INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung Seite 03
1. Das Problem der Norm des français québécois
1.1 Die explizite Norm: Kanadische Tradition und Seite 04
der Purismus des Office de la langue française
1.2 Die implizite Norm und Register des français québécois Seite 05
2. Das Joual
2.1 Entstehung des Joual Seite 06
2.2 Merkmale und Gestalt des Joual Seite 08
2.2.1 Phonetische/phonologische Merkmale Seite 08
2.2.2 Lexik des Joual Seite 09
2.3 Auf der Suche nach kultureller Identität: Das Joual und die Seite 10
R évolution tranquille
Fazit Seite 13
Bibliographische Angaben Seite 14
2
Einleitung
1959 prägte André Laurendeau den Begriff Joual als „[...] le parler des écoliers canadiensfrançais [...], parler joual, c’est précisément dire jouall au lieu de cheval.“ 1 Diese Hausarbeit handelt von dieser für viele zunächst befremdlich anmutenden Varietät des nordamerikanischen Französisch, welches von vielen Franzosen auch abschätzig als „français rustique“ bezeichnet wird. In einer von Paul Laurendeau an der Universität York/Toronto herausgegebenen Studie zum Joual wurden mehrere kanadische Linguisten um eine Definition des Begriffs gebeten. Ein Professor des Collège de Valleyfield äußert sich dazu folgendermaßen:
„J'ai déjà lu que c'est la langue parlée dans les quartiers populaires de Montréal et que quelqu'un parle le joual lorsqu'il mêle l'anglais au français. Cela ne me semble pas satisfaisant. Mon grand père avait des jouaux et la langue qu'il parlait n'était pas tellement contaminée par l'anglais. En conséquence, le joual est pour moi une variation de la langue française normative. Il se caractérise d'abord par ses archaïsmes et ensuite par ses 2
anglicismes. Il ne me semble pas particulier à la ville de Montréal.“
Der konkrete Gegenstand dieser Hausarbeit ist eine Annäherung an das Joual als Phänomen des frankophonen Sprachgebietes in und um Montreal, wobei der Schwerpunkt meiner Betrachtungen zunächst auf der Problematik von Normierungsversuchen des français québécois liegen wird, weil diese Diskussion mit derjenigen über den Stellenwert des Joual eng verzahnt ist. In einem nächsten Schritt werde ich mich mit der Entstehung und den Merkmalen des Joual als einer impliziten Norm des français québécois befassen und abschließend die Bedeutung dieser „variation de la langue française normative“ 3 für die soziokulturelle Identität der Québécois diskutieren. Mein zentrales Anliegen besteht darin, zu zeigen, dass das Joual mehr ist als ‚schlechtes Französisch’ oder eine Sprache „contaminée
par l’anglais“ 4 , als das es das Office de la langue française au Canada stigmatisiert.
Da es wegen der gebotenen Kürze nicht das Ziel dieser Seminararbeit sein kann, erschöpfend zu sein, sei hier abschließend vermerkt, dass diese Arbeit zum Verständnis des Phänomens beitragen möchte und deshalb keinen Anspruch auf Vollkommenheit erhebt. Ich möchte vielmehr den Stellenwert des Joual und die damit verbundene Frage nach der kulturellen Identität der frankophonen Bevölkerungsteile Kanadas diskutieren, verbunden mit einer
1 zitiert nach Françoise Tétu de Labsade: Le Québec: un pays, une culture. Boréal 1990, S. 108. 2 Paul Laurendeau: Joual populi, joual dei!: un aspect du discours épilinguistique au Québec. In : Presence francophone 37. York 1990, S. 81-99.
3 ebd.
4 Office de la langue française (OLF), cahier 1965.
3
Darstellung der gesellschaftspolitischen und linguistischen Diskussionen der 60er und 70er Jahren in Québec.
