VORWORT
Schon sehr früh habe ich begonnen mich dafür zu interessieren, wie man das, was unsere Erlebnisse und unsere Gefühle ausmacht, am besten beschreiben könnte. Dieses frühe Interesse kommt daher, dass ich schon als Kind die Erfahrung machen musste, was es bedeutet, ausgegrenzt, isoliert und missachtet zu werden. Diese Eindrücke gaben für mich den Anstoß über die Erlebnishaftigkeit von bestimmten Gefühlen und Erlebnissen nachzudenken, auch wenn ich als Kind diesen Gedanken natürlich noch nicht formulieren konnte. Ich machte für mich die Entdeckung, dass sich der Schmerz, den ich verspürte, wenn ich beispielsweise in der Schule verspottet wurde, ganz anders anfühlte und ganz anders zu charakterisieren war, als der Schmerz, den man hat, wenn man sich das Bein an der Bettkante stößt. Mit dem Wechsel in eine andere Klasse hörte ich auf mich mit diesen Gedanken zu beschäftigten.
Als ich aber mit dem Studium der Philosophie begann, entflammte auch mein Interesse auf diesem Gebiet von Neuem. Ich besuchte eine Vorlesung zur Philosophie des Geistes und wurde dort mit dem Leib-Seele- Problem vertraut. Es dauerte nicht lange, bis auch der Begriff der „Qualia“ zum ersten Mal in einer Vorlesung diskutiert wurde. Besonders die jüngsten Erkenntnisse der Neurowissenschaften werfen meines Erachtens neues Licht auf die Fragestellung. Ich war beeindruckt von den vielen unterschiedlichen Möglichkeiten, die es gibt, um auf dieses Problem zu reagieren. Gerade dieser enorme Umfang an möglichen Lösungen machte es für mich notwendig, mich auf die Suche nach der Theorie zu machen, die meinen Erfahrungen am nächsten kommt. Diese Arbeit soll daher ein Versuch sein, einige der wichtigsten Anschauungen zum Thema phänomenales Erleben vorzustellen und herauszufinden, welche von ihnen meinen Ansprüchen am ehesten entspricht. Ich empfinde dieses Thema deshalb als so wichtig, weil ich der Meinung bin, dass gerade die besondere Qualität der Erlebnisse Einfluss auf uns und unsere Persönlichkeit nehmen kann. Deswegen halte ich es für enorm wichtig, das Phänomen der Qualia genau zu untersuchen.
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ZUSAMMENFASSUNG
Welche Erkenntnisse habe ich aus der Beschäftigung mit diesem Thema gewonnen? Die erste und wichtigste Erkenntnis ist wohl, dass es keine unumstrittene Antwort auf die Frage nach dem Bewusstsein und dessen Merkmalen, wie dem der Qualia, gibt. Obwohl sich Philosophen und Philosophinnen seit Jahrhunderten mit dem Problem von Körper und Geist und dem phänomenalen Bewusstsein beschäftigen, gibt es keine Lösung, mit der zumindest ein Großteil der PhilosophInnen vollkommen einverstanden wäre. Es ist daher notwendig sich durch den Dschungel an Theorien zu kämpfen, um eine Theorie zu finden, die den höchsten Plausibilitätsgrad besitzt. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es besonders auf dem Gebiet der Philosophie des Geistes sehr wichtig ist, eine Theorie zu finden, die einen in seinen subjektiven Intuitionen und Überlegungen bestärkt, da es sich um Theorien handelt, die das Subjekt selbst zum Thema haben.
Durch die Lektüre der Texte bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass ich derzeit zu den Menschen gehöre, die reine PhysikalistInnen wohl als „Qualia-Freund“ bezeichnen würden. Ich bin der Meinung, dass unsere Erlebnisse und Empfindungen eine besondere Qualität besitzen, zu welchen wir selbst, einen privilegierten Zugang haben. Das Argument des unvollständigen Wissens von Frank Jackson hat mich in dieser Annahme bestärkt, obwohl ich zugeben muss, dass die Einwände, die dagegen formuliert worden sind, nicht einfach von der Hand zu weisen sind. Trotz meines derzeitigen Standpunktes, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, dass sich meine Anschauung in den nächsten Jahren nicht ändern könnte, denn ich denke, dass vor allem die Gehirnforschung, welche zwar eine enorme Entwicklung erlebt hat, aber bei weitem noch nicht vollständig ist, in nächster Zeit noch einige neue Erkenntnisse bringen wird, welche die Diskussion rund um Bewusstsein und Qualia erneut anheizen werden.
