2. Kurzer historischer Überblick
Am 28. Oktober des Jahres 1492 landete Christoph Kolumbus auf der Insel Kuba (damals noch Juana). Im Zuge der spanischen Kolonialisierung und der katholischen Missionierung begann ab 1517 die Vertreibung bzw. „Ausrottung“ der vorwiegend Aruak -sprachigen Urbevölkerung der Insel durch spanische Kolonialtruppen unter Diego de Velázquez. Die Taino -Kultur entstand nach den bisherigen Kenntnissen zwischen 800 und 900 n. Chr. auf der Insel Hispaniola (heute Dom. Rep. bzw. Haiti) als eine Ausgestaltung der vorhergehenden Sub- Taino Kultur. 2
Im gleichen Zeitraum wurden afrikanische Sklaven nach Lateinamerika und in die Karibik als Arbeitskräfte verschleppt und missioniert.
1898 verliert Spanien im Frieden von Paris seine letzten kolonialen Besitzungen (Kuba, Puerto Rico und die Philippinen).
1899 bis 1902 wird die Insel Kuba militärisch durch die Vereinigten Staaten von Amerika besetzt, die ständige Marinebasen errichten. Gleichzeitig verliert die katholische Kirche mehr und mehr an Einfluss.
1902 wird Tomás Estrada Palma erster Präsident auf Kuba. In den Jahren der ersten Republik (1902 bis 1933) kommt es zu mehreren Interventionen seitens der USA und zu einigen Präsidenten Wechseln.
Von 1934 bis 1940 steht die zweite Republik mit den Präsidenten Carlos Mendieta, José Barnet, Miguel Mariano Gómez und Federico Laredo Brú unter der Kontrolle von Batista. 1952 gelingt Fulgencio Batista durch einen Staatsstreich die Machtübernahme. 1956 landet eine Gruppe von Guerilleros unter dem Kommando von Fidel Castro und Ernesto „Che“ Guevarra auf Kuba und es beginnt der Guerillakrieg im Osten Kubas bzw. die kubanische Revolution.
1959 wird Fidel Castro Regierungschef, nach dem Generalstreik und der Selbstauflösung der Armee, die den vorrückenden Guerilleros keinen Wiederstand leisten, und die Diktatur von Batista endet.
Ab 1960 beginnt die Annäherung Kubas an die Sowjetunion sowie die Verstaatlichung im Lande und das Handelsembargo der USA gegen Kuba. 3
Bis heute herrscht offiziell der Atheismus nach sozialistischen bzw. kommunistischen Vorbild, auch wenn sich das Recht auf die Religionsfreiheit in den letzten Jahren zunehmend eingebürgert hat.
2 Corinna Raddatz: „Afrika in Amerika“, S. 18.
3 Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, S. 550-553.
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3. Santería
Santería wird oft als Oberbegriff für alle afro -kubanischen Religionen verwendet, sie ist aber lediglich die verbreitetste, die sog. Regla de Ocha. 4 Wie bereits erwähnt wurde ist diese Religion oder besser dieser Kult, ein Synkretismus, d.h. eine Verschmelzung aus afrikanischen Gottheiten bzw. Kulten und der katholischen Religion. Afrikanischer Glaube und spanischer Katholizismus haben sich vermengt und weiterentwickelt zu einer neun kubanischen Volksreligion. Verehrt wird nicht ausschließlich ein Gott, sondern eine Ganze Reihe von Schutzgöttern genannt Santos (Heilige) oder Orishas. 5 Der höchste Gott im Santería Glauben ist Olorún, auch Olodumare oder Olofi genannt. Er repräsentiert den „Herren des Himmels“. Ihm folgen in der Hierarchie zahlreiche Orishas von denen der oberste Obatalá ist. Unter den Orishas stehen die Egún, die Seelen verstorbener Verwandter sind.
Santería teilt sich auf in drei Hauptrichtungen oder Wege:
1. Regla de Ocha: ursprünglich von den Yoruba aus dem heutigen Nigeria stammend und der verbreitetste Weg von allen.
2. Regla Conga, Palo Monte oder Mayombe: Ursprünglich von den Bantu aus den Regionen Kamerun, Angola und Mozambique stammend.
3. Abakuá -Sekte oder Nànigo: Eine geheime und zahlenmäßig geringe Sekte mit haitianischen Einflüssen bzw. Einflüssen aus dem Voodoo. 6
Santería (spanisch Santos, d.h. Heilige) ist auf ganz Kuba und teilweise in Miami, aufgrund der Immigration, sehr verbreitet und beliebt. Sie ist nicht zu verwechseln mit dem haitianischen Voodoo oder dem brasilianischen Candombé, obgleich alle drei afrikanischen Ursprunges sind und sie sich in manchen Praktiken sehr ähneln.
Die Santería ist folglich keine Religion der Ureinwohner der Insel und sie ist mittlerweile auch nicht mehr ausschließlich eine Religion der schwarzen Bevölkerung auf Kuba. Heutzutage sind viele Anhänger Kubaner aller Herkunft, Hautfarbe und sozialer Schicht. Verehrt werden die Orishas. Die meisten dieser Schutzgottheiten lassen sich auf die religiösen Vorstellungen der Yoruba, ein Volk im heutigen Nigeria (West Afrika), zurückführen, etliche entstanden aber auch erst auf Kuba. Ihnen werden jeweils spezifische Fähigkeiten,
4 Bert Hoffmann: „Kuba“, S. 151.
5 Bert Hoffmann: „Kuba“, S. 145.
6 William Luis: „Culture and customs of Cuba“, S. 30-31.
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Charaktereigenschaften und Vorlieben sowie Farben und Festtage zugeschrieben. Nach ihrer Verschleppung nach Kuba mussten die Sklaven, um ihre Götter unter den spanischen Herren weiterhin verehren zu können, diese unter einer christlichen Oberfläche verstecken. In der Folge wurden sie jeweils mit einer christlichen Heiligenfigur gleichsam „fusioniert“ und „verdoppelt“. 7
Innerhalb des Santería Kultes ist der Weg der Regla de Ocha der verbreitetste. Eine Sonderrolle kommt der kleineren religiösen Geheimsekte der Abakuá zu, die ausschließlich Männer zulässt. Vor allen unter den Nachfahren haitianischer Einwanderer haben sich bei ihr bestimmte Praktiken des Voodoo erhalten.
