1) Einleitung
„`Nichts kann die Auseinandersetzung mit der eigenen, aktiv betriebenen Textproduktion ersetzen. Denn sie erfordert und fördert zentrale allgemeine Fähigkeiten [...]. In der Ausbildung dieser Fähigkeiten liegt der eigentliche Sinn des Schreibens`“ 1 . Diese These ist von grundlegender Bedeutung für das kreative Schreiben. In meiner Ausarbeitung möchte ich mich mit einem Gebiet des kreativen Schreibens, der Unterrichtsarbeit mit Elfchen, auseinandersetzen. Vor dem Hintergrund der oben aufgeführte These möchte ich mich im Folgenden auf Elfchen in Bezug auf die Gedichtüberarbeitung mithilfe der Syntax, als einer Möglichkeit sich mit Gedichten auseinanderzusetzen, konzentrieren. Zu Beginn werde ich in knapper Form auf die Gedichtform „Elfchen“, ihre besondere Struktur, ihre formalen Regeln und Vorgaben und ihr Lernpotential eingehen. Des Weiteren werde ich anhand einiger Beispiele verdeutlichen, wie aus einem einfachen Elfchen ein ausdrucksstarkes Gedicht werden kann. Abschließend möchte ich in einem Fazit die wesentlichen Erkenntnisse meiner Arbeit und die daraus resultierenden Konsequenzen für die Unterrichtsgestaltung darstellen.
2) Hauptteil - Das Elfchen und die Wirksamkeit der Gedichtüberarbeitung mithilfe der Syntax
Elfchen sind kleine Gedichte, nach ihrer Gesamtwortzahl benannt und bestehen daher aus elf Worten zu fünf Versen. Sie zeichnen sich durch enge formale Vorgaben aus, die je nach Klassenstufe geringfügig variiert werden können. Das Elfchen ist ein Fünfzeiler mit folgender Wortverteilung pro Zeile: 1-2-3-4-1. Das Elfchen als eine Form des angeleiteten kreativen Schreibens arbeitet daher dialektisch mit Begrenzungen und Spontaneität. Durch die strukturellen Regeln des Elfchens wird das Schreiben stärker als Lerngegenstand denn als Lernmedium betont 2 . „Die engen formalen Vorgaben, das Schreiben von Gedichten nach Regeln erleichtert sowohl einen Bruch mit den Vorurteilen über Lyrik und dem Klischee, ein Gedicht sei, was sich reimt, als auch den Bruch mit der gewohnten Prosa-Grammatik. [...]“ 3 Elfchen werden oftmals als triviale Beschäftigung insbesondere für Grundschüler abgetan. Die Herstellung von Elfchen kann jedoch unter bestimmten Qualitätsvoraussetzungen exemplarischen Wert haben und einen Beitrag zur Sprachentwicklung der Kinder leisten, indem eine Erweiterung des Wortschatzes und ein gesteigertes Empfinden für die Qualität von Worten angebahnt werden kann. Das Sprachverständnis kann erweitert und das
1 Böttcher, Ingrid (Hrsg.): Kreatives Schreiben. Berlin: Cornelsen 1999. S. 7. 2 Vgl. ebd. S. 57.
3 Fritzsche, Joachim: Schreibwerkstatt. Geschichten und Gedichte: Schreibaufgaben, -übungen, -spiele. 2. Auflage. Stuttgart u. a.: Ernst Klett Verlag. - 1. Auflage 1989. S. 101.
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Sprachhandeln auf der Wort-, Satz- und Textebene geschult werden. Zudem eignen sich Elfchen hervorragend, um das kreative Schreiben von Gedichten einzuleiten und so ein Gefühl für die Besonderheit der Sprache bzw. der Satzstellung eines Gedichtes zu vermitteln. Anhand einiger Beispiele möchte ich nun verdeutlichen, wie eine Veränderung der Wortordnung 4 bzw. der Satzgliedstellung aus einem einfachen Elfchen ein ausdrucksstarkes Gedicht werden lässt: „Oft ist es allein die Wortstellung, die einen Text ausdrucksstärker macht“ 5 . Somit soll hier gezeigt werden, dass sich das Schreiben von Elfchen und eine anschließende Überarbeitung als lohnenswert und lehrreich erweisen kann.