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INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort S.2
Zusammenfassung S.3
Einleitung S.5
1.Frank Jackson: „Epiphänomenale Qualia“ S.7
1.1. Darstellung des Textes S.7
1.2. Analyse des Textes S.13
1.3. Kritische Reflexion S.18
2. Kritik am Argument des unvollständigen Wissens S.23
2.1. Terence Horgan: Knew Knowledge/Old Fact View S.23
2.2. Reflexion der Einwände von Horgan S.26
2.3. David Lewis: Ability Hypothesis S.27
2.4. Reflexion der Einwände von Lewis S.32
3. Jacksons Postskript: Eine veränderte Sichtweise S.34
3.1. Darstellung seiner neuen Sichtweise S.35
3.2. Kritische Reflexion S.36
Resum é S.37
Quellenverzeichnis S.39
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EINLEITUNG
In der Einleitung, werde ich die Ziele, die ich mir für diese Arbeit gesteckt habe, anführen und einen Überblick über das Gebiet, welches bearbeitet wird, geben. Ein Ziel ist es, Begriffe wie Qualia und Epiphänomenalismus zu klären, um deren Verwendung in den Texten verstehen zu können. Weiters soll durch die Lektüre der zentralen Texte eine Horizonterweiterung stattfinden. Ich denke, dass eine solche Erweiterung nur in Auseinandersetzung mit kontroversen Argumenten und Thesen möglich ist. Mein Hauptanliegen ist es, den Text „Epiphänomenale Qualia“ 1 von Frank Jackson und vor allem sein sehr bekanntes Argument, welches als Argument des unvollständigen Wissen bezeichnet wird, genau zu untersuchen. Dabei spielen natürlich auch die Einwände, die in meiner Analyse beispielsweise von Terence Horgan und David Lewis formuliert werden, eine große Rolle. Das Ziel dieser Arbeit wäre erreicht, wenn am Ende Klarheit darüber herrscht, welche Positionen nach Jacksons Argument die vorherrschenden Positionen zum Thema Qualia sind und welche Lösung die adäquateste zu sein scheint.
Zu Beginn möchte ich kurz darstellen, was die Leib-Seele-Problematik ist und wie es durch sie zu Begriffen wie Qualia kommen konnte. Ausgangspunkt des Problems ist die Feststellung, dass es neben unserer physischen Welt auch noch eine mentale Welt gibt. Mit mental ist etwa gemeint, dass Menschen die Fähigkeit besitzen, sich zu erinnern, nachzudenken und Schmerz oder Freude in sich zu empfinden. Nun stellten sich PhilosophInnen schon vor langer Zeit die Frage, was das Mentale in uns ist und vor allem, wie der Geist in Beziehung zu unserem Körper steht. Das Hauptproblem, welches sich bald herauskristallisierte, ist die Frage, ob das Mentale zurückführbar ist auf physische Elemente, oder ob es nicht vielmehr so ist, dass das Mentale ontologisch gesehen eigenständig ist. Es bildeten sich die Positionen, die man als (Substanz-)Dualismus und Physikalismus bezeichnet. Dualisten, wie beispielsweise René Descartes, glauben, dass Mentales nicht auf physische Elemente reduziert werden kann. Daraus folgt, dass das Mentale unabhängig von dem Physischen existieren kann. Physikalisten hingegen nehmen an, dass eine Elimination oder Reduktion des Mentalen auf das Physische möglich ist. 2
1 Vgl. JACKSON, F., 2006, „Epiphänomenale Qualia“, In: METZINGER, T., 2006, Grundkurs Philosophie des Geistes1: Phänomenales Bewusstsein, Mentis, Paderborn, 83-97.