1. Das Problem der Norm des français québécois
1.1 Die explizite Norm: Kanadische Tradition und der Purismus des Office de la langue française
Nach der politischen Abtrennung vom französischen Mutterland im 19. Jahrhundert blieben in Québec wesentliche sprachliche und gesellschaftliche Entwicklungen aus, die sich zeitgleich in Frankreich ereigneten: Der Klerus hatte weiterhin das Bildungsmonopol inne und setzte sich vor allem für die Erhaltung von traditionellen Werten ein, wozu auch der ursprünglich hexagonale Sprachgebrauch gehörte. Aus dieser Situation des „Auf-sich-selbst-bezogen-Seins“ 5 in Kanada ergab sich für die frankophonen Bevölkerungsteile ein Entwicklungsrückstand ihrer Sprache sowie eine „fortschreitenden Anglisierung“ 6 derselben. Letztere evozierte einen Sprachpurismus, der sich gegen einen drohenden ‚Sprachverfall’ richtet und in einem Normenheft des Office de la langue française, der „Norme du français écrit et parlé au Québec“, seinen gesetzesmäßigen Widerhall findet. Dieser Katalog von Bestimmungen spricht sich in aller Deutlichkeit für eine allgemein gültige, explizite Norm eines français international aus:
„[...] la norme qui, au Québec, doit régir le français dans l’administration, l’enseignement, les tribunaux, le culte et la presse, doit, pour lèssentiel, coïncider à peu près entièrement avec celle qui prévaut à Paris, à Genève, 7
Bruxelles, Dakar et dans toutes les grandes villes d’expression française.“
Außerdem werden in diesem 1965 erschienenen Heft klare Regeln für die „bon usage“ des Französischen aufgestellt: Abweichungen in Morphologie und Syntax sind untersagt, während Aussprachevarianten nur bedingt zulässig sind. Anglizismen sind unbedingt zu meiden, wobei Entlehnungen nur erlaubt sind, wenn es kein entsprechendes französisches Wort dafür gibt. Dazu schreibt Pöll:
„Die Zielscheibe dieser Form von Purismus ist der im Gefolge der Landflucht und Industrialisierung 8
entstandene, von Anglizismen affizierte populäre Sprachgebrauch der unteren Schichten, das sog. joual.“
5 Bernhard Pöll: Französisch außerhalb Frankreichs: Geschichte, Status und Profil regionalerVarietäten.Tübingen 1998, S. 67.
6 ebd. 7 ebd. S 68. 8 ebd.
4
1.2 Die implizite Norm und Register des français québécois
Die von offizieller Seite aus propagierte, puristische Ausrichtung auf das français hexagonal und die damit einhergehende Stigmatisierung des Joual einerseits und die Geringschätzung der Frankokandadier durch die Anglokanadier andererseits bewirkten eine anhaltende Verunsicherung der Sprecher des kanadischen Französisch: Obwohl die Québécois die offiziellen Regeln der OFL kennen, differiert ihr tatsächlicher Sprachgebrauch aber davon.
Pöll zitiert dazu die Commission Gendron 9 , welche 1974 feststellte, dass bei den Québécois ein „sentiment d’autonomie linguistique vis-à-vis le [...] modèle européen de langue parlée“ 10 besteht. Daraus lässt sich folgern, dass das Konzept einer expliziten Norm nur bedingt wirkungsvoll und ‚realistisch’ erscheint, weil die individuellen Sprecher dieser Sprachgemeinschaft ‚anders’ sprechen als das gemäß einer präskriptiven Norm der Fall sein sollte.
Jene so genannte insécurité linguistique in Verbindung mit der Normproblematik nehmen Kristin Reinke und Johannes Klare zum Anlass, in einer Studie eine „norme de prestige“ des kanadischen Französisch zu erforschen, in der sie mit unterschiedlichen Testpersonen
Untersuchungen zu Sprachbewertung und Sprachproduktion angestellt haben. 11 Die Ergebnisse zeigten, dass bei der Mehrzahl der Probanden bei der Bewertung sowohl die kanadische als auch die hexagonale Variante relativ hohes Prestige genossen, während in der Sprachproduktion fast ausschließlich Kanadismen bzw. die kanadische Varietät bevorzugt wurden. Reinke und Klare folgern daraus, „qu’il existe une norme implicite du français
québécois“ 12 . Das Joual sei als kanadisches Gegenmodell zum français hexagonal auf Grund seiner Radikalität gescheitert (nicht zuletzt, weil es vom Prestige her einer überindividuellen Standardisierung nicht gerecht werde, die die gesamte québecische Sprechergemeinschaft erfasst):
„Les temps où les utilisateurs du joual étaient à la recherche et à l’application d’une norme indépendante de celle du français de France, qui risquait l’isolement du ghetto auquel la création de cet idiome distinct du français 13
commun l’aurait forcément condamné, sont complètement révolus[...].“ Der deskriptive Ansatz von Reinke/Klare zeigt zum einen auf, dass das français québécois sich im mündlichen Gebrauch stark vom français hexagonal abhebt und dass das Prestige
9 1968 von der Québecer Regierung eingesetzte Sprachkommission
10 Pöll, S. 70.
11 vgl. Kristin Reinke / Johannes Klare: Le français québécois : La question de la norme et les attitudes des Québécois par rapport à leur prononciation. In: Kerstin Störl / Johannes Klare (Hrsg.): Festschrift für Hans-Dieter Paufler zum 65. Geburtstag. Frankfurt/ Main, Berlin, Bern, Brüssel, New York, Oxford und Wien 2002, S. 29-38.
12 ebd. 13 ebd.
5
Arbeit zitieren:
Bastian Wiesemann, 2005, Über das Problem der Sprachnorm und den Status des Joual in Québec, München, GRIN Verlag GmbH
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