Schwimmen als Leistungssport
Inhalt
1. Einleitung und Problemstellung 3
1.1. Eigene Befragung. 3
2. Entwicklungsstationen. 5
3. Nachwuchsförderung. 14
4. Das Wettkampf- und Ranglistensystem. 22
5. Einstiegsalter und Karrieredauer 24
6. Motive und Motivation. 26
7. Professionalisierung und Verdienstmöglichkeiten 28
8. Trainer-Athletenverhältnis 37
9. Verletzungsrisiko 39
10. Zusammenfassung. 43
11. Literatur 46
12. Anhang A - C 50
2
Schwimmen als Leistungssport
Schwimmen ist als Leistungssport in Deutschland wenigen bekannt, erst internationale Wettkämpfe finden breitere Beachtung. Durch den Rekord-Olympiamedaillengewinner von 2008, Michael Phelps, und die kurzzeitige mediale Präsenz stieg die internationale Aufmerksamkeit für die Sportart. Der Weg bis in die internationale Spitze und die Voraussetzungen in Deutschland sind dabei meist unbekannt. Wir wollen die Strukturen und biografischen Merkmale einer Schwimmkarriere in dieser Arbeit beleuchten und mit einer eigenen Befragung unterlegen. Diese soll dabei lediglich zur aktuellen Überprüfung von in anderen Befragungen und Übersichten gewonnenen Ergebnissen und Trends dienen. Im Abschluss wollen wir versuchen, daraus einige sportspezifische biografische Merkmale darzustellen.
Zuerst wird die eigene Befragung vorgestellt, dann in einem Abriss der Entstehungsgeschichte die historische Entwicklung der Ausdifferenzierung zwischen volkstümlichem und sportlich orientiertem Schwimmen aufgezeigt. Danach werden zum einen die aktuellen Strukturen in Nachwuchsförderung, Wettkampf und Verdienstmöglichkeiten beschrieben. Zum anderen werden auch individuelle Aspekte wie Motivation, Risiken und Trainer-Athleten-Verhältnis betrachtet.
1.1. Eigene Befragung
Die Ergebnisse unserer Befragung sind in den folgenden Kapiteln eingearbeitet, um jeweils den direkten Bezug zum Thema herzustellen. Die eigene empirische Erhebung der uns interessierenden Merkmale haben wir mittels eines schriftlichen Fragebogens durchgeführt. Gefragt wurde nach den Themen Karriereverlauf, Leistungsentwicklung, Motivation, Risiken, Umgang mit dem eigenen Körper und Verhältnis zum Trainer, da diese Themenkomplexe im Bezug auf Schwimmen als Leistungs-sport besondere Merkmale bilden. Themen zu ökonomischen Aspekten wurden mit Blick auf die uns zugänglichen Stichprobe bewusst ausge-
lassen, da außer bei international erfolgreichen Leistungsschwimmern finanzielle Aspekte kaum eine Rolle spielen. Einflüsse auf Karriere und Bildung sind in der Dimension Risiken enthalten. Ziel der Fragebogenerstellung war, ein Instrument zur Befragung ganzer Trainingsgruppen und zur elektronischen Bearbeitung zu entwickeln. Da Befragungen von Trainingsgruppen in Absprache mit Trainern am effektivsten direkt vor oder nach dem Training stattfinden können, sollte die Bearbeitungszeit nicht über 15 Minuten liegen. Dazu haben wir einen schriftlichen Fragebogen gewählt. Um darüber hinaus für die Stichprobe einen möglichst großen Auswahlbereich zu haben, wurde der Fragebogen auch als elektronisch ausfüllbares Formular gestaltet. Bei der Auswahl der Fragen haben wir uns an dem von Bette et al. (2002) konzipierten Leitfaden zur Erhebung biographischer Dynamiken im Leistungssport orientiert. Die ausgewählten Fragen haben wir aus ökonomischen Gründen zur schriftlichen Befragung standardisiert und wenn möglich zur quantitativen Beantwortung umformuliert. Neben den persönlichen Angaben wurden letztlich 24 Fragen quantitativ ausgewertet und 11 Fragen qualitativ untersucht. Die Frage nach dem größten sportlichen Erfolg wurde z.B. danach gestuft, ob sie auf Bezirks-, Landes-, Bundesebene oder international errungen wurden. Für die inhaltlichen und Einstellungs-Fragen wurde eine siebenstufige Likertskala verwendet, wie sehr etwas auf sie zutrifft oder nicht. Der Fragebogen wurde zunächst an einigen StudentInnen der TU Darmstadt getestet und daraufhin weiter schwimmspezifisch angepasst. Die tatsächliche Befragung fand an einer Stichprobe von 20 Athleten statt. Eingangskriterium waren eine Kadermitgliedschaft und Wettkampferfolge. Ein Teil der Stichprobe wurde aus der ersten Mannschaft des Darmstädter Schwimm- und Wassersport-Club 1912 e.V. rekrutiert, von der ebenfalls angesprochenen ersten Mannschaft der SG Frankfurt kam leider kein Rücklauf. Der andere Teil wurde über schwimmspezifische Gruppen der Internetportale MeinVZ und StudiVZ gewonnen. Der Rücklauf aus den Internetportalen war ebenfalls sehr unterschiedlich.
