I Einleitung
Die politische Rede hat seit jeher einen besonderen Platz im politischen Geschehen eingenommen. Kaum ein anderer Moment ermöglicht einem Redner 1 derart ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums bzw. der Zuhörer. Während politischer Debatten und Diskussionen muss um Präsenz gefochten werden, die öffentliche Rede jedoch setzt den Redner in den Mittelpunkt des Geschehens, hier kann er im Idealfall seine Ansichten und Gedanken ungestört preisgeben, sich seine Redefolge zuvor genau festlegen. Ein Allgemeinplatz in den Medien und in der Literatur ist das Beklagen des Verfalls der politischen Beredsamkeit und der großen öffentlichen Rede. Wie präzise ist diese Einschätzung? Kann es unter heutigen Bedingungen überhaupt noch große Reden geben, oder findet man diese nur noch in der Vergangenheit? Was macht überhaupt eine gute Rede aus, welche Kriterien lassen sich zur Beurteilung heranziehen? Diese und weitere Fragen sollen in dieser Arbeit genauer betrachtet und wenn möglich, zumindest teilweise, beantwortet werden. Ziel soll dabei nicht sein, bestimmte Reden ausführlich zu analysieren oder Anleitungen für eine gute Rede darzulegen, vielmehr soll ein Überblick über die politische Rede, ihren Ursprung und ihre heutigen, veränderten Bedingungen, gegeben werden. Durch die Auswahl inhaltlich durchaus heterogener Texte zu diesem Thema wird außerdem der Versuch unternommen, das Thema „Politische Rede“ aus verschiedenen Blickwinkel zu betrachten.
Zur Einführung in den theoretischen Teil der Arbeit werden die Themen „Sprache in der Politik“ und „Rhetorik“ angeschnitten, um die folgende Auseinandersetzung mit politischer Rede zu erleichtern, außerdem werden die Merkmale politischer Rede der klassischen Rhetorik mit denen der heutigen, modernen Redekritik verglichen. Auch und gerade dem Deutschunterricht hat sich mit dem Themenkomplex „Reflexion über Sprache“ seit längerem ein interessantes und fächerübergreifendes Gebiet eröffnet, das sich auch mit politischen Texten bzw. politischen Reden zunehmend auseinandersetzt. Die Entwicklung im Umgang mit politischer Rede im Deutschunterricht seit den 70er Jahren wird hier skizziert werden, außerdem werden Möglichkeiten und Perspektiven aufgezeigt, nach denen politische Reden im Unterricht produktiv bearbeitet werden können. Verschiedene Beispiele und ein möglicher Unterrichtsentwurf bilden abschließend den didaktischen Teil der Arbeit.
1 Natürlich beziehen sich alle meine Ausführungen auch auf Rednerinnen und im weiteren Verlauf der Arbeit intendiert die, der besseren Lesbarkeit wegen verwendete maskuline Form, auch immer die weiblichen Vertreterinnen der jeweils benannten Gruppe.
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Bei der enormen Menge an publiziertem Material zur politischen Rede und Redekritik, kann es sich hier natürlich lediglich um einen Ausschnitt dieses komplexen Themengebietes handeln, der einen Überblick über die verschiedenen thematischen Aspekte ermöglichen sollte, dies sei stets zu berücksichtigen. Die einzelnen Punkte und ihre Reihenfolge habe ich bewusst ausgewählt, um abschließend mit Hilfe der vorhergegangenen Ausführungen ein Fazit zur politischen Rede bzw. Redekultur in Deutschland ziehen zu können.
II Hauptteil
II.1 Sprache, Politik, Rhetorik - Ein Überblick
Die Bewertung politischer Äußerungen ist im heutigen Verständnis nicht mehr ohne die Betrachtung der Sprache zu vollziehen. Sprache ist vielmehr das Medium, das Politik erst konstituiert, mit Hilfe dessen sich der Politiker selbst in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen kann. Sprache ist das Mittel, mit dem nicht nur in der Politik, aber eben gerade dort, Handlungen vollzogen werden. „Politik vollzieht sich in Sprache“ 2 . Für keine zweite Berufsgruppe scheint die Sprache bzw. deren bedachte Verwendung und möglichst gute Beherrschung entscheidender zu sein, als für die des Politikers, der seine politischen Ziele und die parteilichen Meinungen stets nach außen, also an die Öffentlichkeit, die Wähler, sprachlich weitergeben muss. In der Politik lässt sich demnach keineswegs strikt zwischen Reden und Handeln trennen, weil das Reden genauso Handeln bedeutet.
