1. Einleitung
Das Interesse, über dieses Thema eine Hauptseminararbeit zu schreiben, entstand während eines Seminars über Jesus von Nazareth. Die Abhandlung des Unterthemas „Familie Jesu“ weckte in mir verschiedene Fragen, wie z.B., wie die Argumentation für oder gegen Geschwister Jesu begründet ist, sodass ich mich damit noch über die Seminareinheit hinaus weiterbeschäftigen wollte. Vieles, wie auch die Existenz leiblicher Geschwister Jesu, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nie kritisch hinterfragt, sondern als selbstverständlich angenommen. Durch das Seminar wurde jedoch mein Interesse bestärkt, nachzuforschen, welche Argumente aus der theologischen Forschung meine Annahme bekräftigen oder widerlegen. Dieses Nachforschen in Literatur verschiedener Art, sei es in katholischen, evangelischen, fachwissenschaftlichen oder missionarisch angelegten Auslegungen gestaltete sich als spannendes Erkennen und Lernen. Die Argumentation der evangelischen und katholischen Theologen ist zumeist gegensätzlich. Dies wird auch in der vorliegenden Hauptseminararbeit deutlich werden.
Maria ist aufgrund ihrer Bedeutung in der katholischen Kirche stärker in das öffentliche Bewusstsein gelangt als die Geschwister Jesu, darum soll der inhaltliche Schwerpunkt der Hausarbeit auf ihnen liegen. Dennoch kann weder sie noch Josef nicht übergangen werden, wenn es um die Familie Jesu geht, da sie als Eltern doch eine zentrale Rolle innehaben.
Zuerst wird es um die Eltern Jesu gehen. Dies wird durch eine Einzelbetrachtung von Maria und Josef geschehen. Dann werde ich mich den Geschwistern widmen. Hierbei beschreibe ich zuerst die verschiedenen Ansichten zur Frage, ob Jesus überhaupt Geschwister hatte, um diese anschließend vorzustellen. Als letzten Punkt möchte ich noch ein paar Hinweise auf andere Verwandte Jesu aufgreifen.
Neuere Literatur zu der Thematik dieser Hauptseminararbeit zu finden, insbesondere zur Frage nach den Geschwistern ist kaum vorhanden. Lediglich einige vereinzelte Kommentare zum Markusevangelium widmen einen kurzen Abschnitt der Familie bzw. den Geschwistern Jesu. Die bedeutendsten Schriften, vor allem im Bezug auf die Geschwisterfrage, wurden auf katholischer Seite von Josef Blinzler, 1 auf evangelischer Seite von Theodor Zahn 2 verfasst. Diese Arbeiten stammen jedoch aus dem Jahr 1967 und 1970 bzw. bei Zahn stammt die Originalschrift aus dem Jahr 1928. Auch die herangezogene Ausarbeitung von Lorenz Oberlinner 3 ist 1973/74 entstanden. Der Franzose Lucien Deiss ist
1 Blinzler, Josef: Die Brüder und Schwestern Jesu. Stuttgarter Bibelstudien 21, Stuttgart 1967
Blinzler, Josef: Hatte Jesus Geschwister? Kleine Reihe zur Bibel 14, Stuttgart 1970, Verlag Katholisches
Bibelwerk GmbH
2 Zahn, Theodor: Grundriß der Geschichte des Leben Jesu. Reprint. Holzgerlingen 1999, Hänssler-Verlag
3 Oberlinner, Lorenz: Historische Überlieferung und christologische Aussage zur Frage der „Brüder Jesu“ in der
Synopse. Freiburg im Breisgau 1973/74
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einer der wenigen, der sich diesem Thema in den letzten Jahren gewidmet hat. Er schrieb 1996 über die Familie Jesu und befasst sich in seinem Buch mit Joseph, Maria, Jesus und der Geschwisterfrage. Er beschäftigt sich hierbei auch mit den Beziehungen zwischen den einzelnen Personen. Neuere Literatur enthält zumeist lediglich die in den Evangelien angegebenen Namen und den Hinweis, dass die Existenz leiblicher Geschwister nicht bewiesen noch widerlegt werden kann. Daher stützt sich die Hausarbeit auf die oben genannten Autoren.
