Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Semantisches System und Weltanschauung 4
1.1 Raumsemantik in narrativen Texten. 4
1.2 Die Grenze. 6
2. Das Sujet. 7
3. Das Problem beim Sujet 9
4. Die räumliche Vorstellung. 10
5. Raumsemantik als Prozess der Sinnstiftung. 10
6. Entgegensetzung semantischer Räume als gestaltpsychologisches Grundmuster 13
7. Die Ästhetik oppositver Raummodelle. 14
Schlussbemerkungen. 16
Literaturverzeichnis : 17
2
Einleitung
In der Literatur, sei es in narrativen Texten oder in dramatischen Texten, hat die Gegenüberstellung semantischer Räume fast immer eine „modellbildende Rolle“. Diese Entgegenstellung lässt eine klassifikatorische Grenze entstehen, die ein Sujet prinzipiell zulässt.
Der folgende Text wird sich primär mit Jurij M. Lotmans Modell der Sinnstiftung bzw. der Konstruktion einer erzählten Welt anhand von Semantisierungen oppositioneller Räume beschäftigen. In diesem Zusammenhang wird zunächst die Raumsemantik und ihre Funktion in narrativen Texten vorgestellt um später dann auf das Sujet, ebenfalls nach Lotman, zu gelangen. Anhand verschiedener Beispiele werden diese Dichotomisierungsprozesse, die aufgrund von Ausgrenzungsregeln erfolgen, genauer untersucht. Ferner wird das Problem des Sujets dargestellt sowie der Geltungsanspruch der Theorie von Lotman überprüft. Anschließend wird der Prozess der räumlichen Vorstellung bzw. die Fähigkeit des Menschen abstrakte Vorstellungen in räumliche Strukturen zu ordnen eingeleitet. Als weiteres wird zu klären sein, inwieweit die Raumsemantik ein Prozess der Sinnstiftung innerhalb literarischer Werke, wieder mit besonderen Augenmerk auf narrative Texte, bildet. Danach wird sich die Frage stellen, inwiefern eine Strukturierung der Welt über semantische Räume auf das gestaltpsychologische Prinzip der Geschlossenheit von Formen anwendbar ist. In diesem Punkt wird die Ästhetik dieser Raummodelle ebenfalls in Rechnung zu tragen sein. Abschließend wird noch die Frage zu klären sein, inwieweit Gegenüberstellungen semantischer Räume bzw. eine Strukturierung der realen Welt anhand von semantisierten Räumen ein kulturübergreifendes, narratives Grundmuster darstellt.
Hiermit stellt sich auch gleichzeitig die Frage ob die Konstruktion eines Weltbildes mit Hilfe von Dichotomien ein interkulturell auftretendes Modell der Sinnstiftung sowie der Erklärung des „Unerklärlichen“ darstellt.
3
1. Semantisches System und Weltanschauung
Es gibt zweifelsohne eine Form vorgängigen Wissens, die der Strukturierung in semantische Felder entgehen könnte: das individuelle Wissen, die für ein einziges Subjekt gültige idiosynkratische Erfahrung. Aber wenn man von „Ideologie“ in ihren verschiedenen Auffassungen spricht, dann meint man eine Weltanschauung, die von vielen Sprechern geteilt wird und im äußersten Fall sogar von einer ganzen Gesellschaft. Folglich sind auch diese Weltanschauungen nichts anderes als Aspekte des globalen semantischen Systems, schon segmentierte Realität.
Ein semantisches System als Weltanschauung ist also eine der möglichen Arten, der Welt Form zu geben. Als solche stellt es eine partielle Interpretation der Welt dar und kann theoretisch jedesmal revidiert werden, wenn neue Botschaften durch semantische Umstrukturierung des Codes neue konnotative Ketten und folglich neue Weltzuordnungen einführen. 1
1.1 Raumsemantik in narrativen Texten
Dadurch, dass räumliche Oppositionen zum Modell für semantische Oppositionen werden, findet eine Semantisierung des Raumes statt, die den fiktiven Raum prinzipiell vom realen unterscheidet. 2
Dies bedeutet, dass die räumliche Ordnung der erzählten Welt zum organisierenden Element wird, um das herum auch die nicht-räumlichen Charakteristiken aufgebaut werden. Betrachtet man also den Raum als die Gesamtheit homogener Objekte (Erscheinungen, Zustände, Funktionen, Figuren, Werte von Variablen, u. dgl.), zwischen denen Relationen bestehen, die den gewöhnlichen räumlichen Relationen (Ununterbrochenheit, Abstand, u. dgl.) gleichen 3 , ist deutlich zu erkennen, dass sich die Funktionen des Raumes in dramatischen und in narrativen Texten nicht in der Notwendigkeit eines Schauplatzes für eine Geschichte bzw. eines Aktionsraumes für die agierenden Figuren erschöpft. 4 Die zusätzliche Funktion des Raumes laut Manfred Pfister besteht nicht nur darin, dass durch ihn ein Bedingungsrahmen für die Aktion der Figuren erstellt wird und diese daher durch ihn bereits charakterisiert werden können, sondern allgemein in seiner „modellbildenden Rolle“. 5 In der Literatur bzw. in narrativen Texten hat die räumliche Gegenüberstellung fast immer eine „modellbildende Rolle“ für die erzählte Welt. Wird das Universum einer erzählten Welt
