I.Einleitung
Kaum ein anderer Zeitschriftenartikel hat in der Vergangenheit eine derartige Reaktion ausgelöst, wie der in der Fachzeitschrift ‚Foreign Affairs’ 1993 erschienene Artikel Samuel P. Huntingtons, Professor an der Harvard University und Direktor des John-M.-Olin-Instituts für Strategische Studien, mit dem Titel „The Clash of civilizations?“. Sprach vier Jahre zuvor Francis Fukuyama noch vom Ende der Geschichte, so konstatiert Huntington den Kampf der Kulturen und löst damit eine bis heute andauernde Debatte aus. Seit dem vergegenwärtigen sich Leser seines Artikels und dem später erschienenen Buch bei internationalen Konfliktsituationen, besonders mit islamischen Staaten, Huntingtons Thesen und es stellt sich die Frage, wann der Kampf der Kulturen beginnt, ob er vielleicht sogar schon unlängst begonnen hat, oder ob es erst ein auslösendes Ereignis geben wird, welches für die internationalen Beziehungen von entscheidender Bedeutung sein wird.
Neben den Anschlägen vom 11. September 2001 prägte vor allem der Karikaturenstreit Ende des Jahres 2005 die Diskussion. Am 30. September besagten Jahres hatte die dänische Zeitung ‚Jyllands Posten’ verschiedenen Karikaturen Mohammeds, dem historisch letzten Propheten des Islam, veröffentlicht. Daraufhin kam es Anfang 2006 zu schweren Ausschreitungen, die islamische Welt sah sich angegriffen und verspottet. Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Karikaturenstreit, seiner Entstehung, dem Ablauf der Ereignisse und versucht, eine Verbindung zu verschiedenen Thesen Huntingtons herzustellen, um der Frage nachzugehen, ob es sich bei dem Ereignis um ein Indiz für Huntingtons Kampf der Kulturen handeln kann, ob Huntingtons Argumente auf die Krise anwendbar sind und wie die Ereignisse vor allem in der Öffentlichkeit und der Presse, durch welche die Karikaturen entstanden sind, wahrgenommen wurde. Die Arbeit kann bei der Fülle an Informationen zu beiden Themengebieten, also zu Huntingtons Buch bzw. seiner Rezeption und zu den Beiträgen zum Karikaturenstreit, nicht die gesamte Meinungsvielfalt einbeziehen und stellt somit den Versuch dar, die Ereignisse vor dem Hintergrund des Buches „Kampf der Kulturen - Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“ zu thematisieren. Im Folgenden werde ich versuchen, grundlegende Thesen zum Kampf der Kulturen zusammenzufassen, daraufhin den Streit um die Karikaturen einzuordnen um schlussendlich eine thematische Verbindung herzustellen.
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II.Hauptteil
II.1 Kampf der Kulturen
Samuel P. Huntington behauptet, dass die entscheidende Konfliktursache internationaler Krisen im 21. Jahrhundert der kulturelle Faktor sein wird.
„Kultur und die Identität von Kulturen, auf höchster Ebene also die Identität von Kulturkreisen, prägen heute, in der Welt nach dem Kalten Krieg, die Muster der Kohärenz, Desintegration und
1 Konflikt.“
Die wichtigsten Trennungslinien der Menschen seien nicht politischer, ideologischer oder ökonomischer, sondern kultureller Natur. Huntington teilt dazu die Welt zunächst in sieben Kulturkreise ein, den sinischen, den japanischen, den islamischen, den slawisch-orthodoxen, den westlichen, den lateinamerikanischen und, unter Umständen, den afrikanischen (er lässt offen, ob es sich dabei um einen eigenen Kulturkreis handelt). Fünf der genannten Kulturkreise besitzen sog. Kernstaaten, dazu gehören China, Japan, Indien, Russland sowie die USA. 2
Seiner Meinung nach wächst das Bewusstsein der Menschen, einer bestimmten Zivilisation zuzugehören, stetig an und weil Menschen aus unterschiedlichen Zivilisationen einander ablehnten, sich aggressiv abgrenzten („wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind“ 3 ) scheint ein Konflikt in seinen Augen unausweichlich. 4 Der zentrale Zivilisationskonflikt spiele sich demnach speziell zwischen dem Islam und dem Westen ab, da beide Kulturen über universelle Werte verfügen, welche die jeweils andere Weltanschauung in Frage stellen und die eigene Anschauung für die einzig richtige betrachtet wird. 5
„Die großen Trennungslinien der Menschheit und die dominierende Quelle von Konflikt werden kultureller Natur sein. Nationalstaaten werden zwar die mächtigsten Akteure auf dem Globus bleiben, aber die grundsätzlichen Konflikte der Weltpolitik werden zwischen den Nationen und Gruppierungen aus unterschiedlichen Kulturen auftreten. Der Zusammenprall der Kulturen
6 (clash of civilizations) wird die Weltpolitik beherrschen.“ Fiel die Abgrenzung während des Kalten Krieges noch leicht, so fehlten mit dessen Beendigung die offensichtlichen Feinde.