2. Die Familie Jesu
2.1 Die Eltern: Maria und Josef
Die Person, deren Verwandtschaft mit Jesus unbestritten bleibt, ist Maria, seine Mutter. Doch was ist über sie bekannt? Zunächst ist festzustellen, dass Maria die latinisierte Form des hebräischen Namens Mirjam ist. Diese Änderung ist nach Roloff auf christliche Überlieferungen zurückzuführen, die daraus den Namen Maria machten, welcher bis heute der gebräuchlichste Name der Mutter Jesu ist. 4 Mirjam ist ein bekannter biblischer Name, der mit dem Auszug aus Ägypten verbunden ist. 5 Eine Frage, die im Zusammenhang mit Maria häufig gestellt wird, ist die nach dem Alter Marias. Nach Deiss war es üblich junge Mädchen zu verheiraten, sobald sie in der Pubertät waren und Kinder bekommen konnten. Dies würde bedeuten, dass Maria zwischen zwölf und dreizehn Jahre alt war, als sie Josef heiratete. 6 Nach Gnilka dürfte Maria zur Zeit der Geburt Jesu zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren gewesen sein. 7
Ein weiterer Punkt, der immer wieder für Diskussionen sorgt, ist die Jungfrauengeburt. Tatsächlich findet sich im Matthäusevangelium die erfüllte Prophezeiung von Jesaja, die von einer Jungfrau spricht, welche einen Sohn gebären wird und ihn Immanuel nennen wird. 8 Nach Roloff spricht der hebräische Urtext jedoch nur von einer „jungen Frau“ und nicht von einer „Jungfrau“. 9 Ebenso spricht Paulus nicht von einer Jungfrau, als er den Hinweis auf die Geburt Jesu im Galaterbrief aufzeigt. 10 Er nennt jedoch keinen Namen, sondern spricht nur von einer Frau. Daraus schließt Bienert, dass der Apostel Paulus kein besonderes Interesse an
4 Vgl. Roloff, Jürgen: Jesus. München 2004, C.H. Beck Verlag, S. 55.
5 Vgl. Ebner, Martin: Jesus von Nazaret in seiner Zeit. Sozialgeschichtliche Zugänge. Stuttgart 2003, Verlag
Katholisches Bibelwerk GmbH, S. 119.
6 Vgl. Deiss, Lucien: Joseph, Mary, Jesus. Minnesota 1996, The Order of St. Benedict, Inc., S. 25f.
7 Vgl. Gnilka, Joachim: Jesus von Nazaret. Botschaft und Geschichte. Freiburg im Breisgau 1993, Herder
Verlag, S. 76.
8 Alle angegebenen Bibelstellen sind der Lutherbibel 1984 entnommen.
Mt 1,22-23: „Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat,
der da spricht (Jesaja 7,14): ‚Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden
ihm den Namen Immanuel geben’, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“
9 Vgl. Roloff, Jürgen: Jesus. S. 59.
10 Gal 4,4: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz
getan, […].“
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der menschlichen Abstammung Jesu zeigt. Es gehört jedoch zur Grundüberzeugung des Apostels, dass Jesus als Sohn Gottes von einer Frau zur Welt gebracht wurde, um zur Gemeinschaft der Juden zu gehören. 11
Die im Lukasevangelium verwendete Anrede Marias als „Begnadete“ 12 besitzt ihren Ursprung in der Erwählung als Mutter des verheißenen Messias, nicht in einer „persönlichen Gnadenfülle“ 13 . Gnadenfülle meint hierbei die Verehrung Marias als Frau, während die Bezeichnung als „Begnadete“, sie als Mutter des zu verehrenden Jesus sieht. Vor allem im Lukasevangelium spielt Maria in den ersten Kapiteln eine zentrale Rolle. Sie ist die entscheidende Gestalt, denn „aus ihr wurde Jesus gezeugt“ 14 . Für Jesus, der im zentralen Erzählgeschehen des Evangelisten steht, gibt es nur eine verwandtschaftliche Beziehung zu Maria, nicht aber zu Josef. Im Gegensatz zu Lukas legt Matthäus sein Augenmerk mehr auf Josef als auf Maria. Bösen vermutet, dass in Maria eine verehrungswürdige Gestalt gesehen wurde. Daher spricht er im Zusammenhang mit den ersten beiden Kapiteln des Lukasevangeliums von einem Beginn der Marienverehrung bereits zu Zeiten der Urkirche. Einen Grund für diese Verehrung Marias sieht Bösen darin, dass sie durch ihr Vertrauen in Gottes Plan, den sie nicht durchschauen konnte, ein Vorbild im Glaubens sein kann. 15 Trotz aller Verehrung und Hervorhebung Marias berichten uns die Evangelien von der Schwangerschaft ausschließlich durch den Besuch Marias bei Elisabeth. Einzig im Lobpreis Elisabeths und in Marias Lobgesang erfährt der Leser erstmals von der Schwangerschaft Marias. 16 Davor kann der Rezipient lediglich von der Ankündigung der Empfängnis lesen. Das nächste Mal, an dem die schwangere Maria erwähnt wird, ist auf dem Weg nach Bethlehem. 17 Nach der Geburt wird Jesus in den Tempel gebracht um Gott für ihn zu danken, ihn zu beschneiden und das Opfer darzubringen, wie es das Gesetz vorschreibt. 18 Über das Heranwachsen Jesus erfährt der Leser nichts Genaues. Er wurde wohl traditionell von seiner Mutter und später dann von seinem Vater erzogen, der ihn gleichzeitig in die Thora einzuweisen hatte. 19 Deiss spricht von einer Erziehung nach dem Gesetz des Herrn, welche eine tiefe religiöse Ehrfurcht seitens Marias und Josefs zeigt. 20
11 Vgl. Bienert, Wolfgang A.: Jesu Verwandtschaft. In: Schneemelcher, Wilhelm (Hrsg.): Neutestamentliche
Apokryphen I Evangelien. Tübingen 1987, J.C.B. Mohr Verlag, S. 373 - 386; hier S. 374.
