Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Hauptteil 4
2.1. Der Revolutionsbegriff 4
2.1.1 Definition 4
2.1.2. Abgrenzung zur Revolte 8
2.1.3. Abgrenzung zur Reform 8
2.2. Die Studentenbewegung von 1968 in Deutschland 9
2.2.1. Zeitgeschichtlicher Ablauf 9
2.2.2. Ergebnisse der Bewegung - oder: Was wurde erreicht? 15
3. Schlussteil 17
3.1. Fazit: Beantwortung der Ausgangsfrage 17
4. Anhang 20
4.1.Zusatzbemerkung: 20
4.2. Abbildungsverzeichnis: 20
4.3. Literaturverzeichnis 21
2
Florian Wedler 2010
1. Einleitung
Woran denken die meisten Menschen vermutlich zuerst, wenn sie an die 1960er Jahre denken?
Die Amerikaner wohl an die „Civil Rights Movements“ gegen die Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung; die Tschechen an den Prager Frühling, in dem der Versuch der Reformierung kommunistischer Planwirtschaft gewaltsam beendet wurde; die Franzosen an den Pariser Mai `68, die Mai-Unruhen, die ihre Auslöser auch durch die Ereignisse in Deutschland fanden.
Und woran denken die Bürger der Bundesrepublik Deutschland? Zumeist wohl an die Studentenbewegung mit ihrem Höhepunkt 1968. Vielleicht an die Gewalt und den Terror, der später aus den Splittergruppen der Außerparlamentarischen Opposition (APO) hervortrat, allen voran den der Roten Armee Fraktion (RAF). Aber wohl vor allem an die Demonstrationen und Proteste der Jugend, an ihre Forderungen nach mehr Lebensfreiheit und Mitbestimmung. Das Thema dieser Facharbeit soll sich auf genau diese Zeit beziehen.
Da gerade in letzter Zeit immer öfter die Rufe nach einer politisch engagierteren Jugend laut werden, ist es sicher angebracht sich einmal mit der Geschichte von Studentenprotesten auseinander zu setzten.
Daher habe ich mich näher mit dem historischen Hintergrund von Studentenprotesten - die ihren deutschen Ursprung schon in dem Einfluss der Burschenschaften auf die gescheiterte deutsche Revolution von 1848/49 haben - befasst, um besser zu verstehen, warum diese Forderungen bestehen.
Will man aber die Bedeutung von Studentenbewegungen im Ganzen begreifen, so kommt man an einer Betrachtung und Analyse der Studentenproteste der 60er Jahre nicht vorbei.
3 © Florian Wedler 2010
Diese Facharbeit befasst sich hauptsächlich mit der Fragestellung, ob die Ereignisse der „wilden 60er Jahre“ 1 revolutionär waren, ob sie sich sogar als „Deutsche Revolution nach dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnen lassen.
Hierzu wird zunächst einmal der Begriff „Revolution“ als solcher erläutert und von den Termini „Revolte“ oder „Reform“ abgegrenzt.
Im zweiten Teil wird dann die Studentenbewegung dargestellt, ihr historischer Ablauf geschildert, die Ziele erläutert und gezeigt, was erreicht wurde. Schließlich wird im Fazit zurückgeschaut und die Ausgangsfrage beantwortet.
Florian Wedler
2. Hauptteil
2.1. Der Revolutionsbegriff
2.1.1 Definition
Bevor sich die Ausgangsfrage, ob die Studentenbewegung als Revolution bezeichnet werden kann, beantworten lässt, bedarf es einer genauen Erläuterung des Begriffes „Revolution“. Diese muss in klarer Abgrenzung zu anderen, im Umfeld des Revolutionsbegriffs fallenden Begriffen wie „Revolte“ oder „Reform“ geschehen. Außerdem soll die aktuelle Forschungslage kurz angerissen werden. Die Frage lautet also, was ist eine Revolutionist.
„Revolution“ wird von dem spätlateinischen Wort revolutio abgeleitet, das übersetzt „Umwälzung“, „Zurückwälzung oder auch „Umdrehung“ bedeutet. 2 Mit revolutio bezeichnete Nikolaus Kopernikus 1543 die Kreisbewegungen der Himmelskörper in seinem Werk „De revolutionibus orbium coelestium“. Er habe laut
1 nach: Achterfeld, Wilfried: „Die wilden 60er Jahre - Die Chronik eines bewegten Jahrzehnts“, Bertelsmann: 1989.
2 Volkslexikon Band 8, S. 159,Taschenbuchverlag, München: 1979.; Weiß, Ulrich in Kleines Lexikon der Politik: Revolution, S. 493, C.H.Beck, Bonn:2008. 4 © Florian Wedler 2010
Langewiesche damit einen Revolutionsbegriff verbreitet, der „in die Politik hinüber wirkte“ 3 . Der Begriff beschreibt einen „Kreislauf, der zum Ausgangspunkt zurückführt, [und] nicht in etwas Neues mündet“. 4
Tatsächlich verstand er sich in der englischen Revolutionszeit unter Cromwell als die Wiederherstellung der alten Ordnung 5 (heute unter dem Begriff „Restauration“ definiert). Ursprünglich beschrieb „Revolution“ also das genaue Gegenteil des heute Definierten (s.u.).
Für den modernen Revolutionsbegriff, den Langewiesche als „zukunftsmächtigsten der Neuzeit“ 6 vermutet, tauchen Merkmale erstmals in der Glorious Revolution von 1688 auf. 7 Sie übte ihren Einfluss auf darauf folgende Bewegungen, besonders auf die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung (1776) und die Französische Revolution von 1789, aus. Als Wendepunkt vom alten zum modernen Revolutionsbegriff lässt sich die pluralistische, weil aus vielen Teilbewegungen bestehende, Französische Revolution betrachten. Sie wird oftmals auch als „Weltrevolution“ 8 bezeichnet, da sie über die Staatsgrenzen Frankreichs hinauswirkte. Sie wurde besonders stark vom Zeitalter der Aufklärung beeinflusst, allen voran von den Philosophen Voltaire, Diderot, Montesquieu und Kant. Jean-Jaques Rousseau ruft in seiner Schrift „Du Contrat social“ 9 sogar zum direkten Widerstand gegen den vom Volk nicht legitimierten Herrscher auf.