1 Huntington, Samuel P. 2002, S. 19.
2 Metzinger, Udo 2000, S. 15-17.
3 Huntington, Samuel P. 2002, S. 21.
4 Tibi, Bassam 1995, S. 41.
5 Ebd. S. 41.
6 Vgl. Huntington, Samuel P. 1993: The Clash of civilizations?, in: Foreign Affaiers. Aus: Metzinger, Udo 2000, S. 18.
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So zitiert Stefan Kindler George W. Bush sen. mit folgenden Worten: „Es war: Wir gegen die, und es war klar, wer „die“ waren. Heute sind wir nicht so sicher, wer „die“ sind; aber wir wissen, es gibt sie.“ 7
Nach dem Wegfall des Kommunismus als vorherrschendes Feindbild für den Westen fehlten Abgrenzungsmöglichkeiten. Bereits Reinhardt Schulze 8 bemerkte, lange bevor Huntingtons Aufsatz erschien, dass mit dem Ende des Ost-West-Systems 1989/90 ein tiefer Einschnitt in die Selbstlegitimation des Westens stattgefunden habe. Demnach fehlt das „Andere“ als eine Art Projektionsfläche. Durch den Kuwait-Krieg wurde seiner Ansicht nach aus dem Osten der Orient, aus dem Kommunismus der Islam und aus Stalin Saddam Hussein. Schulze nennt die Antithetik als bestimmendes Prinzip des Westens, der stets die Abgrenzung sucht, sie geradezu benötigt und im Islam gefunden zu haben scheint. Der Islam wird dabei nicht bloß aus ideologischer Sicht zur Antithese für den Westen, er begründet gesamtkulturell das Gegenstück und erscheint als Gegen-Westen oder Gegen-Moderne. 9
Diese These unterstützt besonders die einschlägige Formulierung im französischen Verteidigungsweißbuch von 1994:
„Der islamistische Extremismus stellt ohne Frage die beunruhigendste Bedrohung dar. (...) Er nimmt oft den Platz ein, den der Kommunismus innehatte als Widerstandform gegen die
10 westliche Welt“.
Insgesamt präsentiert Huntington dem Leser, bezogen auf den Islam, ein eher negatives Bild, das stark von Misstrauen geprägt ist. Er plädiert für den Zusammenhalt des Westens um die westliche Zivilisation vor dem wiedererstarkenden Islam zu schützen. In Bezug auf die Anschläge auf das World Trade Center und den folgenden Irakkrieg (diese Ereignisse hätten aus Sicht Huntingtons eigentlich entscheidende Ereignisse für den von ihm prophezeiten Kulturenkampf sein können), distanzierte sich Huntington jedoch von seinen eigenen Thesen. Er sprach bei dem Einen von einem Angriff einiger
7 Vgl. Kindler, Stefan 2003. Weblink: www.heise.de .
8 Reinhard Schulze ist Professor für Islamwissenschaften an der Universität Bern und lehrte bereits als Gastprofessor an der New York University und der Harvard University. Seit 1995 ist er Herausgeber der Reihe “Social, Economic and Political Studies of the Middle East and Asia”.
9 Ruf, Werner 2000, S.2. Ringvorlesung Haydauer Hochschulgespräche. Weblink: http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/islam-ruf.html 10 Ruf, Werner 2002, S. 3. Ringvorlesung Haydauer Hochschulgespräche. Weblink: http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/islam-ruf.html
4
Barbaren auf die gesamte zivilisierte Welt und bei dem Anderen von
„[...] einem Krieg ganz anderer Art [...]. Er [der Krieg] würde große Teile der Bevölkerung und der Regierungen in der moslemischen Welt aufbringen, die jetzt die internationale Koalition
gegen den Terror unterstützten.“ 11
Der Autor des Artikels dem das obige Zitat entnommen wurde, Thomas von Assheuer, spricht in Bezug auf Huntingtons These „von einer sehr gefährlichen Falle“. Damit beschreibt er den Umstand, dass die These vom Zusammenprall der Kulturen zu einer Art selbsterfüllender Prophezeiung werden könnte, falls sich das politische Handeln in Zukunft nach Huntingtons Meinungen ausrichten sollte. 12
Der Karikaturenstreit scheint also zunächst ein weiteres Indiz in einer Reihe bereits aufgetretener Hinweise für einen eventuellen Kampf zwischen den Kulturen bzw. eines Kampfes zwischen dem Westen und dem Islam zu sein, kam es doch im Anschluss an die Veröffentlichungen der zwölf Karikaturen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in islamischen Gebieten. Ob dies der Fall sein könnte, sollen die folgenden Ausführungen zum Karikaturenstreit zeigen.