12 Lk 1,28: „Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“
13 Bösen, Willibald: In Betlehem geboren. Die Kindheitsgeschichten der Evangelien. Freiburg im Breisgau
1999, Herder Verlag. S. 127.
14 Bösen, Willibald: Kindheitsgeschichten. S. 43.
15 Vgl. Bösen, Willibald: Kindheitsgeschichten. S. 127f.; S. 203.
16 Der Lobpreis Elisabeths findet sich bei Lk 1,39-45, der Lobgesang Marias bei Lk 1,46-56
17 Vgl. Lk 2,4-5: „Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur
Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich
schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.“
18 Vgl. 3. Mose 12, 1-6
19 Vgl. Gnilka, Joachim: Jesus von Nazaret. S. 77.
20 Vgl. Deiss, Lucien: Joseph, Mary, Jesus. S. 23.
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Das erste Erlebnis, das uns die Bibel berichtet, ist der zwölfjährige Jesus im Tempel in Jerusalem. 21 Danach taucht Maria erst wieder bei Jesu öffentlichem Wirken auf, als die Auflehnung gegen ihn begann. Maria und seine Brüder kamen, um ihrem Sohn bzw. Bruder den Rat zu geben, nicht weiter provozierend zu reden. 22 Wie kommt es dazu, dass sowohl Maria, als auch seine Brüder, Jesus für „von Sinnen“ erklären und ihn in Gewahr nehmen wollen? 23 Richards bezeichnet dieses Verhalten Marias als Irritation aufgrund des öffentlichen Wirkens Jesu. Sie konnte offenbar nicht einordnen, was Jesus tat. Dies hat jedoch nichts mit mangelndem Glauben oder gar Unglauben Marias zu tun. 24 Die nächste Bibelstelle, die Maria erwähnt befindet sich im Johannesevangelium. Maria wird als eine der Frauen genannt, die mit den Jüngern am Kreuz stand. 25 Die Evangelien nach Matthäus und Markus benennen nur Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus und Josefs. 26 Dabei handelt es sich nach Oberlinner trotz der gleichen Namen der Söhne nicht um die Mutter Jesu. Inwieweit es sich um dabei aber tatsächlich um leibliche Geschwister Jesu handelt, wird an anderer Stelle betrachtet werden. 27 Bemerkenswert ist jedoch, dass sich Jesus auch dort, in Joh 19, 26-27, in seiner eigenen Not, um seine Mutter kümmert: „Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ Dies lässt auf ein besonderes Verhältnis von Jesus zu seiner Mutter schließen, da er um ihr Wohl besorgt ist. Die letzte Erwähnung Marias im Neuen Testament findet sich in der Apostelgeschichte. Hier ist sie, nach Jesu Auferstehung und Himmelfahrt, mit den Jüngern, den anderen Frauen und den Brüdern Jesu zusammen um zu beten. 28 Nach Richards ist dieser Wandel von der verwirrten Maria zu einer Anhängerin Jesu eine Folge des Ereignisses der Auferstehung. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn war zu Jesu Lebzeiten deshalb kompliziert, da Jesus Mensch und Sohn Gottes in einem war. Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens schlug er eine Richtung ein, die seine Mutter nicht nachvollziehen konnte, und erst nach Jesu Tod und Auferstehung konnte sie die Zusammenhänge verstehen. 29
21 Vgl. Lk 2, 41-52
22 Vgl. Mk 3, 31-35
23 Mk 3,21: „Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er
ist von Sinnen.“
24 Vgl. Richards, Sue u. Larry: Alle Frauen der Bibel. Ihre Geschichte. Ihre Fragen. Ihre Nöte. Ihre Stärke. Von
Abigaijl bis Zippora. Gießen 2002, 5. Auflage 2007, Brunnen-Verlag. S. 208f.
25 Joh 19,25: „Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau
des Klopas und Maria von Magdala.“
26 Vgl. Mt 27,55-56; Mk 15,40
27 Vgl. Oberlinner, Lorenz: Historische Überlieferung und christologische Aussage zur Frage der „Brüder Jesu“
in der Synopse. Freiburg im Breisgau 1973/74. S. 140f.
28 Apg. 1,14: „Diese [die Jünger Jesu; TK] alle waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und
Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“
29 Vgl. Richards, Sue u. Larry: Alle Frauen der Bibel. S. 209.
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Tanja Steiner, 2007, Die Familie Jesu, München, GRIN Verlag GmbH
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