. In seinem Kern besteht es aus einem Notationssystem zur Beschreibung von Positionskonfigurationen, die die Verlaufsstruktur des Bewegungsverhaltens definieren.
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„Kopfschütteln“ und „Schulterzucken“, die bestimmte Redefloskeln ersetzen, steht für uns kein Lexikon zur Verfügung in dem der Sinngehalt von Gestik, Mimik und Körperhaltung nachgelesen werden kann. 77 Trotzdem wird permanent nonverbale Kommunikation gewertet. Das Erfahrungskontingent, welches bereits seit der Geburt angelegt und klassifiziert wird, wird in die nonverbale Kommunikation mit einbezogen, um Körpersignale zu interpretieren. Die Einbeziehung der früheren Erfahrungen muss nicht unbedingt bewusst werden. 78
Mimik spielt aber nicht die entscheidende Rolle bei der Kommunikation, wie Frey in seinem Experiment, mit nachgestellten Bewegungsabläufen durch Roboter, feststellte. Viel mehr ist es die Deutung von Bewegungsabläufen, die die Wahrnehmung und Interpretation des Gesehenen beeinflussen.
Die zwischenmenschliche Kommunikation ist somit ein komplexes System der Informationsweitergabe und Informationsverarbeitung. In Millisekunden werden auf verschiedenen Kommunikationsebenen übergreifend Informationen ausgetauscht. Auf den verschiedenen Kommunikationsebenen wird zwischen der digitalen und der analogen Ebene unterschieden: Die digitale, verbale Kommunikation verfügt über eine komplexe Syntax, die analoge, nonverbale Kommunikation über eine semantische Bedeutung von Informationen. Auf der analogen Ebene werden daher die Beziehungsaspekte, auf der digitalen mehr die Inhalte vermittelt. Ob und wie Inhalte der verbalen Kommunikation aufgenommen werden, wird auf der Beziehungsebene bestimmt. 80
Der englische Philosoph H. Paul Grice hob in seiner sprachtheoretischen Arbeit Logik und Konservation hervor, dass das Kommunikationsverhalten des menschlichen Senders unter dem heimlichen Diktat des Empfängers stehe. Grice beschrieb dabei eine zwischen Sender und Empfänger geltende Reihe stillschweigender Verhaltensregeln, die er mit den Begriffen Quantität, Qualität, Relevanz und Modalität umschrieb. 81
77 Vgl.: Olbrich, Zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehung aus der Sicht der Verhaltensforschung; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 41
78 Vgl.: C.G. Jung, Der Mensch und seine Symbole, Walter Verlag AG, Olten 1968, S. 21
79 Siegfried Frey, Die Macht des Bildes, Verlag Hans Huber, Bern, 1999, S. 136
80 Vgl.: Metakommunikatives Axiom von Paul Watzlawick
81 Vgl.: Siegfried Frey, Die Macht des Bildes, Verlag Hans Huber, Bern, 1999, S. 74
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Sie verpflichten den Sender, sicherzustellen, dass seine Mitteilungen weder mehr noch weniger Informationen enthalten als nötig (Quantität), dass sie nicht ungeprüft oder gar unwahr sind (Qualität), nicht irrelevant im Hinblick auf den infrage stehenden Sachverhalt sind (Relevanz) und nicht in einer mehrdeutigen Art vorgetragen werden (Modalität). 82 Werden diese Verhaltensregeln als nicht eingehalten erkannt, kann dies zu einer Störung bzw. zu einem Abbruch des Kommunikationsprozesses führen.
Das Kooperationsprinzip gilt nicht nur auf der digitalen Kommunikationsebene, sondern ebenso auf der analogen. Auf der Beziehungsebene ist der Sender darum bemüht eine geeignete nonverbale Kommunikation zu führen, die bei seinem Gegenüber einen bestimmten, gewollten Eindruck erweckt bzw. er sucht zu verhindern, dass der Empfänger zu einem für den Sender ungeeigneten Eindruck gelangt. 83
Der französische Anthropologe Dan Sperber und die englische Linguistin Deirdre Wilson erwähnten in ihrer Arbeit, dass Grice im Rahmen seiner sprachphilosophischen Betrachtungen das theoretische Fundament für ein tieferes Verständnis auch der analogen Kommunikation gelegt habe. In ihrem erstmals 1986 erschienenen Werk Relevance - Communication & Cognition entwickelten sie auf der Ebene der Relevanztheorie von Grice, die These der inferenziellen Kommunikation: Die Sinngebung für die Zeichen sei das Ergebnis einer nur pragmatisch begründeten Schlussfolgerung des Empfängers, die in der Regel durch nonverbale Stimuli hervorgerufen werden. 84
Während nun der technische Empfänger die Information, mit der ihn der Sender füttert, sozusagen geduldig hinnehmen muss, ist der menschliche Empfänger keineswegs gezwungen -und auch nicht gewillt - dem Sender bei der Auswahl der Mitteilungen, die ihm präsentiert werden, freie Hand zu lassen. Er besteht viel mehr strikt darauf mit Informationen versorgt zu werden, die für ihn auch tatsächlich relevant sind, und zwar gemäß seiner eigenen Maßstäbe. 85
82 Vgl.: Herbert Paul Grice, Logik und Konversation; in: Meggle (Hg.): Handlung, Kommunikation, Bedeutung, Frankfurt am Main, 1993, S. 243-265
83 Vgl.: Siegfried Frey, Die Macht des Bildes, Verlag Hans Huber, Bern, 1999, S. 74
84 Vgl.: Dan Sperber, Deirdre Wilson, Relevance. Communication & Cognition, Blackwell Publishers, 1988, S. 146
85 Vgl.: Siegfried Frey, Die Macht des Bildes, Verlag Hans Huber, Bern, 1999, S. 74
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Nehmen sich zwei Personen wahr, so kommunizieren sie miteinander, sei es bewusst oder unbewusst. Paul Watzlawick versteht Verhalten jeder Art als Kommunikation. Man kann sich nicht nicht verhalten. Verhalten besitzt kein Gegenteil. Daraus schließt Watzlawick, dass man nicht nicht kommunizieren kann. 86
4.2. Über die Kommunikation von Tieren
William Thorpe, Professor an der Universität Cambridge, bedeutender Zoologe und Verhaltensforscher, nutzte in den 40er-Jahren als erster europäischer Forscher die Methode der Schallspektrografie zur Analyse der Feinstruktur des Vogelgesangs. Hierbei wird das Schallsignal, vergleichbar wie bei der Brechung von Licht mit Hilfe eines Prismas, in einzelne Frequenzbe-standteile zerlegt und grafisch dargestellt. 87
Die vielen akustischen Töne konnten, wie z. B. im zeitlichen Verlauf, im Wechsel der Tonhöhen und Intensitäten (Lautstärken), analysiert werden. Der Frequenzbereich der Vögel ist beachtlich. Bei allen Tieren kann man Lautäußerungen beobachten, die in ihrer Tonhöhe und Intensität variieren. Ob Tiere eine der menschlichen Lautsprache ähnliche Sprache kennen, und sogar mit ihrer Hilfe wechselseitig kommunizieren wird diskutiert.