„Eine Rede ist niemals nur Präsentation. Reden sind Handlungen. Wer redet, trifft Entscheidungen, und sein Wort bewirkt etwas, es ist, sei es im kleinsten Rahmen, eine zukunftsoffene Tat. [...] Die öffentliche Rede ist der ursprünglichste Ort und das weiteste Gebiet, wo Sprechen und Handeln in eins fallen.“ 3
So kann eine missverständliche Formulierung oder auch nur die falsche Wortwahl während einer Rede der Karriere eines Politikers einen herben Rückschlag versetzen oder sie gar beenden 4 . Die Werbung der Politiker um die Gunst der Wähler, ihre tägliche Überzeugungsarbeit,
2 Eppler, Erhard: „Kavalleriepferde beim Hornsignal. Die Krise der Politik im Spiegel der Sprache“. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 1992. S. 7.
3 Pörksen, Uwe: „Die politische Zunge. Eine kurze Kritik der öffentlichen Rede“. Klett-Cotta Verlag. Stuttgart, 2002. S. 44/45.
4 Man denke in diesem Zusammenhang nur an die in der Fachliteratur ausreichend behandelte Rede des ehemaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger zum 50. Jahrestag der Novemberprogrome von 1938 (10.11.1988) . Ihm wurde vorgeworfen, gesellschaftlich erwartete Verhaltensweisen, vor allem in den Berei-
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wird eben erst durch die Sprache möglich. Dabei bildet sie kein beliebiges Instrument der Politik, sondern vielmehr die Bedingung zu ihrer Erfüllung bzw. ihres Fortbestandes, denn ohne Sprache kann es auch keine Politik mehr geben. Klaus Watzin verweist auf die „prag- matischeWende“ der siebziger Jahre, seit der es üblich geworden sei, sprachliche Äußerungen als Handlungen aufzufassen und zu beschreiben, schränkt jedoch ein, dass politische Sprache und politisches Handeln nicht das Gleiche, sondern lediglich sehr eng miteinander verknüpft seien. 5 Die enge Beziehung von Sprache und Politik lässt sich also nicht von der Hand weisen, ob aber politisches Handeln mit sprachlichem Handeln wirklich völlig gleichzusetzen ist, bleibt in der Forschung umstritten. 6 Auf die Debatte wird an dieser Stelle nicht weiter eingegangen, sie sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Dieser Arbeit liegt das Verständnis zu Grunde, dass Redner mit der Wirkung ihrer politischen Äußerung (bspw. in Form einer öffentlichen Rede) Wirklichkeit konstruieren, reale Gegebenheiten in der Welt durch Worte erzeugen oder verändern können. Darüber, dass politische Sprache in einem konstruktivistischen Sinne realitätskonstruierenden Charakter besitzt, herrscht in der Sprache-Politik-Forschung wiederum Einigkeit. 7
„Sprache und gesellschaftliche Wirklichkeit bedingen sich gegenseitig. Die gesellschaftliche Wirklichkeit manifestiert sich in Sprache, gleichzeitig wird sie aber überhaupt erst durch Sprache ermöglicht und hergestellt“. 8
Die Kunst besteht für den Redner nun darin, optimale Sprache und Redeinhalt zu wählen, um seine Ausführungen möglichst deutlich werden zu lassen. Die Kunst, Sprache bewusst und gezielt für bestimmte Zwecke einzusetzen, hat ihren Ursprung in der antiken Rhetorik. Aus diesem Grund bietet sich ein Seitenblick auf dieses, an Publikationen ebenfalls enorm hoch frequentierte Gebiet an, da spätestens bei der Gegenüberstellung traditioneller und moderner Charakteristika der Rede, grundlegende rhetorische Begriffe hilfreich sein können.
chen Betonung und Wortwahl, nicht gezeigt, sich dadurch nicht deutlich genug von nationalsozialistischem Gedankengut distanziert und somit gesellschaftliche Normen verletzt zu haben. Jenninger sah sich aufgrund der öffentlichen Kritik und des daraus resultierenden Drucks nach seiner Rede zum Rücktritt veranlasst. (Ob die Kritik an seiner Rede wirklich in diesem Maße gerechtfertigt war, soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden).