2 Vgl. BECKERMANN, A., 2008, Das Leib-Seele-Problem. Eine Einführung in die Philosophie des Geistes, Wilhelm Fink, Paderborn, S. 7 ff. Philosophie 5
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Heute sind vor allem physikalistische Theorien, wie etwa die Identitätstheorie oder der Funktionalismus vorherrschend. Sie alle gehen davon aus, dass es nichts gibt, was nicht im weitesten Sinn physikalischer Natur ist. Eine Position, die als „Kompromiss“ zwischen Dualismus und Physikalismus gesehen werden kann, ist der Eigenschaftsdualismus. Der Eigenschaftsdualismus geht davon aus, dass die physikalische Substanz zu geistigen Eigenschaften führt, welche sich nicht auf physikalische Eigenschaften reduzieren lassen. Doch selbst, wenn man einen großen Teil des Leib-Seele-Problems mit dem Eigenschaftsdualismus umgehen kann, so bleibt doch das Problem der Qualia. Was aber ist mit Qualia gemeint? Mit Qualia ist ein wichtiges Merkmal des Mentalen oder des Geistes gemeint. Das phänomenale Bewusstsein ist, neben der Intentionalität, eines der zwei oft genannten Merkmale des Geistigen. Phänomenalität bedeutet einfach, dass unsere Erlebnisse, Empfindungen und Wahrnehmungen eine gewisse Erlebnisqualität aufweisen. Es fühlt sich irgendwie an, Wein zu trinken, Schokolade zu essen, die Farben des Regenbogens zu sehen, oder den Duft einer Blume zu riechen. Genau das ist mit dem Begriff Qualia gemeint. Mit der Bezeichnung „es fühlt sich irgendwie an“ meint man ein Charakteristikum für Mentales gefunden zu haben, welches nur auf mentale Eigenschaften, nicht aber auf physische Eigenschaften zutrifft, denn es fühlt sich beispielsweise nicht irgendwie an, ein Muttermal zu haben. Wir können aber, selbst wenn wir annehmen, dass Physisches die Basis für unsere mentalen Eigenschaften ist, nicht erklären, warum es sich so-und-so anfühlt, glücklich zu sein, ein Eis zu essen, Stinktiere zu riechen oder einen Regenbogen zu sehen. Deswegen meinen manche (vgl. Jackson 2006), dass das Qualia-Problem eine Herausforderung für den Physikalismus darstellt. Ein weiteres großes Problem, welches sich im Zusammenhang mit der Annahme von Qualia ergibt, ist ein erkenntnistheoretisches Problem. Es gehört zur grundlegenden Eigenschaft von Qualia, dass sie immer an eine Person gebunden sind. Das soll heißen, dass es Zahnschmerzen nicht einfach in der Welt gibt, sondern, dass Zahnschmerzen immer zu einer Person gehören. Jemand hat Zahnschmerzen, oder jemand lässt sich gerade ein Stück Schokolade schmecken. Damit ergibt sich ein neues Problem, nämlich das Problem des Fremdpsychischen. Es ist dadurch charakterisiert, dass es nur uns selbst möglich ist, zu wissen, wie es sich für uns anfühlt, gewisse Schmerzen zu haben, oder einen angenehmen Duft zu riechen. Man kann sagen, dass wir einen privilegierten Zugang zu unseren eigenen Empfindungen haben. Dieser Zugang ist subjektiv und stellt damit eine große Hürde für die modernen Wissenschaften dar, deren Ziel es ist, alles aus objektiver Sicht zu beschreiben. Die Frage, die an dieser Stelle gestellt werden muss, lautet: „Ist es möglich, dass ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin durch die Analyse meiner Vorgänge im Philosophie 6
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Gehirn, mehr über mich und meine mentalen Zustände wissen kann, als ich selbst?“ Beantwortet man diese Frage mit „Ja“ so führt dies meiner Ansicht nach zu großen Schwierigkeiten. Es könnte einem dann passieren, dass man wegen bestimmter Schmerzen einen Arzt aufsucht. Daraufhin wird man genauestens untersucht. Das Ergebnis könnte sein, dass es gar nicht sein kann, dass ich Schmerzen habe, obwohl ich selbst die Schmerzen spüre. Was würde man in so einem Fall machen? Ich werde auf dieses Problem, an einer anderen Stelle weiter eingehen.
Ein weiterer Begriff, der in den hier analysierten Texten von Jackson 3 , Horgan 4 und Lewis 5 eine wichtige Rolle spielt, ist der Begriff des Epiphänomenalismus. Vertreter des Epiphänomenalismus glauben, dass geistige Zustände existieren, aber keine kausale Wirkung auf den Körper von Personen haben können, da sie das Prinzip der kausalen Geschlossenheit der Physik für wahr halten. Der Epiphänomenalismus ist damit eine Antwort auf das Problem der kausalen Interaktion zwischen Körper und Geist. Das heißt, Qualia werden als kausal irrelevante Nebenprodukte physikalischer Prozesse gesehen. An späterer Stelle werde ich meine Position zum Epiphänomenalismus genauer erörtern. Die erwähnten Probleme der Körper-Geist-Beziehung, die Eingliederung von Qualia in eine physikalische Welt und der kausalen Interaktion zwischen Körper und Geist werden nun anhand von Texten von Jackson, Horgan und Lewis bearbeitet.