Beobachtet man nun die Ohren eines Pferdes, so sieht man, dass sie selten stillstehen. Sie bewegen sich unentwegt und erfassen die leisesten Geräusche aus ihrer Umgebung. Gibt ein Vogel ein Alarmsignal, so spitzen sie die Ohren und sind zur Flucht bereit. Für die wild lebenden Vorfahren der domestizierten Pferde war diese Fähigkeit existenziell wichtig: Die einzige Form des Schutzes bestand darin, sich bei Gefahr schnell aus dem Staub zu machen, ehe ein Raubtier zum Sprung ansetzen konnte.
Die Ohrenbewegungen geben Auskunft über die Art und den Grad der Aufmerksamkeit, dass das Pferd einem Geräusch entgegenbringt. Aus der Ohrenstellung, anderer Pferde in seiner Umgebung, kann es den Ursprungsort des Geräusches und die Intensität des Interesses an dem Geräusch erkennen. 88
Die Stellung der Ohren beschreibt aber auch die Gemütsverfassung des Pferdes. Ist ein Pferd müde oder teilnahmslos, fallen die Ohren zur Seite; hat es Angst vor dem Reiter fallen die
86 Vgl.: Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson von Huber, Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien, Bern, 2007
87 Vgl.: William Thorpe, www.wikipaedea.de
88 Vgl.: Desmond Morris, Horsewatching , Wilhelm Heyne Verlag, München, 2001, S. 26
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Ohren seitwärts zur Seite, die Ohrmuscheln sind jedoch rückwärts auf den Reiter gerichtet. 89 So kommt den Ohren eine doppelte Funktion zu: Zum einen empfangen sie hörbare Signale, zum anderen „senden“ sie optisch Signale aus.
Ein Indikator für das gegenseitige Verhältnis von Pferden ist die Körperpflege. Je freundlicher zwei Pferde einander gesonnen sind, desto intensiver kraulen sie sich wechselseitig das Fell; je feindlicher sie sich gegenüberstehen, umso weniger kann eine gegenseitige Körperpflege beobachtet werden. 90 Dieses Verhalten lässt sich auch bei Affen und anderen Tierarten beobachten.
Über die Laut- und Gebärdensprache geben Tiere Auskunft über ihre Gemütsverfassung weiter, knüpfen Beziehungen an und tauschen Informationen aus.
4.3. Die Mensch-Tier-Kommunikation
Tiere können den Inhalt eines Wortes nicht verstehen. Durch die Verbindung von Wort und einer dazugehörigen, verbindlichen, nonverbalen Botschaft kann sich eine „gemeinsame“ Sprache zwischen Mensch und Tier entwickeln. Mithilfe des Stimm- und Körperausdrucks entnimmt das Tier die ihm nützlichen Informationen.
Auch das Tier entscheidet darüber, ob die Information für ihn entscheidend oder einen zu vernachlässigenden Ausdruck beinhaltet. Sitzt man planlos auf dem Rücken eines Pferdes, wird es anfangen zu grasen, bis die Information des Reiters eindeutig und sinnvoll für das Pferd erscheint.
Während in der zwischenmenschlichen Kommunikation digitale und analoge Kommunikation miteinander verwoben sind, ist die digitale Kommunikation in der Mensch-Tier-Kommunikation zum größten Teil ausgeschlossen. Dies birgt den Vorteil, Kommunikation zu ver-
89Ebda Desmond Morris , S. 24
90 Ebda Desmond Morris , S. 88
91 Vgl.: Carola Otterstedt, Tiere als therapeutische Begleiter, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2001, S. 170
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einfachen: Bei der analogen Kommunikation können Double-Bind-Botschaften ausgeschlossen werden. Es ist unmöglich gleichzeitig Freude und Traurigkeit auszudrücken, Wut und Empfindsamkeit oder dem Gegenüber nah und distanziert zu sein. Nebenbotschaften (Implikatoren) sind in der analogen Kommunikation nicht vorhanden. Viel mehr ist analoge Kommunikation eindeutig. Sie mindert grundlegende Diskrepanzen, zwischen Inhalts- und Beziehungsaspekten, und hilft paradoxe Kommunikation zu vermeiden. 92
Eine der erfolgreichsten Kommunikationsformen, zwischen Mensch und Tier, ist die Beobachtung des Anderen, das Nachahmen von Kommunikationselementen und die Beobachtung der Reaktion auf diese Nachahmung. Der Mensch kann dabei das Tier als eine Art Spiegel seiner nonverbalen Signale nutzen. Das Tier reagiert nicht verzögert auf die vom Sender ausgedrückten Signale, sondern spontan. Der unmittelbare Bezug zu der gesendeten Botschaft ist daher gegeben. 93
Zu beachten sind dabei die zwischenartlichen Missverständnisse, die durch konträre Bedeutung der Signale entstehen. Während für den Hund entblößte Zähne eine starke Drohgebärde darstellen, will der Mensch durch sein Lachen nur Freude übermitteln. Es geht bei der Kommunikation zwischen Mensch und Tier nicht darum, dass das Tier den Menschen versteht und sich seiner Ausdrucksweise anpasst, sondern dass auch der Mensch Ausdruckssignale des Tieres, gemäß seiner Art, richtig deutet und sein Verhalten dementsprechend angleicht, um eine positive Interaktion zu erreichen.
4.4. Die Mensch-Tier-Interaktion
Bei der Interaktion zwischen Mensch und Tier sind Nähe und Distanz, Körperkontakt und das Respektieren von Individualgrenzen wichtige soziale Orientierungen. 94 Es geht also nicht um die Ausführung von manipulierendem und kontrollierendem Verhalten, sondern um die freie Begegnung. Beide, Mensch und Tier, sind zugleich aktive und damit handelnde Partner.
Während der gegenseitigen Wahrnehmung entstehen Sinneseindrücke, die mit Emotionen, wie Angst, Freude, Schreck usw. verknüpft werden. Diese Bewertung beeinflusst die Lenkung der Aufmerksamkeit während der Interaktion auf bestimmte Sinnesreize. Je nach Fokussierung von Aufmerksamkeit auf bestimmte Reize entsteht eine andere Art von Interaktion. Gründe, einen Sinnesreiz verstärkt wahrzunehmen oder nicht wahrzunehmen, sind persönliche Interessen, bewusste Fokussierung
92 Vgl.: Erhard Olbrich, Kommunikation zwischen Mensch und Tier; in: Olbrich/Otterstedt: Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, 2003, S. 87
93 Vgl.: Carola Otterstedt, Der Dialog zwischen Mensch und Tier; in: Olbrich/Otterstedt: Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 98
94 Ebda, S. 98
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sowie Schutzmechanismen, wie z.B. Verdrängung. Der Inhalt und die Qualität der Sinneswahrnehmung (Perzeption), also deren Ausrichtung und Schärfe, können auch bewusst durch eine gezielte Aufmerksamkeitslenkung gesteigert werden.