Im größten Einschnitt der französischen Geschichte liegt zugleich auch die Grenze zwischen ausgehendem Mittelalter bzw. dem französischen Absolutismus und der Moderne. Die Französische Revolution prägte - wie nachfolgend keine andereentscheidend das neue Verständnis der „Umwälzung“.
„Weltgeschichtliche Wirksamkeit“ 10 erhielt der Begriff letztlich „durch die bolschewistische Oktober-Revolution von 1917“. 11
3 Langewiesche, Dieter in Fischer Lexikon Geschichte: Revolution, S. 315, Fischer Taschenbuch. Frankfurt a.M.: 2003.
4 Ebd.
5 Vgl. Volkslexikon Band 8, S. 160.
6 Vgl. Langewiesche: Revolution, S. 316
7 Vgl. Anm. 5
8 So etwa Robespierre oder Burke (aus: Langewiesche, D. in Fischer Lexikon Geschichte: Revolution, S. 316); Vgl. Weiß, U. in Kleines Lexikon der Politik: Revolution, S. 493.
9 Amsterdam 1762, aus: Both. Hermann: Die Französische Revolution - Kurshefte Geschichte, S.22f, Cornelsen, Berlin: 2007.
10 Vgl. Anm. 6.
11 Ebd. 5 © Florian Wedler 2010
Der neue Reader's Digest Brockhaus 12 bezeichnet den modernen Revolutionsbegriff wie folgt:
„Im polit. Sinn eine von unten ausgehende, tiefgreifende und [...] gewaltsame Änderung der gesamten gesellschaftl. und polit. Struktur eines Staates; i. w. S. [...] auch für Prozesse des totalen Bruchs mit kulturellen Wertesystemen und überkommenen Wissensbeständen und Organisationsstrukturen [...] verwendet.“ 13
Diese Definition ist schon recht genau, lässt sich aber noch durch andere Aspekte erweitern: So lassen sich bestimmte typische Vorbedingungen feststellen, die zum Auslöser für Revolutionen werden können.
Ulrich Weiß unterteilt diese Kausalitäten, in exogene Faktoren (wie Krieg oder wirtschaftliche Abhängigkeit) und endogene Faktoren (wie verbreitete Unzufriedenheit von größeren Teilen der Bevölkerung oder einem Wertewandel). 14 Das große Volkslexikon nennt als Vorbedingungen bewegende, begeisterte und entschlossene Massen - meist benachteiligte Gruppen -, die mit Parolen weitere Widerstandsguppen aktivieren können. Ebenso neue Ideologien (im Falle der Oktober-Revolution z.B. können das auch ausgestaltete soziale Utopien sein 15 ), welche von einer breiten Bevölkerungskoalition getragen werden müssen, häufig jedoch unter der Wortführung Angehöriger der Oberschicht 16 .
Benennen lässt sich eine Revolution zumeist nach ihren Trägerschichten oder Inhalten. So gibt es ständische, bürgerliche, proletarische (nach dem marxistischen Weltbild), aber auch industrielle, technische (bei technischen Neuerungen z.B. dem aktuellen Apple iPad 17 ) und kulturelle, soziale wie politische Revolutionen.
Weiß erkennt auch verschiedene Kriterien für die Verlaufsmuster in einer revolutionären Bewegung. So gebe es eine Verschiebung der lokalen Machtverhältnisse, welche an einer charakteristischen Phasenabfolge zu erkennen seien. 18 Diese beschreibt das Große Volkslexikon wie folgt: 19 1. Negierung der bisherigen Zustände 2. Gewinnung und Formierung kämpferischer Kräfte 3. Lähmung des Gegners
12 Der neue Reader's Digest Brockhaus S.1025f, Das Beste, München, Zürich, Wien:1973.
13 Ebd.
14 Vgl. Weiß, U. in Kleines Lexikon der Politik: Revolution, S. 493.
15 Vgl. Anm. 9.
16 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2008
17 Vgl. Schmitt: „Die Zaubertafel“ aus: Die Zeit Nr. 6, 4. Feb. 2010, S. 1.
18 Vgl. Anm. 15.
19 Vgl. Anm. 16. 6 © Florian Wedler 2010
4. Machtergreifung
5. Beseitigung der alten Herrschaftsträger und Entmachtung dieser 6. Ausbau und Rechtfertigung neuer Macht
7. Neugestaltung der gesellschaftlichen Verfassung durch Umsetzung des Leitbildes. Für den Erfolg einer Revolution seien vor allem der Aspekt der Organisation, die Resourcessenmobilisierung und die Verbindung von subjektiven (dem individuellen Handeln) und objektiven (Strukturen, prozesshaften Vorbedingungen) Faktoren essentiell. 20
Nach Weiß könne „der neue Kollektivsingular ‚Revolution‘ das Werk planender Menschen benennen und [auch] selber als handelndes Subjekt verstanden werden“. 21 Die Revolution kann also auch zum „Kampfbegriff“ für den „Wandel schlechthin“ 22 werden und selbstständig, ohne tatsächlich sichtbares Handeln, revolutionieren.
In der aktuellen Forschung ist diese moderne Definition - wie oben erläutert - jedoch seit kurzem wieder strittig, da im Hinblick auf die friedliche Revolution 1989 in der DDR und im Hinblick auf die durch den Zerfall der UdSSR ausgelösten teils schweren Bürger- und Staatenkriege (wie in Abchasien) nicht so recht in das Bild des Revolutionsbegriffes passen.
