1. Einleitung
Seit Jahren diskutieren zahlreiche Filmwissenschaftler über die Interpretation von David Lynchs Werk Mulholland Drive 2 . Sowohl in der Literatur als auch in wissenschaftlichen Aufsätzen wurde das Werk heftig diskutiert.
Diese Arbeit soll nicht die Lösung des Filmes mit sich bringen, sondern sich viel mehr mit dem Motiv der Traumerzählung, welches in zahlreichen Lynchfilmen thematisiert wird, befassen. Weshalb fällt es uns so schwer zu unterscheiden, ob der Film Traum oder Wirklichkeit suggeriert?
Um ein wenig Licht in Die Straße der Finsternis zu bringen, ist es wichtig genauer auf die vorhandene Erzählstruktur einzugehen. Es ist vor allem interessant zu untersuchen, wie in ihr das Verschwimmen von Traum und Wirklichkeit repräsentiert wird. Der Regisseur führt den Rezipienten immer wieder in ein Labyrinth unterschiedlicher Erzählstränge, Spiegelungen und loser Enden. Das oben genannte Motiv der Traumerzählung trägt mit Sicherheit dazu bei, dass eine Kontroverse entsteht. Aber auch das Motiv der Dopplung ist ein charakteristischer Aspekt der Traumerzählung und soll im Folgenden aufgearbeitet werden. Nichts ist wie es scheint - alles ist möglich und doch wieder nicht.
Die richtige Lösung für Mulholland Drive gibt es vermutlich nicht. Lynch selbst ist nie weiter darauf eingegangen. Deshalb ist es umso interessanter inwieweit der Rezipient zum produktiven Zuschauer wird und dem Film eine eigene Chronologie verleiht. In der abschließenden Schlussbemerkung werde ich ein Fazit zu meiner Untersuchung abgeben.
1 Seeßlen, Georg: David Lynch und seine Filme. Marburg 2007. S. 222.
2 Lynch, David (USA/F),2001). Mulholland Drive.
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2. Die Methode Lynch
In zahlreichen Werken David Lynchs ist das Motiv der Traumerzählung wieder zu finden. Dem Rezipienten fällt es bei dieser Erzählweise besonders schwer zu entscheiden, ob der Film einen Traum oder die Wirklichkeit suggeriert. Gerade Mulholland Drive hat Filmkritikern und Zuschauern unendlichen Diskussionsstoff geboten. Thematisiert wird hier das berühmteste Distrikt von Los Angeles und dessen populärster Industrie: Hollywood. Eine junge Frau namens Betty reist nach Hollywood, um dort Karriere als Schauspielerin zu machen. Im folgenden Verlauf trifft sie auf eine Frau, die nach einem Autounfall auf dem Mulholland Drive ihr Gedächtnis verloren hat und sich als Rita ausgibt. Nachdem sich beide erstaunlich schnell angefreundet haben, versuchen sie die Bruchstücke aus Ritas Erinnerung zusammenzufügen und ihrer Identität gemeinsam auf die Spur zu gehen. Unterbrochen von zahlreichen Nebenhandlungen, führen ihre Nachforschungen Betty und Rita zu der Wohnung einer Diane Selwyn - möglicherweise Ritas wirkliche Identität. Doch in der Wohnung von Diane finden sie eine Leiche. Nach einem nächtlichen Besuch im Club Silencio scheint alles bisher Geschehene eine Illusion gewesen zu sein und plötzlich erfolgt ein Bruch in der Handlung - Betty ist auf einmal Diane, die ein Verhältnis mit Camilla, alias Rita hat und sich infolge eines Betrugs/Verrats an ihr rächen will. Der Film endet damit, dass Diane Camilla ermorden lässt und sich im Anschluss selbst umbringt.
Die Methode Lynch zeigt mit welchen Mitteln der Regisseur die Verwirrung beim Rezipienten und somit auch die Uneindeutigkeit in seinen Filmen schafft. Auf der Reise ins 'Lynchville' 3 entführt uns der Regisseur in ein Reich der Träume, Dopplungen, Spiegelungen und gequälten Identitäten, die es zu untersuchen gilt. Da es, wie schon angesprochen, nicht meine Absicht ist eine eindeutige Interpretation des Filmes abzuliefern, möchte ich nun ein paar Aspekte benennen, die für die Frage nach der verstörenden Wirkung in Mulholland Drive von Bedeutung sein könnten.