Grundsätzlich wird zwischen der Extero- und der Interozeption 95 unterschieden. Die Exterozeption bezeichnet allgemein die Wahrnehmung der Außenwelt durch die fünf Sinne: Sehen, Riechen, Schmecken, Hören und Fühlen. Das Fühlen umfasst die Wahrnehmung von Berührung, Schmerz und Temperatur (Oberflächensensibilität) sowie die Unterscheidung zwischen einer aktiven und passiven Berührung.
Der Begriff Interozeption wird als Oberbegriff der Wahrnehmung des eigenen Körpers verwendet. Dazu gehören die Wahrnehmung der eigenen Körperlage und die der Bewegung im Raum.
Bei der ersten Kontaktaufnahme sprechen Menschen Tiere in der Regel zunächst verbal an. In der Ansprache wird das Gesagte meistens unbewusst durch Körpersprache illustriert. Allein die analoge Kommunikation fungiert hierbei als Brücke zwischen Mensch und Tier. 96 Aus dem anfänglichen Austausch von Lauten und Gesten entwickelt sich dann in der Regel ein nonverbales Zwiegespräch; ein Dialog zwischen Mensch und Tier. Das Agieren und Reagieren, egal ob die Initiative zunächst vom Menschen oder vom Tier ausgeht, ist der Beginn einer gemeinsamen Kommunikation. Wie diese gestaltet wird, entspricht der jeweiligen Handlungs- und Verhaltenskompetenz.
Voraussetzung für ein Gelingen von Interaktion ist die angemessene Interpretation der gestellten Erwartungen, der bewussten Handlungsgründe und der Handlungsziele. Sie umfasst die gegenseitige Wahrnehmung, die Annäherung, den Kontakt, die allmähliche Loslösung und zuletzt den Abschied. Die Verabschiedung stellt ein Ritual dar, in die beide sich zuletzt noch einmal ihrer Zuneigung vergewissern können und der Begegnung damit einen positiven Abschluss zu geben.
95 Nach Charles Scott Sherrington (1857-1952)
96 Vgl.: Carola Otterstedt, Der Dialog zwischen Mensch und Tier; in: Olbrich/Otterstedt: Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 95
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5. Eigenwahrnehmung durch Achtsamkeit
Plötzlich können wir uns nicht mehr erinnern, was wir sagen wollten, obwohl der Gedanke kurz vorher noch völlig klar war. Oder der Name eines Freundes entfällt uns gerade in dem Moment, wo man ihn aussprechen möchte. Wir sagen, wir können uns nicht mehr erinnern; in Wirklichkeit ist der Name unbewusst geworden oder hat sich zeitweise von unserem Bewusstsein getrennt. Eine ähnliche Erscheinung gibt es bei unseren Sinnen: Wenn wir einen Dauerton an der Grenze der Hörbarkeit wahrnehmen, scheint der Ton in regelmäßigen Abständen aufzuhören und wiederzukehren. Solche Schwankungen sind aber nicht eine Veränderung des Tones, sondern dem periodischen Nachlassen und Zunehmen der Aufmerksamkeit zuzuschreiben.
Wenn etwas aus unserem Bewusstsein verschwindet, hört es nicht auf zu existieren, genauso wie ein Radfahrer, der um die Ecke gefahren ist, sich nicht in Luft aufgelöst hat. Er ist nur nicht mehr sichtbar. Ebenso, wie wir dem Radfahrer vielleicht wieder begegnen, kommen auch Gedanken wieder, die uns zeitweise „verloren gegangen“ sind.
Ein Teil des Unbewussten besteht aus einer Menge zeitweise entschwundener Gedanken, Eindrücke, Bilder, die unser Bewusstsein ständig beeinflussen. 97 Das Vergessen ist ein Vorgang, in dem gewisse, bewusste Vorstellungen ihre Energie verlieren, weil unsere Aufmerksamkeit abgelenkt worden ist. Etwas bewusst aufzunehmen bedeutet Aufmerksamkeit zu fokussieren.
Wir alle sehen, hören, schmecken vieles, was wir gar nicht bemerken, entweder ist unsere Aufmerksamkeit abgelenkt worden oder der sinnliche Reiz ist zu schwach, um einen bewussten Eindruck zu hinterlassen. Trotzdem kann ein Geruch uns an einen Menschen, ein Tier oder eine Situation erinnern, die wir als innere Bilder plötzlich bewusst wahrnehmen. Über einen längeren Zeitraum lässt sich ein inneres Bild aber nicht behalten. Es obliegt der Änderung der Wahrnehmung. Das innere Bild ist somit einer fortwährenden Veränderung unterworfen. Es obliegt unserer Erinnerung und der neu erfahrenen, gegenwärtigen Darstellung. Um sich Bilder und Vorstellungen bewusst zu machen, bedarf es der Achtsamkeit auf die in uns aufsteigenden Bilder, wenn wir den Stallgeruch einatmen, das Fell berühren und den warmen, lebendigen Körper spüren. Unser Körper erinnert sich an vergangene Berührungen und an die damit einhergehenden Gefühle und Gedanken.
97 Vgl.: C. G. Jung, Der Mensch und seine Symbole, Walter Verlag AG, Olten, 1968, S. 33
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5.1. Gedanken und Wahrnehmungen: Die Bilder in unserem Kopf
Zur Gestaltung einer Beziehung zu einem Tier bedarf es immer einer Kontaktaufnahme, der Achtsamkeit während des Kontaktes und der Verabschiedung. Dabei entspricht die Fähigkeit eines Verbindungsaufbaus auch einer Vervielfachung von Routinehandlungen: Aus der Vielfalt der Handlungsmöglichkeiten gegenüber dem Tier wählen wir jene aus, die zu einem Erfolg führen und eliminiere diejenigen, die uns als „nutzlos“ erscheinen.
Während der Wahrnehmung meines Gegenübers beginnt in mir ein Denkprozess, der verknüpft ist mit einer vergangenen und gegenwärtigen Situation. 98 Ich reproduziere dabei nicht nur meine Vorstellungsbilder aus meinen Erfahrungen und Erinnerungen gegenüber dem Tier, sondern ich vergleiche sie mit den im „Jetzt“ erfahrenen Gegebenheiten:
Wie war meine letzte Begegnung, wie ging es mir in der Begegnung, wie begegne ich gerade in diesem Augenblick dem Gegenüber. Dabei ist nicht nur ausschließlich die Begegnung im Vorder-grund, sondern in diesem Moment wird meine ganze Person involviert:
(1) Sinnesgegenstände:
Der Raum mit seinen Personen, Tieren und Dingen, die mich bei dem letzten Kontakt umgaben und die mich jetzt umgeben. Als Beispiele seien genannt: Wind, Weide, Sonne, Himmel, Dach, die Wände, der Geschmack des Butterbrotes, was ich zwischen durch aß, die leise Musik im Hintergrund, die raue Fläche des Sattels, der Geruch, der kinästhetische Sinn und Gleichgewichtssinn.