Ein zentraler Standpunkt der politischen Revolution ist demnach nichtig: Gewalt muss nicht zwingend Mittel zur Durchsetzung revolutinärer Forderungen sein. Beispiel hierfür sind die Montagsdemonstrationen und der Mauerfall in Deutschland 1989. Außerdem können aus friedlichen Revolutionen auch (heftige) militärische Krisen entstehen. Langewiesche geht sogar soweit zu sagen, dass „alle Versuche durch den Vergleich [von Revolutionen] generalistische Erklärungen [...] [die] Ursachen, [den] Verlauf und Erfolgschancen von Revolutionen ermitteln zu können, [fehl-]schlugen [...].“ 23 Er kritisiert damit jene neuen Erfahrungen und zugleich die noch nicht beantwortbare Frage, ob mit dem heutigen Revolutionsbegriff auch schon frühere Zeiträume analysiert werden können. Dazu würden etwa die Reformation der Kirche und die Bauernkriege im 16. Jahrhundert gehören.
20 Vgl. Anm. 15.
21 Vgl. Anm. 7.
22 Vgl. Anm. 4.
23 Langewiesche, D. in Fischer Lexikon Geschichte: Revolution, S. 319. 7 © Florian Wedler 2010
Nach Weiß gebe es bei den „neuen“ Revolutionen, beispielsweise in Osteuropa oder den islamisch geprägten Bereichen sowie in Entwicklungsländern, keinen „universalistischen Fortschrittsanspruch“ 24 mehr. Die Revolution wird vielmehr als Weg zum Gottesstaat verstanden. 25 Dies begründet er mit der empirischen Revolutionsforschung. Ebenso erwähnt er die These Jacques Elluls von der Ablösung der großen Revolution durch viele kleine Revolten.
Verschiedene Theorien sind hier z.T. sehr gegensätzlicher Meinung, sie hier auszuführen wäre sicherlich nicht angebracht und würde den Rahmen sprengen, ich werde für den Vergleich den (noch) aktuellen Revolutionsbegriff verwenden. Will man nun den modernen Revolutionsbegriff auf die Studentenbewegung von 1968 anwenden, so muss man zunächst Vergleichspunkte schaffen, anhand derer ein Vergleich zu einem Ergebnis führt.
2.1.2. Abgrenzung zur Revolte
„Revolte“ heißt übersetzt „Aufruhr“ oder „Aufstand“, „revoltieren“ heißt „sich auflehnen, sich empören“. 26
Hierin liegt auch schon ein zentraler Unterschied: Ein Aufstand ist meist wesentlich kleiner als eine „Umwälzung“. Die Revolte wird meist nur von einer kleineren Trägergruppe durchgeführt und hat keine so große Reichweite wie die Revolution. Eine individuelle Revolte kann auch in der Auflehnung eines Individuums gegen äußerliche Zwänge und Erwartungen, wie gegen die Familie oder die Gesellschaftsnormen, sein. 27 Ein Zitat von Johannes Agnoli um 1968 fasst den Begriff in Abgrenzung zur Revolution recht gut zusammen:
„Revolten kennen im allgemeinen nur das Scheitern, sonst wären sie Revolutionen. Die gescheiterte Revolte indessen greift in die Geschichte ein, sie setzt Zeichen, die teils verschwinden, um später wieder aufzutauchen, sie verändern doch die Welt.“ 28
2.1.3. Abgrenzung zur Reform
Die Reform stellt im Gegensatz zu Revolution und Revolte ein staatliches Intervenieren (Eingreifen) in die Gesellschaftsordnung dar. Es lässt sich von dem lateinischen
24 Vgl. Weiß, U. Kleines Lexikon der Politik: Revolution, S. 494.
25 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2008
26 Vgl. Großes Volkslexikon Band 8, S. 159.
27 Wikipedia: Revolte: http://de.wikipedia.org/wiki/Revolte#Begriffsbestimmung.
28 Vgl. Johannes Agnoli 1998, zitiert nach Wesel, Uwe: Eine verspielte Revolution - 1968 und die Folgen, Blessing, München: 2002. 8 © Florian Wedler 2010
Kompositum „re [+] formatio“ ableiten, das „Wiederherstellung“ bedeutet. Die Reform ist damit das genaue Gegenteil der Revolution, was folgender Vergleich verdeutlicht:
2.2. Die Studentenbewegung von 1968 in Deutschland
Bevor eine Anwendung des Revolutionsbegriffes stattfinden kann, muss zunächst der historische Ablauf der Geschehnisse aufgezeigt werden, damit deutlich wird, in welchem Umfeld die Studentenbewegung stattfand und welche Ziele sie anstrebte.
2.2.1. Zeitgeschichtlicher Ablauf
Zunächst soll klargestellt werden, dass die Studentenbewegung in Deutschland nicht als homogenes Gebilde verstanden werden kann, sondern als ein Ergebnis vieler verschiedener Einflüsse, die sich gegenseitig ergänzten und beförderten. Thomas Etzemüller stellt eine „paradoxe Beobachtung [fest, nämlich], dass man weder von der [...] Studierenden- oder der 68er-Bewegung sprechen kann.“ 29 Man müsse sie vielmehr in verschiedene Aspekte differenzieren, so etwa in zeitliche, regionale und nach verschiedenen Interessengruppen und Teilbewegungen. 30
Als ein Element der Studentenbewegung in Deutschland lassen sich wohl die Ostermärsche seit Ende der 1950er Jahre gegen die atomare Aufrüstung unter dem Slogan „Kampf dem Atomtod“ einordnen. Es bildete sich zunächst ein lockerer Verbund aus „christlichen, pazifistischen und sozialistischen Gruppen“, 31 der beim Anti-Atomkraft-Thema auch zunehmend Unterstützung von Intellektuellen und Geistlichen sowie von Gewerkschaften und verschiedenen anderen Jugend- und Studentenorganisationen erhielt. Die Regierungsparteien aus Union und FDP lehnten diese Demonstrationen ebenso wie die SPD und der DGB ab und verurteilten sie als „kommunistisch gesteuert“. 32 Trotzdem wuchs die Teilnehmerzahl von ca. 1.000 im Jahr 1960 auf 130.000 Menschen 1965 an.