Der allergrößte Teil der Antworten stammt aus dem Internetportal StudiVZ, wodurch eine überproportionale Häufigkeit von StudentInnen zu-stande gekommen sein kann. Allerdings stellt sich auch die gesamte Stichprobe in Übereinstimmung mit anderen Befragungen (vgl. Lurz & Krüger, 2007; Richartz & Brettschneider, 1996) als homogene Gruppe mit abgeschlossenem bzw. angestrebtem Abitur und Studium dar. Die Befragung fand zwischen dem 08.02.2010 - 28.02.2010 statt. Die Teilnehmenden waren zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 14-29 Jahren alt (M = 18.2; SD = 3.52). Davon waren 9 männlich und 11 weiblich. Insgesamt verteilt sich die Stichprobe über fünf Vereine. 14 Athleten trainierten beim DSW 1912, jeweils zwei bei der SG Frankfurt und dem SV Augsburg sowie jeweils einer bei der SG Bremen und dem Dresdner SC. Der Gesamtrücklauf an Fragebögen betrug 38, davon wählten wir diejenigen Athleten aus, die einem Kader angehören und Wettkampferfolge angeben konnten. Unter den Teilnehmern war der D-Kader 16 mal, der D/C-Kader zwei mal und je ein mal der C-Kader sowie der B-Kader vertreten. Über die Hälfte hatten ihre größten Erfolge auf Bundesebene, zwei Athleten bereits bei internationalen Wettkämpfen. Die vollständigen Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Auswertung befinden sich im Anhang.
2. Entwicklungsstationen
Im Folgenden wollen wir die entwicklungshistorischen Abschnitte des Schwimmens darauf untersuchen, wann und in welchen Abschnitten eine sportliche Ausdifferenzierung vom volkstümlichen Schwimmen erfolgt ist. Die ersten Zeugnisse über Schwimmen reichen weit in die Geschichtsschreibung zurück. Tongegenstände, die auf das 9. bis 4. Jahrtausend v. Chr. datiert wurden, bilden ebenso wie Felszeichnungen der ägyptischen Vorgeschichte frühe Formen des Schwimmens ab (vgl. Pahncke, 1979, S. 12). Die ersten schriftlichen Zeugnisse sind bei ca. 2000 v. Chr. einzuordnen. Schwimmen galt anfangs wie die meisten
körperlichen Tätigkeiten als Mittel zum Zweck und eine von vielen Lebenserhaltungsmaßnahmen, z.B. bei der Jagd oder Flucht. Im Militärwesen rückt Schwimmen auch als „körperliche Ertüchtigung für Kampf und Krieg mit in den Vordergrund“ (Pahncke 1979, S. 12). Bei militärischen Zwecken dient Schwimmen allerdings weiterhin als Mittel, nicht als Selbstzweck. Unter dem Aspekt der Wehrhaftigkeit ordnen wir Schwimmen im militärischen Rahmen deshalb als volkstümliches Schwimmen ein. Zu Zeiten der Römer galt Schwimmen als stark und kriegerisch. Die Römische Armee verfügte über ein spezielles Regiment, das Schwimmen und Tauchen konnte (vgl. Sprawson, 2004, S. 57). Auch für die Germanen war Schwimmen ein wichtiger Bestandteil der kriegerischen Ausbildung. Es ist anzunehmen, dass die Kraultechnik die erste Schwimmtechnik gewesen sein muss. Diese Annahme wird durch bildliche Überlieferungen germanischer Stämme gestützt (vgl. Pahncke, 1979, S. 13ff).