Bei der Santería hat der Prozess der Synkretisierung und Akkultration verschiedener afrikanischer Religionen, die sich in Amerika mit christlichen Glauben vermischen mussten, gezeigt, dass der anfängliche Funktionalismus dieser Verschmelzung nach einigen Generationen zu einem wahren Synkretismus bzw. zu einer spezifischen Religion der Bevölkerung Kubas wurde. 8
3.1 Orishas
Afrikanische Sklaven mussten ihre Gottheiten unter einer christlichen Oberfläche verstecken, so dass diese jeweils mit einer katholischen Heiligenfigur verschmolzen. Beinahe jeder Orisha entspricht einem katholischen Heiligen. So ist z.B. der heilige Lazarus (Schutzpatron der Kranken) im Santería Glaube der Orisha Babalú Ayé. Gleichwie im Katholizismus ist er bei Santería ebenfalls der Schutzpatron der Kranken und wird auch als ein auf Krücken laufender Mann dargestellt. Die heilige Barbara ist äquivalent zu Changó (Gott der Männlichkeit, des Krieges und der Musik). Während die hl. Barbara als christliche Figur mit einem Schwert in der Hand dargestellt wird, ist sie bei den Santeros (Anhänger von Santería) mit einer Doppelaxt in der Hand abgebildet. Die Farben beider sind rot und weiß. Weiter entspricht die hl. Jungfrau der Barmherzigkeit (Virgen de la Claridad) dem Orisha Ochún (Göttin der Liebe) usw. 9
Jedem Orisha werden jeweils spezifische Fähigkeiten, Vorlieben, etc. zugeschrieben. Sie bilden eine Art ontologische Rubrik welcher die Gläubigen anhand bestimmter Kriterien einzelne Phänomene, Vorgänge und Qualitäten unterordnen. 10
7 Bert Hoffmann: „Kuba“, S. 145.
8 Herbert S. Klein: „African slavery in America and the Carribean“,S. 181-182.
9 Bert Hoffmann: „Kuba“, S. 147.
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Verehrt wird weder der katholische Heilige noch die Yoruba Gottheit sondern stets das Zwillingskonstrukt zu dem sie verschmolzen sind.
Jeder Mensch ist einem Orisha zugeordnet. Allerdings besteht die Möglichkeit auch mit mehreren verbunden zu sein, was die Santeros als Ahijado (span. adoptiert bzw. in diesem Fall vom Orisha angenommener Sohn oder Tochter) bezeichnen.
In der Hierarchie der Orishas bildet Obatalá die Spitze. Es ist eine zweigeschlechtliche Gottheit. Das Idol, das Obatalá darstellt, ist wegen seines zweigeschlechtlichen Wesens -die Holzpuppe eines Mannes in Frauenkleidern. Auf Kuba sowie in Brasilien verehrt man ihn Freitags. 11
Weitere Orishas, die heute noch auf Kuba verehrt werden sind: Orúmbila, der mit dem hl. Franziskus verschmilzt; Ololú, der sich dem hl. Johannes dem Täufer assimiliert; Didena, die den Kult der Weissagung beschützt und mit Dadá, der Orisha der Neugeborenen, in Beziehung steht; Mama Lola mit einem Kult gleich dem von Ifá; Orisha-abá, dessen Kult vermutlich in Kuba eingeboren ist; Eschú, eine übelwollende Gottheit; Jimaguas, die Zwillinge uvm. 12
3.2 Heilung mit Hilfe der Orishas
Fast alle Heilungen werden in Zusammenarbeit mit den Orishas vollzogen. Jedem Menschen ist sein eigener Orisha zugeteilt und jeder Orisha ist gleichzeitig verschmolzen mit seinem katholischen Pendant. Damit die Orishas heilen können muss man ihnen huldigen. Dazu werden eigens kleine Schreine in den Wohnungen der Santeros errichtet auf denen sie Holzpuppen aufstellen, die den jeweiligen Orisha darstellen (Babalú Ayé ist eine Puppe mit Krücken etc.). Neben dem Schrein oder Altar befinden sich zahlreiche Schalen und kleine Teller in die der Gläubige täglich kleinere Opfergaben wie Wasser, Rum oder Essen (meist typisch kubanische Gerichte wie z.B. Bohnen mit Reis) gibt. 13 Jeder Orisha besitzt eine Wesensverwandtschaft zu bestimmten Dingen, Phänomenen, Elementen, Qualitäten und Vorgängen in der Natur und er hat zugleich auch verschiedene Wirkungsbereiche. Oyá z.B. wirk bzw. arbeitet (span. trabajar con Oyá) im Sturm, Ochún wirkt im Süßwasser etc. Um eine Krankheit heilen zu können muss man mit den
10 Stephan Palmié: „Das Exil der Götter“, S. 258.
11 Arthur Ramos: „Die Negerkulturen in der Neuen Welt“, S.74.
12 Arthur Ramos: „Die Negerkulturen in der Neuen Welt“, S. 75.
13 Bert Hoffmann: „Kuba“, S. 147.
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Arbeit zitieren:
M.A. Oliver Kneip, 2004, Santería, München, GRIN Verlag GmbH
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