Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Germanistisches Seminar Sommersemester 2002
Einführung in die Literaturwissenschaft
Das Motiv des Todes in
Noémie Schlentz
1
Inhaltsverzeichnis:
Das Motiv des Todes in Thomas Manns Erzählung „Der Tod in
Venedig “
1. Leitmotivtechnik. S.3
1.1. Leitmotive (allgemein) S.3
1.2. Leitmotive mit Todessymbolik. S.5
2. Die Todesboten - den Tod vorausdeutende Leitfiguren. S.7
2.1. Beschreibung der einzelnen Todesboten. S.8
2.1.1. Der Wanderer - eine Vereinigung vieler antiker Todesgestalten. S.8
2.1.2. Der ziegenbärtige Zahlmeister. S.8
2.1.3. Der „falsche Jüngling“ S.9
2.1.4. Der Gondolier - mythologischer Fährmann Charon. S.10
2.1.5. Der Bademeister. S.10
2.1.6. Tadzio - Psychagog und Todesengel S.10
2.1.7. Der Bänkelsänger - eine „Kreuzung von Luzifer und Clown“ S.11
2.1.8. Der Clerk und der Hotelfriseur. S.12
2.1.9. Aschenbach - sein eigener Todesbote. S.12
2.2. Mythologische Vorbilder der Todesboten. S.12
2.2.1. Hermes - Psychopompos, der Seelenführer. S.12
2.2.2. Hades - Herrscher der Unterwelt. S.13
2.2.3. Charon - Fährmann der Verstorbenen. S.13
2.2.4. Thanatos - der personifizierte Tod. S.13
2.2.5. Psychagogos / Pychopompos - Führer und Verführer der Seelen. S.13
2.2.6. Apollon und Dionysos - Zucht und Zügellosigkeit. S.13
3. Gustav Aschenbachs Tod in Venedig. S.14
3.1. (Künstler-)Würde - Tod: Entwicklung eines Lebens auf den Tod hin. S.14
3.2. Eros - Tod: Tadzios Rolle. S.17
3.3. Aschenbachs Tod. S.17
Literaturverzeichnis. S.19
2
Das Motiv des Todes in Thomas Manns Erzählung „Der Tod in Venedig“
1. Leitmotivtechnik
1.1. Leitmotive (allgemein)
Neben dem Motiv des Todes, das unverkennbar schon zu Beginn der Erzählung gegenwärtig ist und in der gesamten Handlung vorherrscht, gibt es auch noch andere Leitmotive, die zwar nur indirekt, aber dennoch mit dem Tod in Zusammenhang stehen. Ich werde kurz auf diese eingehen, weil sie wichtig sind, um die von Thomas Mann angewandte Leitmotivtechnik besser zu erfassen.
Ein erstes Beispiel ist die zunehmende Verfremdung der gewohnten Welt Aschenbachs: noch in seiner Heimatstadt München spürt er, dass sein gewohntes Leben irgendwie aus den Fugen geraten ist. Er steckt nicht nur in einer Schaffens-, sondern in einer Lebenskrise. So reicht seine alltägliche Bewegung an der frischen Luft nicht aus und er muss „einen weiteren Spaziergang“ unternehmen, um innerlich zur Ruhe zu kommen. Dabei hat Gustav von Aschenbach dann ein befremdendes Erlebnis, als er dem mysteriösen Wanderer begegnet, durch den er sich zum Reisen animiert fühlt. Die Verfremdung seiner gewohnten Welt setzt sich in einer traumartigen Vision von einer Urwaldwildnis, in der dionysische „Tiger“ lauern, fort. Auf der Reise nach Venedig begegnet er zwei weiteren Gestalten, geheimen Todesboten 1 , deren Erscheinen Aschenbach zutiefst beunruhigt und die ihn auf dem Weg in die andere, fremde Welt, welche die Stadt Venedig darstellt, begleiten. Die Verfremdung nimmt im Laufe seines Venedig-Aufenthaltes immer weiter zu, bis seine bisherige, streng apollinische Lebenshaltung in eine ungehemmt dionysische Lebensweise übergeht. 2 Leitmotivische Bedeutung hat ebenfalls das Meer. Es steht hier für das Maßlose, das Nichts. Aschenbach wählt sein Reiseziel so aus, dass er in Meeresnähe sein kann. So hält er sich während seines Aufenthaltes bevorzugt am Meeresstrand auf, wo er seinen „Geliebten“ ungestört beim Spielen beobachten kann. Nicht zuletzt sind Meer und Strand Schauplatz seines eigenen Todes, wobei das Meer hier für den Strom Acheron steht, über den der Fährmann Charon in der griechischen Mythologie die Toten in den Hades führt.