Zwischen 800 bis 1200 n. Chr. entwickelte sich der zentraleuropäische Feudalismus mit seiner Klassengesellschaft. Zunächst kann sich das Schwimmen in allen Klassen behaupten und spielt eine wichtige volkstümliche Rolle. Das älteste bekannte Lehrbuch zum Schwimmen stammt von Nikolaus Wynmann aus dem Jahre 1538 mit dem Titel Der Schwimmer oder Ein Zwiegespräch über die Schwimmkunst, in dem vor allem das Brustschwimmen beschrieben wird (vgl. Pahncke, 1979, S. 19). Bei der sich entwickelnden Ritterschaft zählt Schwimmen um 1550 zu einer der wichtigsten ritterlichen Behendigkeiten, doch verdrängten die schweren Rüstungen das Schwimmen wieder aus der kriegerischen Ausbildung. Dafür entwickelte sich das Schwimmen als bürgerliches Vergnügen. Badehäuser wurden in den entstehenden Städten populärer und selbstverständlicher. Der Klerus jedoch betrachtete die allgemeine Ertüchtigung und Ausbildung des Körpers als Zeitverschwendung. „Besonders Baden und Schwimmen wurde, weil dabei der Mensch sich entblößte, als sündhaft und unsittlich verschrien“ (Pahncke, 1979, S. 17). So galt es als besonders fromm, wenn man sich nicht
wusch und jeden Kontakt mit Wasser vermied. Zu Zeiten der Pest be-stand die Furcht der Seuchenübertragung durch das Wasser und es gab vielfältige Bestrafungen auf Schwimmen. Ein Beispiel ist die Verhaftung von acht Männern im Jahre 1548 wegen Badens im Main (vgl. Pahncke, 1979, S. 16ff). Um 1600 wurden viele Badehäuser aus Angst vor Seuchen geschlossen. Der darauf folgende Dreißigjährige Krieg und seine Folgen führten weiter zum Verfall der Schwimmkultur in Deutschland. Noch im 19. Jahrhundert war Baden und Schwimmen in Flüssen teils strengstens verboten und geriet als körperliche Übung weitgehend in Vergessenheit. Auch nach dem Dreißigjährigen Krieg wandten sich Adel und Klerus weiterhin von körperlicher Ertüchtigung weitgehend ab, wohingegen erstarkende bürgerliche Bewegungen, unter anderem der Philantropismus und Rousseau mit seiner Forderung „Zurück zur Natur“, sich auch wieder dem Schimmeln widmeten. Im Jahre 1774 ist die Einsicht der Notwendigkeit einer körperlichen Ertüchtigung so weit vorgedrungen, dass Erziehungsanstalten zu eben diesem Zweck eingerichtet wurden, also eine gezielte volkstümliche Implementierung erfolgte. Somit waren Pädagogen wie GutsMuths oder Vieth die Wegweiser einer neuen deutschen schulischen Körpererziehung, bei der auch der Schwimmunterricht mit zum Rahmenprogramm ihrer eigenen Schulen gehören sollte. Eine allgemeine Einbindung des Schwimmens im Schulsystem fand aber noch nicht statt. Im Jahre 1798 versuchte GutsMuths das Schwimmen zu systematisieren und schrieb ein Lehrbuch mit dem Titel Kleines Lehrbuch der Schwimmkunst zum Selbstunterricht. 1833 veröffentlicht er eine zweite Auflage seines Lehrbuchs, die bereits eine Wettkampfordnung enthielt. Der Wettkampf zeugt von der beginnenden Ausdifferenzierung des sportlich orientierten Schwimmens. Die Möglichkeit für öffentliches und schulisches Schwimmen entwickelt sich aber erst langsam als 1855 das erste Hallenbad in Berlin öffnet und danach weitere folgen (vgl. Pahncke, 1979, S. 24-31).