29 Etzemüller, Thomas: 1968 - Ein Riss in der Geschichte?, S.109, UVK, Konstanz: 2005.
30 Vgl. Ebd.
31 Informationen zur politischen Bildung (IzpB) Band 258: S.14.
32 Ebd., S. 15. 9 © Florian Wedler 2010
Doch schon bald bildete das „Nein“ zur Atomkraft nicht mehr nur den Hauptkern der Forderungen.
Das ursprüngliche Studentenorgan der SPD, der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), von welchem sich die Mutterpartei im Juli 1960 auf Grund von Meinungsdifferenzen getrennt hatte, bildete mit dem Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) das Zentrum der neuen „Aufständler“. Ausgangspunkt waren die Studentenschaften der Freien Universität in Westberlin. Sie forderten eine „Demokratisierung der Hochschulen“ und waren gegen das autoritäre System, welches an den meisten westdeutschen Universitäten herrschte.
Von Westberlin ging dann auch die weitere Radikalisierung aus, die mit den nun schon sehr politisch geprägten Protesten und der Demonstration am 2. Juni 1967 einen ersten Höhepunkt fand. Der iranische Schah von Persien Resa Pahlevi besuchte an dem Tag die Westzone Berlins, begleitet von einem breiten Protestzug gegen dessen Unrechtsregime. Bei Auseinandersetzungen mit den Sicherheitsbeamten kam es zu einem Todesfall, wobei der zivil gekleidete Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg auf offener Straße mit seiner Dienstwaffe erschoss. 33
Darauf folgte, bedingt durch das offene, „brutale Vorgehen der Polizei“ 34 einerseits, durch die anfängliche Verschleierung und falsche Darstellung von Fakten durch die Polizei, den Senat und die Presse des Axel Springerverlages andererseits, eine Welle der Entrüstung in weiten Teilen der vor allem jugendlichen Bevölkerungsschichten, die weitere Demonstrationen nun in fast allen deutschen Universitätsstädten zur Folge hatten. So nahmen etwa 100.000 Studenten bei Schweige- und Trauermärschen vom 3. bis 9. Juni 1967 in Westberlin und weiten Teilen der Bundesrepublik teil.
Gegen den Axel Springerverlag begannen Proteste wegen der als falsch und einseitig bzw. verkürzt bezeichneten Berichterstattung in „Bild“ und „Die Welt“, die sich im Schlachtruf „Enteignet Springer!“ niederschlug. Die Studenten versuchten durch Belagerung des Springer Gebäudes die Auslieferung der Zeitungen zu verhindern, blieben jedoch relativ erfolglos. 35
33 Hierzu gibt es neue Erkenntnisse, dazu siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Heinz_Kurras.
34 Etzemüller, T.: 1968 - Ein Riss in der Geschichte, S.69.
35 Vgl. IzpB Bd.258, S.17. 10 © Florian Wedler 2010
Bei ihren Protesten waren die Studenten jedoch meistens „von der großen Mehrheit der Bevölkerung isoliert“. 36
Als Sinnbild für die sich nun auch überregional ausbreitende Bewegung steht das Entrollen eines Plakates bei einer Hochschulfeier der Uni Hamburg am 9. November 1967 (siehe Abb.1). Die Professoren traten in ihren traditionellen Talaren auf, als zwei Studierende aufsprangen und das Plakat mit dem Schriftzug „Unter den Talaren, Muff von 1.000 Jahren“ vor ihnen hertrugen. Sie wollten damit die autoritären und festgefahrenen Lehrmethoden anprangern und kritisieren.
Für die meisten Zeitgenossen kam die rasche Radikalisierung und der rasante Aufstieg der Studentenbewegung überraschend, galt doch unter vielen ein sehr friedliches Gesellschaftsbild ohne Unruhestiftung seitens der Studenten, wie folgendes Zitat zeigt. Der „hessische Sozialwissenschaftler und Bildungspolitiker Ludwig von Friedeburg befand noch 1965:
‚Überall erscheint die Welt ohne Alternativen, passt man sich den jeweiligen Gegebenheiten an, ohne sich zu engagieren, und sucht persönliches Glück in Familienleben und Berufskarriere. In der modernen Gesellschaft bilden Studenten kaum mehr ein Ferment [=vorwärtstreibendes Element] produktiver Unruhe.‘“ 37
Genau das war aber entstanden:
Durch die Bildung der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD am 1. Dezember 1967 war nach der Wahl nur noch eine sehr kleine Opposition mit der FDP im Parlament vertreten. Sie konnte ihre Hauptaufgabe, die angemessene Überwachung der Regierung, kaum wahrnehmen. Dadurch fanden sich viele Studenten nicht mehr in der Politik vertreten und empfanden ein verstärktes „Unbehagen am politischen und gesellschaftlichen System der Bundesrepublik“. 38
Die schon mit den Ostermärschen gegründete linksgerichtete Außerparlamentarische Opposition (APO) erhielt weiteren Zulauf. Ihren Kern bildete seit der Mitte der 1960er der SDS. Sie sah sich fortan als „echte“ Opposition und verfolgte auch vehemment politische Ziele. So demonstrierte sie für die Umsetzung der ursprünglichen Forderungen
36 Schildt, Axel: Rebellion und Reform, S.135, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn: 2005.
37 Vgl. Anm. 35.
38 Vgl. Anm. 31. 11 © Florian Wedler 2010
(Abschaffung der Atomkraft, Verbesserung der Hochschulen durch mehr Mitbestimmung und Abschaffung des „Leistungsterrors“, sexuelle Aufklärung und Auflösung der Autorität (beispielsweise bei der Zensur von Schülerzeitungen)) und nun vor allem auch gegen die schon seit 1960 geplanten Notstandsgesetze der Bundesregierung und gegen die amerikanische Kriegsführung in Vietnam.