5 Watzin, Klaus: „Politiker im SPIEGEL-Gespräch. Ein Beitrag zur Entwicklung der politischen Sprache in der Bundesrepublik Deutschland“. In: Bernhard Gajek (Hrsg.): Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft. Reihe B / Untersuchungen; Band 67. Peter Lang Verlag. Frankfurt am Main, 1998.
6 Girnth, Heiko: „Sprache und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die linguistische Analyse öffentlich-politischer Kommunikation“. In: Gerd Fritz & Franz Hundsnurscher (Hrsg.): Germanistische Arbeitshefte; 39. Niemeyer Verlag. Tübingen, 2002. S. 2.
7 Ebd. S. 4.
8 Ebd. S. 6.
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Rhetorische Situationen wie Diskussion, Gespräch oder Debatte bilden die historische Voraussetzung für Rhetorik. Seit ihrer Entstehung steht sie mit dem sozialen Leben in direktem Austausch, sie ist im klassischen Verständnis die Lehre („doctrina“), wie man sich im sozialen Leben zu verhalten hat, wenn man erfolgreich und akzeptiert sein möchte. Die klassische rhetorische Erziehung ist ein Produkt der griechischen Überzeugung, dass Kunst und Tugend lehrbar seien. Sie richtet sich in ihrem ursprünglichen Verständnis an den ganzen Menschen, also an seine intellektuelle, emotionale und ethische Natur, wobei die Redefähigkeit als eine allgemeine menschliche Naturanlage („natura“) verstanden wird. Kunst („ars“) und Wissen („doctrina“) müssen erst hinzugefügt werden, damit durch Erfahrung und Übung („exercitatio“) diese natürliche Rede- und Kommunikationsfähigkeit vervollständigt werden kann. 9
„Das regulative Ideal der rhetorischen Ausbildung ist nach Cato ausdrücklich der „vir bonus dicendi peritus“, ein Ehrenmann, der die Kunst der Rede beherrscht, und seine Erziehung bedeutet daher auch Charakterbildung, die schon früh in der Kindheit ansetzen muß.“ 10
Die antiken Rhetoriker unterschieden insgesamt die drei Redegattungen Gerichtsrede („genus iudiciale“), politische Rede („genus deliberativum“) und Fest- oder Prunkrede („genus demonstrativum). Jede dieser Redetypen sollte dem Ideal nach stets entscheidungs- und handlungsbezogen sein, d.h., der Redner sollte sich bemühen, im Sinne seiner parteilichen Einsicht den Streitfall zur Entscheidung zu bringen (dies kann für die dritte Redegattung natürlich nur in abgeschwächter Form gelten). Als vierte Hauptgattung kam unter dem Einfluss des Christentums die geistliche Rede oder Predigt („genus praedicandi“) hinzu. Das allgemeine System der Rhetorik wurde im Wesentlichen von Aristoteles, Cicero und Quantilian entwickelt und dient auch heute in dieser Form noch als Grundlage der Allgemeinen und Angewandten Rhe-torik.
Das entscheidende Einteilungsprinzip der Rede bilden die sogenannten „Produktionsstadien“. Demnach steht am Anfang der Rede die Erkenntnis des Themas. Aus der großen Anzahl von Ereignissen und Situationen („materia“), muss der Redner die Hypothese gewinnen (z.B. einen Grundwiderspruch). Daraufhin sollte der Redner den einzelnen Streitstand („status“) ermitteln, die passende Redegattung festlegen und, im Falle einer Gerichtsrede, die Zuordnung zu juristischen Tatbeständen (Statuslehre) vornehmen. Der erste praktische Arbeitsschritt beinhaltete dann das Auffinden aller nötigen Argumente und Materialien („invention“), welche
9 Ueding, Gert: „Moderne Rhetorik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart“. Verlag C.H. Beck. München, 2000. S. 7.
10 Ebd. S. 7/8.
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durch den Autor eingehend geprüft werden müssen. Das System der Suchkategorien, die „Topik“, ermöglicht dem künftigen Redner die vollständige Erforschung und Sammlung der benötigten Beweismittel. Die „Topik“ eschließt ihm alle möglichen Fundorte für Argumente oder Beweise, die rhetorische Argumentationskunst erwächst aus dieser Topik, in welcher sich der soziale Konsens oder der Konsens verschiedener Gruppen in Form von Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern wiederfinden lässt und somit einen Fundort des gegenwärtigen Meinungswissens („endoxa“) darstellt. 11
Das zweite Arbeitsstadium regelt die genaue Gliederung des Stoffes und der Argumente („disposito“). Die Argumentation unterliegt dann den Aspekten der Sachangemessenheit, der Überzeugung des / der Adressaten und der Redeteile (es gibt verschiedene Dispositionsmöglichkeiten, eine besondere Bedeutung hatte die fünfgliedrige Disposition, der auch der Aufbau des klassischem Dramas zugrunde liegt).