Elfchen 1
Die Abfolge Subjekt, indirektes Objekt, direktes Objekt (bzw. Subjekt, Objekt) oder in Kasuskategorien Nominativ, Dativ und Akkusativ (bzw. Nominativ, Akkusativ) kennzeichnet sich als natürliche unmarkierte Reihenfolge der Satzglieder. Diese unmarkierte Reihenfolge liegt den Sätzen „Die Nacht zeigt mir Phantastisches“ und „ich fühle die Kraft“ der ersten Version des Elfchens zugrunde. Diese natürliche Reihenfolge ist u. a. darin begründet, dass die Verbergänzungen in einer Belebtheitshierarchie (Tendenz: belebt-unbelebt) angeordnet werden, welche auch als Agensgefälle (Handlungsgefälle) bezeichnet wird. Die erste Position nimmt dabei das Agens (Handelnder) ein. Darauf folgt der Rezipient (Adressat) und abschließend das Patients (der oder dasjenige, der bzw. das nicht aktiv handelt, sondern etwas erleidet bzw. mit dem etwas geschieht). Das Agensgefälle ist somit semantisch, also nicht syntaktisch fundiert.
Die besondere Betonung eines Satzes liegt immer auf einer Vorfeldkonstituente. Steht das Subjekt jedoch im Vorfeld eines unmarkierten Satzes, liegt die Betonung des Satzes nicht auf dem Vorfeld. In markierten Sätzen, wie den Sätzen der zweiten Version des Elfchens („Phantastisches zeigt mir die Nacht“; „die Kraft fühle ich“) liegt die Betonung hingegen immer auf einer Vorfeldkonstituente.
In diesem Beispiel wurden die beiden direkten Objekte („Phantastisches“ und „die Kraft“) der
4 Im Deutschen gibt es eine vergleichsweise „freie Wortordnung“, d. h. es gibt mehr als nur ein Wortstellungsmuster. Der Begriff „Wortordnung“ wird häufig verwendet, meint aber die Abfolge ganzer Satzglieder bzw. die freie Satzkonstituentenstellung. Die Konstituentenstellung dient dem Ausdruck von Informationsstruktur, semantischen Unterschieden und phonologischen Unterschieden. Im folgenden meint der Begriff Wortstellung die Satzgliedstellung und nicht die Abfolge der Worte innerhalb der Satzglieder. 5 Menzel, Wolfgang: Elf Wörter sind noch kein Elfchen. In: Praxis Deutsch 172, 2002, S. 21.
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ersten Version des Elfchens in der zweiten Version jeweils an den Satzanfang gerückt, die beiden Subjekte („die Nacht“ und „ich“) wurden jeweils an den Schluss der Sätze gestellt. Das indirekte Objekt des ersten Satzes „mir“ folgt daher auf das direkte Objekt. Die Sätze stellen sich nun als markiert dar. Da die Betonung und der Informationsschwerpunkt im markierten Satz auf dem Vorfeld liegt, wird „Phantastisches“ und „die Kraft“ nun betont. Dadurch wird das Thema des Elfchens deutlicher hervorgehoben.
Elfchen 2
dennoch immer Zeit für
Die erste Version des Elfchens zeichnet sich durch eine unmarkierte Satzgliedstellung aus („doch sie haben dennoch immer Zeit für mich“). Im Satz unterscheidet man Thema (das Bekannte oder Vorerwähnte im Satz) und Rhema (die neue Information). In unmarkierten Sätzen, wie dem ersten Beispielsatz „doch sie haben dennoch immer Zeit für mich“, in denen also die natürliche Reihenfolge beibehalten wird, wird das Rhema als Akzentuierung und Betonung 6 der Verbergänzung deutlich, somit liegt der Informationsschwerpunkt am Ende des Satzes.
Anhand dieses Beispiels lässt sich erkennen, dass die Schwerpunkte, die beim Sprechen über die syntaktische Ebene hinaus, stimmlich gesetzt werden können (mittels Akzentuierung und Betonung), beim leisen Lesen und beim Schreiben mithilfe der Reihenfolge der Satzglieder gesetzt werden. Die Schwerpunktverteilung ist in der geschriebenen Sprache daher eher semantisch geprägt und verläuft somit vom Bekannten (Thema) zum Neuen (Rhema) oder auch vom Emotionalen zum Informativ-Wichtigen, welches in der gesprochenen Sprache dem Verlauf von der Betonung zur Akzentuierung entspricht. Kinder können hier lernen, dass die geschriebene Sprache durch grammatische Regeln in höherem Maße festgelegt ist, als die gesprochene Sprache.
In der Poetik und Rhetorik ist die Reihenfolge der Satzglieder hingegen von dem Ziel des Wohlklangs eines Satzes bestimmt. Dies wird u. a. durch die Umstellung der Satzglieder eines unmarkierten Satzes erreicht. Dadurch wird das natürliche Agensgefälle nicht betont und der Informationsschwerpunkt wird an den Satzanfang gelegt. Jedoch ist nicht nur die Reihenfolge der Satzglieder für den Wohlklang eines Satzes verantwortlich, sondern auch
6 Auf die Bedeutung von Akzentuierung und Betonung werden ich weiter unten genauer eingehen.
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Arbeit zitieren:
Janina Schnormeier, 2008, "Elf Wörter sind noch kein Elfchen", München, GRIN Verlag GmbH
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