1 Die Todesboten werden in Kapitel 2.1. ausführlich behandelt.
2 Das Dionysische und Apollinische und alle weiteren mythologischen Bezüge werden in Kapitel 2.2. behandelt.
3
Die Stadt Venedig selbst kann als ein solches leitendes Motiv gesehen werden. Mit der Anspielung auf den Markusdom („das byzantinische Bauwerk“) 3 wird sie gleich zu Beginn eingeführt und ist ab dem 3. Kapitel Schauplatz des Geschehens. Und schließlich findet der Tod an diesem Ort statt, wie es der Titel der Erzählung schon vorwegnimmt. Damit steht die Stadt in enger Verbindung mit dem Tod, schon allein durch die Tatsache, dass Venedig als mythische Lagunenstadt, die ein Bild gesellschaftlicher Verfallserscheinung bietet, bezeichnet wird, wobei die Lagune mit dem Hades, der griechischen Unterwelt, verglichen werden kann. Ein weiteres Motiv ist das Wetter, das immer wieder Aschenbachs inneren Zustand reflektiert. Über die „Wetterberichte“ ahnt man, wie es in seinem Innern aussieht. Beispiele sind das drohende Gewitter kurz vor seiner Begegnung mit dem Wanderer, das auf Aschenbachs Schaffenskrise anspielt, „der falsche Hochsommer“ 4 und „eine widerliche Schwüle“ 5 , die den abscheulichen Zustand wiedergibt, in dem Aschenbach sich befindet, und die Verbindung von Erregung und Erschlaffung erklärt, der er zunehmend verfällt. E. Lämmert spricht vom „Wetterparallelismus“ 6 . Es gibt eine deutliche Parallele zwischen dem Wetter und Venedigs Örtlichkeiten, die darunter zu leiden haben, einerseits und Aschenbachs Seele andererseits. Als letztes Leitmotiv, das nur indirekt in Beziehung zum Tod steht, kann man eine wiederkehrende Gebärde Aschenbachs nennen: die zur Faust geschlossene Hand gegenüber der geöffneten Hand und den herabhängenden Armen. Wenn Aschenbach im 2. Kapitel als Künstler eingeführt wird, wird seine bisherige Lebenshaltung metaphorisch mit einer Faust verglichen, die im Gegensatz steht zu einer geöffneten, von der Lehne eines Sessels hängenden Hand. Dieses Motiv kehrt zweimal zurück: das erste Mal findet man Aschenbach, nachdem er sich entschlossen hat, doch nicht abzureisen, mit „schlaff über die Lehne des Sessels hinabhängenden Armen [...] die Handflächen vorwärtskehrend“ 7 vor. Ein weiteres Mal erscheint er „zurückgelehnt, mit hängenden Armen“ 8 und der Sehnsuchts-Formel „Ich liebe dich“ 8 auf den Lippen. Beide Male ist diese Gebärde charakteristisch für Aschenbachs neue Haltung, welche sich nach und nach dem dionysischen Lebensprinzip vollkommen unterwirft und sich nicht mehr gegen den Tod wehrt.
3 Thomas Mann, Schwere Stunde und andere Erzählungen, Der Tod in Venedig, 9. Auflage, Fischer Taschenbuchverlag GmbH, Frankfurt am Main 1991 S.187 4 Thomas Mann, Schwere Stunde, S.186 5 Thomas Mann, Schwere Stunde, S.221
6 Ehrhard Bahr, Erläuterungen und Dokumente - Thomas Mann, Der Tod in Venedig, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1991, S.10 7 Thomas Mann, Schwere Stunde, S.228 8 Thomas Mann, Schwere Stunde, S.240
4
1.2. Leitmotive mit Todessymbolik
Wie bereits erwähnt, ist das Motiv des Todes unverkennbar schon auf den ersten Seiten von Thomas Manns Erzählung präsent (ganz vom Titel abgesehen!) und durchzieht die gesamte Erzählung mit zunehmender Intensität, bis die Handlung schließlich in Agonie und Tod endet.
Bereits im Nachnamen des Protagonisten finden wir einen verborgenen Todeshinweis: Als Ausgangsmodell hat Thomas Mann den Landschaftsmaler Andreas Achenbach gewählt. Durch die geringfügige Änderung des ersten Bestandteils erhält der Name durch das Wort „Asche“ Todesassoziation. 9
Aber nicht nur, dass der Tod schon im Titel und im Namen des Protagonisten vorausgedeutet wird, man kommt in der gesamten Erzählung niemals an ihm vorbei. Er lauert an jedem Ort, versteckt sich hinter jeder Person, ist einfach omnipräsent. So ist einer der ersten Schauplätze des Geschehens bezeichnenderweise ein Friedhof, der in allen Einzelheiten beschrieben wird. Aschenbach begegnet hier Kreuzen, Gedächtnistafeln und einem zweiten, unbehausten Gräberfeld, sicher eine tragische Vorausdeutung.
Die Gondel, die den Protagonisten zum Lido übersetzt, nachdem er mit dem Schiff in Venedig angekommen ist, wird aufgrund der schwarzen Farbe und auch wohl wegen ihrer Form mit einem Sarg verglichen. Somit ist sie eine Art Todesbarke, die den Todgeweihten seinem Lebensende näher bringt und auf ihn wartet. Die schwarze Farbe wird ein weiteres Mal erwähnt an einem entscheidenden Moment der Erzählung: „ein schwarzes Tuch, darüber [über einem Photoapparat auf einem dreibeinigen Stativ, der auf den Dreifuß des Apoll anspielt] gebreitet“ 10 , das klatschend im Wind flattert. Aschenbach bemerkt es am Strand, kurz bevor er Zuschauer des Kampfes zwischen Tadzio und seinem Freund Jaschu, dem Schwarzen (!), wird. Wenig später stirbt er.
Am Abend des Gastauftrittes der Straßensänger trinkt Aschenbach Granatapfelsaft und denkt dabei an die Sanduhr in seinem Elternhaus, die schon fast abgelaufen ist. Der Granatapfel ist ein antikes Todessymbol, weil er einst Persephone, die davon gegessen hatte, in den Hades bannte. Dieses Zeichen deckt den Grund auf für die Todesverfallenheit Aschenbachs: die Geschlechtslust, die schon bei Adam und Eva existierte. Die Sanduhr steht wie kein anderes Zeichen für die schon abgelaufene und die noch abzulaufende Zeit, sprich für die Vergänglichkeit.
9 Ehrhard Bahr, Erläuterungen und Dokumente, vgl. S.6
10 Thomas Mann, Schwere Stunde, S.265
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Noémie Schlentz, 2002, Das Motiv des Todes in Thomas Manns Erzählung Der Tod in Venedig, München, GRIN Verlag GmbH
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