II. 2 Der Karikaturenstreit 13
Der dänische Autor Kare Bluitgen wollte ein harmloses Kinderbuch zum Verständnis Mohammeds und des Koran schreiben. Nach dem Mord an dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh fand der Autor jedoch keinen Illustrator für sein Buch. Diesen Umstand empfand Bluitgen als eine Form der Selbstzensur in einer ansonsten freiheitlichen Gesellschaft. Der Chefredakteur der dänischen national-konservativen Zeitung „Jyllands Posten“, Fleming Rose, erfuhr von diesem Problem und schrieb insgesamt 40 Karikaturisten an, eine Zeichnung Mohammeds aus ihrer individuellen Sicht an die Zeitung zu senden. Lediglich zwölf Zeichner schickten ihre Karikaturen des
11 Assheuer, Thomas von, in: „DIE ZEIT“ vom 9.02.2006, Nr.7. Weblink: http://www.zeit.de/2006/07/Huntington
12 Vgl. ebd.
13 Von einer chronologischen Aneinanderreihung der verschiedenen Ereignisse, die den Streit um die Karikaturen begleiteten, sehe ich in diesem Zusammenhang ab. Eine Chronologie der Ereignisse kann jedoch durch einen Link zu einem pdf-Dokument auf der Website: http://www.religiononline.info/islam/themen/karikaturenstreit.html eingesehen werden. Weblink zuletzt eingesehen am 6.04. 2007, 17:40 Uhr.
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Propheten ein, diese zwölf Zeichnungen wurden daraufhin am 30. September 2005 veröffentlicht. 14
Auf die Karikaturen gab es zunächst keinerlei besondere Reaktionen, erst als die Zeitung selbst islamische Organisationen zur Stellungnahme aufforderte, kam es zu den ersten Zwischenfällen: Am 12. Oktober 2005 erhielt Rose die ersten Morddrohungen und zwei Tage später kam es zu Demonstrationen in Kopenhagen. Gemäßigte muslimische Verbände riefen zur Besonnenheit auf, so dass es zunächst nach einer Eindämmung der Krise aussah bzw. diese eigentlich noch gar nicht wirklich ausgebrochen war.
Erst als eine Gruppe radikaler dänischer Muslime, eine der ägyptischen Muslimbruderschaft nahestehende Splittergruppe, die Karikaturen im Vorderen Orient verbreiteten, weitete sich der Konflikt aus. Um an Meinungsführerschaft zu gewinnen, fügten die Imame weitere, gefälschte Karikaturen hinzu, die einen künstlerischkarikaturhaften Charakter völlig vermissen ließen, so dass es zu heftigen Reaktionen im Ausland kam. Die Instrumentalisierbarkeit der Krise wurde daraufhin von weiteren radikalen politischen Gruppen erkannt. 15
Die Situation eskalierte, als Ende Dezember die Karikaturen von den arabischen Außenministern offiziell verurteilt wurden, als Ende Januar 2006 die Internationale Union der Ulemas in Kairo mit der Mobilisierung der Muslime in der ganzen Welt drohte, der arabische Sender Al Djazira die Geschehnisse thematisierte und am 26. Januar die Regierung Saudi-Arabiens seine Botschafter aus Dänemark abzog. 16 Am 30. Januar kam es dann, auf Grund der Eskalation der Krise, zu einer öffentlichen Entschuldigung der dänischen Zeitung, in Form eines öffentlichen Briefes an die Mitbürger der islamischen Welt:
„Die zwölf Zeichnungen waren unserer Meinung nach anständig und nicht als Kränkung gedacht. Sie waren nicht in Widerspruch mit der dänischen Gesetzgebung, aber haben unabweisbar viele Moslems gekränkt, wofür wir uns entschuldigen. Unsere Initiative mit den zwölf Zeichnungen ist - vielleicht aufgrund kulturell bedingter Mißverständnisse - als eine Kampagne gegen Moslems in Dänemark und der restlichen Welt ausgelegt worden. Dieses muß ich auf das Bestimmteste zurückweisen. Gerade weil wir für die Religionsfreiheit eintreten und das Recht jedes einzelnen, seine eigene Religion zu praktizieren, respektieren, liegt es uns fern,
14 Abbildung der zwölf Karikaturen siehe: http://www.citybeat.de/news/2070231/die-12-mohammedkarikaturen.html bzw. http://www.gulli.com/news/ddos-gegen-mohammed-2006-02-01/ beide Links zuletzt eingesehen am 4. April 2007, 21:29 Uhr.
15 Böge, Wolfgang 2006. Weblink:
partners.civiced.org/paw/tools/people_download.php?group=event&id=188
16 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Daniel Valente, 2007, Der Karikaturenstreit und Huntingtons „Kampf der Kulturen“, München, GRIN Verlag GmbH
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