(2) Gefühle, Emotionen, Stimmungen:
In welcher Stimmung befinde ich mich? Hatte ich z.B. Ärger, bin ich traurig oder bin ich froh? In welcher Stimmung befindet sich das Tier?
Ist es schreckhaft oder ausgeglichen? Ist es zufrieden oder mürrisch? Ist es gelangweilt?
(3) Körper:
Welche Haltung nehme ich ein, wie bewege ich mich auf das Tier zu? Wie ist z.B. mein Atemrhythmus, habe ich Schmerzen oder Hunger? Welche körperlichen Bedürfnisse hat das Tier? Wie bewegt sich das Tier auf mich zu, wie laufen seine Bewegungen ab?
98 Vgl.: Karl-Heinz Brodbeck, Entscheidung zur Kreativität, Primus Verlag, Darmstadt, 1999 S.44
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(4) Gedanken:
Welche Vorstellungen, welche Erwartungen habe ich? Welche Phantasien, gedanklichen Abschweifungen an andere Orte, Personen und Situationen o.a. bewegen mich?
Während des gesamten Kontaktes bewirkt die Verschmelzung der Modalitäten der vergangenen, der gegenwärtigen und vorangegangenen Situation die Wahrnehmung und bestimmt damit die augenblickliche Handlung. 99 Erinnerung und gegenwärtige Wahrnehmung stehen fortwährend in Bezug zueinander und beeinflussen sich gegenseitig.
Im Kontakt kann das Zeitgefühl und die Wahrnehmung der Umwelt verschwimmen. Rhythmus und Takt der Begegnung versetzen in einen meditativen Zustand, der den Kontakt beeinflusst. In diesem Zustand wirkt das Tier nur sinnlich und meine Handlungen sind intuitiv. Je nachdem worauf meine Aufmerksamkeit gerichtet ist, kann ich die Situation, in der ich mich befinde, und die aus ihr resultierenden Wahrnehmungen und Gedanken bewusst erleben.
Aufmerksamkeit kann dabei zwischen den Modularitäten hin und her pendeln: Nähere ich mich dem Tier gedanklich, so werde ich es abstrakt erleben. Lasse ich es auf mich wirken, so tritt meine Intuitivität in den Vordergrund. Beim Umherschweifen meiner Augen kann das Umfeld stärker in den Beziehungsprozess einbezogen werden.
Durch das Pendeln zwischen Gedanken, Gefühlen, Bewegungen und Sinneseindrücken können andere und neue Aspekte entdeckt werden. Das Neuartige entsteht dabei aus dem jeweils eigenen Erleben der Situation.
99 Vgl.: Karl-Heinz Brodbeck, Entscheidung zur Kreativität, Primus Verlag, Darmstadt, 1999 S.44
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5.2. Fernsicht und Nahberührung
Bewegt sich mein Körper um das Tier herum, ändere ich meine Perspektive und Körperhaltung gegenüber dem Tier. Durch die verschiedenen Ansichten verändere ich auch meine Betrachtung und damit meine Anschauung auf das Tier. Die verschiedenen Ansichten werden in meinem Gehirn zu einem gesamten Bild gesetzt. Die Veränderung der Perspektive, durch Distanz oder Nähe, geht auch mit einer Änderung des Vorstellungsbildes meines Gegenüber einher.
Je größer der Abstand zum Tier wird, desto besser lässt sich die gesamte äußere Gestalt des Tieres überblicken. Bei der Fernsicht treten zusätzliche Dinge oder andere Tiere des Umfeldes ins Blickfeld. Sie bilden eine Beziehung zum Tier. Umfeld und Tier wirken aufeinander. Befindet sich das Tier in einer mir gewohnten Umgebung, macht es auf mich einen ganzen anderen Eindruck, als wenn das Tier in einer mir fremden, oder gar unheimlichen Umgebung steht oder liegt. Ist es mit vielen anderen Tieren in einem Raum, ist es für mich in diesem Moment nicht einzigartig, sondern es verschmilzt als Einheit mit seiner Herde.
Während bei der Fernsicht die Gestalt in den Vordergrund tritt, nehme ich bei der Nahsicht zusätzlich die Gestalt und die Beschaffenheit des Tieres wahr. Durch das Berühren des Tieres erkenne ich die dem Auge verborgene Beschaffenheit seiner Oberfläche. Der Tastsinn informiert mich über die Tiefe von Höhlungen, über Wölbungen und Ausstülpungen. Er informiert mich darüber, dass das Gegenüber lebendig ist, das es atmet, eine warme Körpertemperatur besitzt und sein Herz schlägt. Der Schwerpunkt des Körpers gibt mir Auskunft darüber, ob das Tier sich im Gleichgewicht befindet. Liegt das Tier, so entsteht durch die größtmöglich gewählte Kontaktfläche horizontal zum Boden eine Empfindung von Schwere. Steht das Tier, nehme ich das Tier als Gestalt wahr. Die stehende Form entspricht den inneren Vorstellungsbildern als Gestalt. Durch das Umfassen des Tieres begreife ich aber erst im wahrsten Sinne des Wortes das Tier als Körper.
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5.3. Weitere Ebenen der Wahrnehmung
Verschiedenen Ebenen der Modalitäten und deren Aspekte führen zu einer immer weiteren Entwicklung meiner Aufmerksamkeit und führen damit zu einer Vielschichtigkeit von Wahrnehmung. Fragen nach vorhandenen Modalitäten meiner Wahrnehmung beziehen weitere Ebenen meiner Wahrnehmung ein, z.B.:
Was sehe ich? Was empfinde ich beim Anblick? Woraus? Wovon? Womit? Woher? Wogegen? Welche Position nimmt mein Körper zum Tier ein? Wie stehe ich ihm gegenüber? Welche Haltung? Warum? Wohin gehen meine Gedanken?
Welche Inhalte, Bilder, abstrakte Formulierungen schweben mir durch den Kopf? Wann?
Die verschiedenen Ebenen der situativen Modalitäten und deren Aspekte führen zu einer immer weiteren Entwicklung meiner Aufmerksamkeit und summieren sich zu einer Vielschichtigkeit von Wahrnehmung. Durch Achtsamkeit und Aufmerksamkeit erlebe ich mich und kann mich in meinem Erleben wahrnehmen. Das Erspüren der Lebendigkeit in mir und die Lebendigkeit des Gegenübers entspricht dem Grundbedürfnis von Biophilie. Sie ermöglicht es mir, in meiner Eigenwahrnehmung, mich als ganz wahrzunehmen.