3 Vgl. Seeßlen (2007)
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2.1. „Die Traumerzählung - oder eine unmögliche Welt“
Der Regisseur schafft es, die Linearität der Zeit so aufzuheben, dass es dem Zuschauer nicht mehr möglich ist jene vollständig zu rekonstruieren. „Was auf der einen Ebene geschehen wird, ist auf der anderen längst Vergangenheit, und Lynchs Personen blicken sozusagen in die Zukunft, während sie sich in die Vergangenheit bewegen.“ 4
Spannend ist außerdem die Frage welche Rolle die Erzählstruktur spielt, wenn es um das Verschwimmen von Traum und Wirklichkeit geht. Lynch konstruiert die Erzählung scheinbar bewusst so, dass ein „gleichwertig[es] Nebeneinander und Ineinander“ 6 der beiden Welten entsteht. Der Regisseur entführt den Rezipienten hier in eine Zwischenwelt, mit einer eigenständigen Zeit- und Raumstruktur. „ Die Auflösung des bekannten Seh- und Hörraumes führt in einen irritierenden Stillstand.“ 7 Im Hollywood der beiden Filmfiguren entsteht eine irreale Welt, die eine mögliche Erzähllogik des Traumes suggeriert. Der Film entwickelt sich zunächst wie ein spannender Thriller mit Liebesgeschichte - die Suche nach der wahren Identität der geheimnisvollen Unbekannten, die sich in ihre Retterin verliebt. Hat Lynch uns mit diesem Erzählstrang schon den roten Faden in die Hand gegeben? Die Antwort lautet: wir können es nicht klar definieren. Vielmehr entsteht nun ein Spiel der Verwirrung: „Denn die romantische Kriminalgeschichte ist nur ein möglicher Weg, der schließlich in die Irre führt.“ 8 Häufig bleibt es unklar, ob eine Filmsequenz der Realität innerhalb der erzählten Welt oder der Bewusstseinseinstellung einer Figur zuzuordnen ist. Schlafen und Träumen sowie das Motiv der Traumfabrik Hollywood
4 Seeßlen, Georg: David Lynch und seine Filme. Marburg 2007. S. 226.
5 Volland, Kerstin: Zeitspieler. Inszenierungen des Temporalen bei Bergson, Deleuze und Lynch.
Wiesbaden 2009. S.159.
6 Martig, Charles: Lynchville. Selbstbezüglichkeit und Irrealisierung im Werk von David Lynch. In:
Traumwelten. Der filmische Blick nach innen. Hg. V. Leo Karrer. Marburg 2003. S.149.
7 Vgl. ebd. S. 150.
8 Ebd. S. 160.
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Träume finden bei David Lynchs Filmen nicht ihre konventionelle Montage als ‚Traumsequenzen‘, sie weichen vielmehr von der Ähnlichkeit zwischen Film und Traum ab. „Das ‚Traumhafte‘ [...] wird dabei [jedoch] immer als Tatsache vorausgesetzt und [hingegen aller Erwartungen] nirgendwo belegt.“ 10
Bei Mulholland Drive „handelt [es sich] um einen mentalen Raum der Irrealität, der unmittelbar auf einer möglichen Erzähllogik des Traumes baut.“ 11 Als Betty zu Rita sagt: „I just came from Deep River, Ontario, I’m in this dreamplace“, deutet sich bereits ein eventueller Hinweis auf einen möglichen Traum an. Einige Sequenzen zuvor lacht das alte Ehepaar, welches Betty so freundlich erschien, zutiefst höhnisch. Deutet sich hier schon an, dass wir eventuell auf eine falsche Fährte gelockt werden? „Die Sprache (des Filmes) täuscht nicht nur über die Wirklichkeit; sie täuscht in Wirklichkeit über sich selbst.“ 12 Es ist also festzuhalten, dass der Film entgegen der allgemein gültigen Rezeptionsgewohnheiten erzählt. In diesem Sinne ist es auch sinnvoll, die 'Theorie der möglichen Welt' zu untersuchen. Sie grenzt ab, welchen Stellenwert die Möglichkeit der erzählten Welt für den Rezipienten besitzt.
Das Prinzip der möglichen Welten wäre jedoch nur möglich, wenn die erzählte Welt mit den Idealen des Zuschauers übereinstimmen könnte. 14 Dies ist aber offensichtlich nicht der Fall, da Identitäten tauschen und seltsame, beinahe unwirkliche Personen auftauchen. Dementsprechend läge es nahe, den Film als Traum zu betrachten und sich von der
9 Vgl. Orth, Dominik: Lost in Lynchworld. Unzuverlässiges Erzählen in David Lynchs Lost Highway
und Mulholland Drive. Stuttgart 2005. S. 29.
10 Lahde, Maurice: “We live inside a dream.” David Lynchs Filme als Traumerfahrungen. In:>>A
Strange World<<. Das Universum des David Lynch. Hrsg, v,Eckhard Pabst. Kiel 1999. S. 95.
11 Martig (2003) S. 159.
12 Seeßlen (2007). S. 212.
13 Orth (2005). S. 46.
14 Vgl. Ebd. S.45-48. 5
Arbeit zitieren:
Sarah Blasberg, 2010, Nichts ist wie es scheint, München, GRIN Verlag GmbH
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