Schwimmausbildung an Schulen
Während bis Mitte des 19. Jahrhunderts wenig Wert auf volkstümlichen Schwimmunterricht gelegt wurde, entwickelte sich der Schwimmunterricht Anfang der 20. Jahrhunderts immer stärker. Die sich politisch zuspitzende Situation in Deutschland erweckte das Verlangen nach einer wehrhaften Nation. Wilhelm II wollte den Schwimmunterricht bereits im Jugendalter verankern. 1893 wurde in Berlin der erste Verein für Schulschwimmen gegründet und ab 1899 wurde eine Schwimmlehrerausbildung angeboten. Nach und nach wurde der Schwimmunterricht in den Städten zum Pflichtfach. Nach dem zweiten Weltkrieg kam das Schulschwimmen nur schleppend wieder in Gang. Erst mit der Anordnung des Jugendgesetzes 1950 konnte das Schulschwimmen als obligatorischer Unterricht wieder gefestigt werden. Im Fokus stand dabei besonders die Erhaltung der Gesundheit. Dabei unterschieden sich DDR und Westdeutschland deutlich. In Westdeutschland setzte sich der obligatorische Schwimmunterricht wesentlich langsamer durch. Schwimmen und Politik
Die Entwicklung des Schwimmens in Deutschland aus der Bourgeoisie und ihrer Einstellung heraus zeigte sich nicht nur in der bereits erwähnten Verweigerung bei den ersten Olympischen Spielen in Athen. Auch danach zeigte sich ein nationalistischer Geist im DSV und unter Kaiser Willem II entwickelte sich eine rege Zusammenarbeit mit dem Militär, wodurch auch der militärische Einfluss des DSV auf seine Mitglieder und deren ideologische Vorbereitung bis zum Kriegsausbruch immer weiter zunahm. Zu dieser Zeit übernahmen auch im ganzen Kaiserreich Adelige die Ehrenvorsitze und Patenschaften der Vereine. Nach dem Ersten Weltkrieg stabilisierte sich das Schwimm-Vereinswesen schnell wieder. Nach E. Witt übernahm 1919 Dr. Hans Geisow die Leitung des Verbandes. Pahncke (1979) beschreibt ihn als Großkapitalist, der „die Welteroberungspolitik des deutschen Imperialismus maßgeblich unterstützte und später dem Faschismus die berüchtigten Tabun- und Zyklon-Todesgase für die Konzentrationslager
lieferte. Geisow gehörte zu den reaktionärsten Kräften der deutschen Bourgeoisie und sympathisierte ... mit dem immer stärker aufkommenden Faschismus“ (Pahncke, 1979, S. 124). Schwimmen als Sport
Als Geburtsstätte des Wettkampfschwimmens gilt England, wo die ersten Wettkämpfe bereits Mitte des 19. Jahrhunderts veranstaltet wurden. Geschwommen wurde hierzu in fasst allen verfügbaren Flüssen (vgl. Sprawson, 2004, S. 31). Die erste Form von Massenunterricht fand ab 1810 an Militärschulen statt und erst 1825 konnte sich der Schwimm-sport von der militärischen Schwimmschule entkoppeln. Für eine breite Mehrheit wurde Schwimmen erst durch das von GutsMuths herausgebrachte Lehrbuch wiederentdeckt. Der Anstoß zum modernen bürgerlichen Wassersport wurde durch die Leistungen von Matthews Webb eingeleitet, der 1875 den Ärmelkanal von Dover nach Calais durchschwamm. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts breitet sich neben dem immer mehr um sich greifenden Kapitalismus auch der moderne bürgerliche Sport aus. Mit dem sich daraus auf dieser Ebene ergebenden sozialen Vergleich ging auch die Suche nach Rekorden, Aufmerksamkeit und Geld einher. Angeregt durch Webbs sensationelle und symbolträchtige Leistung erwuchs ein Wettbewerb, der sich immer weiter steigern sollte. Die ersten deutschen Meisterschaften fanden bereits vor der Gründung des DSV im Jahre 1882 satt (vgl. Pahncke, 1979, S. 50). 1900 setzte der Kaiser einen Preis im Schwimmen über mehrere Distanzen aus (100m, 500m, 1000m).