Mit den Notstandsgesetzen sollte ein Gesetz verabschiedet werden, das die bisherige Regelungen des Deutschlandvertrages mit den Alliierten substituieren und die oberste Gewalt in Krisensituationen innerhalb sowie außerhalb der Staatsgrenzen der Bundesregierung übergeben sollte. Im Notstand konnte die Regierung so einige Grundrechte außer Kraft setzen, um besser, schneller und effektiver (re-)agieren zu können. Besonders kritisch wurde gesehen, dass die Exekutive selbst bestimmen konnte, wann der innere Notstand vorhanden war. 39 Der Gesetzesentwurf wurde zum einen von den Gewerkschaften entschieden abgelehnt, „aus der Sorge heraus, die Bestimmungen könnten dazu missbraucht werden, Streiks zu unterdrücken“ 40 , zum anderen von den Studenten, die die Notstandsgesetze als „‚NS-Gesetze[n]‘“ 41 darstellten, da sie die Befürchtung hatten, mit den Notstandsgesetzen werde eine Neuauflage des Ermächtigungsgesetztes von 1933 versucht. 42
Ohnehin gab es ein Konfliktpotential zwischen großen Teilen der Jugendlichen und ihrer Elterngeneration bei der Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit, das zu einem verhärteten Generationenkonflikt führte. Während die Erwachsenengeneration als direkte Überlebende des Zweiten Weltkrieges zur Vergangenheitsbewältigung eine Verbindung von Besserung durch Aufarbeitung einerseits und Vergessen andererseits 43 versuchte, prangerten die als „Nachkriegsgeneration“ aufgewachsenen Jugendlichen diese Art der Problemlösung an. Die Studenten starteten eine „‚Enthüllungskampagne‘ über die NS-Vergangenheit von Politikern, Hochschullehrern und Wirtschaftsführern [, die] dem Nachweis dienen [sollte], dass die Bundesrepublik nur vordergründig eine Demokratie sei, tatsächlich aber [...] in der personellen Kontinuität des ‚Dritten Reiches‘ stehe“. 44 Sie
39 Vgl. Kießmann, Prof. Dr. Christoph in Geschichtsbuch 4, S.213.
40 Pötzsch, Horst: Deutsche Geschichte von 1945 bis zur Gegenwart, S.149, Olzog, München: 1998.
41 Etzemüller, T.: 1968 - Ein Riss in der Geschichte, S. 103.
42 Vgl. Anm. 40.
43 Vgl. Etzemüller, T.: 1968 - Ein Riss in der Geschichte, S. 101.
44 Schildt, A.: Rebellion und Reform, S.137. 12 © Florian Wedler 2010
prangerten diese „Doppelmoral“ 45 immer erbarmungsloser an und forderten personelle Konsequenzen.
Neben oben genannten Notstandsgesetzen dienten zum Nachweis dieser anscheinenden Tatsache die Wahlerfolge der rechtsextremen NPD. 46
Politisiert wurden die Demonstrationen auch durch den fortschreitenden Vietnamkrieg und das dortige (über) harte Intervenieren der USA seit 1965, welches eine „moralische Empörung [...] freisetzte.“ 47 Der Widerspruch zwischen amerikanischer Idealisierung von Freiheit und Demokratie und der brutalen Kriegsführung war für die Studenten zu offensichtlich, und sie verstanden nicht, wie die amerikanischen Konsumgewohnheiten so unkritisch von ihren Eltern als „westliche Freiheiten“ übernommen wurden. 48
Die theoretischen Grundlagen der Gesellschaftskritik bildeten die Schriften Theodor W. Adornos und vor allem die des Philosophen Herbert Marcuse, der die Wiederentdeckung des Marxismus mit Elementen der Freudschen Tiefenpsychologie verband und die „Überflussgesellschaft“ und den „Konsumterror“ kritisierte, weil sich der Mensch ihnen widerstandslos unterwerfe, obwohl sie seine natürlichen Bedürfnisse unbefriedigt ließen und ihn an der Entfaltung seiner Fähigkeiten hinderten. 49 Zusammen mit Max Horkheimers „Traditionelle[r] und kritische[r] Theorie“ wurde die neomarxistische „Kritische Theorie“, die zwischen den beiden Weltkriegen hauptsächlich am Frankfurter Institut für Sozialforschung entwickelten worden war, wiederentdeckt. Hinzu kam noch die Identifikation mit den antiimperialistischen Bewegungen in den Staaten der „Dritten Welt“, die für ihre Unabhängigkeit kämpften und so den Bruch mit den westlichen Imperialmächten wagten.
Durch die zunehmenden Berichterstattungen in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen erhielt die Studentenbewegung mehr Aufmerksamkeit und entwickelte sich zu einem weltweiten und radikaleren Großereignis in fast allen westlichen Staaten. Die Medien berichteten über den Vietnamkrieg und über die in den USA stattfindende Bürgerrechtsbewegung, die beispielhaften Charakter für die deutsche Bewegung besaß.
45 Vgl. Anm. 42.
46 Vgl. Anm. 43.
47 Ebd.
48 Vgl. Kießmann, Prof. Dr. Christoph in Geschichtsbuch 4, S.214.
49 Vgl. IzpB Bd.258 S.16. 13 © Florian Wedler 2010
All diese Themen und Umstände griffen ineinander und bildeten ein komplexes Geflecht, das die Vorstellungen vom repressiven, also unterdrückenden, autoritären System und dem „Muss“ zur notwendigen sozialistischen Revolution der Gesellschaft 50 stützte. Um die Themen zu diskutieren und weitere potentielle Akteure für sich zu gewinnen wurden zahlreiche Mittel eingesetzt. Neben den Demonstrationen „sprengten“ und blockierten die Studenten Hochschulvorlesungen und Kongresse durch „go-ins“, „sit-ins“ und „teachins“ (Vorbild hierzu war die USA). Durch Flugblätter, Denkschriften, Lieder und visuelle Symbolik sollte die breite Masse erreicht werden.
