Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 3
1. Nietzsches „Lehre vom Stil“ 3
1.1 Entstehungsgeschichte. 3
1.2 Gaugers Interpretation. 5
2. Stil in „Also sprach Zarathustra“ 10
2.1 Die „Lehre vom Stil“ als Maßstab? 11
2.2 Gleichnisse, Bilder und Sprechnähe. 12
2.3 Stilistische Einordnung durch den Autor. 16
Zusammenfassung. 19
Literaturverzeichnis. 21
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Einleitung
Friedrich Nietzsche ist mit Sicherheit einer der umstrittensten Philosophen. Dies mag zum einen an der Tatsache liegen, dass er - unverdienter Weise, wie ich meine, oft in einem Atemzug mit dem Nationalsozialismus genannt wird, der sich gerne seiner kraftvollen Worte bediente, wenn diese passend erschienen. Zum anderen liegt es sicherlich aber auch an seiner Sprache - dem Schreibstil vieler seiner Schriften, die so gar nicht in das Bild philosophischer Texte passen wollen. Nietzsches Schreibstil ist innerhalb der Philosophie und sogar innerhalb der Literatur einmalig - ein Grund mehr diesen einer genaueren Untersuchung zu unterziehen.
Nietzsche hat sich innerhalb seiner Schriften oft genug selbst zum Thema „Stil“ geäußert, weswegen auch auf seine eigenen Äußerungen eingegangen werden kann und sogar muss, denn dies kann bei der Suche nach einer Beschreibung des Stils bei Nietzsche nur dienlich sein. Hierbei ist jedoch Vorsicht angebracht - gerade bei Nietzsche, denn nicht alles, was er sagte kann in gleicher Weise gewichtet werden. Auch ist es fraglich, ob er immer auf das, was er äußerte, festgelegt werden kann und muss.
Ausgehend von einer kritischen Betrachtung der Interpretation Martin Gaugers zu Nietzsches „Lehre vom Stil“ soll anschließend untersucht werden, welcher Art Nietzsches Stil in „Also sprach Zarathustra“ ist, und wie er ihn selbst beschrieb.
1. Nietzsches „Lehre vom Stil“
1.1 Entstehungsgeschichte
Nietzsches Verhältnis zu den Frauen ist problematisch und von Enttäuschungen bestimmt. Seine innere Verkrampftheit, die er immer wieder an den Tag legt, wenn es
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darum geht auf Freiersfüßen zu wandeln, hat sicherlich viele Ursachen. Eine mag darin zu sehen sein, dass zu Nietzsches Lebzeiten strenge moralische Konventionen herrschen, die ein entspanntes Miteinander zwischen Frauen und Männern erschweren. Eine weitere Ursache mag darin zu finden sein, dass Nietzsche in einem reinen Frauenhaushalt groß wird. Der Vater verstirbt früh, und auch sein Bruder stirbt bereits mit zwei Jahren. Übrig bleiben die Mutter Franziska, die Schwester Elisabeth, die Großmutter Erdmuthe, zwei unverheiratete Tanten Rosalie und Auguste und die Haushälterin Wilhelmine. Gerade seine Schwester übt dabei den wohl größten Einfluss auf ihn aus. Sie steht ihm einerseits immer wieder bei, wenn er aufgrund seiner seit ca. 1865 anhaltenden schlechten gesundheitlichen Verfassung auf ihre Hilfe angewiesen ist. Andererseits übt sie jedoch immer wieder einen starken, von Eifersucht geprägten Einfluss aus, wenn sich Nietzsche anderen Frauen in Zuneigung zuwenden will. Zur Eskalation mit der Schwester und zur tiefsten Kränkung Nietzsches kommt es im Jahre 1882 - dem Entstehungsjahr der Schrift „Zur Lehre vom Stil“. 1 Nietzsche ist immer auch auf der Suche nach einer Frau, die ihm geistig entspräche. 1882 denkt er, es sei soweit. Durch seinen Freund Paul Reé und Malwida von Meysenbug lernt er am 20.4.1882 die junge Russin Lou Salomé im Petersdom in Rom kennen. Nietzsche liebt Lou und wirbt um sie, doch auch Reé zeigt Interesse. Alle drei planen zunächst ein geistiges Dreiergespann zu bilden - miteinander zu leben und zu lernen. Zunächst scheint dies zu klappen, doch dann werden Nietzsches Enttäuschung gegenüber Lou, die zwei Heiratsanträge abweist, und seine Eifersucht gegenüber Reé zu groß. Die Freundschaften zerbrechen.
Zuvor weilen jedoch Lou und Nietzsche vom 7. bis 26. August 1882 in Tautenburg - mit Nietzsches Schwester Elisabeth als Anstandsdame, wobei es am Ende des Aufenthalts zu einem großen Streit zwischen Nietzsche und seiner Schwester kommt. In dieser Zeit entsteht die „Lehre vom Stil“. Sie kann auch als Teil Nietzsches Werbens betrachtet werden, denn in besagter Zeit versucht Nietzsche noch einmal nachdrücklich Lous Herz für sich zu gewinnen. Doch auch dieses Mal scheitert er. Von der Schrift liegen zwei Fassungen vor. Die erste schrieb er wahrscheinlich kurz vor besagtem Treffen - im Juli. Thema soll im Folgenden jedoch die zweite - also die
1 Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, Giorgio Colli und Mazzino Montinari (Hrsg.), Band 10. Dtv de Gruyter: München 1980, S. 38f. Im Folgenden wird die Quelle durch KSA 10 abgekürzt.