Der dritte Arbeitsprozess umfasst die sprachlich-stilistische Produktion der Rede („elocutio“). Dieses umfassende Teilgebiet der Rhetorik enthält die noch heute bekannten Figuren und Tropen, sowie den Wortgebrauch und die Satzfügung. Die Sprachrichtigkeit („puritas“), Deutlichkeit („perspicuitas“), Angemessenheit an Inhalt und Zweck der Rede („aptum“, „decorum“), den Redeschmuck („ornatus“) und die Vermeidung alles Überflüssigen („brevitas“), stellen die obersten Stilrichtlinien dar. Ziel der Rhetorik war aber nicht nur das fehlerfreie Sprechen des Redners, sondern die Überzeugung des, meist laienhaften, Publikums.
„Die Rhetorik lehrt also nicht primär die Kunst des spezialistischen Ausdrucks und einer Schreibweise, die sich allein an ein wissenschaftlich gebildetes Publikum wendet. Der Normalfall ist das Laienpublikum, das zwar auch nicht ungebildet ist, dem aber auf jeden Fall die genaueren Fachkenntnisse fehlen.“ 12
Die Situation des damaligen Redners unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht in erheblichem Maße von vielen Situationen des modernen Redners heute. Dieser wie Jener muss versuchen, einem Publikum eine bestimmte, fachspezifische Thematik deutlich, überzeugend und wenn möglich noch unterhaltsam zu vermitteln, also eine angemessene sprachliche Form für den gegebenen Inhalt zu finden.
Das vierte Stadium der Redevorbereitung beschäftigt sich mit der Einprägung der Rede („memoria“) mit Hilfe mnemotechnischer Regeln und bildlicher Vorstellungshilfen. Das fünf-
11 Ebd.S. 8/9.
12 Ebd. S.10.
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te und letzte Produktionsstadium besteht in der praktischen Verwirklichung der Rede durch den Vortrag („pronuntiatio“), Mimik, Gestik und Handlungen („actio“) 13 . Hier geht es um die wirkungsbezogene Vorführung von Gegenständen und die Gestaltung des gesamten Ambientes der Rede. Eine moderne Art der „actio“ zeigt sich in der „Rhetorik der Präsentation“, da es dabei ebenfalls um die wirkungsorientierte Vermittlung bestimmter Inhalte geht.
Die verschiedenen Redeteile („partes orationis“) gliedern sich in Einleitung („exordium“), Darlegung des Sachverhalts („narratio“), Argumentation und Beweisführung („argumentatio“) und Redeschluss („conclusio“, „peroratio“). Dabei bilden gekonnte Übergänge („transgressio“, „transitus“) die Verbindung der Teile zu einem Ganzen. Zu Beginn der Rede hat sich der Redende zu entscheiden, ob er beim Publikum Aufmerksamkeit und Wohlwollen wecken möchte („prooemium“), oder sich von einem emotionalen Einstieg („insinuatio“) Erfolg verspricht. Die Argumentation bildet den Haupt- und somit wichtigsten Teil der ganzen Rede, an dieser Stelle kommt der angemessenen Erörterung („aptum“) die größte Bedeutung bei. Beginnt der Redner nun die Beweisführung, kann ihm die Aufzählung der Redeziele („partitio“) hilfreich sein, der Darlegung der eigenen Argumente und der Widerlegung gegnerischer Ausführungen können bspw. Urkunden oder Zeugenaussagen („genus inartificiale“) dienen. Das Beispiel („explenemum“) kann dem Redner ebenfalls eine Art empirische Absicherung und Legitimation verschaffen. Am Redeschluss fasst er die wichtigsten Gesichtspunkte der Rede noch einmal möglichst kurz zusammen, um sie dem Publikum komprimiert in das Gedächtnis zurück zu rufen. Dabei gibt er ihm, direkt oder indirekt, eine Entscheidungs- oder Handlungsanweisung. Dieser Teil der Rede ist entscheidend, da er dem Redner die Möglichkeit bietet, das eigene Anliegen ein letztes Mal möglichst eindrücklich und überzeugend zu formulieren. Daher sind meist die Redeausgänge von pathetischen Ausführungen geprägt. 14
Diese, natürlich stark gekürzte, Zusammenfassung der rhetorischen Grundbegriffe bezüglich der klassischen Rede, soll an dieser Stelle genügen. Im Folgenden wende ich mich der Situation der Rhetorik im 20. Jahrhundert und damit in der aktuelleren Politik zu.