Doch nach der ersten Radikalisierung der Studenten als Reaktion auf den Tod Ohnesorgs hatte die Studentenbewegung in Deutschland ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Die bis dato heftigsten Unruhen in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg brachen erst als Reaktion auf das zunächst misslungene Attentat auf Rudi Dutschke in Berlin am Gründonnerstag, dem 11. April, 1968 los. Der rechtsradikale junge Arbeiter Josef Bachmann 51 lauerte dem SDS-Führer auf und wollte ihn erschießen, verletzte ihn jedoch zunächst nur schwer, Dutschke starb jedoch 1979 an den Spätfolgen. 52 Die daraus folgende Welle der Gewalt bildete zugleich den „internationalen Höhepunkt der Studentenbewegung“ 53 : Über die Osterfeiertage lieferten sich Teile der Studenten heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Die Beamten waren nicht immer im Vorteil gegenüber den wütenden Jugendlichen (s. Abb.2).
Es folgten der Sternmarsch auf Bonn am 11. Mai 1968 mit über 70.000 Teilnehmern aus ganz Deutschland, weitere Besetzungen von Schulen und Hochschulen und zum Teil betriebliche Warnstreiks.
Den vorläufigen Endpunkt der gesamtdeutschen Bewegung setzte die Verabschiedung der Notstandsgesetzte am 30. Mai.
Das wurde als herbe Niederlage der APO empfunden, war die Verhinderung der Notstandsgesetze doch eines ihrer Hauptziele gewesen. Außerdem öffneten sich nun vielen die Augen für den harten Gewalteinsatz beiderseits, der von vielen nicht mehr akzeptiert wurde. „Am Problem der Gewalt schieden sich schließlich die Geister.“ 54
50 Vgl. Anm. 40.
51 Ruetz, Michael: „Ihr müßt diesen Typen nur ins Gesicht sehen“, S.122, ZWEITAUSENDEINS: 1980.
52 Vgl. Schildt, A.: Rebellion und Reform, S.137, S.140.
53 Schildt, A.: Rebellion und Reform, S.140.
54 Kießmann, Prof. Dr. Christoph in Geschichtsbuch 4, S.215. 14 © Florian Wedler 2010
Es folgten eine Aufsplitterung und der Zerfall der Organisationsstrukturen, welcher das Ende der Studentenbewegung als solche bedeutete.
Da in der Tschechoslowakei auch der Prager Frühling niedergeschlagen worden war, begann der größte Teil der Demonstranten zu resignieren und sich von den Aktionen zurückzuziehen. Zudem war „keine Zustimmung in den Arbeitnehmerschichten [mehr vorhanden], die den spektakulären Aktionen [nun] mit Ablehnung und Unverständnis begegneten“. 55
Ein anderer Teil begann Ende 1969 den „Marsch durch die Institutionen“, bei dem die ehemaligen Aktivisten versuchten wenigstens einige ihrer Ziele auf
„herkömmlichem“ Weg in den Parteien, Gewerkschaften und Institutionen wie Schulen und Universitäten umzusetzen. Die meisten traten der SPD oder der KPD bei, z.T. auch der FDP. Einige gründeten später die neue „Umweltpartei“ die „Grünen“. Nur wenige wurden radikaler und organisierten den Terror der 70er Jahre mit der RAF oder fanden ihr Zuhause in den maoistischen K (=Kommunistischen)-Gruppen, die weiterhin eine massive antiwestliche Geringschätzung des bürgerlichen Rechtsstaates und eine heftige Ablehnung liberalen Denkens propagierten. 56
Trotz großer Heterogenität bezüglich der Ziele und regionalen Unterschiede innerhalb der Bewegung ist es erstaunlich, dass „man vom Ende der fünfziger bis zum Ende der sechziger Jahre eine Bewegung sich entwickeln und radikalisieren“ 57 sah.
2.2.2. Ergebnisse der Bewegung - oder: Was wurde erreicht?
Nach vielen Ereignissen war der SDS sowie die APO, und damit das Zentrum der Organisation, welches die unterschiedlichen Interessen zusammengeführt hatte, letztlich zerbrochen und hatten der Bewegung ein jähes Ende bereitet. War die Bewegung gegen das „Establishment“ 58 nun also gescheitert? Diese Frage lässt sich nicht eindeutig mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten, hatten doch die diversen Ziele bei der Bevölkerung unterschiedlichste Reaktionen hervorgerufen und damit ebenfalls diverse Ergebnisse hervorgerufen.