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6. Fallbeispiel: Maria
Auf dem Hintergrund der Bindungstheorie von John Bowlby konnte nachgewiesen werden, dass eine Vernachlässigung der frühen emotionalen Bedürfnisse eines Säuglings großen Stress für diesen bedeutet. Dies spiegelt sich in einer langfristigen Erhöhung der Ausschüttung von Stresshormonen wieder, die eine Schädigung der Hirnreifung zur Folge hat. Auch der körperliche Wachstumsprozess kann stagnieren und bereits erworbene motorische, kognitive und psychische Fähigkeiten können wieder verloren gehen. Solche Prozesse sind Ursachen für die Entwicklung von schweren psychopathologischen Auffälligkeiten, die als Bindungsstörung diagnostiziert werden.
In dem Fallbeispiel „Maria“ möchte ich darstellen, wie es durch eine tiergestützte Intervention möglich sein kann, die Entwicklung der Eigenwahrnehmung zu fördern. Beispielsweise lässt sich die Aufmerksamkeitsregulation von Menschen durch das Stellen von Fragen unterstützen. Auf diese Weise kann auch die Entwicklung emotionaler Bezogenheit und das Verstehen mentaler Befindlichkeiten und Absichten des Gegenübers erweitert werden.
6.1. Darstellung der sozial-kognitiven Fähigkeiten von Maria
Maria ist neun Jahre alt. Sie ist das Jüngste von sechs Geschwistern. Bis zu ihrem fünften Lebensjahr lebte sie halbjährig mit ihrer Familie auf zwei Kontinenten. Eine Schwester lebt noch in Afrika. Seit dem fünften Lebensjahr lebt sie, mit drei ihrer Geschwister, in einer stationären Einrichtung.
Maria gilt als entwicklungsverzögert. Sie kann ihre Muttersprache weder verstehen noch sprechen. Die deutsche Sprache beherrscht sie kaum. Die Auswertung ihrer kognitiven Fähigkeiten ergab in der räumlichen Wahrnehmung und in der Gedächtnisleistung besonders starke Defizite. Es ist ihr nicht möglich sich mehr als drei Gegenstände, Zahlen oder Worte zu merken.
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Sie hat Schwierigkeiten Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten zwischen den Formen zu erkennen. Sie kann weder schreiben noch lesen. Ihre Kompetenz im Rechnen liegt im Zahlenraum von 1 bis 10. Sie kann sich nur kurz auf eine Aufgabe konzentrieren. Beim Spielen oder Basteln zeigt sie sich sprunghaft.
Zurzeit häufen sich in der Schule Konflikte mit anderen Kindern. Oftmals provoziert sie ihre Schulkameraden, in dem sie sich in deren Spiel einmischt und Spielsachen wegnimmt. Daraus ergeben sich Streit, Beleidigungen bis hin zu Rangeleien. Es fällt ihr schwer, eigenständige, gewaltfreie Lösungen im Umgang mit Konflikten zu finden. Viel mehr will sie ihre eigenen Bedürfnisse durchsetzen. Affektkontrolle und Regulation durch Anpassung sind ihr kaum möglich. Empathie für Andere zu empfinden fällt ihr schwer. Daraus ergibt sich für sie die Schwierigkeit, gleichberechtigte Freundschaften zu schließen oder eine echte Bindung einzugehen. Auffällig ist Marias Neigung zum Verstummen. Sobald sie sich ungerecht behandelt oder gar überfordert fühlt, verändert sie ihren Gesichtsausdruck und „bleibt stehen“, wo sie ist. In solchen Situationen reagiert sie weder körperlich noch verbal auf Ansprache.
6.2. Der Aufbau einer Verbindung von Maria und dem Pferd „Maxi“
Auf dem Hof „Grasdorf“ leben u.a. zwei Norweger, „Bella“ und „Maxi“. Bella nähert sich Fremden gegenüber verhalten. Berührungen weicht sie in der ersten Kontaktphase eher aus. Geht man behutsam auf sie zu, hat sie Zeit den Menschen zu beschnuppern, geht sie eine Verbindung ein. Sie zeichnet sich durch ihre ruhige, beständige und zuverlässige Art aus. Viele Kinder, die den Hof „Lebensgemeinschaft Hof Grasdorf“ besuchen und an der „Pferdeschule“ teilnehmen, suchen sich gerne Bella als Reittier aus.
Maxi hat dagegen ihren ganz eigenen Kopf. Reitübungen, die sie als nicht sinnvoll einstuft, werden von ihr kategorisch, z. B. durch Fressen von Gras, verweigert. Sie bleibt stehen und lässt sich nicht mehr bewegen. Maxi kann sich in solchen Verweigerungssituationen sehr schwer machen. Dagegen lässt sie sich schnell auf Körperlichkeit ein. Sie lässt sich gerne streicheln, bürsten und umfassen, wenn es empfindsam ausgeführt wird. Maxi ist in ihrer Körperlichkeit sehr
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kommunikativ. Sehr bestimmt kann sie zeigen, wo ihre Grenzen sind, indem sie auf nicht aggressive Weise den Kontakt beendet. Gefällt ihr dagegen der Kontakt, so folgt sie einem Menschen und zeigt ihrerseits ihre Zuneigung durch Berührungen mit Nüstern, Maul, Kopf und Hals.
Maxi ist Marias Lieblingspferd. In Marias Augen ist Maxi riesengroß. Am Anfang wusste sie daher nicht, wie sie sich diesem großen Tier nähern sollte. Aufgrund der Attraktivität, die Pferde und Ponys auf sie ausüben, wollte sie aber unbedingt mit ihr in Kontakt treten.
Der Erstkontakt fand auf der Weide statt. Beide Ponys standen dort und grasten. Um sich den beiden Ponys zu nähern, musste sie zuerst ein Stück die Weide überqueren. Aus der Entfernung sahen die beiden Ponys noch klein aus. Je mehr sich aber Maria den Ponys näherte, desto größer kamen sie ihr vor. Ihre anfängliche Sicherheit wurde mehr und mehr durch Respekt ersetzt. Auf der Mitte des Weges fragte ich sie, welchen Eindruck die Ponys auf sie machen. Sie empfand es als schön, wie friedlich die beiden Tiere grasten. Ich fragte Maria, ob sie hungrig sei, was sie gefrühstückt habe, um einen Teil ihrer Aufmerksamkeit auch auf sich selbst zu lenken. Sie beschrieb in kurzen Worten ihr Essen; ihr Blick haftete aber weiterhin auf den Ponys, die uns natürlich längst bemerkt hatten und die Köpfe hoben.