1) Frank Jackson: „Epiphänomenale Qualia“ 6
1.1 Darstellung des Textes
Am Beginn seines Textes weist Jackson darauf hin, dass es unterschiedliche Verwendungsweisen von dem Begriff physikalische Information gibt. Er erklärt zuerst, was der Begriff physikalische Information für ihn bedeutet, (nämlich, dass alles physikalische Information ist, was uns die Wissenschaften wie die Biologie, die Physik und die Chemie
3 Vgl. JACKSON, 2006, „Epiphänomenale Qualia“.
4 Vgl. HORGAN, T., 2001, „Jackson über physikalische Information und Qualia“, In: Heckmann, H.D., 2001, Qualia - Ausgewählte Beiträge, Mentis, Paderborn.
5 Vgl. LEWIS, D., 2001, „Was uns das Erleben lehrt“, In: Heckmann, H.D., 2001, Qualia - Ausgewählte Beiträge, Mentis, Paderborn.
6 Vgl. JACKSON, 2006, „Epiphänomenale Qualia“. Philosophie 7
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liefern) fügt dann aber hinzu, dass es für die Entstehung des Problems, um das es ihm geht, nicht relevant ist, welche Definition von Physikalismus man annimmt. Was ist nun das Problem? Das Problem ist, dass es nach der Meinung von Jackson möglich ist, dass alle möglichen, physikalischen Informationen zu einem Erlebnis, wie dem, Schokolade zu schmecken, gesammelt werden können und trotzdem nicht das wesentliche Merkmal der Phänomenalität dieses Erlebnisses erfasst wird. Das heißt, solche Erlebnisse besitzen bestimmte Merkmale, die von keiner Menge an physikalischen Informationen erfasst werden können. 7
Aus dieser Problemstellung folgen schließlich seine berühmt gewordenen Argumente gegen den Physikalismus.
Das Argument des unvollständigen Wissens
Dieses Argument kann man als Jacksons stärkste Waffe gegen den Physikalismus bezeichnen. Das Argument lässt sich in mehreren unterschiedlichen Arten formulieren. Ich werde drei Argumente, die Jackson in seinem Text beschreibt, hier vorstellen, wobei vor allem zwei einige Gemeinsamkeiten aufweisen und schlussendlich alle drei zu demselben Ergebnis kommen. Das bekannte Argument des unvollständigen Wissens ist das Argument in dem es um Mary die Neurowissenschaftlerin geht.
Mary ist, aus welchen Gründen auch immer, dazu gezwungen in einer schwarz-weiß-Welt zu leben. Sie befindet sich in einem Raum in dem alle Gegenstände entweder schwarz oder weiß sind, und sie kann unsere Welt nur über einen schwarz-weißen Monitor beobachten. In ihrem Zimmer lernt Mary alles, was es in physikalischer Hinsicht über Farben, Farbzusammensetzungen und Farbwahrnehmung zu wissen gibt. Sie kann Aussagen wie „die Wiese ist grün“ oder „der Apfel ist rot“ ohne weitere Probleme treffen. Jackson nimmt an, dass Mary alles Physikalische über Farbe weiß, was es zu wissen gibt. Die wichtige Frage ist: Was passiert, wenn Mary zum ersten Mal in ihrem Leben ein Farberlebnis hat? Die Antwort von Jackson lautet: Sie lernt etwas Neues. Wenn sie aber etwas Neues lernt, so das Argument, obwohl sie zuvor schon alle physikalische Information über Farben hatte, dann muss das, was sie neu gelernt hat, etwas sein, das nicht-physikalisch ist. Sie kann nur etwas Neues lernen, weil ihr vorheriges Wissen unvollständig war. Ergo ist der Physikalismus - die These, dass alle Entitäten in der Welt physikalischer Natur sind - falsch. 8
7 Vgl. JACKSON, 2006, „Epiphänomenale Qualia“, S. 83.
8 Ebd. S. 87 f. Philosophie 8
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Eva Eckhard, 2010, Phänomenales Bewusstsein - Eine Untersuchung des Arguments des unvollständigen Wissens, München, GRIN Verlag GmbH
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