55 Müller, Hartmut M.: Brockhaus: 1949-1999 - 50Jahre Deutsche Geschichte, S. 89.
56 Vgl. Schildt, A.: Rebellion und Reform, S.138.
57 Vgl. Anm. 29.
58 So wurde die Regierung bzw. der Staatsapparat von den Studenten genannt. 15 © Florian Wedler 2010
Da waren zum einen die Notstandsgesetze, deren Verabschiedung neben dem Gewaltfaktor entschieden zum Zerfall beitrug. Der Protest gegen die Gesetze hatte nichts genützt, denn am 30. Mai 1968 beschloss die Regierung sie und nahm sie ins Grundgesetz (Artikel 53a) auf. Dies war zwar, dank der SPD, eine entschärfte Version, in der weniger Grundrechte außer Kraft gesetzt werden sollten als ursprünglich vorgesehen, trotzdem war sie eine herbe Niederlage für die Studierenden. 59
Außerdem fand eine sofortige Reformierung der Hochschulen für mehr Mitbestimmung nicht in dem Maße statt, wie große Teile der Studenten es sich gewünscht hatten, weil sich die „Entscheider“ weigerten, größere Teile ihrer Autorität abzugeben und die Blockaden durch die Polizei auflösen ließen. Eine Neugründung der Republik habe nicht stattgefunden, 60 dafür war „ihr bleibendes Ereignis [...] eine nachhaltige Veränderung der politischen Kultur in der Bundesrepublik.“ 61
Oskar Neget beschreibt die Bewegung so, wie sie wohl vielen der damaligen Aktivisten in Erinnerung geblieben ist, denn „obwohl ihr Einfluss auf unsere heutige Gesellschaft deutlich spürbar [ist], [ist sie] aber kaum exakt zu bestimmen“ 62 Doch mit der Schaffung der „neuen“ Linken in Deutschland und vor allem durch die zum ersten Mal in der Nachkriegsgesellschaft diskutierende Öffentlichkeit in Universitäten und Schulen, 63 habe es einen Bruch von der vorherigen geordneten und verlässlichen Ordnung zur modernen Zeit gegeben. Sie habe die Bundesrepublik erst „bewohnbar“ gemacht 64 Die Rebellion kann als Medium, das die gesellschaftlich-kulturelle Rückständigkeit an die in großen Teilen schon viel weiter fortgeschrittene ökonomische und gesellschaftliche Modernität der Bundesrepublik anglich verstanden werden. 65 Die Radikalität der Studenten machte die Wundmale der parlamentarischen Demokratie öffentlich erkennbar und führte zu einer „Fundamentalliberalisierung“ der westdeutschen Gesellschaft und des Alltaglebens.
Obwohl augenscheinlich gescheitert, goss die antiautoritäre Bewegung doch das Fundament für viele ihr nachfolgende Veränderungen.
59 Vgl. Pötzsch, H.: Deutsche Geschichte von 1985 bis zur Gegenwart, S.149.
60 Vgl. Dirsch, Felix in Zeitschrift für Politik 55.Jg. 1/2008: Kulturrevolution oder Studentenbewegung?, S.31.
61 Vgl. Anm. 56.
62 Neget, Oskar in APuZ 14-15/2008: Demokratie als Lebensform. Mein Achtundsechzig Essay, S.3.
63 Vgl. Neget, O.: Demokratie als Lebensform, S.6.
64 Vgl. Schildt, A.: Rebellion und Reform, S.132.
65 Vgl. Schildt, A.: Rebellion und Reform, S.143. 16 © Florian Wedler 2010
Durch die öffentliche Diskussion wurde die Erziehung und der Schulunterricht hinterfragt. Es wurden sogenannte „Kinderläden“ gegründet, die eine antiautoritäre Kindererziehung als Ersatz zu den zahlenmäßig zu wenigen Kindergärten anboten. Die Aufspaltung der APO führte auch zur Gründung der Partei der Grünen, die die aufkommende Ökologiebewegung unterstützte. „Oben-ohne“-Happenings von Studentinnen sollten die Forderungen nach mehr sexueller Freiheit repräsentieren. Diese wurden mehr von den Medien kommerzialisiert als wirklich umgesetzt, 66 was trotzdem einen gewissen Fortschritt erkennen lässt. Eric J. Hobsbawm sieht die sexuelle Revolution ebenfalls nicht als erreicht, die Studentenbewegung habe sie aber durch den „entscheidenden Schritt zur sozialen Emanzipation“ 67 vorangetrieben. Mit der „sozialen Emanzipation“ meint er den Beginn der Frauenbewegung, die für mehr Gleichberechtigung kämpfte. Die Frauen in der APO hatten Mitte der 1960er gemerkt, dass ihnen, obwohl oberflächlich stets für Gleichheit gestritten wurde, trotzdem nur ein sehr beschränktes Mitspracherecht eingeräumt wurde. Daher richteten sich die Forderungen auch gegen Mitglieder der APO selbst. Ziele der feministischen Bewegung waren Gleichberechtigung und Auflösung der traditionellen Geschlechterrollenverteilung zwischen Mann und Frau im Ehe- und Berufsleben. 68 Alles in allem wurde also eine Erweiterung der Spielräume „innerhalb des angeblich repressiven Systems“ 69 erreicht.
3. Schlussteil
3.1. Fazit: Beantwortung der Ausgangsfrage
Doch kann man von einer „echten“ Revolution sprechen?
Wolfgang Kraushaar negiert die Frage eindeutig. 1968 stünde: „Erst einmal: für das Scheitern eines revolutionären Anspruchs, des Anspruchs, die bestehende Gesellschaft radikal umzuwälzen.“ 70
Dies ist an dem Misserfolg, am Scheitern des Hauptziels, der sozialen Revolution der Gesellschaft, eindeutig zu erkennen.
66 Vgl. Uesseler, Rolf: Die 68er: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“, S.330.
67 Hobbsbawm, Eric J.: Revolution und Revolte, S.300.
68 Vgl. Vgl. Uesseler, Rolf: Die 68er: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“, S.333ff.
69 Vgl. Schildt, A.: Rebellion und Reform, S.142.
70 Kraushaar, Wolfgang: 1968 - Das Jahr, das alles verändert hat, S.320. 17 © Florian Wedler 2010
Doch kann man dies nicht so stehen lassen. 1968 war mehr als das bloße Scheitern einer Utopie der Demokratie (siehe Kapitel 2.2.2.). 1968 wirkt heute noch oft als Kampfbegriff für die Rebellion der Jugend, als revolutionär für die Entschlossenheit nach Veränderung. Neben den Impulsen für die Frauenbewegung führte sie „allen Verwunderungen zum Trotz zu einer Vertiefung des demokratischen Engagements in der Gesellschaft.“ 71 Die Definition von „Revolution“ und ihre Erweiterung mit der Abgrenzung zur Revolte muss angewandt werden.