Ich bemerkte die Anspannung im Körper von Maria. Wir setzten uns nebeneinander ins Gras, um das friedliche Bild zu genießen. Die Sonne schien, die Weide duftete und die Ponys kamen langsam grasend auf uns zu.
Marias Wunsch die Ponys zu berühren wuchs. Langsam gingen wir auf die Ponys zu. Ich erklärte ihr, dass Pferde und Ponys Fluchttiere seien und schnell erschreckt werden können. Ich fragte sie, wie sie sich eine Begrüßung wünschen würde.
Wie erwartet wich Bella aus, während Maxi den Kopf Maria zuwendete. Maria streckte, wie vorher abgesprochen, Maxi die Hand entgegen. Nach einer angemessenen Begrüßung ließ Maxi es zu, dass Maria sie streichelte.
Pferde und Ponys haben verschiedenartige Körperregionen. Das Fell fühlt sich je nach Körperregion unterschiedlich an. An den Nüstern ist das Fell am weichsten, wogegen Kamm und Schweif eine härtere Haarstruktur aufweisen. Das Körperfell hat wiederum einige Haarwirbel, die sich erfühlen lassen. Das Bauchfell ist glatt und weich. Die empfindlichste Stelle der Ponys ist der Brustbereich nahe am Herzen.
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Lehnt man sich gegen diese großen Körper, so kann man deren Atmung spüren. Auf den eigenen Atem zu achten und den Atem des Gegenübers zu spüren bedeutet, sich und den Anderen als Lebewesen bewusst wahrzunehmen.
Um Maria für die taktile und olfaktorische Wahrnehmung zu sensibilisieren, wurden ihre Augen verbunden. Fragen wie: „Was spürst Du?“, „An welchen Stellen ist das Fell von Maxi besonders weich?“ oder „Was empfindest Du?“ wurden zur Unterstützung der Wahrnehmung gestellt.
Bei der zweiten Begegnung auf der Weide stürmte Maria auf die beiden Ponys zu. Bella ging sofort auf Abstand; Maxi blieb zwar stoisch stehen, gab Maria aber durch ihre Ohrbewegung zu verstehen, dass ihr die Berührungen von Maria unangenehm sind. Mit dem Kopf versuchte Maxi Maria von ihrem Körper zu vertreiben. Als das nicht gelang, trabte sie weg und Maria blieb allein zurück.
Maria hatte sich so sehr den Kontakt zu den Ponys gewünscht. Als dieser nicht gelang, wurde sie mit ihrem nicht ausreichenden Selbstwertgefühl konfrontiert. Ihre Gedanken kreisten um die eben erlebte Abweisung, die sie auch aus anderen Situationen bereits kannte. „Die Ponys mögen mich nicht“, „Keiner mag mich“, „Ich werde immer wieder verlassen“ waren einige der Gedanken, die von ihr Besitz ergriffen. Wir ließen uns auf der 1,4 ha großen Weide Zeit. Zeit für die Gedanken, Zeit um aus den in der Vergangenheit erlebten Situationen wieder ins Hier und Jetzt zurückzukommen. In weiter Ferne grasten die Ponys. Der Abstand zwischen ihnen und Maria schien riesengroß.
Erschreckt sich ein Pferd oder Pony durch ein lautes Geräusch oder durch einen ungewohnten visuellen Reiz, tritt es die Flucht an. Dies ist das Zeichen für die gesamte Herde sich in Bewegung zu setzen. Die Herde ist in Alarmbereitschaft. Die Tiere ergreifen gemeinsam die Flucht. Die Bewegung des freudigen Entgegenlaufens kann für Pferde und Ponys einen Reiz darstellen, die Flucht zu ergreifen. Dagegen ist beim Menschen ein freudiges Entgegenlaufen Ausdruck ihrer Zuneigung. Pony und Mensch sind von daher unterschiedliche Wesen mit unterschiedlichen Kommunikationsweisen.
Um eine Verbindung aufzubauen, muss der Mensch sich auf die Kommunikationsebene und auf die Verhaltensweisen der Ponys einlassen, ansonsten entstehen Missverständnisse, die einen Kontaktabbruch zur Folge haben.
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Um Maria für die Kontaktaufnahme zu sensibilisieren, streichelten wir uns gegenseitig den Rücken und gaben uns verbal Rückmeldung, wie wir die Berührungen empfanden. Danach näherten wir uns gemeinsam Maxi. Maria hatte den Auftrag, auf die Ohren von Maxi zu achten, während sie diese streichelte. Wenn es nötig war, übersetzte ich die Kommunikation zwischen Maria und Maxi. Stellten sich die Ohren weit nach hinten und zeigte Maxi Unruhe, so veränderte Maria ihre Berührungsart. Ihre Aufmerksamkeit galt nun ganz sich selbst und Maxi.
In der nächsten Stunde wurde Maxi gehalftert. Durch das Bürsten und Striegeln entstand Kontakt zwischen den beiden. Maria setzte sich auf Maxi und wurde über den Reitplatz geführt. Von dem Pony bewegt zu werden, empfand sie als wunderschön. Der warme Körper beruhigte sie, und ihre Aufregung und Anspannung ließen nach.
Ponys und Pferde spüren jede Anspannung und Aufregung des Reiters. Setzt bzw. legt sich ein Mensch auf den Rücken des Pferdes, ist die Kontaktfläche zwischen Pferd und Mensch am größten. Aufgrund der Übertragung von Anspannung und Unsicherheit ist es manchmal angebracht, eine Decke zwischen Mensch und Pony zu legen, um diese Übertragung zu reduzieren.
Im Stand legte sie sich der Länge nach auf den Rücken des Pferdes. Das Gefühl, von diesem großen Körper getragen zu werden, konnte sie nun vollends genießen. Rechts und links standen Begleiter, um ihr Sicherheit zu geben. Es kehrte Ruhe ein. Ich legte eine Hand auf dem Bauch von Maria. Durch die Schwere meiner Hand konnte sie ihren eigenen Atem besser spüren. Leise sprach ich mit ihr. Ich fragte sie, ob sie die Geräusche um sich herum wahrnimmt, den Geruch des Ponys riecht und dessen Atem und Wärme fühlt. Ich lenkte damit ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Sinnesreize. Durch die Benennung der einzelnen Wahrnehmungen konnte sie diese differenzierter empfinden. Am Ende schien sie sehr ausgeglichen zu sein. Durch den Kontakt mit dem Pferd hatte sie ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit erworben, so dass der innerliche Raum vorhanden war, um von ihrem Ärger in der Schule berichten zu können.
In den weiteren Stunden übte Maria Bodenarbeit. Maria bemerkte sehr schnell, ob sie unkonzentriert war. Maxi ging dann in eine andere Richtung, als die von Maria gewollte. Sie brauchte also einen Plan, um Maxi in die von ihr vorgesehene Richtung zu bewegen. Sie übernahm die Führung von Maxi um verschiedene Hindernisse herum. Die Begegnung zwischen Maria und Maxi erforderte auf der Ebene der Interaktion neben einem hohen Maß an Motivation auch Vorstellungskraft, Umsetzungsvermögen und Aktivität.