Auf europäischer Ebene wurde 1891 die erste Europameisterschaft abgehalten, in der die Schwimmer eine englische Meile schwimmen mussten (vgl. Pahncke, 1979, S. 52). Im Zuge der Wiederaufnahme der Olympischen Spiele fand das Schwimmen auch als weltweiter Sport Beachtung und war bei der ersten modernen Olympiade in Athen 1896 bereits als Disziplin dabei (vgl. Pahncke, 1979, S. 58-59). Aus politischen Gründen wurden keine Deutschen Schwimmer entsendet, da in
Deutschland damals die friedliche olympische Idee inkompatibel mit den Vorstellungen des reaktionären DSV war. 1901 stellt der australische Schwimmer Cecil Healy das Kraulschwimmen als neuen und bahnbrechenden Schwimmstil vor. Dieser Stil wurde erst 1912 von deutschen Leistungsschwimmern übernommen, da sie einsehen mussten, dass sie mit den Leistungen der anderen Schwimmer nicht mehr mithalten konnten. Im selben Jahr sollten noch der Startsprung, die Wende und weitere Regeln eingeführt werden (vgl. Pahncke, 1979, S. 76). Bei den Olympischen Spielen 1904 in St. Louis erkämpfte sich Walter Brack über 100Yd Brustschwimmen die erste Goldmedaille für Deutschland. Die FINA führte mit ihrer Gründung 1908 neue Regelungen ein und verwaltete die Weltrekordlisten. So wurde u.a. festgelegt, dass die Wettkämpfe nur noch in Gewässern ohne Strömung stattfinden dürfen. Somit wurde ein Vergleich über den einzelnen Wettkampf hinaus ermöglicht, der bereits auf die heutige Struktur mit Bestenlisten hinweist. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahr-hunderts nahmen die Deutschen an zahlreichen ausländischen Wettkämpfen teil. Ihre gesammelten Erfahrungen schlugen sich schnell auf ihre vorzüglichen Leistungen nieder. Mit dem ständig wachsenden Leistungsniveau stiegen auch die Länderwettbewerbe an. Bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm präsentierte sich Deutschland als leistungsstärkste Schwimmnation der Welt. Frauen wurden mit den Olympischen Spielen 1912 in den Schwimmwettbewerb integriert (vgl. Pahncke, 1997, S. 80-83). Nach den Leistungseinbrüchen während des ersten Weltkrieges konnten die Leistungsschwimmer erst 1923 in Göte-borg wieder Anschluss an die internationale Spitze finden. Auf internationaler Ebene war Deutschland durch den Ausschluss aus dem IOC sportlich isoliert und durfte bei den Olympiaden 1920 und 1924 nicht teilnehmen. Der DSV wurde 1925 von der FINA wieder aufgenommen (vgl. Pahncke, 1997, S. 124-127). Jedoch wurde Deutschland vom IOC erst 1927 wieder aufgenommen, woraufhin der Schwimmsport enorme industrielle Unterstützung zur Vorbereitung der Olympischen Spiele
1928 erhielt. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise verschlechterte sich die finanzielle Lage der Schwimmverbände, worunter nicht nur die Leistungsspitze litt, sondern auch die Jugendförderungsarbeit vernachlässigt wurde (vgl. Pahncke, 1997, S. 137-138). Kurz darauf wurde der DSV 1934 aufgelöst und in den Deutschen Reichsbund für Leibesübungen eingegliedert und fiel somit auch dem Prozess der Gleichschaltung zum Opfer. Erst langsam hat sich die Schwimmsportkultur in Westdeutschland erholt. Sämtliche Vereinsaktivitäten wurden durch die Kontrollratsdirektive 23 verboten. Erst 1949 sollte der DSV wieder gegründet werden. Der Beitritt in die FINA und den LEN folgte direkt im Anschluss. Von da an stiegen die Mitgliederzahlen kontinuierlich an. Da die meisten Schwimmanlagen und Hallenbäder im Krieg zerstört wurden, konzentrierte sich der DSV vorerst auf Meeresschwimmen. Die materielle Situation des westdeutschen Schwimmsports sollte sich erst mit dem Wirtschaftswunder in den 1950ern schlagartig verbessern. Zwischen 1961 und 1979 konnten deutschlandweit 6560 neue Schwimmanlagen errichtet werden (vgl. Krauß, 2004, S. 58-60). Entwicklung von Institutionen