Für eine Revolution spricht ganz klar, dass die Studenten einen totalen Bruch mit dem kulturellem Wertesystem anstrebten und ihre neue Ideologie von „mehr echter Demokratie“ vertraten. Durch die Attentate auf Ohnesorg und Dutschke konnten die Aktivisten weitere Teile der Bevölkerung für sich gewinnen, jedoch blieb es dabei meistens bei jungen Studenten, der größte Teil der Bevölkerung wurde nicht erreicht. Zu einer tragfähigen Koalition zwischen Studenten und Arbeitern und damit zu einer Unterstützung seitens breiter Bevölkerungsschichten, war es nicht gekommen. Bei den Vorbedingungen sind exogene Faktoren eher nicht vorhanden, eine akute Bedrohung von außen oder ein anstehender Krieg schien nicht in Aussicht, dafür aber gab es eine verbreitete Unzufriedenheit bei den Studenten - also endogene Faktoren - über die autoritären gesellschaftlichen Strukturen.
Bleibt noch die Organisation der Bewegung. Die APO (bzw. der SDS) führte sie an, daher gab es bis zu deren Zerfall durchaus einen starken Anführer der Bewegung, der die Interessen bündelte. Doch begann mit dem Zerfall der APO auch gleichzeitig das Ende der Bewegung. Nach der Aufspaltung war ein Führungsgremium also nicht mehr vorhanden. Es war schon früher klar geworden, dass die Verbindung subjektiver und objektiver Faktoren gerade bei den weiblichen Mitstreitern für Missfallen sorgte und letztlich ebenfalls ein Grund mit für das Scheitern wurde.
Dies alles führt dazu, dass sich von einer Revolution wie im ersten Teil dieser Ausarbeitung modern definiert, nicht sprechen lassen kann. Zu viele Faktoren sprechen dagegen.
Schaut man sich nun jedoch die Definition der „Revolte“ an, so drängt sich einem diese Begrifflichkeit als Beschreibung jener Zustände förmlich auf.
71 Weizäcker, Richard v. in Frankfurter Rundschau vom 4. Oktober 1990, zitiert nach Kraushaar, W.:1968 -Das Jahr, das alles verändert hat, S.323. 18 © Florian Wedler 2010
Die Revolte als gescheiterte Revolution, als ein Ereignis, das von einer kleinen, sich auflehnenden Trägergruppe getragen, damals nicht so große Reichweite erzeugte, aber dennoch nachwirkend die Welt veränderte, wie es der ehemalige Bundespräsident beschrieb (s. o.).
Die Studentenbewegung setzte Zeichen für viele heute selbstverständliche Dinge.
Betrachtet man die aktuelle Forschungslage, so stellt man fest, dass sich an 1968 seit jeher die Geister scheiden. 72 Für die einen wird es das Jahr sein, an dem sich „nichts verändert“ 73 hat, für die andern das Jahr, „das alles verändert hat“, 74 das Jahr, das spätere Generationen vielleicht so betrachten, wie wir heute die gescheiterte Revolution von 1848/49: Ein oberflächlich gescheitertes, jedoch darüber hinaus viel tiefgreifenderes Ereignis, das zu mehr Demokratie in Deutschlands Gedankenwelt führte.
72 Vgl. Kraushaar, Wolfgang: Achtundsechzig - Eine Bilanz, Buchklappeninnentext.
73 Vgl. Kraushaar, W. 1968 - Das Jahr, das alles verändert hat, S.311.
74 Kraushaar, W. 1968 - Das Jahr, das alles verändert hat, siehe Titel. 19 © Florian Wedler 2010
4. Anhang
4.1.Zusatzbemerkung:
Betrachtet man abschließend den Gesamtzusammenhang, in dem diese Facharbeit erstellt wurde, so wird ein klarerer Grund für die aktuelle Forderung, den Ruf nach mehr Engagement der Jugend gesellschaftlich wie politisch deutlich: Die Elterngeneration, meist ehemalige Mitglieder im Kampf gegen das Establishment, verstehen nicht, wie die heutige Generation große Veränderungen der Hochschulpolitik, die im Zeichen des Bologna-Prozesses stehen, „einfach so“ hinnehmen kann. Doch ist dieser Aufruf nicht immer gerechtfertigt. Im Herbst 2009 gingen wieder viele Studenten auf die Straße. Getrieben vom Unmut über die misslungene Umsetzung des Bachelor/Master-Systems und gleichzeitiger „Verschwendung“ von zu hohen Studiengebühren, die es den sozial schwächeren Bevölkerungsschichten erheblich erschweren ein Studium aufzunehmen.
4.2. Abbildungsverzeichnis:
Abb. 1 Studenten entrollen ein Plakat bei einer Hochschulfeier in der Uni Hamburg am 9.11.1967 http://www.wdr.de/themen/panorama/gesellschaft/68_nrw/menschen/infobox/data/68er_politik/unter_den_talaren _dpa_400.jpg
20
© Florian Wedler 2010
Abb. 2 Berliner Polizisten suchen Schutz hinter einem Fahrzeug
Ruetz, Michael: „Ihr müsst diesen Typen nur ins Gesicht sehen“ (Klaus Schütz, SPD) APO Berlin 1966-1969, S.147
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Abbildungen:
Abbildung: Quelle: Aktualisiert: Abb.1 http://www.wdr.de/themen/panorama/gesellschaft/68_nrw/mensche 2010
n/infobox/data/68er_politik/unter_den_talaren_dpa_400.jpg Abb. 2 Ruetz, Michael: „Ihr müsst diesen Typen nur ins Gesicht s.o.
sehen“ (Klaus Schütz, SPD) APO Berlin 1966-1969, S.147
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