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All dies setzte eine hohe Koordinationsleistung voraus, denn Maria musste das Pony im Blick haben. Sie musste seine Reaktionen wahrnehmen, einschätzen und darauf reagieren, um z.B. die erwünschte Bewegungsabfolge von Trab und Galopp bei gleichzeitigem Ortswechsel erreichen zu können, zielgerichtet den Parcours entlang zu schreiten und die Führung und damit Verantwortung gegenüber dem Pony zu übernehmen.
Für die Durchführung derartiger Tätigkeiten sind zudem Körperbeherrschung und vor allem die Fähigkeit zur räumlichen Wahrnehmung notwendig. Denn um das Pony überhaupt in Bewegung zu bringen, bedarf es einer sinnvollen, authentischen und analogen Kommunikation und das Behalten der erlernten Kommandos sowie des verantwortungsvollen Überblicks über das Gelände, in dem Mensch und Pony sich befinden.
6.3. Bisheriges Ergebnis der tiergestützten Pädagogik im Fall von Maria
Die Bewältigung der Vielzahl von komplexen Anforderungen führte bei Maria zu einem gestärkten Selbstwertgefühl und einem hohem Maß an Kompetenzerfahrung. Ihr Verhalten auf dem Reitplatz war immer mehr von Zugewandtheit und Konzentration geprägt, so dass sie bei anderen "Pferdeschulkindern" die Rolle der "Co-Trainerin" übernehmen durfte, eine Aufgabe, der sie sich mit großem Verantwortungsgefühl und Stolz stellte.
Sie konnte ein Pony sinnvoll bewegen, welches viel größer und schwerer als sie selbst ist. Sie lernte die Reaktion von Maxi einzuschätzen und entsprechend darauf zu reagieren. Durch das Einfühlen in ihr Gegenüber konnte sie auch ihre eigenen Empfindungen wahrnehmen und teilweise benennen. Sie stellte fest das Maxi, auf ihre Launen und Empfindsamkeiten, entweder mit Zuneigung oder Abgekehrtheit reagierte. Diese Launen brachte sie durch ihre Haltung zum Ausdruck. Während sie mit Maxi arbeitete, wurde sie sich der Haltung ihres Körpers und damit auch ihrer inneren Haltung Maxi gegenüber bewusster.
Maxi stellte einen sozialen Katalysator für Maria dar. Im Kontakt zu Maxi konnte sie ihre Einsamkeit und Isolation aufheben. Aus der Nähe und dem Körperkontakt entstand das Erleben von Beziehung und Verbundenheit, das Maria später auch auf menschliche Begleiter erweitern konnte.
Sie konnte sich ihrer Umwelt offener zuwenden. Sie zeigte an ihrer Umgebung mehr Interesse, wirkte wacher, offener und damit besser ansprechbar. In diesem Zusammenhang konnte ein vermehrtes Reagieren auf Außenreize beobachtet werden.
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Bei der Bewältigung von Aufgaben gelang es ihr immer mehr, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren, längere Zeit bei der Aufgabe zu bleiben und diese auch häufiger selbstständig zu Ende zu bringen. Sie verstärkte ihr Bemühen, sich mitzuteilen. Neu erlernte Worte im Kontakt zu Maxi wurden von ihr auch im Kontakt zu Menschen benutzt.
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7. Resümee
Tiere ermöglichen ein „in sich hineinspüren“. Frei galoppierende Pferde und Ponys üben eine hohe Faszination aus. Das Pferd bietet in seiner charakterlichen Erscheinung ein Projektionsfeld für Phantasien und Wünsche. Es ist ein archetypisches Symbol. 100
Die Jahrtausende lange Verbundenheit zwischen Mensch und Tier, mit ihren unbewussten und bewussten Komponenten, ermöglicht darüber hinaus einen Dialog auf einer Ebene zu führen, die Rothacker als Tiefenschicht tituliert. Tiefere Schichten unserer Wahrnehmung können mit einbezogen werden, um der archetypischen Kommunikation und Interaktion gewahr zu werden. 101 Dadurch kann eine Verbundenheit zwischen Prozessen der „höheren“ und „niedrigeren“ Ebene entstehen, die auf eine Ganzheit der Wahrnehmung zielt.
Den Vorstellungen einfach „freien Lauf“ zu lassen, kann ein Weg sein, etwas über sich zu erfahren. Währenddessen können Gedanken entstehen, die schon seit Ewigkeiten nicht mehr gedacht wurden; man kann Freude an der Dynamik und der Bewegung des Tieres empfinden oder in sich Zufriedenheit fühlen. Die eigene Wahrnehmung hängt dabei von den Fragen ab, die wir uns selbst stellen.
Jede Art von Frage eröffnet eine andere Ebene der Eigenwahrnehmung, z.B. die der Sinnesreize, der Gefühle oder der Assoziationen. Fragen eröffnen ein Bewusstsein für Lebendigkeit. Sie differenzieren Empfindungen und öffnen „Poren“ für die Vielfalt von Emotionen in uns. Welche Fragen gestellt werden, hängt mit der Fokussierung unserer Aufmerksamkeit zusammen. Worauf legen wir unser Augenmerk? Was berührt uns in diesem Augenblick und wodurch? Wie berührt es uns?
Worauf wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren hängt wiederum auch mit unserer kulturellen und sozialen Einstellung zum Lebendigen zusammen.
100 Vgl.: Michaela Scheidhacker, Psychotherapeutisches Reiten in der Psychosomatischen Therapie; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 178
101 Vgl.: Erhard Olbrich, Zum Verstehen der tiergestützten Therapie: Versuch einer Integration; in: Olbrich/Otterstedt, Menschen brauchen Tiere, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2003, S. 185
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Wir werden mit einer offenen Disposition geboren, die durch Erziehung und das kulturelle und soziale Umfeld geprägt wird. Ein Objekt oder Subjekt wird zugleich in einem kulturellen und sozialen Kontext wahrgenommen und gedeutet. Das Deuten erfolgt innerhalb einer gesellschaftlichen Vereinbarung.
Es gibt daher keine objektive Wahrnehmung, sondern die Wahrnehmung ist im Moment des Eindrucks schon in einen Deutungsprozess involviert, in dem es um ein Erkennen geht. 103 Die Deutung einer Situationen ist also nicht ausschließlich im Betrachten des Gegenüber zu erfahren, der Haltung, die er einnimmt oder seiner Mimik, sondern auch im spezifischen Umgang mit ihm in einer gesellschaftlichen Umwelt und deren sprachlichen Mitteln. 104
Je nach dem, welches kulturelle und gesellschaftliche Verhältnis wir zu Tieren haben, welche Erfahrungen wir im Kontakt zu Tieren besitzen und welche Beziehungen wir bereits mit Tieren eingegangen sind, wird unsere Aufmerksamkeit auf gewisse Sinnesreize in Bezug auf das jeweilige Tier gelenkt, stellen wir uns Fragen oder erfahren unterschiedliche und individuelle Emotionen in einer Verbindung zu Tieren.