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von ihm wahrscheinlich überarbeitete Fassung sein.
1.2 Gaugers Interpretation
Hans-Martin Gauger widmet in seinem Buch „Über Sprache und Stil“ 2 ein eigenes Kapitel Nietzsches „Lehre vom Stil“. Gauger geht dabei Punkt für Punkt Nietzsches Thesen durch und interpretiert sie. Nietzsches „Lehre vom Stil“ sieht folgendermaßen aus:
Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll leben.
2.
Der Stil soll dir angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der doppelten Relation.) 3.
Man muß erst genau wissen: „so und so würde ich dies sprechen und vortragen“ — bevor man schreiben darf. Schreiben muß eine Nachahmung sein. 4.
Weil dem Schreibenden viele Mittel des Vortragenden fehlen, so muß er im Allgemeinen eine sehr ausdrucksvolle Art von Vortrage zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon nothwendig viel blässer ausfallen. 5.
Der Reichthum an Leben verräth sich durch Reichthum an Gebärden. Man muß Alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunktionen, die Wahl der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente — als Gebärden empfinden lernen. 6.
Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht, die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den Meisten ist die Periode eine Affektation. 7.
Der Stil soll beweisen, daß man an seine Gedanken glaubt, und sie nicht nur denkt, sondern empfindet. 8.
Je abstrakter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muß man erst die Sinne zu ihr verführen. 9.
Der Takt des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin, dicht an die Poesie heranzutreten, aber niemals zu ihr überzutreten. 10.
Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und sehr klug, seinem Leser zu überlassen, die letzte Quintessenz unsrer Weisheit selber auszusprechen.
2 Hans-Martin Gauger: Über Sprache und Stil, München: Beck 1995, S. 229ff.
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Laut Gauger zeigt der Teil des dritten Abschnittes: „Schreiben muss eine Nachahmung sein“, dass es hier allein um das Schreiben geht - Stil meint eine Schreibweise. Das Leitwort dieser Lehre heißt dabei „Leben“. In den ersten acht Abschnitten steht es entweder explizit im Zentrum, oder aber die Aussagen stehen im unmittelbaren Zusammenhang. Eine Schreibweise muss, um als gut bezeichnet zu werden, das Prädikat „Leben“ verdienen. Sie muss die Merkmale dessen haben, das lebt. Für Gauger sieht Nietzsche „Leben“ als notwendige Bedingung des guten Stils an. Dies soll so verstanden werden, dass der Schreiber die Eigenschaft „Leben“ auf das Geschriebene überträgt. Doch nun zu den einzelnen Abschnitten. Die Aussage des ersten Abschnittes scheint zunächst klar: „der Stil soll leben“. Wie jedoch ist dies zu verstehen, dass eine Schreibweise leben soll? Laut Gauger geht es um eine Eigenschaft, um die Übertragung der Eigenschaft „Leben“, die dem zukommt, der schreibt, auf das von ihm Geschriebene. Doch die Eigenschaft „Leben“ soll dem Stil auch direkt zukommen: Er selbst soll „leben“. „Leben“ darf also, laut Gauger, durchaus in einem „physiologischen“, „organischen“ Sinne verstanden werden. Im zweiten Abschnitt wird der erste Abschnitt konkretisiert. Die Eigenschaft „Leben“, die einer Schreibweise zukommt, hat laut Gauger mit „Angemessenheit“ zu tun, wobei sich die „Angemessenheit“ auf die kommunikative Intention dessen bezieht, der schreibt: dir angemessen, insofern du dich kommunikativ an ein Du richtest. „Angemessenheit“ gilt also der Situation, der kommunikativen Grundsituation: jemand teilt sich jemandem mit. Diese Situation soll die Schreibweise abbilden. Mit „eine ganz bestimmte Person, der du dich mittheilen willst“ ist jedoch eine fiktive Adresse gemeint. Der Schreibende soll von der Situation im Sinne eines Als-ob ausgehen. Dabei ist dies nicht im Sinne eines Dialoges oder Monologes zu verstehen, sondern im Sinne eines Vortrages, bei der man die bestimmte Person, an den er sich richtet, nicht aus dem Auge verlieren soll.
Auch im dritten Abschnitt wird laut Gauger deutlich, dass es um das Vortragen geht. Das, was man sagen will, muss in einen Vortrag verwandelt werden - und zwar im Sinne des zweiten Abschnitts: Einen Vortrag, der an „eine ganz bestimmte Person“
3 KSA 10, a.a.O.
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Arbeit zitieren:
Tanja Stramiello, 2003, Stilistische Verpflichtung? Nietzsches "Lehre vom Stil" und der Stil in "Also sprach Zarathustra", München, GRIN Verlag GmbH
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