Der erste deutsche Verein, der Schwimmsport und das dazugehörige Wettkampfgeschehen ausübte, wurde 1878 in Berlin gegründet. Er hieß Schwimmclub Neptun und wurde 1883 in Berliner Schwimmverein umbenannt. Mit den sich nun bildenden Vereinen kann sich das Schwimmen langsam wieder als Allgemeingut entwickeln, bildet dabei aber schon eine sportspezifische Komponente in den Vereinen aus, die sowohl sportlich als auch gemeinnützig orientiert waren. Aus dem sportlichen Gedanken organisierten die Vereine 1886 die Gründung des Deutsche Schwimmverband (DSV). Ab 1890 entstanden mehrere Arbeiter-Schwimm-Vereine. Mit den Vereinen entstand auch ein reger Wettkampfbetrieb. Der DSV behielt es sich jedoch als einziger Dach-verband vor, an internationalen Wettkämpfen und an den Olympischen Spielen teilzunehmen (vgl. Pahncke, 1979, S. 51).
Mit den Jahren bildeten sich im DSV zwei unterschiedliche Lager. Die einen waren wettkampf- und leistungsorientiert, eine Minderheit wollte dahingegen das Schwimmen als volkstümlichen Sport weiter betreiben. Es kam zu einer Aufspaltung in DSV (wettkampforientierte Vorstellungen) und dem DSS (Deutsche Schwimmerschaft) (vgl. Pahncke, 1979, S. 56-59). Mit dem Pariser Sportkongress vom 23. Juni 1894, der als Gründungsdatum des späteren IOC gilt, bildet sich ein internationaler Wettkampf heraus. Während der Olympischen Spiele 1908 wurde die Dachorganisation des Weltschwimmens die FINA gegründet. Der DSV trat ihr 1910 bei. 1920 schloss sich der DSV mit dem Deutschen Fuß-ballbund (DFB) und der Deutschen Sportbehörde für Leichtathletik zum Deutschen Sportbund (DSB) zusammen (vgl. Pahncke, 1979, S. 125). Erst später, 1927, gründete sich ein europäischer Schwimm-Dachverband Ligue Européenne de Natation (LEN). Ausblick
Aus der Geschichte des Schwimmens lässt sich schließen, dass sich das Schwimmen seit jeher erweitert hat. Fortbewegungstechniken und Schwimmstile entwickeln sich weiter. Die Suche nach dem perfekten Schwimmstil hat nie aufgehört. Geblieben sind uns vier Schwimmarten.
• Rückenschwimmen (1912 erstmals bei Olympischen Spielen)
• Kraulstil
• Delphinschwimmen (ab 1930 aus dem Brustschwimmen entwickelt)
• Brustschwimmen
Die immer weiter entwickelten Techniken werden mit immer feineren Trainingsmethoden zur Perfektion getrieben, wobei durch Entwicklung von Trainingswissenschaft, biomechanische Untersuchung, Ernährungsberatung, professionellere Betreuung, Medizin, Ausrüstung und in der neuesten Entwicklung eine Professionalisierung der Athleten die Leistungen stets zu steigern waren. Dennoch stellt sich vor dem Hinter-grund einer auf Beschleunigung und Rekorde bedachten Gesellschaft, aus der sich sowohl Athleten, Zuschauer und Sponsoren rekrutieren,
die Frage, inwiefern sich die Leistungen werden weiter steigern lassen. Insbesondere der Aspekt des Materials hat hier einen Einfluss: Nachdem die Schwimmanzüge bis zu nanotechnologischer Perfektion entwickelt wurden und Athleten in Ganzkörperanzügen starteten, wurden sie 2009 von der FINA zur Wiederherstellung der Vergleichbarkeit verboten, die zuvor damit aufgestellten Rekorde werden jedoch als gültig weiter geführt. Derzeit wird jedoch drüber diskutiert, ob eine neue Rekordliste angesetzt werden soll.