Wie wir eine Verbindung eingehen, hängt mit den früheren Bindungserfahrungen zusammen. Je nach Qualität der Bindungserfahrungen entstehen Bindungsmuster, die unterschiedliche Verhaltensweisen und Erlebnisinhalte in der Verbundenheit mit anderen Lebewesen bewirken.
102 Jürgen Messing, Allgemeine Theorie des menschlichen Bewusstseins. Weidler Buchverlag, Berlin, 1999, S. 52
103 Wenn wir beispielsweise den Wahrnehmungseindruck, den wir von einem vor uns liegenden Blatt Papier erhalten, beschreiben als ,,ich sehe etwas Weißes", dann enthält diese Aussage bereits zwei Kategorien, die in der Wahrnehmung selbst nicht enthalten sind. Das ,,etwas" steht für den Begriff einer fortdauernden, mit sich selbst identischen und auch in verschiedenen Zusammenhängen identifizierbaren Substanz, dem als Trägermaterial bestimmte Eigenschaften, hier ,,Weiß", zuge-ordnet werden können. Selbst in dieser denkbar einfachen Aussage benutzen wir schon die zwei Kategorien Substanz und Eigenschaft, mit deren Hilfe wir den Wahrnehmungseindruck strukturieren.
104 Vgl.: Jürgen Messing, Jürgen: Allgemeine Theorie des menschlichen Bewusstseins. Weidler Buchverlag, Berlin, 1999, S. 52
105 Morris, C.: Foundations of the Theorie of Signs. Zitat entnommen aus: Siegfried Frey, Die Macht des Bildes - Der Einfluss der nonverbalen Kommunikation auf Kultur und Politik. Verlag Hans Huber, Bern, 1999, S. 55
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Die, aus dem sozialen und kulturellen Kontext entstehende, Bewertung von Situationen oder Handlungen in Emotionen erweckt dann jeweils ein Zuwendungs- oder ein Abwehrverhalten, innerhalb dessen wir wahrnehmen und die für eine weitere Verbindung oder Nicht-Verbindung bzw. einer späteren Beziehung ausschlaggebend sind.
In das Spannungsfeld, in der wir uns Fragen stellen und wahrnehmen, treten die tiergestützte Pädagogik und tiergestützte Therapie ein. Sie fördern nicht nur eine Auseinandersetzung des Individuums mit seinen Erfahrungen in einem gesellschaftlichen Kontext, sondern auch dessen jeweilige Verhaltensbereitschaft, dem Vermögen Beziehungen zu regulieren oder die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit für eine Vielzahl von Stimuli in Form von visuellen, auditiven, taktilen und olfaktorischen Signale aufzubringen und diese als verknüpfte Information zu verarbeiten. In der Begegnung zwischen Mensch und Tier kann sich daher ein „kommunikatives Wahrnehmungserlebnis“ entwickeln, in dem neue Erfahrungen und Verhaltensweisen erlebt und erprobt werden. Durch die neu erlebten Erfahrungen entsteht eine Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Wahrnehmung.
Um Eigenwahrnehmung in der tiergestützten Pädagogik / Therapie zu fördern bedarf es einer Offenheit sich selbst und dem Anderen gegenüber. Es bedarf einer Offenheit, in der wir uns Fragen über uns und das Gegenüber stellen, in der eine abwehrende Haltung genauso wie eine zugewandte Haltung thematisiert werden können. Um eigene Lebendigkeit zu spüren, sich als ein Teil eines Ganzen zu verstehen, wäre es wichtig, auch Gedanken zulassen, die uns Angst bereiten, die uns unserer Routine berauben, Bewegungsmuster verändern und unser Verhalten in Frage stellen. Domestizierte Tiere bieten, durch ihre analoge Kommunikation, ihrer immer wiederkehrenden Beziehungsangebote und in der Verbundenheit zu uns, diese Ebene an. Durch die Fokussierung unserer Aufmerksamkeit, der Achtsamkeit und des Respekts dem Gegenüber, entsteht ein Dialog, der Eigenwahrnehmung durch Sensibilisierung bereichert. Die Erfahrungen mit Maria zeigen nur ein kleines Spektrum dessen, welche vielfältigen Möglichkeiten sich in der tiergestützten Pädagogik anbieten.
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8. Literaturverzeichnis
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Lieselotte Ahnert, Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung, Ernst Reinhardt Verlag, München, 2004
Brisch/Hellbrügge, Kinder ohne Bindung. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2006 Karl-Heinz Brodbeck, Entscheidung zur Kreativität, Primus Verlag, Darmstadt, 1999 Evangelisch lutherische Bibel
Dorit Urd Feddersen-Petersen, Hundepsychologie (Wesen und Sozialverhalten), Franckh-Kosmos Verlag, 2000
Tim Förderer, „Intelligenzbestien“ (Sendung auf 3sat, hitec, vom 23.11.2009) Siegfried Frey, Die Macht des Bildes, Verlag Hans Huber, Bern, 1999 Heiko Frömming, Die Mensch-Tier-Beziehung, VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken, 2006
Sylvia Greiffenhagen, Oliver H. Buck-Werner, Tiere als Therapie - Neue Wege in Erziehung und Heilung, Kynos Verlag, Nerdlen, 2007 Herbert Paul Grice, Logik und Konversation,
in: Meggle (Hg.): Handlung, Kommunikation, Bedeutung, Frankfurt am Main, 1993 Hansjoachim Hackbarth, Tierschutz - Versuch einer Begriffsbestimmung, Essay Alison Hornsby, Helga Fleig, Dieter Fleig, Hunde helfen Menschen, Kynos Verlag, Nerdlen, 2000
Erik Hornung, Geist der Pharaonenzeit, Artemis & Winkler Verlag, Zürich, 1999 Gerald Hüther, Biologie der Angst, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2002 Gerald Hüther, Was Hänschen nicht lernt…, Gerald Hüther im Gespräch mit Gabriele Heise, Redaktion Sabine Seiferth, Auditorium Netzwerk, Müllheim, 2003 C.G. Jung, Der Mensch und seine Symbole, Walter Verlag AG, Olten 1968 Jürgen Messing, Allgemeine Theorie des menschlichen Bewusstseins, Weidler Buchverlag, Berlin, 1999
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Arbeit zitieren:
Vera Venz, 2010, Wie kann (Eigen-)Wahrnehmung in der tiergestützten Pädagogik gefördert werden?, München, GRIN Verlag GmbH
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