13 Die negativen Reaktionen auf Philipp Jenningers Rede vom 10. November 1988 sind ganz wesentlich seiner unzureichender „actio“ und „pronuntiatio“ zuzuschreiben. So weist Martin Walser darauf hin, dass er, als er die Rede gelesen, nicht begriffen habe, wieso Jenninger derart harsch kritisiert wurde. Dies verdeutlicht die unterschiedliche Wirkung von geschriebenem Text und gehaltener Rede.
Vgl. dazu: Kammerer, Patrick: „Die veränderten Konstitutionsbedingungen politischer Rhetorik“. In: Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch. Max Niemeyer Verlag. Tübingen, 1995. S. 4.
14 Ueding, Gert: „Moderne Rhetorik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart“. Verlag C.H. Beck. München, 2000. S. 11-13.
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Gert Ueding bezeichnet zunächst das 19. Jahrhundert als rhetorisch unfruchtbare Epoche, gekennzeichnet von der Verwertung theoretisch vergangener Reste der Rhetorik, die für populistische und massenwirksame Propaganda missbraucht wurde. Ergebnis ist eine sprachlose Politik,
„[...] eine politische Verlautbarungsrhetorik, die arm an Emotionen, arm an Schmuck, arm an Gesprächigkeit, aber natürlich auch an Begründung und Nachweisen ist; schließlich die Verbreitung einer geschwätzigen, unkultivierten Alltagsrede im Privatleben und in der Familie auf der einen und die Wucherung des Schulstils in der öffentlichen Repräsentation des Staats, der Künste und Wissenschaften auf der anderen Seite.“ 15
Besonders schwer wiegt diese Tatsache nach Ueding, da es in Deutschland keine Tradition demokratischer Debattenkultur gibt (wie bspw. in den angelsächsischen Ländern), keine sich bewusst an rhetorischer Sprachpraxis anlehnende öffentliche Rede (wie bspw. in den romanischen Ländern). Die resultierenden Folgen beschreibt er folgendermaßen:
„Das rhetorische Gattungssystem löst sich endgültig auf, die Grenzen werden nach allen Seiten hin überschritten. Werbung und politische Rede, Predigt und Unterhaltung, private und öffentliche Beredsamkeit gehen ineinander über, die rhetorische Theorie fristet ein kümmerliches Dasein in Schwundstufen wie der Sprecherziehung, dem professionellen Redetraining. Kurz, mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts nähert sich die deutsche Rhetorik mehr und mehr dem Nullpunkt.“ 16
Um daraufhin den beginnenden Wiederaufstieg der Rhetorik wie folgt zu beschreiben:
„Von zwei Seiten kam die Rettung: von den Erfordernissen der politischen Praxis und von außen, von den neuen rhetorischen Theorien, die zuerst in den USA entwickelt wurden.“ 17
Als eine Art „Wiederkehr des Verdrängten“ 18 beschreibt Ueding das öffentliche Interesse an Rhetorik mit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Es handele sich um eine Erneuerung rhetorischer Sozialtechnologien, einem Kompromiss zwischen historischen Kräften, welche die Rhe-torik seit Jahrhunderten in Deutschland verdrängt hätten und der Gestalt der Beredsamkeit selber. Ein entscheidender Wendepunkt war demnach Bismarck, der sich in seiner Rede deutlich von seinen parlamentarischen Mitstreitern, die eher klassisch wirken wollten, mit seiner Art zu reden, abhob. Der neu entstehende deutsche Stil erscheine also aus einem Kompromiss aus der klassischen Redekunst eines Ciceros und seiner Schiller‘schen und romanischen Nachfahren und einer davon gänzlich unabhängigen, deutschen Tradition, welche sich ideolo-
15 Ebd.S. 83 unten.
16 Ebd. S. 84 oben.
17 Ebd.
18 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Daniel Valente, 2008, Die politische Rede , München, GRIN Verlag GmbH
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