1 Umberto Eco: „Einführung in die Semiotik“, S. 168.
2 Manfred Pfister: „Das Drama“, S. 339.
3 Jurij M. Lotman: „Die Struktur literarischer Texte“, S. 312.
4 Manfred Pfister: „Das Drama“, S. 338.
5 Manfred Pfister: „Das Drama“, S. 339.
4
innerhalb der Geschichte in zwei disjunkte Teilräume gegliedert, so werden beide Segmente automatisch semantisch konnotiert.
Dieses Verfahren lässt klassische Oppositionen wie beispielsweise die semantische Gegenüberstellung von Stadt vs. Land mit ihren jeweiligen semantischen Konnotationen (die den nicht-räumlichen Charakteristiken entsprechen würden) wie etwa modern vs. konservativ, hektisch vs. ruhig, etc. entstehen.
Auch die typischen Entgegensetzungen in Märchen, die Vladimir Propp in seiner „Morphologie des Märchens“ 1927 bereits in zahlreichen Fällen miteinander verglich, entstehen nach dem Prinzip der Gegenüberstellung von semantisch konnotierten Räumen. Im Falle des Märchens haben wir z.B. die Entgegensetzung von Haus vs. Wald, ebenfalls mit ihren jeweiligen Charakteristiken wie etwas sicher vs. gefährlich, bekannt vs. unbekannt, etc. Das wichtigste topologische Merkmal des Raumes ist immer seine Grenze. Im Falle der Entgegensetzung von Haus vs. Wald wäre die Grenze dann der Rand des Waldes. Die Grenze teilt den Gesamtraum eines Werkes in zwei disjunkte Teilräume auf. Dabei ist die wichtigste Eigenschaft ihre Unüberschreitbarkeit sowie die Tatsache, dass die innere Struktur der beiden Teile unterschiedlich ist.
Räume sind also immer mehr als nur Schauplätze für Figuren. Textsoziologische Analysen etwa umfassen immer auch die Ebene der semantischen Welten oder Räume. Die Welten oder Räume bestehen aus Aktanten und deren Relation zueinander. Ein Aktant bezeichnet jeweils eine im Text herausgebildete abstrakte Rollenstruktur aus Anforderungen und Handlungsmöglichkeiten, die dann von unterschiedlichen Personen oder literarischen Figuren konkret ausgeführt werden können. 6
Vladimir Propp hat dies für die Struktur russischer Volksmärchen wie folgt beschrieben: ein Szenario mit Protagonisten bzw. Helden, Antagonisten bzw. Gegenspielern, Helfer bzw. Faktotum und typischen Problemsituationen, lässt sich als komplexere Tiefenstruktur für alle narrativen Diskurse herausarbeiten. 7
Dieses „binäre System“ (George Spencer Brown) in der Struktur narrativer Texte beschränkt sich selbstverständlich nicht nur auf die Räume, die in einem Werk vorkommen. Die Gegenüberstellung von Protagonisten vs. Antagonisten, die beide meist in unterschiedlichen Teilräumen angesiedelt sind, muss man hierbei ebenfalls in Rechnung tragen.
6 H. L. Arnold u. H. Detering: „Grundzüge der Literaturwissenschaft”, S. 86.
7 H. L. Arnold u. H. Detering: „Grundzüge der Literaturwissenschaft”, S. 87.
5
Arbeit zitieren:
M.A. Oliver Kneip, 2004, Raumsemantik, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das Verschwinden des Subjekts - Michel Foucault
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Seminararbeit, 19 Seiten
Michel Foucault und die Frage nach dem Subjekt in der Literatur
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit, 20 Seiten
The Aestheticism in Oscar Wilde’s Poems “Impression du Matin” and “Ro...
Seminararbeit, 27 Seiten
The Semantic Charging of Space in "The Castle of Otranto" (G...
Essay, 13 Seiten
The unity effect in Edgar Allan Poe's "The Fall of the House ...
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur: Raumsemantik ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur: neuer Titel erschienen: Raumsemantik
Oliver Kneip hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare