Joachim Wulkop
Braucht die gegenwärtige Gesellschaft Religion? Essay im Seminar „Wiederkehr des Religiösen“
Schöpfung. Gut ist die Schöpfung, weil sie gesetzmäßig geordnet ist und wir in der Lage sind, diese Gesetze zu erkennen, um sie zu unserer Sicherheit anzuwenden.“ 1 Dieser Interpretation folgend hat ein Wandel des religiösen Empfindens stattgefunden. Während frühere Gesellschaften die göttliche Obrigkeit als relativ willkürlichen Herrscher empfanden, der seinen Zorn auf die Menschen in Naturgewalten und Epidemien auslebt, konnten in der neueren Zeitgeschichte rationale Erklärungen für diese Phänomene gefunden werden. Auf diese Weise verschwand zwar der Gottesglaube nicht, er änderte jedoch seine Gestalt von einer jähzornigen Vorstellung zur helfenden Hand. Religion als Kompensation?
Nun stellt sich die Frage, inwiefern die Religion an sich abhängig ist von geschichtlichen, gesellschaftlichen oder auch technischen Veränderungen. Unterstellt man eine solche Abhängigkeit, kommt man automatisch zu dem Schluss, dass das religiöse Empfinden der Menschen sich den Begebenheiten anpasst. Dies bedeutet, dass Religion an sich nichts Greifbares ist, dass sich keine allgemeingültige Definition für diesen Begriff finden lässt. Am ehesten ließe sich Religion dann als Kompensation verschiedener Bedürfnisse verstehen. Sie bietet dem Menschen Deutungsmuster und -strukturen an, anhand welcher er sein Weltbild formen kann. Während frühere Gesellschaften das Bedürfnis hatten, eine Erklärung für die Lebensumstände und die Entstehung der Welt zu finden, ist hingegen das heutige religiöse Empfinden deutlich differenzierter. Zudem entfällt der gesellschaftliche Druck, unbedingt einer Religionsgemeinschaft angehören zu müssen.
Während also früher die Religion größtenteils den Alltag bestimmte, bestimmt heute der Alltag die Religion.
Nimmt man also an, dass der religiöse Glaube, in welcher Ausprägung er auch stattfinden mag, ein kompensatorisches Mittel ist, die Wirklichkeit erträglicher und verständlicher zu machen, kann man dafür sowohl eine positive wie auch eine negative Interpretation finden. Die zweifellos bekannteste negative Auslegung dieser Annahme stammt von Karl Marx, der
1 Kittsteiner, 1992; S. 79
Joachim Wulkop
Braucht die gegenwärtige Gesellschaft Religion? Essay im Seminar „Wiederkehr des Religiösen“
die Religionskritik Ludwig Feuerbachs weiterverarbeitete und den berühmten Spruch prägte, die Religion sei das Opium des Volkes. 2
Diese Metapher impliziert den Hauptkritikpunkt, den Marx und andere der Religion entgegenbringen: Die Ruhigstellung des Volkes durch den Glauben an göttliche Fügung und, daran angeschlossen, die taten- und willenlose Unterwerfung gegenüber staatlichen und religiösen Institutionen. Die Hoffnung auf Besserung der Lebensumstände mündet nicht in konkreten Handlungen, sondern im Vertrauen darauf, dass die Religion den Menschen helfe. Doch neben dieser negativen Interpretation besteht auch eine positive Sichtweise auf Religion als Kompensation. So kann der Glaube hilfreich sein, um mit Schicksalsschlägen umzugehen, um Ängste zu nehmen und Hoffnung zu geben. Während also die negative Interpretation behauptet, dass Religion den Menschen zur Handlungsunfähigkeit verleite, argumentiert die positive Sichtweise in die entgegengesetzte Richtung. Die Religion gebe den Menschen neue Hoffnung und damit die Möglichkeit, mit seinen Sorgen und Ängsten umzugehen und diese zu überwinden.
Die Suche nach Erklärungen, Deutungen und Interpretationsschemata hat also auch in der modernen Gesellschaft einen wichtigen Standpunkt. Dabei ist allerdings auffällig, dass sich immer mehr Menschen von den traditionellen Religionen abkehren und ihr Heil in kleineren, multikulturellen Glaubensgemeinschaften suchen. „Mehr und mehr erfahren sich die Menschen in einem Maße konkurrierenden Anforderungen und Wirklichkeitsdeutungen ausgeliefert […], daß sie ihren eigenen Standpunkt -wenn überhaupt- so nur noch in Distanzierung von allzu verbindlichen Anforderungen glauben finden zu können. Deshalb werden normative Zumutungensei es im Bereich der Staatsbürgermentalität, der institutionellen Ehe oder religiös verbürgter Moral - häufig im Namen von „Freiheit“ oder „Selbstverwirklichung“ abgelehnt. Religion als Angebot dagegen, als soziale Möglichkeit, von der man Gebrauch machen kann oder auch nicht, scheint nach wie vor hohe Zustimmung zu finden.“ 3
Dies spricht dafür, dass auch die gegenwärtige Gesellschaft Religion braucht. Da sich jedoch die Lebensumstände der Menschen in den letzten Jahrhunderten drastisch geändert haben,
2 Kruhöfer, 2002; S. 47
3 Kaufmann, 1989; S. 147
Arbeit zitieren:
Joachim Wulkop, 2010, Braucht die gegenwärtige Gesellschaft Religion?, München, GRIN Verlag GmbH
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