Die schwimmerischen Leistungen deutscher Athleten haben Deutsch-land über Jahrzehnte hinweg eine Position in der weltweiten Spitze im Schwimmen einnehmen lassen. Um diese Position längerfristig beizubehalten, ist es von enormer Wichtigkeit nicht nur die erfolgreichen Schwimmerinnen und Schwimmer bestmöglich zu fördern, sondern auch ein zukunftsorientiertes und modernes Nachwuchskonzept zu entwickeln, das eine starke Generation von Leistungsschwimmern herausbilden kann. Mit diesen Ansätzen plant der DSV einen stetigen Leistungsaufbau der Nachwuchsgeneration. Der Vorgang der Leistungssteigerung wird in drei Etappen vom DSV vorgesehen: 1. Grundlagentraining (GLT), 2. Aufbautraining (ABT) und 3. Anschlusstraining (AST) (vgl. Rudolph, Wiedner, Jedamsky, Döttling, & Spahl, 2006, S. 6). Die gesamte Ausbildung umfasst bei den Mädchen die Altersklassen von 8 bis 17 und bei den Jungen von 8 bis 19 Jahren. Diejenigen, die in ihren jeweiligen Altersklassen besonders leistungsstark sind, stehen im Mittelpunkt der Ausbildung. Durch die hohe Entwicklungsdynamik des internationalen Schwimmsports muss sich auch die Leistungsentwicklung der Nachwuchsschwimmer immer wieder am internationalen Stand orientieren. Der DSV hat das Ziel Nachwuchsschwimmer herauszubilden, die am Ende ihrer Trainingsjahre ein Leistungsniveau von 95% des Weltrekords an den Tag legen (Rudolph et al., 2006, S. 22). Dieser langjährige Trainingsprozess ist nach Altersklassen in mehrere Kader zergliedert. Der DSV orientiert seine spitzensportorientierte Trainings-vorgaben nicht nur an spezifischen Entwicklungsprozessen und biologi-
schen Besonderheiten, sondern legt auch großen Wert auf eine altersgemäße Belastung (Rudolph et al., 2006, S. 4). Von zentraler Bedeutung ist hierbei ein vielseitiges Training, das eine zu frühe Spezialisierung innerhalb des Schwimmsports vermeidet. Die Rahmentrainingspläne weisen eine kontinuierliche Steigerung des Trainingsumfangs auf, jedoch ist hier stets der individuelle Trainings- und Entwicklungszustand des Athleten zu beachten. Um eine Leistungssteigerung zu erzielen, stellt der Trainingsumfang kombiniert mit Techniktraining die wichtigste Komponente dar.
Tab. 2: Übersicht zur Belastungsgestaltung nach Schwimmart und Streckenlänge (Rudolph et
al., 2006, S. 9).
Die Leistungssportförderung des DSV sieht dafür eine Differenzierung in verschiedene Kader vor. Dieses Kadersystem soll nicht nur altersgerechte Trainingsbedingungen garantieren, sondern auch die Möglichkeit bieten eine Auswahl an SportlerInnen zu treffen die gefördert werden sollen (Nachwuchsleistungssport-Konzept 2012, S. 21). Die Grundausbildung beginnt mit dem D1-/D2-Kader. Federführend ist hier die Bezirksebene. Der D3/D4-Kader liegt in der Verantwortung des Landes-schwimmverbands. Als nächstes Folgt der D/C-Kader. Hier sind der DSV, die Landesverbände und die Bundesförderung an der Nachwuchsförderung beteiligt. In diesem Übergangskader sucht der DSV gezielt NachwuchssportlerInnen, die gute Voraussetzungen für internationale Spitzenerfolge mit sich bringen um sie weiter zu fördern. Welcher Athlet in den D, D/C- und C-Kader kommt, entscheiden die Lan-
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Wanja von der Felsen, 2010, Schwimmen als Leistungssport, München, GRIN Verlag GmbH
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